Flandria (Radsportteam)

Flandria war ein vom belgischen Fahrrad- und Motorradhersteller Claeys Flandria gesponsertes Radsportteam. Es existierte von 1959 bis 1979.[1]

Das Flandria-Team bei der Tour de France 1964

GeschichteBearbeiten

1958 hatte der Radrennfahrer Leon Vandaele Paris–Roubaix und die Flandern-Rundfahrt gewonnen. Weil er aber Anordnungen seines Teams missachtet hatte und es deshalb zu Konflikten mit seinem als dominant bekannten Mannschaftskollegen Rik Van Looy gekommen war, suchte er nach einem neuen Rennstall. Im Jahr darauf traf er sich mit dem Besitzer des Unternehmens Flandria, Pol Claeys (1933–2011), in einem Café und berichtete ihm von seinen Problemen. Daraufhin beschloss der begeisterte Radsportfan Claeys, eine neue Mannschaft aufzubauen. In seiner ersten Saison gewann das Dr. Mann-Flandria Team 44 Rennen; Vandaele fuhr allein acht Siege ein, darunter bei Gent–Wevelgem.[2][3]

Das belgische Radsportidol Briek Schotte fuhr in seiner letzten Saison 1959 für Flandria. Anschließend wurde er Sportlicher Leiter und blieb in dieser Funktion, bis das Team 1979 aufgelöst wurde.[2] Wegen ihrer roten Trikots wurde die Mannschaft rode brigade genannt.[4]

Im ersten Jahr betrug das Budget der Mannschaft (nach heutiger Berechnung) 75.000 Euro und steigerte sich bis zu rund 500.000 Euro Ende der 1970er Jahre.[5] Als es mit dem Unternehmen Claeys Flandria wirtschaftlich bergab ging, wurde der Rennstall aufgelöst.

In den 20 Jahren seines Bestehens standen insgesamt rund 430 Rennfahrer bei Flandria unter Vertrag. Alle bekannten belgischen Rennfahrer (mit Ausnahme von Eddy Merckx und Frans Verbeeck) fuhren im Laufe ihrer Karriere eine Zeitlang für das Team, darunter Briek Schotte (1959), Rik Van Looy (1962), Walter Godefroot (1973–1975), Freddy Maertens (1972–1979) und Jean-Pierre Monseré (1969–1971).

Mit „Jempi“ Monseré verband Claeys eine besondere persönliche Beziehung; für Claeys war das hoffnungsvolle Talent wie ein Sohn, wie er 2007 in einem Interview sagte. Monseré wiederum stand in Rivalität zu seinem Mannschaftskameraden Roger De Vlaeminck („Sie gönnten einander nicht das Licht in den Augen“), was zu starken Spannungen im Team führte und zu einer großen Belastung für Claeys wurde.[1] Monseré starb am 15. März 1971 im Alter von 22 Jahren bei einem Unfall (er wurde während eines Radrennens in Belgien von einem Auto angefahren). Pol Claeys machte später die Streitigkeiten zwischen den beiden Fahrern für Monserés Tod mitverantwortlich, weil dieser seinen Fokus auf De Vlaemincks Rennverhalten gehabt und es dadurch an Aufmerksamkeit habe fehlen lassen.[1]

Neben der belgischen Mannschaft Flandria-Carpenter-Confortluxe beteiligte sich Claeys Flandria im Jahr 1974 an der französischen Equipe Merlin Plage-Shimano-Flandria. Die anderen französischen Mannschaften sahen hierin eine Wettbewerbsverzerrung und einen Verstoß gegen die Regeln der Union Cycliste Internationale. Nachdem die UCI keinen Grund zum Eingreifen sah, boykottierten diese Teams den Auftakt zum Rad-Weltcup Mailand–Sanremo.[6]

Erfolge (Auswahl)Bearbeiten

Insgesamt gewannen Fahrer der Mannschaft zwei „Grand Tours“, zwei Straßen-Weltmeisterschaften, 70 Klassiker, darunter fünfmal die Flandern-Rundfahrt und viermal Paris–Roubaix, z. B.:

TeamnamenBearbeiten

  • 1959: Dr. Mann-Flandria
  • 1960: Flandria
  • 1961: Wiel’s Flandria
  • 1962–1963: Flandria-Faema
  • 1964–1966: Flandria-Romeo
  • 1967–1968: Flandria-De Clerck
  • 1969: Flandria-De Clerck-Krüger
  • 1970–1971: Flandria-Mars
  • 1972: Flandria-Beaulieu
  • 1973: Flandria-Shimano-Carpenter
  • 1974–1975: Flandria-Carpenter-Confortluxe
  • 1976: Velda-Flandria
  • 1977: Velda-Latina-Flandria
  • 1978: Velda-Flandria-Lano
  • 1979: Flandria-Ca Va Seul[5]

Weitere Fahrer (Auswahl)Bearbeiten

 
Der Belgier Willy Bocklant im roten Trikot von Flandria (1967)

MannschaftBearbeiten

1975Bearbeiten

 Teamkader
NameGeburtsdatumLandVorheriges Team
Christian Ardouin18. April 1952  FrankreichMerlin Plage-Shimano-Flandria (1974)
Eddy Cael24. Oktober 1945  Belgien
Raphaël Coene5. November 1950  BelgienMerlin Plage-Shimano-Flandria (1974)
Carlos Cuyle25. Januar 1953  Belgien
Wilfried David22. April 1946  BelgienPeugeot-BP-Michelin (1972)
Ronald De Witte21. Oktober 1946  BelgienPeugeot-BP-Michelin (1972)
Régis Delépine22. Dezember 1946  FrankreichMerlin Plage-Shimano-Flandria (1974)
Marc Demeyer19. April 1950  Belgien
Robert Fontaine12. Februar 1950  Belgien
Walter Godefroot2. Juli 1943  BelgienPeugeot-BP-Michelin (1972)
Cyrille Guimard20. Januar 1947  FrankreichMerlin Plage-Shimano-Flandria (1974)
Eric Jacques31. Juli 1953  Belgien
Freddy Maertens13. Februar 1952  Belgien
Gerard Martens29. Dezember 1948  Belgien
Gérard Moneyron17. Januar 1948  Frankreich
Michel Pollentier13. Februar 1951  Belgien
Jean-Jacques Sanquer29. November 1946  FrankreichMerlin Plage-Shimano-Flandria (1974)
José Sersté (2. Mai–31. Dez., Anm.)7. Juli 1943  Belgien
Roger Vandemaele1. Februar 1953  Belgien
Arthur Van De Vijver29. Februar 1948  Belgien
Marcel Van der Slagmolen18. Dezember 1952  Belgien
Julien Van Geebergen15. Juni 1948  Belgien
Herman Van Springel14. August 1943  BelgienMIC-Ludo-de Gribaldy (1974)
Daniel Verplancke21. September 1948  Belgien
Roger Vershaeve23. Mai 1951  Belgien
Quelle: UCI

Anmerkung: José Sersté, Teamwechsel

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Flandria – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Flandria. In: flandriabikes.com. Abgerufen am 15. August 2015 (englisch).

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Pieter van der Meer: Pol Claeys en zijn liefde voor de Flandria-ploeg. In: Het is Koers! 10. Oktober 2011, abgerufen am 15. August 2015 (niederländisch).
  2. a b Briek Schotte. In: flandriabikes.com. 7. September 1919, abgerufen am 16. August 2015 (englisch).
  3. The Birth of a Team: A Chance Meeting in a Cafe. In: flandriabikes.com. Abgerufen am 15. August 2015 (englisch).
  4. Bert Heyvaert: Gouden herinneringen aan de rode brigade. In: nieuwsblad.be. 25. Februar 2007, abgerufen am 16. August 2015 (niederländisch).
  5. a b Academia Press: Vlaanderen fietst!. Academia Press, 2011, ISBN 978-90-382-1817-5, S. 128 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. Herbie Sykes: Ein sehr unsportliches Jahr, in: Procycling Juli 2015 (Deutsche Ausgabe), S. 92ff