Fedorit

Mineral, Schichtsilikat

Fedorit ist ein sehr selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Silikate und Germanate“ mit der chemischen Zusammensetzung (K,Na)2,5(Ca,Na)7Si16O38(OH,F)2·3,5H2O.[1] Die in den runden Klammern angegebenen Elemente Kalium, Natrium und Calcium sowie Fluor- und Hydroxidionen können sich in der Formel jeweils gegenseitig vertreten (Substitution, Diadochie), stehen jedoch immer im selben Mengenverhältnis zu den anderen Bestandteilen des Minerals.

Fedorit
Charoite, Aegirine, Fedorite (4) - Vostochnyi Mine, Murun-Massif, Russia.JPG
Orangegelbe Fedoritkristalle in faserig-blättrigem Charoit mit schwarzen
Aegirin-Sonnen aus der Vostochnyi-Mine, Murun-Massiv (Aldanhochland), Jakutien, Russland (Größe: 4,3 cm × 3,3 cm)
Allgemeines und Klassifikation
Chemische Formel
  • (K,Na)2,5(Ca,Na)7Si16O38(OH,F)2·3,5H2O[1]
  • (K,Na)2,4(Ca,Na)7[(OH,F)2|(Si8O19)2]·H2O[2]
Mineralklasse
(und ggf. Abteilung)
Silikate und Germanate – Schichtsilikate (Phyllosilikate)
System-Nr. nach Strunz
und nach Dana
9.EE.80 (8. Auflage: VIII/H.34)
73.01.03.01
Kristallographische Daten
Kristallsystem triklin
Kristallklasse; Symbol triklin-pinakoidal; 1
Raumgruppe C1 (Nr. 2, Stellung 3)[3]Vorlage:Raumgruppe/2.3
Gitterparameter a = 9,6300(7) Å; b = 9,6392(7) Å; c = 12,6118(9) Å
α = 102,422(1)°; β = 96,227(1)°; γ = 119,888(1)°[4]
Formeleinheiten Z = 1[4]
Physikalische Eigenschaften
Mohshärte nicht definiert[5]
Dichte (g/cm3) gemessen: 2,43 bis 2,58; berechnet: [2,43][5]
Spaltbarkeit vollkommen glimmerartig nach {001}[6]
Farbe farblos, creme- bis perlweiß, blassrot[7]
Strichfarbe weiß
Transparenz durchsichtig bis durchscheinend
Glanz Glasglanz, Seidenglanz, Perlglanz
Kristalloptik
Brechungsindizes nα = 1,522[8]
nβ = 1,530[8]
nγ = 1,531[8]
Doppelbrechung δ = 0,009[8]
Optischer Charakter zweiachsig negativ
Achsenwinkel 2V = 32° (gemessen); 38° (berechnet)[8]
Weitere Eigenschaften
Chemisches Verhalten unlöslich in Säuren, leicht schmelzbar[6]

Fedorit kristallisiert im triklinen Kristallsystem und entwickelt pseudohexagonale, glimmerartig tafelige Kristalle, die denen von Muskovit ähneln.

In reiner Form ist Fedorit farblos und durchsichtig. Durch vielfache Lichtbrechung aufgrund von Gitterbaufehlern oder polykristalliner Ausbildung kann er aber auch durchscheinend creme- bis perlweiß sein und durch Fremdbeimengungen eine blassrote Farbe annehmen.

Etymologie und GeschichteBearbeiten

 
Jewgraf Stepanowitsch Fjodorow (1853–1919)

Erstmals entdeckt wurde Fedorit im Turiy-Massiv (Mys Tury) auf der Halbinsel Kola in der Oblast Murmansk von Nordwestrussland. Die wissenschaftliche Beschreibung des Minerals nahmen 1965 Aleksandr Aleksandrovich Kukharenko, M. P. Orlova, und A. G. Bulakh vor, die es nach dem russischen Mathematiker, Kristallographen und Mineralogen Jewgraf Stepanowitsch Fjodorow benannten. Fjodorow (Fedorev) interessierte sich sehr für die mathematische Gruppentheorie und stellte wichtige Konzepte für Polytypismus und die Theorie der ebenen, kristallographischen Gruppe (englisch: „wallpaper theory“ oder „wallpaper group“) vor, die später bei der Lösung von Kristallstrukturen verwendet wurden.

Typmaterial des Minerals wird im Mineralogischen Museum der Universität Sankt Petersburg unter der Katalog-Nr. 1505/2-3, im Geologischen Museum des Wissenschaftszentrums der Russischen Akademie der Wissenschaften in Apatity auf der Halbinsel Kola unter der Katalog-Nr. 1873 sowie im Mineralogischen Museum der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau unter den Katalog-Nr. 73038-73040, 73371, 73772 und vis5121 aufbewahrt.[5]

KlassifikationBearbeiten

Bereits in der veralteten, aber teilweise noch gebräuchlichen 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Fedorit zur Mineralklasse der „Silikate und Germanate“ und dort zur Abteilung der „Schichtsilikate (Phyllosilikate)“, wo er zusammen mit Armstrongit, Gyrolith, Lalondeit, Martinit, Minehillit, Orlymanit, Reyerit, Truscottit, Tungusit und Zeophyllit die „Reyeritgruppe“ mit der System-Nr. VIII/H.34 bildete.

Die seit 2001 gültige und von der International Mineralogical Association (IMA) verwendete 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Fedorit ebenfalls in die Abteilung der „Schichtsilikate“ ein. Diese ist allerdings weiter unterteilt nach der Struktur der Schichten, so dass das Mineral entsprechend seinem Aufbau in der Unterabteilung „Einfache tetraedrische Netze aus 6-gliedrigen Ringen, verbunden über oktaedrische Netze oder Bänder“ zu finden ist, wo es nur noch zusammen mit Martinit die unbenannte Gruppe 9.EE.80 bildet.[2]

Auch die vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchliche Systematik der Minerale nach Dana ordnet den Fedorit in die Klasse der „Silikate und Germanate“, dort allerdings in die bereits feiner unterteilte Abteilung der „Schichtsilikate mit kondensierten tetraedrischen Schichten“ ein. Hier ist er als einziges Mitglied in der unbenannten Gruppe 73.01.03 innerhalb der Unterabteilung Schichtsilikate: kondensierte tetraedrische Schichten mit doppelten Lagen zu finden.

KristallstrukturBearbeiten

Fedorit kristallisiert triklin in der Raumgruppe P1 (Raumgruppen-Nr. 2)Vorlage:Raumgruppe/2. Die gemessenen Gitterparameter an Proben verschiedener Fundorte ergaben bei einer Formeleinheit pro Elementarzelle[9] folgende Werte:[4]

  • a = 9,6300(7) Å; b = 9,6392(7) Å; c = 12,6118(9) Å; α = 102,422(1)°; β = 96,227(1)° und γ = 119,888(1)° für Proben aus der Typlokalität Turiy-Massiv
  • a = 9,6450(7) Å; b = 9,6498(7) Å; c = 12,6165(9) Å; α = 102,427(1)°; β = 96,247(1)° und γ = 119,894(1)° für Proben vom kleinen Murun

Bildung und FundorteBearbeiten

An seiner Typlokalität im Turiy-Massiv auf Kola fand sich Fedorit in feinen Äderchen in fenitisiertem Sandstein. Als Begleitminerale traten Apophyllit, Narsarsukit und Quarz auf. Weitere bisher bekannte Fundorte in Russland sind das Kedrowji-(Kedrovyi)-Massiv, Podsnezhnik und das (Wostotschni-)Vostochnyi-Gebiet als Teil des Murun-Massivs im Aldanhochland in der Republik Sacha (Jakutien) sowie eine große Spalteneruption am Vulkan Tolbatschik im Fernen Osten Russlands.

Weltweit ist bisher nur ein einziger weiterer Fundort bekannt (Stand 2017) und zwar der Schellkopf bei Brenk im rheinland-pfälzischen Landkreis Ahrweiler in Deutschland.[10]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Aleksandr Aleksandrovich Kukharenko, M. P. Orlova, A. G. Bulakh, E. A. Badgasarov, O. M. Rimskaya-Korsakova, E. I. Nephedov, G. A. Ilinskii, A. S. Ergeev, N. B. Abakumova: The Caledonian Complex of Ultrabasic, Alkaline Rocks and Carbonatites of the Kola Peninsula and Northern Karelia. In: The Canadian Mineralogist. 1970, S. 479–481 (russisch: Каледонский комплекс ультраосновных щелочных пород и карбонатитов Кольского полуострова и Северной Карелии. Leningrad 1965. Übersetzt von D. A. Browne).
  • Michael Fleischer: New Mineral Names. In: The American Mineralogist. Band 52, 1967, S. 559–564 (minsocam.org [PDF; 444 kB; abgerufen am 20. November 2017]).
  • Roger H. Mitchell, Peter C. Burns: The structure of Fedorite: A re-appraisal. Band 39, Nr. 3, Juni 2001, S. 769–777, doi:10.2113/gscanmin.39.3.769 (psu.edu [PDF; 242 kB; abgerufen am 20. November 2017]).
  • Hans Jürgen Rösler: Lehrbuch der Mineralogie. 4. durchgesehene und erweiterte Auflage. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie (VEB), Leipzig 1987, ISBN 3-342-00288-3, S. 587.
  • Friedrich Klockmann: Klockmanns Lehrbuch der Mineralogie. Hrsg.: Paul Ramdohr, Hugo Strunz. 16. Auflage. Enke, Stuttgart 1978, ISBN 3-432-82986-8, S. 752 (Erstausgabe: 1891).

WeblinksBearbeiten

Commons: Fedorite – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b IMA/CNMNC List of Mineral Names; September 2017 (PDF 1,67 MB)
  2. a b Hugo Strunz, Ernest H. Nickel: Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S. 683.
  3. Die Nummerierung dieser Achsenstellung entspricht nicht der Reihenfolge der International Tables for Crystallography, da diese dort nicht aufgeführt wird.
  4. a b Roger H. Mitchell, Peter C. Burns: The structure of Fedorite: A re-appraisal. Band 39, Nr. 3, Juni 2001, S. 769–777, doi:10.2113/gscanmin.39.3.769.
  5. a b c Fedorite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (handbookofmineralogy.org [PDF; 76 kB; abgerufen am 19. November 2017]).
  6. a b Richard V. Gaines, H. Catherine W. Skinner, Eugene E. Foord, Brian Mason, Abraham Rosenzweig: Dana’s New Mineralogy. 8. Auflage. John Wiley & Sons, New York (u. a.) 1997, ISBN 0-471-19310-0, S. 1547.
  7. Stefan Weiß: Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A–Z und ihre Eigenschaften. 6. vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2014, ISBN 978-3-921656-80-8.
  8. a b c d e Mindat – Fedorite (englisch)
  9. Mineralienatlas: Fedorit
  10. Fundortliste für Fedorit beim Mineralienatlas und bei Mindat