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Fangschrecken

Ordnung der Klasse Insekten (Insecta)
Fangschrecken
Pärchen der Europäischen Gottesanbeterin (Mantis religiosa)

Pärchen der Europäischen Gottesanbeterin (Mantis religiosa)

Systematik
Unterstamm: Tracheentiere (Tracheata)
Überklasse: Sechsfüßer (Hexapoda)
Klasse: Insekten (Insecta)
Unterklasse: Fluginsekten (Pterygota)
Überordnung: Dictyoptera
Ordnung: Fangschrecken
Wissenschaftlicher Name
Mantodea
Burmeister, 1838

Die Fangschrecken oder Gottesanbeterinnen (Mantodea) sind eine Ordnung der Insekten und gehören zu den Fluginsekten (Pterygota). Häufig werden sie auch als Mantiden bezeichnet.[1]

Inhaltsverzeichnis

BeschreibungBearbeiten

Gottesanbeterinnen verfügen über eine – insbesondere in Verbindung mit ihrer oft langanhaltenden Reglosigkeit – sehr gute Tarnung. Die Körperlänge der meisten Arten beträgt zwischen 40 und 80 mm. Die kleinsten Gottesanbeterinnen sind die ursprünglichen Vertreter der Gattung Mantoida aus Südamerika, deren kleinste Art Mantoida tenuis nur etwa 12 mm misst. Die größten Arten finden sich in den Gattungen Toxodera und Ischnomantis mit fast 160 mm.

Das für Insekten ungewöhnliche Erscheinungsbild verdanken die Fangschrecken neben der Umwandlung des ersten Beinpaares zu Fangbeinen vor allem einer Verlängerung des ersten Brustsegmentes (Prothorax), welches den Aktionsradius der Fangbeine stark erweitert. Der dreieckige Kopf der Tiere ist über den Hals (Cervix) mit dem Prothorax verbunden. Anders als bei fast allen anderen Insekten lässt sich der Kopf der Gottesanbeterinnen über einen großen Winkel drehen. Diese Umgestaltung des Thorax mit der Drehbarkeit des Kopfes findet sich ansonsten nur bei den Kamelhalsfliegen und bei den zu den Netzflüglern gehörenden Fanghaften.

 
Ghana-Gottesanbeterin (Sphodromantis lineola) ♀

Die Fangbeine der Fangschrecken werden aus der Tibia (Unterschenkel) und dem Femur (Oberschenkel) gebildet. Die Tibia trägt viele Dornen und eine große Endklaue. Sie kann gegen das dornenbewehrte Femur wie ein Taschenmesser eingeklappt werden. Die Hüftglieder (Coxa) sind ebenfalls verlängert und frei beweglich. Mit diesen Fangbeinen kann die Fangschrecke innerhalb von 0,1 Sekunden zuschlagen, um ein Opfer zu fangen. Viele Arten können mit diesem präzisen Fangapparat sogar Fliegen aus der Luft fangen. In Lauerstellung werden die Fangbeine erhoben und an den Körper angelegt gehalten, daher bekamen die Tiere auch den Namen Gottesanbeterinnen.

Die großen Facettenaugen der Tiere liegen weit auseinander und ermöglichen so ein stereoskopisches Sehen. Da sie zum Orten und Verfolgen der Beute sowie zur genauen Ortung der Geschlechtspartner verwendet werden, stellen sie das wichtigste Sinnesorgan der Tiere dar. Ein weiteres Sinnesorgan bildet das unpaare Gehörorgan zwischen den Hinterhüften mancher Arten. Mit diesem können Töne im Bereich von 25 bis 130 kHz gehört werden. Es dient vermutlich dazu, während des Fluges die Peillaute sich nähernder Fledermäuse wahrzunehmen. Die sog. Gehörspalte liegt zwischen dem 2. und 3. Beinpaar und ist nur 0,2 mm breit. Weibchen haben ein geringeres Hörvermögen als Männchen. Manche Arten haben auch zwei Hörorgane, die untereinander angeordnet sind und unterschiedliche Frequenzen wahrnehmen können. Andere Arten wiederum verfügen über gar kein Hörorgan.[2]

VerhaltenBearbeiten

 
Popa spurca crassa ♀ – subadult

Die meisten Fangschrecken, wie z. B. die Geistermantis (Phyllocrania paradoxa) oder die Europäische Gottesanbeterin (Mantis religiosa) sind tagaktive Lauerjäger, das heißt, sie verharren stundenlang unbeweglich, bis sich ihnen ein Opfer nähert, welches sie dann mit ihren Fangbeinen packen. Dabei zeigen viele Arten Anpassungen an ihre Umgebung, die es ihrer Beute erschweren, sie in ihrer Lauerstellung zu erkennen. Nicht nur in den Farben, die innerhalb der Arten sehr variabel sein können, sondern auch durch die Körperform und durch blattartig verbreiterte Cuticuladuplikaturen (Loben) ahmen sie in ihrer äußeren Form Teile von Pflanzen nach (Mimese). Die Geistermantis sieht vertrockneten Blättern sehr ähnlich, andere Arten ahmen Holzstückchen und Zweige nach. Es wird diskutiert, ob Fangschrecken wie die Teufelsblume (Idolomantis diabolicus) sowie Pseudocreobotra wahlbergii oder Creobroter pictipennis, die Blumen und Blüten ähneln, durch ihre Form und Farbe Insekten anlocken können. Dies wäre eine Form der Peckham’schen Mimikry.

Andere Arten, z. B. die Kleine Astmantis (Popa spurca) oder Arten der Gattungen Eremiaphila und Heteronutarsus, die in den Wüsten und Halbwüsten des nördlichen Afrika bis nach Indien vorkommen, laufen sehr schnell und viel herum, um ihre Beute zu verfolgen. Die meisten Arten ernähren sich von Insekten und Spinnen. Es gibt jedoch auch einige größere Vertreter, die daneben auch Skorpione und sogar kleine Wirbeltiere, wie junge Schlangen, Eidechsen, Kolibris und kleine Säugetiere erbeuten können.[2][3] Im Juli 2017 wurde publiziert, dass sich Gottesanbeterinnen in 13 Ländern auf allen Kontinenten auch von kleineren Vögeln ernähren. Bei den erbeuteten Vögeln handelt es sich um 24 Arten aus 14 Vogelfamilien. Diese Erkenntnisse legen nahe, dass Gottesanbeterinnen gewisse Vogelarten bedrohen können, wenn sie verstärkt zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden.[4]

Die Fangschrecken haben ein ausgedehntes Balzverhalten, das vor allem dazu dient, dass sich das Männchen dem meist größeren Weibchen gefahrlos nähern kann. Trotzdem kann es vorkommen, dass das Männchen vor oder während der Begattung vom Weibchen teilweise oder vollständig verspeist wird (Kannibalismus), wobei dies der Kopulation keinen Abbruch tut. Die Eier werden in großen Eipaketen (Ootheken) abgelegt. Einige Arten vermehren sich durch Parthenogenese.

Feinde und VerteidigungBearbeiten

Wie viele kleinere und räuberisch lebende Tiere sind auch Fangschrecken in eine vielfältige Räuber-Beute-Beziehung eingebunden, die sie sowohl zu Prädatoren als auch zum Nahrungsspektrum anderer Tiere werden lässt. Als Fressfeinde der Fangschrecken spielen besonders Wirbeltiere, darunter verschiedene Reptilien, Amphibien, Vögel[5] und einige Säugetiere (hier besonders Fledermäuse)[6] eine große Rolle. Fangschrecken zählen jedoch auch zum Beutespektrum anderer räuberisch lebender Gliederfüßer, etwa größeren carnivoren Insekten, Spinnentieren oder Hundertfüßern. Andere bedeutende Feinde sind einige Hautflügler, darunter besonders Ameisen und größere Wespen wie die Asiatischen Riesenhornisse.[5] Gleichermaßen kann die Hornisse größeren Fangschrecken zu Opfer fallen.[7] Ebenso können kleinere Fangschrecken, darunter auch Jungtiere, von größeren Fangschrecken (auch welchen der gleichen Art) aufgrund deren kannibalistischem Verhalten erbeutet werden. Fangschrecken dienen auch als Wirte verschiedener Parasiten. Ein prominentes Beispiel darunter sind die Saitenwürmer, deren Jungformen räuberisch lebende Gliederfüßer, mitunter auch Fangschrecken befallen und diese mittels Wasserentzug und übernommener Kontrolle dazu veranlassen, Gewässer aufzusuchen und sich in diesen ertrinken zu lassen. Die Würmer verlassen anschließend die Fangschrecken und setzen ihre Lebensweise fort.[8]

Fangschrecken haben im Laufe der Evolution verschiedene Abwehrmechanismen entwickelt, besonders bekannt sind darunter die angepasste Tarnung und Drohhaltungen vieler Arten. Die meisten Fangschrecken nutzen ihr an ihr Habitat angepasstes Aussehen in Addition ihres regungslosen Verhaltens nicht nur, um vor Beutetieren, sondern auch, um vor Fressfeinden verborgen zu bleiben. Diverse Fangschrecken verfügen auf der Innenseite der Fangarme und der Unterseite des zweiten Flügelpaares außerdem über falsche Augenflecken und/oder Warnfarben. Diese werden einem potentiellen Angreifer entgegengehalten, sollte sich eine Fangschrecke durch einen solchen bedroht fühlen. In größter Not ergreifen Fangschrecken die Flucht oder setzen sich mithilfe ihrer bedornten Fangarme und den Mandibeln zur Wehr.[9] Die oftmals flugfähigen Männchen können wie bereits erwähnt darüber hinaus mit ihrem Hörorgan auch die Echo-Laute von Fledermäusen wahrnehmen und diese somit rechtzeitig meiden. Dabei lässt sich die Fangschrecke meist abrupt zu Boden fallen.[6]

VerbreitungBearbeiten

 
Präparat einer Asiatischen Blütenmantis mit großen Augenflecken auf den Tegmina (Ventralansicht)

Von den mehr als 2400 bekannten Arten[10] leben in Europa 36 Arten,[11] nur eine Art lebt in Mitteleuropa, die Europäische Gottesanbeterin, alle anderen findet man in den Tropen und Subtropen. Im europäischen Mittelmeerraum kommen neben Mantis religiosa noch Iris oratoria, Geomantis larvoides, Apteromantis aptera, Perlamantis alliberti, Bolivaria brachyptera, sowie mehrere Arten der Gattungen Ameles (z. B. Ameles spallanzania), Rivetina, Pseudoyersinia und Empusa (z. B. Empusa pennata oder Empusa fasicata) vor. Im südöstlichen Teil der Ukraine findet sich zudem noch Iris polystictica.

Fossil sind Vertreter der Fangschrecken in verschiedenen Bernsteinvorkommen, insbesondere im Baltischen Bernstein (Eozän) nachgewiesen. Die älteste Bernsteininkluse mit einer Fangschrecke aus der Familie der Chaeteessidae stammt aus dem sogenannten New Jersey Bernstein (USA) (Obere Kreide, Turonium).[12]

SystematikBearbeiten

 
Empusa pennata, Nymphe (Unterfamilie Empusinae)
 
Geistermantis (Phyllocrania paradoxa), braun und schwarz (Unterfamilie Epaphroditinae)
 
Hymenopus coronatus (Unterfamilie Hymenopodinae)
 
Kleine Fangschrecke (Ameles spallanziana) (Unterfamilie Amelinae)
 
Deroplatys lobata (Unterfamilie Deroplatyinae)
 
Iris oratoria (Unterfamilie Mantinae)
 
Ägyptische Gottesanbeterin (Miomantis paykullii) (Unterfamilie Miomantinae)
 
Europäische Gottesanbeterin (Mantis religiosa) im Aristotelespark in Stagira

Äußere SystematikBearbeiten

Fangschrecken sind sehr eng mit den Schaben (Blattodea) und den Termiten (Isoptera) verwandt. Manche Systematiker fassen Fangschrecken, Schaben, Termiten und Bodenläuse (Zoraptera) in dem gemeinsamen Taxon Oothecariformia zusammen (Siehe dazu auch Systematik der Gladiatoren). Andere stellen Schaben und Fangschrecken zusammen in die Ordnung Dictyoptera (auch Oothecaria).[2]

Innere SystematikBearbeiten

Die Fangschrecken werden in verschiedene Familien eingeordnet. Unterordnungen werden bisher nicht verwendet. Die folgende bis auf die Ebene der Unterfamilien dargestellte Systematik folgt der Taxonomischen Datenbank der Fangschrecken und wurde um einige bekanntere Arten ergänzt:[1][10]

Kulturelle BedeutungBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Claudia Heßler, Ingrid & Rudolf Bischoff: Mantiden – Faszinierende Lauerjäger, Edition Chimaira, Frankfurt am Main 2008, ISBN 3-930612-45-3
  2. a b c K. Günther, H.-J. Hannemann, F. Hieke, E. Königsmann & H. Schuman: Urania Tierreich – Insekten. Urania-Verlag, Leipzig, Jena, Berlin 1994, ISBN 3-332-00498-0
  3. 3sat.de „Das Alien-Insekt – Die Gottesanbeterin“ (Memento des Originals vom 16. September 2008 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.3sat.de, Zusammenfassung eines Programmbeitrags vom 21. Dezember 2006.
  4. Gottesanbeterinnen machen weltweit Jagd auf Vögel. 4. Juli 2017, abgerufen am 4. Juli 2017. Universität Basel, basierend auf: Martin Nyffeler, Michael R. Maxwell, J. V. Remsen, Jr.: Bird predation by praying mantises: a global perspective The Wilson Journal of Ornithology (2017) 129(2): S. 331–344. doi:10.1676/16-100.1
  5. a b Bericht über Fangschrecken auf frontline.thehindu.com (Link)
  6. a b Bericht über die Ultraschallwahrnehmung männlicher Fangschrecken auf National Geographic (Link)
  7. Beschreibung der Großen-Chinesen-Mantis auf BioOne COMPLETE (Link)
  8. Bericht über den Befall von Saitenwürmern bei Fangschrecken auf der Website von Parasite of the Day (Link)
  9. "Ethology of Defenses against Predators" von Edmunds, Malcolm; Brunner, Dani (1999) S. 282–293. ISBN 978-0-8018-6174-1.
  10. a b Otte, Daniel, Lauren Spearman and Martin B.D. Stiewe: Mantodea Species File Online. Version 1.0/4.0 (abgerufen am 3. Mai 2011)
  11. Mantodea in der Fauna Europaea, Stand 19. März 2015.
  12. Reinhard Ehrmann: Gottesanbeterinnen in Kopal und Bernstein (Insecta:Mantodea), ARTHROPODA 7 (3): 2-8, 2 Tab., Wernigerode 1999, ISSN 0943-7274