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Familienzusammenführung

Zuzug von Familienangehörigen zu einer Person, die sich bereits im Zielland aufhält
(Weitergeleitet von Familiennachzug)

Die Familienzusammenführung oder der Familiennachzug ist ein Zuzug von Familienangehörigen zu einer Person, die sich bereits im Zielland aufhält oder gemeinsam mit den Familienangehörigen zuziehen will, zum Zwecke der Herstellung oder Aufrechterhaltung der Familieneinheit. Die Familienzusammenführung ist in der Regel gleichzeitig oder nachträglich möglich, auch nach Geburt eines ausländischen Kindes im Inland. Man unterscheidet in der Regel zwischen Ehegattennachzug, Kindernachzug, Elternnachzug und dem Nachzug sonstiger Familienangehöriger.

Der Familiennachzug wird in den einzelnen Ländern unterschiedlich gewährt und die rechtlichen Bestimmungen differieren erheblich.

Inhaltsverzeichnis

UN KinderrechtskonventionBearbeiten

Artikel 10, Absatz 1 zur Familienzusammenführung in der Kinderrechtskonvention der UN vom 20. November 1989 lautet:

Entsprechend der Verpflichtung der Vertragsstaaten nach Artikel 9 Absatz 1 werden von einem Kind oder seinen Eltern zwecks Familienzusammenführung gestellte Anträge auf Einreise in einen Vertragsstaat oder Ausreise aus einem Vertragsstaat von den Vertragsstaaten wohlwollend, human und beschleunigt bearbeitet. Die Vertragsstaaten stellen ferner sicher, dass die Stellung eines solchen Antrags keine nachteiligen Folgen für die Antragsteller und deren Familienangehörige hat.[1]

Diese Regelung soll einerseits dem Kindeswohl dienen, indem Anträge "aufgeschlossen, human und beschleunigt" zu bearbeiten sind, und andererseits den Vertragsstaaten den Spielraum ermöglichen, den Zuzug von Ausländern selbst regeln zu können.[2]

Europäische MenschenrechtskonventionBearbeiten

Artikel 8 Absatz 1 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) vom November 1950 schützt das Familienleben und ist bei der Familienzusammenführung zu berücksichtigen:

Jede Person hat das Recht auf Achtung ihres Privat- und Familienlebens, ihrer Wohnung und ihrer Korrespondenz.[3]

Der österreichische Verfassungsgerichtshof entschied im Jahr 2003, dass eine unbedingte Geltung der Quotenpflicht nicht mit Artikel 8 EMRK vereinbar sei.[4] Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte befand am 8. November 2016, dass das Schweizer Bundesgericht aufgrund unzureichender Gewichtung des individuellen Kinderwohles den Artikel 8 EMRK und die UN-Kinderrechtskonvention nicht ausreichend berücksichtigt habe.[5]

Europäische UnionBearbeiten

Die Familienzusammenführung durch Drittstaatsangehörige, die sich rechtmäßig im Gebiet der Mitgliedstaaten aufhalten, ist durch die Richtlinie 2003/86/EG (Familienzusammenführungsrichtlinie) vom 22. September 2003 geregelt.

Die Richtlinie 2011/95/EU (Qualifikationsrichtlinie) gewährt Flüchtlingen und subsidiär Schutzberechtigten gleiche Rechte bei der Familienzusammenführung.[6]

Die Zustimmung zur Familienzusammenführung von Drittstaatsangehörigen erfolgt weiterhin nach nationalem Recht, sodass in einigen EU-Staaten die Situation der Inländerdiskriminierung entstanden ist, weil die Voraussetzungen für den Nachzug zu eigenen Staatsangehörigen noch nicht an die günstigeren Bedingungen für EU-Bürger angepasst worden sind. So werden beispielsweise in Deutschland für den Ehegattennachzug zu einem Deutschen u.a. Sprachkenntnisse des Ehepartners gefordert, die vom Ehepartner eines EU-Bürgers nicht gefordert werden.[7]

DeutschlandBearbeiten

Im Jahr 1987 traf das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) ein grundlegendes Urteil zur Familienzusammenführung im Hinblick auf den in Artikel 6 des Grundgesetzes verankerten Schutz von Ehe und Familie. Laut diesem Urteil begründet diese Grundsatznorm keinen grundrechtlichen Anspruch auf Ehegattennachzug ins Bundesgebiet. Der Gesetzgeber muss sie entsprechend dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit berücksichtigen, er hat jedoch grundsätzlich weiten Gestaltungsspielraum bei der Wahrnehmung seiner Schutz- und Förderpflichten.[8]

In der Bundesrepublik Deutschland wird die Familienzusammenführung durch das Aufenthaltsgesetz (AufenthG) im Abschnitt 6 Aufenthalt aus familiären Gründen (§§ 27 bis 36) geregelt. Die Zustimmung zum Familiennachzug wird von Ausländerbehörde in Abstimmung mit den Deutschen Auslandsvertretungen erteilt. Im August 2007 trat die Novellierung des Gesetzes in Kraft. Die Zustimmung erfolgt in einem Visaverfahren und ist seit 2007 gebunden an Nationalität, Sprachkenntnisse, Sicherung des Lebensunterhaltes und in manchen Fällen Wohnungsgröße.[9][10] Seit 2007 ist auch der Familiennachzug zu einem deutschen Staatsangehörigen unter bestimmten Umständen an das Einkommen gebunden.[11] In der Gesetzesbegründung heißt es, das sei dann der Fall, wenn eine Familienzusammenführung im Ausland zumutbar ist, was für Eingebürgerte oder Doppelstaatler eher der Fall sein soll als für Deutsche ohne anderen kulturellen Hintergrund. [12]

Eine Verschärfung des Ehegattennachzugsalters wurde 2007 parlamentarisch beraten[13] und eine Anhebung auf 21 Jahre war gesetzlich geplant. Beschlossen wurde nach weiteren Beratungen ein Ehegattennachzugsalter von 18 Jahren.[14] Ebenso wurde beschlossen, dass einfache Deutschkenntnisse gemäß der Stufe A1 des europäischen Sprachenzertifikats nachgewiesen werden müssen.[15][16][17] Durch diesen Sprachtest sollten die Integration erleichtert und Zwangsehen verhindert werden.[18] Am 10. Juli 2014 urteilte der Europäische Gerichtshof, dass diese Regelung gegen die Stillhalteklausel des Assoziierungsabkommens EWG – Türkei (Art. 41 Abs. 1 des Zusatzprotokolls) verstößt und mit der Richtlinie zur Familienzusammenführung (Richtlinie 2003/86/EG) unvereinbar ist.[19] Nach diesem Urteil wurde im Bundesinnenministerium erwogen, die Regelung zugunsten eng definierter Härtefälle auszuweiten.[18]

Seit dem 6. September 2013 ist nach § 27 Abs. 5 AufenthG jeder Inhaber einer Aufenthaltserlaubnis, die ihm im Rahmen des Familiennachzugs gewährt wurde, zur Ausübung einer Erwerbstätigkeit berechtigt. Zuvor war diese Arbeitsberechtigung nach dem früheren § 29 Abs. 5 (Familiennachzug zu Ausländern) davon abhängig gewesen, ob der Ausländer, zu dem der Familiennachzug stattfand, zur Ausübung einer Erwerbstätigkeit berechtigt war.[20]

Zum 1. August 2015 trat eine Änderung des Aufenthaltsgesetzes in Kraft, die den Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte erleichterte.[21] Nach einem Beschluss der Spitzen der Regierungsparteien vom Januar 2016 wurde allerdings bei subsidiär Schutzberechtigten eine Familienzusammenführung zwei Jahre lang ausgesetzt, mit bestimmten Ausnahmen für Flüchtlingsangehörige in Flüchtlingscamps (siehe hierzu: Asylpaket II).

Die deutschen Behörden stellten für Familiennachzüge die folgende Anzahl an Visa aus:[22]

 

Der Umfang des Familiennachzugs zu unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen nach § 36 Abs. 1 Aufenthaltsgesetz wurde im Juni 2015 als gering eingeschätzt. In Deutschland hatten zu dem Zeitpunkt nur 504 Personen eine Aufenthaltserlaubnis aufgrund einer solchen Familienzusammenführung;[23] zum 30. November 2015 war die Zahl auf 716 gestiegen.[24] Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Deutschland verzwanzigfachte sich allerdings im Zuge der Flüchtlingskrise bis zum Jahresende 2015[25] und lag Ende Januar 2016 bei 60.162. Im Jahr 2015 zogen insgesamt 442 Eltern zu ihren minderjährigen Kindern nach.[24] 2016 lebten rund 65.000 unbegleitete minderjährige Ausländer in Deutschland, und 3.200 Visa wurden für den Nachzug ihrer Eltern vergeben.[26] Ende 2015 kritisierte der 'Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge' die im Asylpaket II vorgesehene Aussetzung der Familienzusammenführung für subsidiär Schutzberechtigte als eine Missachtung elementarer Bedürfnisse der Minderjährigen.[23]

Nach Angaben vom September 2017 wird der Familiennachzug zu Schutzberechtigten (Flüchtlingen und Asylbewerbern) und zu abgelehnten Asylbewerbern, die inzwischen einen dauerhaften Aufenthaltstitel erlangt haben, von keiner deutschen Behörde separat erfasst, so dass keine genauen Angaben gemacht werden können.[27]

ÖsterreichBearbeiten

Die Familienzusammenführung ist im Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz (NAG) von 2005 und im Asylgesetz 2005 geregelt. Die politische Unterscheidung zwischen „erwünschter Migration“ und „unerwünschter Migration“ wurde immer bedeutender, wobei Familienmigration mit der (unerwünschten) Einwanderung von gering qualifizierten Personen assoziiert und daher als problematisch in Hinblick auf die Integration eingestuft wurde. Das NAG regelt Einreise und Aufenthalt von Familienangehörigen von Drittstaatsangehörigen, EU-StaatsbürgerInnen und österreichischen Staatsangehörigen. Für Flüchtlinge und Personen, die subsidiären Schutz genießen, gilt das Asylgesetz. Die österreichische Familienmigrationspolitik weist sowohl liberalisierende (frühere Arbeitsaufnahme, Reduzierung der Abhängigkeit vom Zusammenführenden) wie auch restriktive (Erhöhung des Mindestalters bei Ehen, Nachweis von Sprachkenntnissen) Tendenzen auf.[28] Trotz expliziter Kritik der Europäischen Kommission besteht Österreich auf der Beibehaltung einer Quote für zuziehende Familienangehörige von Asylbewerbern und Drittstaatsangehörigen, die nicht hochqualifizierte Schlüsselkräfte sind.[29] Die in Österreich geltenden Voraussetzungen für Familienzusammenführung und Einbürgerung gehören laut MIPEX-Bericht von 2015 zu den restriktivsten in Europa.[30]

SchweizBearbeiten

In der Schweiz wird der Familiennachzug seit dem 1. Januar 2008 durch das schweizerische Ausländergesetz gewährt.

EU-/EFTA-Staatsangehörige, die ein Aufenthaltsrecht für die Schweiz erworben haben, können aufgrund des Freizügigkeitsabkommens zwischen der Schweiz und der EU ihre Familienangehörigen nachziehen lassen.[31]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Chiara Bernari: Family Reunification in the EU, Bloomsbury 2017, ISSN 2513-9096
  • Andreas Müller: Missbrauch des Rechts auf Familiennachzug. Europäisches Migrationsnetzwerk 2012, Working Paper 43
  • Anne Walter: Reverse Discrimination and Family Reunification, Wolf Legal Publishers 2008

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Konvention über die Rechte des Kindes, UNICEF, abgerufen 29. Oktober 2017
  2. Familienzusammenführung. UN-Kinderrechtskonvention, abgerufen 29. Oktober 2017
  3. Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens, dejure.org, abgerufen 29. Oktober 2017
  4. Unbedingte Geltung der Quotenpflicht für Familiennachzug verstößt gegen Art. 8 EMRK. VfGH G 119, 120/03-13
  5. EGMR-Urteil: Schweiz hat Kindeswohl ungenügend abgeklärt. Schutzfaktor M, abgerufen 29. Oktober 2017
  6. Art. 20 Abs. 2: „Sofern nichts anderes bestimmt wird, gilt dieses Kapitel sowohl für Flüchtlinge als auch für Personen mit Anspruch auf subsidiären Schutz“ i. V. m. Art. 23 Abs. 1: „Die Mitgliedstaaten tragen dafür Sorge, dass der Familienverband aufrechterhalten werden kann“, Richtlinie 2011/95/EU (PDF).
  7. Abdul-Karim Alakus: Migazin, Inländerdiskriminierung Sprachnachweis bei Ehegattennachzug aus dem Ausland, 8. April 2011
  8. Deutscher Bundestag, Familiennachzug zu Flüchtlingen und international subsidiär Schutzberechtigten Rechtsgrundlagen und Gestaltungsmöglichkeiten des Gesetzgebers aus nationaler Sicht, Ausarbeitung WD 3 - 3000 - 239/16, Wissenschaftliche Dienste, Deutscher Bundestag, 2016. Abschnitt 3.2.1. Verfassungsrechtliche Vorgaben aus Art. 6 Abs. 1, 2 S. 1 GG. S. 5.
  9. Stellungnahme Verschärfung im Ehegattennachzug (PDF; 1,5 MB) Verband Binationaler
  10. Sicherstellung des Lebensunterhaltes info4alien.de
  11. In der Diskussion: Beschränkung des Familiennachzugs in Europa. In: www.migration-info.de. 17. Oktober 2012, abgerufen am 17. März 2017.
  12. Verhaltenes Willkommen, Deutschlandradio am 24. April 2007
  13. bundestag.de: Rede von Bundesinnenminister Schäuble (94. Sitzung, 26. April 2007)
  14. Blogbeitrag zum Mindestalter
  15. Merkblatt zum Nachweis einfacher Deutschkenntnisse beim Ehegattennachzug, Diplomatische Vertretung in Ankara
  16. Goethe-Institut: Informationen zum Nachweis einfacher Deutschkenntnisse beim Ehegattennachzug
  17. Der Deutschtest für Zuwanderer bei TELC
  18. a b Ehepartner-Nachzug: Ministerium hält an Sprachtests für Türken fest. Zeit online, 13. Juli 2014, abgerufen am 14. Juli 2014.
  19. Urteil vom 10. Juli 2014, EuGH
  20. Änderung § 29 AufenthG vom 6. September 2013 buzer.de. Im gelben Feld: der gestrichene (seither nicht mehr gültige) Absatz 5.
  21. NEU: Erleichterter Familiennachzug bei subsidiär Schutzberechtigten. Flüchtlingsrat Bayern, abgerufen am 2. Mai 2016.
  22. 1998-2015: Migrationsbericht 2015 Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, S. 109, 2016: Familiennachzug nimmt stark zu. Zeit, 19. Januar 2017, abgerufen 26. Oktober 2017
  23. a b Fakten zum Elternnachzug bei UMF. Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, 24. November 2015, abgerufen am 12. März 2017.
  24. a b Deutscher Bundestag Drucksache 18/7200
  25. John: "Minderjährige Flüchtlinge werden trotzdem kommen" Tagesspiegel vom 16. Februar 2016
  26. Familiennachzug hat stark zugenommen. In: tagesschau.de. ARD, 19. Januar 2017, abgerufen am 12. März 2017.
  27. Marcel Leubecher: "Langfristig kommt etwa ein Angehöriger pro Flüchtling" Welt/N24 vom 17. September 2017
  28. Alexandra König und Albert Kraler: Family Familienzusammenführung: Hindernis oder Förderung der Integration?. Zusammenfassung ICMPD-Bericht für Österreich, 2013
  29. S. Strasser und J. Tosic: Egalität, Autonomie und Integration: Post-Multikulturalismus in Österreich. In: Kultur, Gesellschaft, Migration.: Die reflexive Wende in der Migrationsforschung, Hrsg.: Nieswand und Drotbohm, Springer VS 2014, ISBN 978-3-658-03625-6, S. 145
  30. MIPEX: Reformen bei Einbürgerung und Partizipation notwendig. Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen, abgerufen 30. Oktober 2017
  31. Familiennachzug. Eidgenössisches Justiz- und Polizeidepartement, August 2017

WeblinksBearbeiten

  Wiktionary: Familienzusammenführung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Deutschland

Österreich

Schweiz

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