Fahrradverkehr in München

Überblick über das Münchner Fahrradwegenetz

Der Fahrradverkehr in München hat einen überdurchschnittlichen und stark steigenden Anteil am Gesamtverkehr: Von allen Wegen entfielen im so genannten Modal Split 2002 10 % auf das Fahrrad, 2008 bereits 14 % und 2011 17,4 %.[1] Für 2020 wird ein Anteil von 20 % angestrebt.[2] Dies wird dadurch ermöglicht, dass das Fahrrad als Verkehrsmittel von der Stadt München in besonderem Maß gefördert wird. München ist mit aktuell (2017) 60 ausgewiesenen Fahrradstraßen die Nummer eins in Deutschland.[3]

Mit der Annahme des Radentscheid München durch den Stadtrat am 24. Juli 2019 ist eine ambitionierte Zielsetzung für die weitere Förderung des Radverkehrs gegeben, gegenüber dem vorherigen Grundsatzbeschluss zum Radverkehr von 2009 bzw. dessen Fortschreibung im Jahr 2017.

Wegen der Lage Münchens in der Münchner Schotterebene gibt es außer der Isar-Hangkante am Ostufer der Isar kaum nennenswerte Steigungen.

FörderungBearbeiten

 
Mietradstation der MVG in München
 
oBike
 
Beschilderung der Münchner Fahrradwege

Bereits seit 1986 erstellt die Stadtverwaltung Verkehrsentwicklungspläne – Radverkehr, eine besondere Form eines Verkehrsentwicklungsplans, der gezielt die Bedürfnisse von Radfahrern berücksichtigt und die Fahrradkultur verbessern will. Anfangs wurden vorwiegend Fahrradwege gefördert, in der aktuellen Fassung seit 2002 hat sich der Schwerpunkt auf integrierte Lösungen verschoben, so dass Verkehrsführungen an besonders kritischen Punkten, aber auch Abstellmöglichkeiten und die Umsteigebeziehungen zum Öffentlichen Personennahverkehr, insbesondere der U-Bahn München verbessert werden.[4]

Seit 2010 erhebt die Stadt München unter dem Motto Radlhauptstadt den Anspruch, eine Fahrradstadt zu werden und stellt ihre Öffentlichkeitskampagnen zum Thema unter dieses Schlagwort. Politische und finanzielle Grundlage dafür war der Grundsatzbeschluss Radverkehr von 2009, der unter anderem Folgerungen aus der VeloCity-Konferenz 2007 zog, die in München durchgeführt wurde. 2017 wurde der Grundsatzbeschluss fortgeschrieben.

HauptfahrradroutenBearbeiten

Vierzehn sternförmig angelegte Hauptfahrradrouten führen von den Außenbezirken in die Münchner Innenstadt. Sie werden radial durch drei Ringe zu einem Radverkehrsnetz verbunden. Der innerste Ring führt um die historische Münchener Altstadt, der zweite liegt etwa auf Höhe des Mittleren Rings, und der dritte Ring ist der Äußere Radlring. Außerhalb der Stadt liegt der RadlRing München, der vorwiegend für den Freizeitverkehr ausgewiesen ist. Die Radrouten sind einheitlich beschildert, und die Hinweisschilder sind mit Entfernungsangaben zu bedeutenden Zielen versehen. In dem von der Stadt München herausgegebenen und regelmäßig aktualisierten Radl-Stadtplan sind darüber hinaus empfohlene Nebenrouten und weitere Radverkehrsverbindungen eingetragen.

Da rund 85 %[5] des Münchner Straßennetzes als Tempo-30-Zone ausgewiesen ist, besteht dort kein Bedarf für besondere Einrichtungen für den Radverkehr, außer ggf. der Einrichtung von Fahrradstraßen sowie der Kennzeichnung von für den Radverkehr durchlässigen Sackgassen und der Öffnung von Einbahnstraßen entgegen der Fahrtrichtung. In diesem Themenfeld war München lange weit zurück hinter diversen Städten in Norddeutschland, die bereits um das Jahr 2000 annähernd sämtliche Einbahnstraßen (in Tempo-30-Zonen) für beide Richtungen des Radverkehrs frei gegeben hatten. Die Einrichtung von Fahrradstraßen und die Öffnung von Einbahnstraßen für Radverkehr in beiden Richtungen ist erst seit einem entsprechenden Beschluss des Stadtrats 2008 deutlich forciert worden. Inzwischen (Stand 2016) sind 55 Straßenabschnitte in München als Fahrradstraßen ausgewiesen. In den Erschließungsstraßen verlaufen rund 450 km Fahrradrouten. An Hauptverkehrsstraßen sind etwa 500 km Radwege, Radfahrstreifen und Schutzstreifen eingerichtet. Zwischen 1992 und 2010 wurden hierfür rund 22 Millionen Euro ausgegeben. Etwa 260 km Fahrradrouten verlaufen in Grünanlagen und auf landwirtschaftlichen Wegen am Stadtrand. Dazu gehört auch der Isar-Radweg, der vollständig kreuzungsfrei ausgebaut entlang der Isar durch das Stadtgebiet verläuft.

Die Stadt München weist seit 2013 verstärkt Fahrradstraßen aus, die meist Teil der Fahrradrouten sind.[6] An der Pilotstrecke in der Clemensstraße in Schwabing wird eine Bevorrechtigung der Fahrradstraße gegenüber kleineren Nebenstraßen eingeführt. Außerdem wurden hier linienhaft Sicherheitstrennstreifen zu parkenden Autos markiert, um der typischen Gefahr durch rücksichtslos geöffnete Autotüren (Dooring-Unfälle) zu begegnen, indem Radfahrer weiter in der Fahrbahnmitte fahren.

Am 24. Juli 2019 übernahm der Stadtrat die Ziele des Radentscheids inklusive der Einrichtung eines Altstadt-Radlrings.[7]

MieträderBearbeiten

In München stellt die MVG (in Kooperation mit nextbike) 1.200 Fahrräder an 125 Standorten zur Verfügung.[8] Ein Ausbau auf 3200 Fahrräder ist beschlossen.[9] 1.400 Mieträder stellt Call a Bike bereit. Der Anbieter oBike hat im August 2017 in kurzer Zeit 6.800 Räder verteilt, diese aber nach starker Kritik am Vorgehen und der Qualität, mangelnder Annahme und vielen Fällen von Vandalismus im April 2018 wieder auf 1000 Räder reduziert.[10] oBike meldete später Insolvenz an; die übrigen – oft beschädigten oder zerstörten – Fahrräder wurden nach der Androhung einer Beseitigungsanordnung entfernt.[11] Bis 2019 sollen auch im Landkreis München 100 Mietrad-Stationen errichtet werden.[12]

VeranstaltungenBearbeiten

Jeweils an einem Tag im Sommer findet die Münchner Radlnacht statt. Jeweils im April findet das SattelFest, im Juni findet das Radkulturfestival RadlKULT statt.[13][14]

RadfernwegeBearbeiten

Mehrere Radfernwege verlaufen durch das Münchner Stadtgebiet. Dazu gehören die D-Route D11 (Ostsee-Oberbayern), der Isar-Radweg, der Mangfall-Radweg, der Wasserweg, der Panoramaweg Isar-Inn, der Ammersee-Radweg, der Radfernweg München – Venedig und die Via Bavarica Tyrolensis. Knapp außerhalb der Stadtgrenzen verlaufen der Ammer-Amper-Radweg, der Sempt-Isen-Radweg und die Via Julia. Die meisten dieser Radfernwege gehören zum Bayernnetz für Radler und sind mit dessen Symbolen gekennzeichnet.

2016 entstand der 400–500 Kilometer lange Radweg Ring der Regionen.

2017 wurde mit dem Münchner Radschnellweg Bayerns erste „Fahrradautobahn“ von München nach Unterschleißheim bzw. Garching beschlossen. Die Fertigstellung war ursprünglich für 2019 geplant,[15] jedoch kam es erst im Juli 2019 zur endgültigen Festlegung des Verlaufs. Der Baubeginn ist weiterhin unklar und soll erst nach einer weiteren Abstimmung erfolgen.[16]

KritikBearbeiten

Der ADFC München fordert in seinem Verkehrspolitischen Programm von 2008 zahlreiche Infrastrukturmaßnahmen wie die Freigabe benutzungspflichtiger Radwege, mehr Radfahrstreifen oder die Verbesserung der Fahrradabstellanlagen.[17] 2014 wurde durch den ADFC München eine Liste von Radwegen erstellt, an denen nach Ansicht des Vereins die Benutzungspflichten aufzuheben sind.[18] Im Jahr 2019 teilte die Stadt mit, dass die Radwegebenutzungspflicht auf ca. 35 % der Radwege überprüft wurde.[19] Grund für die Überprüfung ist eine aus dem Jahr 1997 stammende Novelle der StVO, mit welcher die allgemeine Radwegebenutzungspflicht aufgehoben und die durch Verkehrszeichen angeordnete Radwegebenutzungspflicht an höhere Voraussetzungen geknüpft wurde. Die Süddeutsche Zeitung betrieb im Jahr 2014 ein Webportal, um Gefahrenstellen zu sammeln.[20]

LiteraturBearbeiten

  • Landeshauptstadt München (Hrsg.): Münchner Radlstadtplan. 11. Auflage. München 2015 (Maßstab 1:22.500).
  • Antje Martin, Cornelia Landensperger, Christian Dechant: Das Münchner Radlbuch. Auf 10 Themenrouten die Landeshauptstadt entdecken. J. Berg Verlag, München 2006, ISBN 3-7658-4171-4.
  • Das Münchner Stadtradlbuch. Erlebnistouren in Stadt und Umland. 4. Auflage. Stöppel FreizeitMedien, Merching 2003, ISBN 3-89987-926-0.
  • Rund um München. Die schönsten Radtouren in und um München. 5. Auflage. Verlag Esterbauer, Rodingersdorf 2015, ISBN 978-3-85000-104-5.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Landeshauptstadt München: Evaluationsbericht der Fahrradmarketingkampagne „Radlhauptstadt München“. November 2011, Abgerufen am 20. Oktober 2013 (PDF; 764 kB).
  2. Landeshauptstadt München: Die Fahrradkampagne der Landeshauptstadt München. (Memento des Originals vom 16. Februar 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.radlhauptstadt.muenchen.de Pressemitteilung vom 12. Juni 2010 (PDF)
  3. Thomas Anlauf: KVR-Chef fordert schnellere Weiterentwicklung des Radverkehrs. In: sueddeutsche.de. 20. Oktober 2017, abgerufen am 13. Oktober 2018.
  4. Soweit nicht anders angegeben, beruht dieser Abschnitt auf: Landeshauptstadt München: Radverkehr in München. 2010 (PDF-Datei).
  5. LH München: Tempo-30-Zonen
  6. LH München: Fahrradstraßen
  7. https://www.merkur.de/lokales/muenchen/stadt-muenchen/muenchen-ort29098/muenchen-radentscheid-stadtrat-stimmt-fuer-umsetzung-altstadt-radlring-kommt-12854655.html
  8. http://www.muenchen.de/aktuell/2014-11/mvg-rad-mietrad-system-2015.html
  9. https://ru.muenchen.de/2017/26/Stadtrat-beschliesst-Ausweitung-der-MVG-Rad-Flotte-71099
  10. Knapp 5.000 Leihfahrräder weniger: Obike sammelt heute seine Räder in München ein (Memento vom 29. Mai 2018 im Internet Archive) In: br.de, 4. April 2018
  11. muenchen.de: Obikes größtenteils aus München verschwunden. Abgerufen am 23. Juli 2019.
  12. Iris Hilberth: Das Umland steigt auf. In: sueddeutsche.de. 3. April 2017, abgerufen am 13. Oktober 2018.
  13. http://sattelfest-muenchen.de
  14. radlhauptstadt.muenchen.de: RadlKULT
  15. Lea Frehse: Eine Radlautobahn von München nach Garching. In: sueddeutsche.de. 26. März 2017, abgerufen am 13. Oktober 2018.
  16. muenchen.de: Stadtrat beschließt Radlschnellweg für München. Abgerufen am 23. Juli 2019.
  17. Radverkehr. In: adfc-muenchen.de
  18. ADFC München: Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht. Abgerufen am 23. Juli 2019.
  19. Böhle, Thomas: Wie ist der Sachstand zur Überprüfung und Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht? Abgerufen am 23. Juli 2019.
  20. Datenjournalismus: Problemstrassen. In: sueddeutsche.de