Ezo (jap. 蝦夷), veraltet Yezo, ist ein altjapanischer Name für die Bevölkerung Ost- und Nordjapans, die von den Yamato-Japanern als Barbaren angesehen wurde. Im Altertum wurde das Volk entweder Emishi oder Ebisu (veraltet Yemishi bzw. Yebisu) genannt.

Seit Ende der Heian-Zeit wurde das Volk Ezo genannt. Mit der Zeit änderte sich jedoch die Bedeutung dieses Begriffs. Heute wird der Begriff Emishi für das Volk bevorzugt.

EmishiBearbeiten

 
Emishi huldigt Prinz Shotoku. Hergestellt im Jahr 1324, basierend auf Shotokutaishi e-den e-maki, hergestellt im Jahr 1069.

Die älteste Beschreibung der Emishi (oder Ezo) befindet sich im Nihonshoki, dem ältesten Geschichtsbuch Japans. Dem Buch nach sind die Emishi Einwohner im Osten, die mit der Yamato-Regierung (Yamato Chōtei oder Yamato Ōken) verfeindet waren. Ihre Einflusssphäre reichte bis an Osthonshu. Laut chinesischen Beschreibungen werden die Emishi als “haarige Barbaren” bezeichnet und lebten in Teilen von Honshu, vor allem in der Tōhoku-Region.

Die Emishi waren geübte Krieger und vertrauten in ihrem Kampf gegen die Yamato-Japaner auf pferdereitende Krieger. Durch ihre speziellen Kriegstaktiken waren die Emishi gefürchtete Gegner der Yamato. Dies änderte sich erst dann, als die Yamato-Japaner deren Taktiken kopierten und gegen die Emishi anwendeten.[1][2]

Es ist umstritten, ob die Emishi Verwandte oder Vorläufer der Ainu waren. Die meisten Historiker vermuten, dass es sich bei den Emishi um ein eigenes Jōmon-Volk handelte, welches weder mit den Ainu noch mit den Yamato-Japanern verwandt war. Eine andere Theorie lautet, dass es sich lediglich um Yamato-Japaner handelte, die die Herrschaft des Kaisers nicht anerkannten. Beide Ansichten sind miteinander kompatibel und es ist sehr wahrscheinlich, dass es Yamato-Japaner gab, die den Emishi angehörten, als auch Emishi, die dem Yamato-Kaiserreich dienten.[3]

GeschichteBearbeiten

Die Emishi werden erstmals geschichtlich im Nihonshoki genannt. Laut den Aufzeichnungen lieferten sich die Emishi und die frühen Japaner unter ihrem mythologischen ersten Kaiser Jimmu eine heftige Schlacht, in der die Japaner knapp die Oberhand hatten. Danach kam es immer wieder zu gegenseitigen Angriffen, in denen die Emishi nicht selten siegreich waren. Laut Aufzeichnungen kam es nach dem Tod von Kaiser Yūryaku zu einer Rebellion von Emishi-Truppen im südwestlichen Japan, welche als Söldner von der kaiserlichen Regierung angeheuert worden waren, um an einer Expedition nach Korea teilzunehmen.[4]

Ein bedeutender Feldzug fand 658–60 am Japanischen Meer bis nach Tsugaru unter dem Kommando von Abe no Hirafu statt. Ziel waren die reichen Fischgründe und die Gewinnung von Kombu-Algen – die noch heute in jeden japanischen Suppenfond gehören. Auch war im Jahr 749 in Mutsu Gold entdeckt worden, das man sich aneignen wollte. Kaiser Kammu (781–806) hatte die Wehrpflicht für den Feldzug des Sakanoue no Tamuramaro 794–806 in Tōhoku eingeführt. (Theoretisch waren im Rahmen des Ritsuryō-Systems ein Drittel aller voll steuerpflichtigen Männer zum Militärdienst verpflichtet – Aushebungen kamen jedoch selten vor.) Es gelang ihm, den mächtigen Emishi-Häuptling Aterui zu unterwerfen, dessen bis heute im Katano-Schrein in Hirakata gedacht wird.

Etwa im 7. Jahrhundert siedelten die Emishi im Tōhoku-Gebiet nördlich der Mitte der heutigen Präfektur Miyagi bis hin zur heutigen Präfektur Yamagata und auf Hokkaidō. Je mehr die Yamato-Regierung ihre Macht nach Norden hin ausweitete, desto öfter kämpften die Emishi um ihren Lebensraum. Die Emishi, die vor der Yamato-Regierung kapitulierten, wurden Fushū genannt und schnell assimiliert. Trotz der teilweisen Kapitulation und zwangsweisen küstenfernen Umsiedlung kämpften Emishi weiter gegen die Yamato.

Gewöhnlich trieben sie Handel mit den Yamato. Handelswaren waren Kombu, Pferde, Pelze, Federn usw. Im Gegenzug erhielten sie Reis, Tuch, Eisen usw.

Im 9. Jahrhundert endeten die Eroberungen des Yamato-Reichs in der Mitte der heutigen Präfekturen Akita und Iwate. Beamte der Yamato-Regierung und Stammesoberhäupter der Fushū mischten sich jedoch in innere Auseinandersetzungen der Emishi ein. Infolgedessen verloren die Emishi ihre Unabhängigkeit im Laufe des 12. Jahrhunderts.

KulturBearbeiten

Die Kultur der Emishi kann als direkter Nachfolger der Jōmon Kultur Honshus angesehen werden. Sie zeigt einige Parallelen zu der Ainu und der Japanischen Kultur kann aber eindeutig von diesen unterschieden werden. Ko-Shintō, eine antike Form des modernen Shintoismus gilt als traditionelle Religion der Emishi und bildete den Kern ihrer Kultur. Verehrung der Natur, verschiedener Götter, Geister und Glaube an eine Geisterwelt prägten den Alltag der Emishi. Ahnenverehrung war weit verbreitet und spielt noch heute in ganz Japan eine wichtige Rolle.[5] Die Emishi waren geübte Krieger und die Kriegskunst galt als ehrenhafte Fähigkeit. Manche Historiker nehmen an, dass die Emishi die Samurai entscheidend mitprägten.[6]

Die Emishi hatten auch Einfluss auf die Kultur der Ainu und lokalen japanischen Traditionen. So wird die Satsumon-Kultur im Süden Hokkaidos als Vermischung von Emishi und Ainu Traditionen gesehen.[7]

Ursprungs-TheorienBearbeiten

Nach der Edo-Zeit gehen die wissenschaftlichen Theorien über die Emishi auseinander.

  1. Die am meisten unterstützte Theorie besagt, dass die Emishi ein eigenständiges Volk waren, das von der lokalen Jōmon-Bevölkerung Honshūs abstammte. Laut dieser Theorie sind die Emishi nicht mit den Ainu verwandt.[8]
  2. Eine andere Theorie ist die „Emishi-Ainu-Theorie“ (Emishi Ainu setsu), der zufolge die Emishi ab dieser Zeit gleichbedeutend mit den Ainu sind.
  3. Des Weiteren gibt es die Theorie, die die Emishi als Japaner sieht, die sich nicht der Yamato-Regierung unterwarfen (Emishi henmin setsu).
 
Verbreitung der C1a Linie, welche vor allem in den Emishi Japans nachgewiesen worden ist.

Die erste Theorie stützt sich neben historischen und kulturellen Fakten auch auf genetische Daten. Die Emishi gehören großteils der Haplogruppe C-M8 (C1a1) an, eine der zwei Haupt-Haplogruppen der Jōmon-Bevölkerung. Die Jōmon-Zeit begann vor etwa 14.000 Jahren, etwa zur selben Zeit wurde eine Migration von Menschen von Süd-Sibirien ausgehend nach Japan nachgewiesen.[9] Diese gehörten der Haplogruppe C1a1 an, welche heute vor allem in Japan gefunden wird (etwa 6 %). Die nächste verwandte Haplogruppe C1a2 kam im paläolithischen sowie neolithischen Europa vor und wird heute in machen Europäern, Armeniern und Berbern gefunden.[10][11] Diese Jōmon-Japanische (Emishi?) und Alt-Europäische Linie wird als C1a bezeichnet und hat ihren Ursprung im Kaukasus, beziehungsweise im Schwarzmeerraum.[12]

Seit dem Mittelalter ist „Ezo“ gleichbedeutend mit „Ainu“. Geschichtsbücher bestätigen die Existenz der heutigen Ainu seit dem 13. Jahrhundert, und etwa von dieser Zeit bis zum Erhalt ihres heutigen Namens nannte man die Insel Hokkaidō entweder Ezo-ga-shima (蝦夷ヶ島, „Insel der Ezo“) oder Ezochi (蝦夷地, „Ezo-Land“) genannt. Deshalb bevorzugt man den Begriff Emishi für das damalige Volk, um Verwechslungen vorzubeugen.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Zur Anthropologie: Nakanishi Susumu: Emishi to wa nanika (= Kadokawa sensho 247). Kadokawa shoten, Tokyo 1993, ISBN 4-04-703247-6 (japanisch).
  • Bruno Lewin: Die japanischen Beziehungen zu den Emishi um das Jahr 800. In Oriens. Bd. 18/19, 1965/1966, ISSN 0078-6527, S. 304–326.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Farris, pp. 94–95, 108–113.
  2. Aston, W.G., trans. Nihongi: Chronicles of Japan from the Earliest Times to AD 697. Tokyo: Charles E.Tuttle Co., 1972 (reprint of two volume 1924 edition), VII 18. Takahashi, Tomio. "Hitakami." In Egami, Namio ed. Ainu to Kodai Nippon. Tokyo: Shogakukan, 1982.
  3. Aston, W.G., trans. Nihongi: Chronicles of Japan from the Earliest Times to AD 697. Tokyo: Charles E.Tuttle Co., 1972 (reprint of two volume 1924 edition), VII 18. Takahashi, Tomio. "Hitakami." In Egami, Namio ed. Ainu to Kodai Nippon. Tokyo: Shogakukan, 1982.
  4. Iwate Nippo: 朝廷軍の侵略に抵抗. 24. September 2004, abgerufen am 30. November 2019.
  5. 上田正昭他『日本古代史の謎再考(エコール・ド・ロイヤル 古代日本を考える1)』 学生社 1983年 pp.52より
  6. Ben Hubbard: Samurai Warriors. Cavendish Square Publishing, LLC, 2016, ISBN 978-1-5026-2459-8 (google.at [abgerufen am 30. November 2019]).
  7. Keiji Imamura: Prehistoric Japan: New Perspectives on Insular East Asia. University of Hawaii Press, 1996, ISBN 978-0-8248-1852-4 (google.be [abgerufen am 30. November 2019]).
  8. Aston, W.G., trans. Nihongi: Chronicles of Japan from the Earliest Times to AD 697. Tokyo: Charles E.Tuttle Co., 1972 (reprint of two volume 1924 edition), VII 18. Takahashi, Tomio. "Hitakami." In Egami, Namio ed. Ainu to Kodai Nippon. Tokyo: Shogakukan, 1982.
  9. 崎谷満『DNA・考古・言語の学際研究が示す新・日本列島史』(勉誠出版 2009年)(in Japanese)
  10. 崎谷満『DNA・考古・言語の学際研究が示す新・日本列島史』(勉誠出版 2009年)(in Japanese)
  11. Yusuke Watanabe, Izumi Naka, Seik-Soon Khor, Hiromi Sawai, Yuki Hitomi: Analysis of whole Y-chromosome sequences reveals the Japanese population history in the Jomon period. In: Scientific Reports. Band 9, Nr. 1, 17. Juni 2019, ISSN 2045-2322, S. 1–8, doi:10.1038/s41598-019-44473-z (nature.com [abgerufen am 30. November 2019]).
  12. G. David Poznik, Yali Xue, Fernando L. Mendez, et al., "Punctuated bursts in human male demography inferred from 1,244 worldwide Y-chromosome sequences." Nature Genetics 2016 June ; 48(6): 593–599. doi:10.1038/ng.3559.