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Logo von Extinction Rebellion

Extinction Rebellion (kurz XR; englischRebellion gegen das Aussterben’) ist eine weltweite soziale Bewegung, die sich mit Mitteln des zivilen Ungehorsams gegen das Massenaussterben von Tieren und Pflanzen und das mögliche Aussterben der Menschheit als Folge der Klimakrise und der Vernichtung von Lebensraum einsetzt. Diese sogenannte Graswurzelbewegung ging im Jahr 2018 im Vereinigten Königreich aus Vorläufern hervor. Im April 2019 war sie in 49 Ländern auf sechs Kontinenten mit 331 Ortsgruppen vertreten.[1]

Inhaltsverzeichnis

ZieleBearbeiten

Extinction Rebellion formuliert drei Ziele, für deren Erreichung ihre Aktivisten sich engagieren, und fordert von Regierungen:

  1. Tell the truth – „Sagt die Wahrheit“: Die Wahrheit der klimatischen Veränderung und deren Folgen soll in den Fokus der Öffentlichkeit gestellt werden, um die Dringlichkeit eines sofortigen Kurswechsels zu kommunizieren. Es wird das Ausrufen des Klimanotstands gefordert.
  2. Act Now – „Handelt jetzt“: Mit einem sofortigen Umsteuern in der Klimapolitik soll die Netto-Null-Treibhausgas-Emission bis zum Jahr 2025 erreicht werden. Das Artensterben soll gestoppt werden. Der ökologische Raubbau soll eingedämmt und möglichst umgekehrt werden.
  3. Beyond Politics – „Politik neu leben“: Auf Basis von partizipatorischer Demokratie, in Form von Bürgerversammlungen, sollen die Wege zur Überwindung der Klimakrise entwickelt werden.

Die Aktivisten der XR wollen deshalb Druck auf die politischen Entscheidungsträger ausüben, damit diese wirksam gegen die Zerstörung von Lebensräumen vorgehen. Dies passiert durch gewaltfreie Aktionen des zivilen Ungehorsams. So möchten zum Beispiel die XR-Gruppen im Vereinigten Königreich die logistische Infrastruktur der britischen Wirtschaft durch Brückenbesetzungen lahmlegen, um Aufmerksamkeit für ihre Ziele zu schaffen.[2][3]

Roger Hallam zufolge, einem der Gründer von XR im Vereinigten Königreich, sollen „Massenverhaftungen möglichst viel mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen – und eine politische Krise herbeiführen.“ XR gibt an, keine Gewalt anwenden zu wollen.

GeschichteBearbeiten

 
Das Extinction-Symbol

Im Vereinigten Königreich gründeten im Jahr 2015 Gail Bradbrook und George Barda die Gruppe Compassionate Revolution,[4] aus der sich zunächst Rising Up! und schließlich Extinction Rebellion entwickelten.[5] Extinction Rebellion wurde im Oktober 2018 gegründet und erlangte rasch durch immer wieder organisierte Massenproteste, Flashmobs und Sitzstreiks, zunächst in London, ein weltweites Medienecho.[2] Das Logo wurde von dem nur unter seinem Pseudonym bekannten Streetart-Künstler ESP geschaffen. Es symbolisiert die sechste, holozäne Aussterbewelle. Der Kreis bildet die Erde als Lebensraum ab, das Sanduhr-Symbol steht dafür, dass die Zeit zur Rettung abläuft.[6]

Für Aufsehen sorgte am 17. November 2018, dem ersten von XR ausgerufenen Rebellion Day,[7] die Blockade der wichtigsten Brücken über die Themse durch 6000 Demonstranten, von denen 85 dabei wegen Verkehrsbehinderung festgenommen wurden.[8] Im Rahmen dieser Veranstaltungen trat auch Greta Thunberg auf.[9] Mittlerweile ist Extinction Rebellion weltweit aktiv. In Deutschland existieren 67 Ortsgruppen (Stand: 11. Juli 2019),[10] in der Schweiz gibt es neun Sektionen (Stand: Mai 2019).[11]

Im April 2019 erklärte Hannah Elshorst, Sprecherin von Extinction Rebellion Deutschland, dass Greta Thunberg auch „unsere Greta“ (d. h. die von Extinction Rebellion) sei. Es gebe viele Verbindungen zwischen XR und Fridays for Future (FFF). So nähmen Anhänger von Extinction Rebellion auch an den Massendemonstrationen von FFF teil. Allerdings sei die Protestform von XR eine andere als die von FFF. „Die Schüler*innenstreiks haben zwar eine große Welle ausgelöst“, sie würden „aber in ihren Forderungen weitgehend ignoriert“.[12] Nach Aussagen von XR-Anhängern im Vereinigten Königreich ist es für sie selbstverständlich, in der Tradition Mahatma Gandhis zu riskieren, für Aktionen inhaftiert zu werden.[13] In der Karwoche 2019 nahm die Polizei in London fast 600 Aktivisten fest, die dort einem Aufruf von XR gefolgt waren, Straßen und Brücken zu blockieren.[14]

Offene BriefeBearbeiten

Extinction Rebellion wurde wiederholt durch offene Briefe Unterstützung zuteil. Ein erster Brief wurde am 26. Oktober 2018 in der britischen Zeitung The Guardian veröffentlicht und war von 94 Prominenten unterschrieben, überwiegend britische Wissenschaftler. Zu den Unterzeichnenden gehörten Prominente wie Alison Green, Joy Carter, Rowan Williams, Danny Dorling, Jem Bendell, Ian Gibson, Susie Orbach, David Drew, Molly Scott Cato und Shahrar Ali.[15] Im Brief heißt es:

„Die Wissenschaft ist eindeutig, die Fakten sind unumstößlich und es ist für uns unerhört, dass unsere Kinder und Kindeskinder die schreckliche Last einer beispiellosen Katastrophe tragen müssen, die wir selbst verursacht haben. […] Unsere Regierung trägt eine Mitschuld an der Missachtung des Vorsorgeprinzips und am Versagen bei der Feststellung, dass ein unendliches Wirtschaftswachstum auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen nicht machbar ist. […] Wenn eine Regierung absichtlich ihre Verantwortung aufkündigt, ihre Bürger vor Schaden zu schützen und die Zukunft der kommenden Generationen zu sichern, hat sie ihre wichtigste Verantwortungspflicht nicht erfüllt. Der ‚Sozialvertrag‘ wurde gebrochen, und es ist daher nicht nur unser Recht, sondern unsere moralische Pflicht, die Untätigkeit und eklatante Pflichtverletzung der Regierung zu umgehen und zur Verteidigung des Lebens an sich zu rebellieren. Wir erklären daher unsere Unterstützung für die am 31. Oktober 2018 ins Leben gerufene Extinction Rebellion. Wir stehen voll hinter den Forderungen, dass die Regierung den Bürgern die harte Wahrheit sagt. Wir fordern, dass eine Bürgerversammlung mit Wissenschaftlern auf der Grundlage der vorhandenen Beweise zusammenarbeitet und im Einklang mit dem Vorsorgeprinzip dringend einen glaubwürdigen Plan für eine schnelle vollständige Entkarbonisierung der Wirtschaft entwickelt.“[15]

Ein zweiter offener Brief wurde wenige Wochen darauf, am 9. Dezember 2018, ebenfalls im Guardian veröffentlicht, und er war diesmal von 100 Wissenschaftlern, Verfassern, Politikern und Aktivisten aus aller Welt unterzeichnet, darunter Prominenten wie Vandana Shiva, Naomi Klein, Noam Chomsky, A.C. Grayling, Philip Pullman, Rowan Williams, Bill McKibben, Tiokasin Ghosthorse, Esther Stanford-Xosei, Jonathon Porritt, Alison Green, Lily Cole, Chris Packham, Susie Orbach, Joy Carter und Jayati Ghosh Jawaharlal.[16] Hierbei heißt es im Brief:

„Politische Führungen scheitern weltweit an der Thematisierung der Umweltkrise. Falls der weltweite Unternehmenskapitalismus die internationale Wirtschaft weiterhin antreibt, ist eine weltweite Katastrophe unausweichlich. […] Wir fordern zudem besorgte Weltbürger auf, gegen die gegenwärtige Selbstgefälligkeit in ihren jeweiligen Zusammenhängen, einschließlich der Verteidigung indigener Völker, der Entkolonialisierung und der wiedergutmachenden Gerechtigkeit, aufzustehen und sich dagegen zu organisieren – sich somit der globalen Bewegung anzuschließen, die sich nun gegen das Aussterben auflehnt (z. B. Extinction Rebellion im Vereinigten Königreich). Wir müssen gemeinsam alles tun, was gewaltlos notwendig ist, um Politiker und Wirtschaftsführer von der Aufgabe ihrer Selbstgefälligkeit und Leugnung zu überzeugen. Ihr ‚weiter so wie bisher‘ stellt keine Option mehr dar. Weltbürger werden dieses Versagen unserer planetaren Pflicht nicht länger hinnehmen. Jeder von uns, insbesondere in der materiell privilegierten Welt, muss sich zur Akzeptanz einer Notwendigkeit verpflichten, milder zu leben, deutlich weniger zu konsumieren und nicht nur die Menschenrechte, sondern auch unsere Verantwortung gegenüber dem Planeten zu achten.“[16]

AktionenBearbeiten

 
Aktion in Tower Hill, London im November 2018
 
Extinction Rebellion Die-in in München, August 2019

Extinction Rebellion rief für die Woche ab dem 15. April 2019 international zu Aktionen auf. In mindestens 33 Ländern auf 6 Kontinenten, darunter Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Schweiz, Kolumbien, Kanada, USA, Ghana, Australien und Neuseeland waren Protestaktionen geplant.[17][1] Das Ziel der Rebellion ist, Regierungen zu zwingen, die Forderungen von Extinction Rebellion in die Tat umzusetzen. Für die Rebellionswoche waren verschiedenste Aktionen des gewaltfreien zivilen Ungehorsams geplant, unter anderem Brücken-, Straßen- und Hafenblockaden, außerdem kreative Proteste wie Die-in, Trauermärsche, Theater-flashmobs.[1] Die Polizeieinsätze gegen die Blockaden führten zu über 600 Verhaftungen.[18]

In Deutschland fiel bisher besonders die Aktion am 11. Juni 2019 auf, als sich eine Reihe von Aktivisten von XR mit Fahrradschlössern um den Hals an den Zaun des Kanzleramts in Berlin ketteten.[19]

In der Schweiz machte die Organisation am 6. Juni 2019 bei einer Aktion mit Kunstblut vor dem Bundeshaus in Bern auf sich aufmerksam.[20]

Extinction Rebellion ruft für den 27. September 2019 gemeinsam mit Fridays for Future, United4Earth, IWW Environmental Unionist Caucus und Demand Utopia zum Earth Strike auf, einer als bisher größten Klimaprotest geplanten Protestaktion.[21]

Die Extinction Rebellion äußerte den Plan, im Sommer 2019 den Flughafen London Heathrow als „größte britische Quelle von Treibhausgasen“ durch gezieltes Einfliegenlassen von ferngesteuerten Drohnen in den Luftraum des Flughafens für einen oder mehrere Tage vollständig lahmzulegen. Durchgeführt werden soll die Aktion in Form eines riesigen Drohnen-Picknicks, bei dem die Teilnehmer Drohnen mitbringen. Diese Absicht wird innerhalb der Organisation kontrovers diskutiert.[22]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Monday 15 April: Extinction Rebellion’s International Rebellion to begin in over 80 cities across at least 33 countries. In: Extinction Rebellion. 14. April 2019, abgerufen am 14. April 2019 (britisches Englisch).
  2. a b Robert Raymond: Klimawandel: Jungen Aktivisten haben einen Plan, der uns alle retten soll. In: Focus Online. 29. Dezember 2018, abgerufen am 26. Januar 2019.
  3. Andrew Müller: Klimaaktivistin über Extinction Rebellion: „Es braucht radikale Veränderung“. In: taz.de. 19. April 2019, abgerufen am 20. April 2019.
  4. Jamie Wiseman: New online political venture the Compassionate Revolution to be launched in Stroud. Stroud News and Journal, 22. Juni 2015, abgerufen am 26. Januar 2019 (englisch).
  5. Profile – Dr Gail Bradbrook. BBC Sounds, abgerufen am 26. Januar 2019 (englisch).
  6. Emily Gosling: Extinction Rebellion on its striking protest graphics. In: Creative Review, 16. April 2019
  7. Today – Extinction Rebellion London Calling. Extinction Rebellion, 17. November 2018, abgerufen am 21. April 2019 (englisch).
  8. Wolfgang Pomrehn: „Die Pflicht zu rebellieren“. In: Telepolis. 21. November 2018, abgerufen am 26. Januar 2019.
  9. This Is Our Darkest Hour: With Declaration of Rebellion, New Group Vows Mass Civil Disobedience to Save Planet. In: Common Dreams. 31. Oktober 2018, abgerufen am 21. April 2019 (englisch).
  10. Ortsgruppen | Extinction Rebellion. Abgerufen am 14. April 2019.
  11. «Extinction Rebellion» – die radikalen Klimaschützer: Sie würden fürs Klima in den Knast. In: Watson, 14. Mai 2019.
  12. Klimaaktivistin über Extinction Rebellion: „Es braucht radikale Veränderung“. In: taz.de. 19. April 2019, abgerufen am 20. April 2019.
  13. Extinction Rebellion: The activists risking prison to save the planet. In: dw.com. Abgerufen am 20. April 2019.
  14. Greta Thunberg erobert Rom. In: Spiegel Online. 19. April 2019, abgerufen am 20. April 2019.
  15. a b Alison Green u. a.: Facts about our ecological crisis are incontrovertible. We must take action. The Guardian, 26. Oktober 2018, abgerufen am 26. Januar 2019 (englisch).
  16. a b Vandana Shiva u. a.: Act now to prevent an environmental catastrophe. The Guardian, 9. Dezember 2018, abgerufen am 26. Januar 2019 (englisch).
  17. Rebellionswoche April 2019 | Extinction Rebellion. Abgerufen am 17. März 2019.
  18. Extinction Rebellion: Police move in on London protesters. bbc London, 20. April 2019, abgerufen am 21. April 2019 (englisch).
  19. Klimaschutzaktivisten ketten sich an Zaun vor Kanzleramt. In: Die Welt. Abgerufen am 11. Juli 2019.
  20. Luzerner im Kampf gegen Klimawandel – «Es braucht Katastrophenalarm». In: Luzerner Zeitung, 14. August 2019.
  21. Our Partners and Supporters. Website von Earth Strike, abgerufen am 26. Januar 2019 (englisch).
  22. Streit bei Extinction Rebellion UK - Heathrow-Aktion spaltet Aktivisten. In: Die Tageszeitung, 13. Juni 2019.