Hauptmenü öffnen
Byzantinische liturgische Rolle, 13. Jh.

Euchologion (Eὐχολόγιον) nennt man das liturgische Buch verschiedener Ostkirchen, das sämtliche oder einen Teil jener Gebete umfasst, die Bischöfe und Presbyter als Vorsteher von Gottesdiensten zu sprechen haben. Im Abendland entspricht ihm das Sakramentar, in Armenien das Maštoc’. Der äußeren Form nach handelt es sich entweder um einen Kodex oder eine Reihe von Buchrollen (Rotulus, Kontakion).

Ein byzantinisches Μικρὸν Eὐχολόγιον („Kleines Euchologion“) enthält die Texte für die Feier der Sakramente außer der Eucharistie. Es entspricht dem abendländischen Rituale.

HistorischesBearbeiten

HandschriftenBearbeiten

Aus der Alten Kirche sind nur wenige vollständige Euchologien bekannt, insbesondere eine Sammlung des 4. Jahrhunderts aus Ägypten, die dem Bischof Serapion von Thmuis zugeschrieben wird, das sogenannte „Serapion-Euchologion“ (Codex unicus: Athos, Kloster Megisti Lavra 149/B 29, 12. Jh.).[1] Spätantike Fragmente von Euchologien finden sich in größerer Anzahl.[2]

Das älteste erhaltene Euchologion der byzantinischen Liturgie ist das sog. „Euchologium Barberinum S. Marci“, die Handschrift Barberinus Graecus 336 (vormals: III 55) der Biblioteca Apostolica Vaticana. Ein ähnlich altes, doch fragmentiertes griechisches Euchologion wurde 1975 im Sinai-Kloster entdeckt: Codex Sinaiticus gr. NE MΓ 53.[3]

Beim „Barberinum S. Marci“ (Cod. Barb. gr. 336) handelt es sich um die süditalienische (kalabrische) Kopie eines um nahöstliche (melkitische) Materialien erweiterten Konstantinopolitaner Patriarchal-Euchologions aus dem späten 8. Jahrhundert (nach 787). Aus langer Vergessenheit tauchte das Manuskript erstmals wieder auf als Teil der Bücherkäufe des Niccolò Niccoli († 1437), gelangte mit dessen Nachlass in die Bibliothek des Dominikanerklosters San Marco in Florenz und von dort 1639 zu Kardinal Francesco Barberini nach Rom. Dort fand es bei der – 1645 ergebnislos abgebrochenen – Vorbereitung eines von König Philipp IV. für das byzantinische Süditalien gewünschten Euchologion-Drucks Verwendung.[4]

Älteste bekannte Handschrift eines an der Hagia Sophia zu Konstantinopel kopierten Euchologions ist der Codex Paris, BnF, Coislin 213 (v. J. 1027). Ein byzantinisch geprägtes palästinisches Euchologion (vor 1030) führte Simeon von Trier mit sich.

Das älteste slawische Euchologion ist das Euchologium Sinaiticum (Cod. Sinaiticus slav. 37/O+1/N) in glagolitischer Schrift aus dem 11. Jahrhundert.

DruckeBearbeiten

Der erste Druck eines griechisch-byzantinischen Großen Euchologions für gottesdienstliche Zwecke erschien 1545 (nicht 1526) in Venedig (zahlreiche weitere venezianische Drucke bis in das 19. Jh.). Eine erste katholische Druckausgabe besorgte 1754 in Rom Papst Benedikt XIV.; über ihre mehrjährige Redaktionsgeschichte und nicht wenigen Änderungen gegenüber orthodoxem Brauch unterrichtet Benedikts Enzyklika Ex quo. In der Typographie des Ökumenischen Patriarchats Konstantinopel erschien der erste Euchologion-Druck 1803[5], die jüngste griechisch-orthodoxe Ausgabe zum liturgischen Gebrauch 2014 in Athen.[6]

Älteste, lange Zeit einzige und noch heute nützliche wissenschaftliche Ausgabe (mit lateinischer Übersetzung und Kommentar) ist die Veröffentlichung durch Jacques Goar OP (1647).

LiteraturBearbeiten

  • Maxwell E. Johnson: The prayers of Sarapion of Thmuis (Orientalia Christiana Analecta 249); Rom: Pont. Ist. Orientale, 1995; ISBN 88-7210-307-X.
  • Stefano Parenti – Elena Velkovska: L’Eucologio Barberini gr. 336 (Bibl. Eph. Lit. Subs. 80); C.L.V.; Rom: Ed. Liturgiche, 20002; ISBN 88-85918-99-9. 3. Auflage: Евхологий Барберини гр. 336. Издание текста, предисловие и примечания Елены Велковской – Стефано Паренти. Omsk: Golovanov 2011. 512 S. ISBN 978-5-9902610-5-1.
  • Stefano Parenti: L’eucologio slavo del Sinai nella storia dell’eucologio bizantino; Filologia Slava 2; Rom: Seminario del Dipartimento di Studi Slavi e dell’Europa centro-orientale. Università di Roma „La Sapienza“, 1997; Ohne ISBN.
  • André Jacob: La mise en forme de l'euchologe dans l'Italie méridionale. Quelques observations, In: Estudios bizantinos 3 (2015) 29–43.
  • Charbel Nassif: L'euchologe melkite depuis Malatios Karmé († 1635) jusqu'à nos jours. Les enjeux des évolutions d'un livre liturgique, Diss. Paris [Institut Catholique] 2017.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. deutsche Übersetzung des Serapion-Euchologions.
  2. Jürgen Hammerstaedt: Griechische Anaphorenfragmente aus Ägypten und Nubien (Papyrologica Coloniensia 28). Opladen 1999.
  3. C. Kanavas: L'Eucologio MG 53 (Sec. IX) del Monastero di S. Caterina del Sinai. Diss. [masch.] Rom (PIO) 2013, ungedruckt.
  4. André Jacob: De Florence à Rome: le dernier voyage de l'Euchologe Barberini. In: Νέα ΄Ρώμη 11. 2014, 445–454; S. Parenti: Annotazioni sul trasferimento da Firenze a Roma nel 1639 del Barberini gr. 336. In: Segno & Testo 16 (2018) 435-444..
  5. Euchologion, Konstantinopel 1803
  6. Euchologion to Mega. Papademetriou, Athen 2014, ISBN 978-960-550-153-2