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Erwin von Steinbach

deutscher Baumeister
Erwin von Steinbach, Skulptur am Südportal des Straßburger Münsters
Erwin von Steinbach (links) und Wilhelm Sens, Dachfiguren am Kunsthistorischen Museum, Wien
Statue von Erwin von Steinbach mit einem Architektur-Modell in der rechten und einem Zimmermannswinkel in der linken Hand.
Statue von Erwin von Steinbach am alten Hauptportal der Universität Karlsruhe (heute KIT).

Erwin von Steinbach (* um 1244 in Steinbach (Baden-Baden); † 17. Januar 1318 in Straßburg) war ein Steinmetz und deutscher Baumeister. Von 1277 bis zu seinem Tod war er als Straßburger Münsterbaumeister tätig.

LebenBearbeiten

Über Erwins Leben und seine Herkunft ist wenig bekannt. Er wurde vermutlich um 1244 geboren. Der Anspruch des heutigen Baden-Badener Stadtteils Steinbach, Herkunftsort Erwins zu sein, ist, wenngleich nicht erwiesen, durch ältere Tradition belegt („originare de la petite ville de Steinbach dans la Margraviat de Bade“.[1]) Als einzige Quelle nannte die bis zum 18. Jahrhundert am Hauptportal der Westfassade des Straßburger Münsters vorhandene Inschrift (in Übersetzung: Im Jahre 1277 am Tag des heiligen Urban [25. Mai] begann dieses bewundernswürdige Werk Meister Erwin von Steinbach) seinen Herkunftsort. Seine Ausbildung hatte Erwin wohl an der Bauhütte von Notre Dame de Paris erfahren, wo das Werk des Jean de Chelles in einer sprachlich ganz ähnlichen Inschrift am Querhausportal gewürdigt wurde.

Urkundlich ist Meister Erwin erstmals 1284 fassbar, und zwar anlässlich eines Hauskaufs durch die Münsterbauhütte zum Zeitpunkt des Übergangs der Bauaufsicht des Münsters an die Stadt Straßburg.

Erwins Todesdatum, das seiner Frau Husa und seines Sohnes Johannes sind durch ein erhaltenes Epitaph an der Nordseite des Münsters im so genannten Leichenhöfel überliefert. Der Text lautet in Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1316, den 21 Juli, starb Frau Husa, Ehefrau des Meisters Erwin. Im Jahre des Herrn 1318, den 17. Januar, starb Meister Erwin, Gubernator der Straßburger Münsterfabrik. Im Jahre des Herrn 1339, den 18. März, starb Magister Johannes, Sohn Erwins, des Werkmeisters dieser Kirche.

Nach Erwins Tod setzte sein Sohn Johannes († 18. März 1339) als Straßburger Münsterbaumeister das Werk seines Vaters fort. Ein zweiter Sohn Gerlach leitete den Bau der Stiftskirche Niederhaslach, wo er im Jahre 1330 tödlich verunglückte. Als weiterer Sohn (oder Enkel?) Erwins ist ein 1342 verstorbener Johannes genannt Winlin nachweisbar. Vermutlich eine Enkelin Meister Erwins war Lise von Steinbach, eine Geliebte des Grafen Johann II. von Lichtenberg, die 1352 in der so genannten Steinbach-Affäre ermordet wurde. Mythisch hingegen und nur auf einem Übersetzungsfehler basierend ist eine Bildhauerin Sabina von Steinbach, die angeblich eine heute zerstörte Statue signierte.

WerkBearbeiten

 
Straßburger Münster, Westfassade
 
Stiftskirche Wimpfen, Südfassade
 
Wernerkapelle Bacharach
 
Freiburger Münsterturm

Nach der nicht mehr vorhandenen Inschrift über dem Mittelportal der Westfassade des Straßburger Münsters begann „Meister Erwin von Steinbach“ am 25. Mai 1277 mit diesem „glorreichen Werk[2] Der von ihm geschaffene Fassadenriss B ist deutlich von den Querhausfassaden der Kathedrale Notre-Dame in Paris beeinflusst.[3] Aus bautechnischen Gründen wurde der Riss B in Straßburg nur teilweise verwirklicht. Erwin realisierte noch das Rosengeschoss nach eigenem Konzept, seine Nachfolger änderten die Pläne wiederum. Aber selbst der ab 1399 von Ulrich von Ensingen aufgesetzte Nordturm, dessen geplantes südliches Pendant nicht mehr zur Ausführung kam, folgt in seinen Grundzügen dem Fassadenentwurf Erwins, dessen geplanten Aufbau mit vier Treppentürmen er ins Monumentale übersetzte. Das Ergebnis zählt mit seinem freistehenden Maßwerkgitter zu den bedeutendsten Leistungen der Hochgotik.

Nach einer erhaltenen Inschrift baute Erwin noch 1316 die später abgebrochene Marienkapelle im Innern des Münsters, desgleichen wird ihm das Grabmal des Bischofs Konrad III. von Lichtenberg in der Johanneskapelle des Münsters zugeschrieben.

Abgesehen vom Straßburger Münster war Erwin auch an anderen Kirchenbauten der Zeit tätig. Nach älterer Auffassung wurde ihm der Ostbau der 1269 „von einem gerade aus Paris gekommenen Baumeister nach französischem Muster“ begonnenen Stiftskirche zu Wimpfen im Tal zugeschrieben[4]. Eine in Straßburg erhaltene Grundrisszeichnung der 1289 begonnenen Wernerkapelle von Bacharach verweist – wie auch die verwendeten architektonischen Details – auf die Münsterbauhütte in Straßburg als Entstehungsort der Planung und damit auf Erwin von Steinbach als ihren Planverfasser.[5]

Einer späteren Chronik zufolge stammte die Erstplanung für das Münster zu Thann von Erwin, indem der grundgelehrte und fürnemme Baumeister Erwinus oder Erwein von Steinbach, welcher den Straßburger und Freyburger Kirchenbau geführet, den Riß gemacht zu S. Theobaldi Münster.[6] Allerdings gedieh der 1275 begonnene Bau nicht über seine Anfänge hinaus, seine Reste wurden 1332 beim Neubau der Kirche wieder beseitigt. Der für Thann vorgesehene Erwinsche Entwurf einer Zentralbaukirche ist lediglich in einer Planzeichnung überliefert. Für das Breisacher Stephansmünster konnte eine dreiteilige Chorplanung Erwins nachgewiesen werden, die aber nur in reduzierter Form zur Ausführung kam.[7]

Durch umfassende Vergleiche aller überlieferten gotischen Baurisse konnte inzwischen die bereits im 19. Jahrhundert vertretene und durch die ältere Thanner Chronik belegte Beteiligung Erwins von Steinbach auch am Freiburger Münsterturm wahrscheinlich gemacht werden.[8]

NachlebenBearbeiten

Der in der (verlorenen) Bauinschrift von 1277 überlieferte Name Erwins von Steinbach war in der Straßburg-Literatur immer bekannt.[9] Johann Wolfgang von Goethe widmete ihm seinen Aufsatz Von deutscher Baukunst, in dem er ihn als einen heiligengleicher Genius beschrieb.[10] In gleicher Weise stellte ihn auch Jacob Burckhardt in seinen (1904 postum veröffentlichten) Vorlesungen auf gleiche Stufe mit Michelangelo.[11] Kritik an diesem Erwin-Bild wurde von dem Straßburg Straßburger Professor für Christliche Kunstgeschichte Franz Xaver Kraus geübt, indem „kein Architekt des 13. Jahrhunderts sich an der Façade eines Doms eine solche Ruhmrederei hätte gestatten dürfen“.[12] In der Folgezeit wurde die Person Erwins zunehmend skeptisch beurteilt und namentlich seitens der französischen Forschung in den Bereich des Mythos verwiesen.[13] Demgegenüber hielt die deutsche Forschung – wenngleich oft mit Einschränkungen – an der Historizität der Person Erwins von Steinbach fest (siehe Literaturverzeichnis). Erst in jüngster Zeit ist eine von nationalen Ressentiments freie Betrachtung möglich geworden.

BedeutungBearbeiten

Als Straßburger Münsterbaumeister war Erwin entscheidend für die Rezeption der Architektur der französischen Hochgotik des Style Rayonnant, dessen aus komplizierten Maßwerkformen bestehenden Gestaltungsmodus er verfeinerte und weiterentwickelte. Paradigmatisch ist die „Harfensaitenbespannung“ der Straßburger Münsterfassade wie auch die auf seinen Entwurf zurückgehende vollständige Auflösung des Turmhelms des Freiburger Münsterturms in Maßwerkformen. Das Straßburger Rosenfenster und der Freiburger Maßwerkhelm übten einen wesentlichen Einfluss auf die gotische Architektur im 14. Jahrhundert aus, und auch die Kölner Domfassade verdankt ihre wesentlichen Gestaltungselemente der Kunst Erwins.[14] Mit dem (erst sehr viel später vollendeten) Zentralbau der Wernerkapelle von Bacharach beschritt Erwin in raumgestalterischer Hinsicht Neuland.

EhrungenBearbeiten

Am 28. September 1843 wandte sich der Straßburger Bildhauer Andreas Friedrich an den Bürgermeister der Stadt Steinbach und bat um die Erlaubnis, ein Denkmal für Meister Erwin zu errichten. Er kam nach Steinbach und kaufte ein Grundstück für das Standbild, das er selbst herstellte. Am 29. August 1844 wurde das Denkmal enthüllt. Es trägt die Inschrift „Dem Erbauer des Straßburger Münsters Erwin geboren zu Steinbach gestorben zu Straßburg MCCCXVIII“. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich später herausstellte, dass das Denkmal von der Loge der Freimaurer gestiftet worden war. Diese betrachten Meister Erwin als den Gründer der Laienverbrüderung der Bauhütte des Straßburger Münsters, die nur dem König oder Kaiser unterstand. In dieser Laienverbrüderung sehen sie eine der Wurzeln ihrer Loge.

Eine Büste Erwin von Steinbachs von Landolin Ohmacht wurde 1811 in der Walhalla aufgestellt.

In die Fassade der Dresdner Akademie der Künste ist eine Steintafel mit seinem Namen neben denen neun weiterer großer Künstler eingelassen.

Der Eingang des Hauptgebäudes der Universität Karlsruhe (Kaiserstraße 12) trägt zwei Portalfiguren, die 1864 von Alois Raufer geschaffen wurden. Eine zeigt Erwin von Steinbach, die andere Johannes Kepler.

Im Freiburger Stadtteil Wiehre ist die Erwinstraße nach Erwin von Steinbach benannt.

In Steinbach, einem Stadtteil von Baden-Baden ist die Meister-Erwin-Straße nach ihm benannt.

In Bühl (Baden) gibt es ebenfalls eine Meister-Erwin-Straße.

Ein Erwin-von-Steinbach-Weg existiert in München.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Johann Josef Böker: Erwin von Steinbach – Ein Baumeister der europäischen Gotik. In: Die Ortenau. Zeitschrift des Historischen Vereins für Mittelbaden Bd. 99, 2019.
  • Ulrich Coenen: Meister Erwin von Steinbach. Versuch einer Biografie. In: Bühler Heimatgeschichte. 6. 1992, S. 20–29.
  • Heinrich Klotz: Der Name Erwins von Steinbach. In: Studien der Erwin-von-Steinbach-Stiftung. Bd. 1. 1965, S. 9–22.
  • Heinrich Klotz: Der Ostbau der Stiftskirche zu Wimpfen im Tal. Zum Frühwerk des Erwin von Steinbach, München 1967 (Diss.)
  • Rudi Liebich: Meister Erwin von Steinbach, in: Zur Stadtgeschichte von Steinbach. Hrsg. v. Arbeitskreis für Stadtgeschichte Baden-Baden. Baden-Baden 1978, S. 202.
  • Reinhard Liess und Andrea Köpke: Zur ehemaligen Erwin-Inschrift von 1277 an der Westfassade des Straßburger Münsters. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins Bd. 137 (NF Bd. 98). 1989, S. 105–173.
  • Reinhard Liess: Der Riss A1 der Straßburger Münsterfassade im Kontinuum der Entwürfe Magister Erwins. In: Kunsthistorisches Jahrbuch Graz 21, 1985, S. 47–121.
  • Reinhard Liess: Der Riss B der Straßburger Münsterfassade: Eine baugeschichtliche Revision. In: Orient und Okzident im Spiegel der Kunst. Festschrift Heinrich Gerhard Franz zum 70. Geburtstag. (Forschungen und Berichte des Institutes für Kunstgeschichte der Karl-Franzens-Universität Graz Bd. 7). Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz, 1986: 171–202. ISBN 978-3-201-01296-6.
  • Heinz Rudolf Rosemann: Erwin von Steinbach. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 636 f. (Digitalisat).
  • Alfred WoltmannErwin von Steinbach. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 6, Duncker & Humblot, Leipzig 1877, S. 332–334.
  • Reinhard Wortmann: Der Westbau des Straßburger Münsters und Meister Erwin. In: Bonner Jahrbuch des Rheinisches Landesmuseums in Bonn. Bd. 169, 1969, S. 290–318.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Philippe-André Grandidier: Essais historiques et topographiques sur l’église Cathédrale de Strasbourg. Straßburg 1782, S. 41.
  2. Reinhard Liess und Andrea Köpke: Zur ehemaligen Erwin-Inschrift von 1277 an der Westfassade des Straßburger Münsters. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins Bd. 137. NF Bd. 98. 1989, S. 105–173. ISSN 0044-2607.
  3. Jean-Sébastien Sauvé: Notre-Dame de Strasbourg: les façades gothiques. (Studien zur Kunstgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Band 10). Korb, 2012.
  4. Heinrich Klotz: Der Ostbau der Stiftskirche zu Wimpfen im Tal. Zum Frühwerk des Erwin von Steinbach (Kunstwissenschaftliche Studien, Band 39). München, 1967
  5. Julian Hanschke: Zwei mittelalterliche Baurisse der Wernerkapelle in Bacharach. In: INSITU. Zeitschrift für Architekturgeschichte 3, 2011, S. 149–160.
  6. Malachias Tschamser. Annales oder Jahrs-Geschichten der Baarfüseren oder Minderen Brüder S. Franc. ord. insgemein Conventualen genannt, zu Thann. Colmar 1864, S. 173.
  7. Anne-Christine Brehm: Baumeister und Baugeschichte des Breisacher Münsters. Unser Münster (Münsterbauverein Breisach), Sonderheft 47, 2012, S. 2–23.
  8. Johann Josef Böker und Anne-Christine Brehm: Die gotischen Architekturzeichnungen des Freiburger Münsterturms. In: Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): Das Freiburger Münster. Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2011, S. 323–327. ISBN 978-3-7954-1685-0; Johann Josef Böker, Anne-Christine Brehm, Julian Hanschke und Jean-Sébastien Sauvé: Die Architektur der Gotik: Die Rheinlande. Müry Salzmann Verlag, Salzburg 2013, Nr. 24. ISBN 978-3-99014-064-2
  9. Jakob Wimpfeling: Argentinensium Episcoporum Cathalogus. Straßburg 1504, hier zitiert nach der Ausgabe Straßburg 1651, S. 41.
  10. Ernst Beutler: Goethes Hymnus auf Erwin von Steinbach. Seine Entstehung und Wirkung (= Freies Deutsches Hochstift, Reihe der Vorträge und Schriften, Bd. 4). München 1943; Harald Keller: Goethes Hymnus auf das Straßburger Münster und die Wiederentdeckung der Gotik im 18. Jahrhundert, 1772/1972 (Bayerische Akademie der Wissenschaften, phil.-histor. Klasse, Sitzungsberichte, Heft 4). München 1974.
  11. Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Paderborn 2015, S. 170.
  12. Franz Xaver Kraus: Kunst und Alterthum in Elsass-Lothringen. Beschreibende Statistik. Bd. 1: Unter-Elsaß. Straßburg 1876, S. 363f.
  13. Roland Recht: Le mythe romantique d’Erwin de Steinbach. In: L’information de l’histoire de l’art 15, 1970, S. 38–45; Robert Will: Les inscriptions disparues de la Porta sertiorum et le mythe d’Erwin de Steinbach. In: Bulletin de la Cathédrale de Strasbourg 14, 1980, S. 13–20; J. M. Geyer: Le mythe d’Erwin de Steinbach. In: Les batisseurs des cathédrales gothiques. Straßburg 1989, S. 322–329; Roger Lehni: Le mythe d’Erwin de Steinbach avant Goethe. In: Bulletin de la Cathédrale de Strasbourg 23, 1997, S. 91–106.
  14. Marc Steinmann: Die Westfassade des Kölner Domes. Der mittelalterliche Fassadenplan F (Forschungen zum Kölner Dom, Bd. 1). Köln, 2003, S. 119–127; Johann Josef Böker: Michael von Savoyen und der Fassadenplan des Kölner Domes. Köln, 2018, S. 145–148.
  15. Die Gesellschaft publizierte mindestens bis 2002 eine Schriftenreihe „Der Westen“, mit zusätzlichen Beiheften, z. B. 11 Beihefte von 1978 bis 1992, zeitweise Verlag Pfaehler, Neustadt an der Saale, sowie Filderstadt; dann Eigenverlag mit der Ortsbezeichnung Uhingen. Ferner gab es „Mitteilungsblätter“ der Gesellschaft ab 1973.