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Ernst Lindemann (Marineoffizier)

deutscher Marineoffizier, zuletzt Kapitän zur See und Kommandant der Bismarck im Zweiten Weltkrieg

LebenBearbeiten

Kaiserliche MarineBearbeiten

Lindemann, Sohn des Präsidenten der Preußischen Central-Bodenkredit AG Ernst Lindemann, trat am 1. April 1913 als Seekadett in die Kaiserliche Marine. Nach der einmonatigen Grundausbildung an der Marineschule Mürwik wurde er zur seemännischen Ausbildung auf den Großen Kreuzer SMS Hertha versetzt. Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebte der inzwischen zum Fähnrich zur See beförderte Lindemann an Bord des alten Linienschiffes SMS Lothringen, wo er zunächst als III., dann als II. Funkoffizier diente. Am 18. September 1915 erfolgte seine Beförderung zum Leutnant zur See. Am 19. März 1916 wurde er als Funkoffizier auf das gerade in Dienst gestellte Linienschiff SMS Bayern versetzt. An Bord der Bayern nahm er an der Eroberung der Baltischen Inseln im Oktober 1917 teil. Das Schiff erhielt während der Unternehmung einen Minentreffer, führte die Küstenbeschiessung durch und musste anschließend beschädigt nach Kiel zurückkehren.

Nach dem Waffenstillstand wurde die Bayern im Rahmen des Internierungsverbandes des Konteradmirals Ludwig von Reuter im November 1918 in den britischen Flottenstützpunkt Scapa Flow überführt. Lindemann erlebte die Selbstversenkung seines Schiffes am 21. Juni 1919 nicht mit, da er bereits im Januar 1919 nach Deutschland zurückgekehrt war.

ReichsmarineBearbeiten

Nach seiner Rückkehr wurde Lindemann in den Admiralstab nach Berlin kommandiert, wo er im Marinekommandoamt und als Adjutant in der Flottenabteilung diente. Am 7. Januar 1920 wurde er zum Oberleutnant zur See befördert. Vom 1. Oktober 1922 bis zum 30. September 1924 war er Wach- und Divisionsoffizier auf dem Linienschiff Hannover. Am 1. Oktober 1924 übernahm Lindemann die 1. (Artillerie) Kompanie der Küstenwehrabteilung III in Kiel/Friedrichsort als Kompanieführer. Seit einem Lehrgang an der Schiffsartillerie-Schule in Kiel (5. Februar 1924–3. Mai 1924) spezialisierte sich Lindemann immer mehr auf die Artillerie, nachdem bis dahin sein Fachgebiet eher das Funk- und Fernsprechwesen gewesen war.

Am 1. Januar 1925 wurde Lindemann zum Kapitänleutnant befördert. Mit dem Herbststellenwechsel 1926 wurde er als Admiralstabsoffizier für drei Jahre zur Marinestation der Ostsee versetzt. Danach war er einige Monate II. Artillerieoffizier und Fähnrichsoffizier auf dem Linienschiff Elsass. Ende Februar 1930 wechselte er in gleicher Funktion auf das Linienschiff Schleswig-Holstein. Vom 22. September 1931 bis zum 22. September 1933 war er Lehrer an der Schiffsartillerie-Schule in Kiel. In dieser Dienststellung erfolgte am 1. April 1932 seine Beförderung zum Korvettenkapitän.

Ab Herbst 1933 war Lindemann als I. Artillerieoffizier auf dem Linienschiff Hessen. Im April 1934 wurde er zur Marinewerft Wilhelmshaven zur Baubelehrung als I. Artillerieoffizier auf das neue Panzerschiff Admiral Scheer versetzt. Während seiner Zeit an Bord wurde dieses Schiff erstmals vom 24. Juli bis 30. August 1936 im Spanischen Bürgerkrieg eingesetzt.

KriegsmarineBearbeiten

Nach der Rückkehr aus Spanien wurde Lindemann, seit dem 1. Oktober 1936 Fregattenkapitän, zunächst in die Operationsabteilung im Marinekommandoamt versetzt; zeitgleich war er Referent in der Marineausbildungsabteilung. Nach 18 Monaten übernahm er als Chef die Marineausbildungsabteilung (A IV) und wurde am 1. April 1938 zum Kapitän zur See befördert.

Etwa einen Monat nach Beginn des Zweiten Weltkriegs trat Lindemann die Nachfolge von Kapitän zur See Heinrich Woldag als Kommandeur der Schiffsartillerie-Schule (SAS) in Kiel-Wik an. Neben den drei Ausbildungsabteilungen unterstanden dem Kommandeur der Schule auch die Artillerieschulschiffe Bremse und Hektor, zahlreiche Artillerieschulboote, Artillerieträger, Hilfsfahrzeuge und zeitweise auch der Aviso Grille.

Lindemann kam Ende Juli 1940 zur Baubelehrung auf das Schlachtschiff Bismarck nach Hamburg. Am 24. August 1940 stellte er als Kommandant das Schiff in Dienst. Er ging mit ihm am 27. Mai 1941 unter, nachdem die Bismarck von den britischen Schlachtschiffen HMS King George V, HMS Rodney, den Schweren Kreuzern HMS Norfolk und HMS Dorsetshire zum Wrack geschossen worden war. Es gibt verschiedene Berichte, wie Lindemann sich während des Untergangs der Bismarck verhielt. Der ranghöchste Überlebende der Bismarck, Kapitänleutnant Burkard Freiherr von Müllenheim-Rechberg erinnerte, dass der eine Schwimmweste tragende Lindemann, wenige Minuten vor 08.30 Uhr am 27. Mai 1941, resigniert und abwesend wirkend, auf der Brücke gestanden habe. Der Artillerieoffizier v. Müllenheim beschrieb dies in seinen Erinnerungen, die er im Alter von 80 Jahren veröffentlichte. Dort erinnert er auch, dass Lindemann in den Abendstunden des 26. Mai 1941, mit verschiedenen Manövern immer wieder versucht habe, mit der Bismarck Richtung Osten abzulaufen, um Schiff und Mannschaft in relative Sicherheit zu bringen, was letztlich erfolglos war.[1] Andere Berichte schildern, dass Lindemann in den letzten Minuten vor dem Untergang von der Brücke auf das Oberdeck bis zum vordersten Punkt der Back gegangen sei. Während der Bug unter ihm versank, habe er militärisch salutiert.[2]

Am 27. Dezember 1941 wurde Lindemann postum mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet, in Anerkennung seiner Leistung bei der Versenkung des britischen Schlachtkreuzers HMS Hood und der Beschädigung des britischen Schlachtschiffes HMS Prince of Wales am 24. Mai 1941 im Gefecht in der Dänemarkstraße.[3] Lindemann hatte während des Gefechts eigenmächtig Feuererlaubnis für die Bismarck erteilt und dabei seinen Vorgesetzten, den Admiral Günther Lütjens, übergangen. Lütjens nahm diese Insubordination widerspruchslos hin.[4]

Das Familiengrab auf dem Friedhof Dahlem wurde mit einem Gedenkeintrag für Ernst Lindemann ergänzt.

Heldengedenken bis 1945Bearbeiten

Lindemanns Tod im Gefecht wurde während der Zeit des Nationalsozialismus als vorbildhaft angesehen. Nach ihm wurde die Batterie Lindemann benannt, die Teil des Atlantikwalls war, der die erwartete Invasion der Alliierten in Westeuropa abwehren sollte. Die Batterie war mit den 40,6-cm-Geschützen der nicht fertiggestellten Schlachtschiffe der H-Klasse ausgerüstet und zählte zu den stärksten der Befestigungsanlage.

 
Eines der für die H-Klasse gefertigten 40,6-cm-Geschütze in Einzellafette im Atlantikwall (1944). Die enormen Abmessungen der Waffe werden im Vergleich mit den umstehenden Personen deutlich.

AuszeichnungenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Jens Grützner: Kapitän zur See Ernst Lindemann – der Bismarck-Kommandant. VDM Heinz Nickel, Zweibrücken, 2010, ISBN 978-3-86619-047-4.
  • Burkard von Müllenheim-Rechberg: Schlachtschiff Bismarck 1940/41 – Der Bericht eines Überlebenden. Ullstein, 1980, ISBN 3-550-07925-7.
  • Burkard von Müllenheim-Rechberg: Schlachtschiff Bismarck – Ein Überlebender in seiner Zeit. Ullstein, 1992, ISBN 978-3-550-07658-9.
  • Burkard von Müllenheim-Rechberg: Schlachtschiff Bismarck. Ein Überlebender berichtet vom Glanz und Untergang der Bismarck am 27. Mai 1941. Flechsig Verlag, Würzburg, 2005, ISBN 978-3-88189-591-0.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Ernst Lindemann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen und EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Deutsches Marine Institut mit Unterstützung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes: Der Marineoffizier als Führer im Gefecht – Vorträge auf der Historisch-Taktischen Tagung der Flotte 1983, Mittler Verlag 1984, S. 130.
  2. Holger Afflerbach: Mit wehender Fahne untergehen. S. 609 in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 49, H. 4, 2001, S. 595–612, ISSN 0042-5702
  3. Bereits zuvor hatte der I. Artillerieoffizier der Bismarck, Korvettenkapitän Adalbert Schneider, wenige Stunden vor dem Untergang des Schiffes die gleiche Auszeichnung erhalten.
  4. Burkard Freiherr von Müllenheim-Rechberg: Schlachtschiff Bismarck, Flechsig Verlag 2005, S. 120.
  5. a b c Rangliste der Deutschen Reichsmarine, Hrsg.: Reichswehrministerium, Mittler & Sohn, Berlin 1932, S. 44