Epitaph für ein Schwein (Edessa)

Das Epitaph für ein Schwein ist eine Grabstein des 2./3. Jahrhunderts n. Chr., der im Jahr 1970 in Edessa in Nordgriechenland gefunden wurde. Das Stück gehört wahrscheinlich zu den seltenen Tiergrabsteinen aus römischer Zeit.

Kopie des Epitaphs in Edessa

Bildbeschreibung und InschriftBearbeiten

Das Bildfeld des Steins ist von einer Inschrift in Altgriechisch gerahmt. Auf dem Bild ziehen vier Maultiere einen vierrädrigen Transportwagen mit einer Last. Der Untergrund fällt zur rechten Seite hin ab. Den Wagen steuert ein in ein Kukulle gekleideter Mann. Vor den Beinen der Maultiere steht ein Schwein, ein weiteres liegt oder sitzt dahinter. Die Inschrift lautet:

χοῖρος ὁ πᾶσι φίλος,
τετράπους νέος,
ἐνθάδε κεῖμαι
Δαλματίης δάπεδον προλιπὼν
δῶρον προσενεχθείς
καὶ Δυρράχιν δὲ ἐπάτησα
Ἀπολλωνίαν τε ποθήσας
καὶ πᾶσαν γαίην διέβην
ποσὶ μοῦνος ἄλιπτος
νῦν δὲ τροχοῖο βίῃ
τὸ φάος προλέλοιπα
Ἠμαθίην δὲ ποθῶν
κατιδεῖν φαλλοῖο δὲ ἅρμα
ἐνθάδε νῦν κεῖμαι
τῷ θανάτῳ μηκέτ’ ὀφειλόμενος

In deutscher Übersetzung (nach Mindt S. 239): Ein von Allen geliebtes Schwein, ein junger Vierbeiner, hier liege ich, nachdem ich als Geschenk den Boden Dalmatiens verlassen hatte. Ich ging, wie ich gewollt hatte, nach Dyrrachium und Apollonia. Ich durchquerte das ganze Land zu Fuß, allein, unermüdlich. Aber als Opfer eines Rades habe ich jetzt, der ich Emathia und den phallischen Wagen sehen wollte, das Licht verloren. Hier liege ich nun und schulde nichts mehr dem Tod.

DeutungenBearbeiten

 
Die auf dem Grabstein genannten Stationen beginnen in Dyrrachium an der Adriaküste links

Der Stein wurde wahrscheinlich für ein Schwein gesetzt, das bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Vielleicht wird dies auch in dem Bild thematisiert, das liegende Schwein wäre dann das unter die Räder gekommene Unfallopfer. Die beschriebenen Orte zeichnen seine Reiseroute auf der Via Egnatia nach. Diese führte über mehr als 200 km von der Küste der Adria mit einem Abstecher nach Apollonia bis zum Ort seines Ablebens in Edessa.

Es ist nicht geklärt, warum das Schwein überhaupt einen Grabstein gesetzt bekommen hat. Die Kosten eines Grabsteins für ein Tier, selbst ein geliebtes Haustier, haben die Besitzer in der Antike offenbar nur selten und in besonderen Fällen aufgebracht. Diskutiert wird, ob sein Reiseziel eine Kulthandlung des Dionysos in Emathia gewesen sei, bei der das Schwein geopfert werden sollte. Im Rahmen solcher Handlungen wurden Umzüge veranstaltet, bei denen ein überdimensionaler Phallus auf einem Wagen mitgeführt wurde (phallica). In diesem Fall wäre aber zu fragen, warum das Tier den Umweg über Apollonia (vgl. Karte) genommen haben sollte.

Eine alternative Erklärung geht davon aus, dass das Schwein dem anonym bleibenden Fahrer des Wagens gehörte und, wie in der Inschrift angegeben, dessen beliebter Reisebegleiter gewesen ist. Welchen Grund diese Beliebtheit gehabt haben könnte, wird auf dem Grabstein allerdings nicht gesagt. Eine hypothetische Möglichkeit wäre, dass das Tier Kunststücke beherrschte. Dressierte Schweine werden in der antiken Literatur in der Cena Trimalchionis des römischen Schriftstellers Petron erwähnt. Aus der Antike sind einige wenige Grabsprüche für Tiere überliefert, etwa für Hunde, aber auch etwa für einen Delfin. Zusätzlich sind aus römischer Zeit auch eigenständige Tiergräber bekannt, die mit Beigaben ausgestattet worden sind. Dabei handelt es sich also sicher nicht um eine Entsorgung von Kadavern. Von Tiergräbern müssen tierische Überreste unterschieden werden, die als Speisebeigaben in menschlichen Bestattungen gefunden werden.

In Teilen der Forschung wird bezweifelt, dass es sich um einen Grabstein für ein Schwein, also um die oberirdische Kennzeichnung einer Tierbestattung handelt. Stattdessen wird erwogen, ob es das Grab eines Freigelassenen mit dem sprechenden Namen χοῖρος, also "Schwein", gewesen ist. Von diesem Wortstamm abgeleitete griechische Personennamen sind zwar bekannt. Allerdings weist die Inschrift eindeutig auf das Grab eines Vierbeiners, nicht eines Menschen.

SonstigesBearbeiten

Das fiktive Testament des Ferkels Marcus Grunnius Corocotta, das Testamentum porcelli, gibt auch eine Anweisung zur Gestaltung von dessen Grabstein.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Georges Daux: Epitaphe métrique d’un jeune porc, victime d’un accident. In: Bulletin de correspondance hellénique 94, 1970, S. 609–618.
  • Guntram Koch: Zum Grabrelief der Helena. In: The J. Paul Getty Museum Journal 12, 1984, S. 59–72.
  • Nicolas Nilolaou: Le cochon d'Édesse. In: Revue des Études Grecques 98, 1985, S. 147–152 (Digitalisat).
  • Nina Mindt: Rede toter Tiere in antiken Epigrammen und im Culex. In: Hedwig Schmalzgruber (Hrsg.): Speaking Animals in Ancient Literature. Heidelberg 2020, S. 207–251 (Digitalisat).

WeblinksBearbeiten