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Elsa Koditschek geb. Schleifer (29. Februar 1884 in Steyr1961 in der Schweiz) war eine österreichische Überlebende der Shoa, die sich während des NS-Regimes in Wien verstecken konnte. Sie war Besitzerin von Schieles Dämmernde Stadt aus dem Jahr 1913, mutmaßlich das einzige Gemälde, welches sie erwarb.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Elsa Schleifer war ein Einzelkind. Über ihren Lebensweg ist nur wenig überliefert. Ihre Eltern waren Rafael Schleifer und Therese geb. Gans. Sie heiratete Siegfried Koditschek, Bankier, angestellt bei der hoch angesehenen k. k. privilegierten Österreichischen Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe. Im Jahr 1911 starb ihr Vater in Wien.

 
Villa in der Erzbischofgasse

Im selben Jahr ließ ihr Ehemann eine dreistöckige Villa in der Erzbischofgasse in Hietzing für die Familie errichten. Architekt war Theodor Schreier (1873–1943). Das Paar hatte zwei Kinder: Paul, geb. 1911, und Hedy, geb. 1913. Im August 1925 starb überraschend der Ehemann und Vater im Alter von nur 48 Jahren infolge eines Schlaganfalles. Der Parte ist zu entnehmen, dass Siegfried Koditschek zuletzt als I. Oberbuchhalter-Stellvertreter der Credit-Anstalt tätig war. Die Witwe erzog und versorgte mit Hilfe ihrer Mutter die beiden Kinder und ermöglichte ihnen ein Studium.[1] Wir wissen, dass sich Elsa Koditschek für Kunst interessierte. Im Herbst 1928 besuchte sie die Gedächtnisausstellung anlässlich des zehnten Todestages von Egon Schiele, veranstaltet vom Hagenbund und der Neuen Galerie. Sie war vom Gemälde Dämmernde Stadt begeistert, erwarb es und ließ es im Speisezimmer ihrer Villa aufhängen, über dem Klavier. Dort hing es noch zumindest bis 1939.

 
Dämmernde Stadt von Egon Schiele

Nach der Annexion Österreichs durch Hitler-Deutschland im März 1938 flüchteten die Kinder aus Österreich. Paul, inzwischen Anwalt, ging in die USA, Hedy in die Schweiz. Ihr Sohn heiratete Leah geb. Kuselewitz (1917–1984), die beiden hatten zwei Kinder. Elsa Koditschek blieb in Wien, denn sie wollte ihrer inzwischen 84-jährigen Mutter die Strapazen einer Flucht nicht zumuten. Das Vermögen der Familie war längst verbraucht, für den kargen Lebensunterhalt mussten Zimmer vermietet werden. Sie gewährte auch Freunden Unterschlupf. Eine ihrer Mieterinnen war Sylvia Kosminski, bald „Tante Sylvia“ genannt, die in der Bel étage eingezogen war. Im August 1940 erhielt Elsa Koditschek die amtliche Anordnung ihre Wohnung im Untergeschoss der Villa binnen 14 Tagen zu räumen. Ihre Mutter musste in der Folge in ein Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde übersiedeln. Elsa Koditschek selbst blieb ein Kabinett, das sie als Untermieterin ihrer bisherigen Mieterin Kosminski nutzte. Das langjährige Familiendomizil der Koditscheks wurde schließlich von SS-Scharführer Herbert Gerbing und dessen Familie bezogen, einem langjährigen NSDAP-Mitglied, damals Mitarbeiter von Adolf Eichmanns Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien.[2] Ihre Mutter starb zehn Tage nach der Übersiedlung in das Heim, sie selbst wurde, wenn der SS-Scharführer Gerbing ein Anliegen die Villa betreffend hatte, jeweils ins Palais Rothschild beordert, in die Dienststelle Gerbings.

Als sie im Oktober 1941 eine Aufforderung zur „Übersiedlung“ nach Litzmannstadt bekam, ersuchte sie den SS-Mann um Aufschub. Er schilderte ihr die Lebensumstände im dortigen Ghetto „in den rosigsten Tönen“ und lehnte den Antrag ab. Daraufhin tauchte sie auf den Rat von Freunden in die Illegalität unter.[3] Sie fand vorerst bei einem befreundeten Ehepaar Unterschlupf. Sie durfte sich den Fenstern nicht nähern. Wenn Besuch kam, musste sie sich zwischen einem Kasten und einer Kleidertruhe verstecken. War das Ehepaar abends außer Haus, durfte sie kein Licht anschalten. Eineinhalb Jahre lang konnte sie diese Wohnung kaum verlassen, einige wenige Spaziergänge waren nur in den frühen Morgenstunden möglich.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wurde sie verraten. Nur mit Mut und einigem Glück konnte sie am 25. Juni 1943 bei der Hausdurchsuchung einer Verhaftung entkommen. Die Freundin, die ihr Unterschlupf gewährt hatte, wurde verhaftet und in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Sie konnte das NS-Regime überleben.

Elsa Koditschek konnte ebenfalls überleben. Sie kehrte heimlich in die Villa in der Erzbischofgasse zurück, beherbergt von Tante Sylvia, die inzwischen den Schiele, das Mikroskop des Sohnes und andere Wertsachen veräußert hatte. An wen, wusste man nicht. Die Gestapo sucht nach Elsa Koditschek und kam allerdings nicht auf den Gedanken, dass sie sich im eigenen Hause verstecken könnte. Das ganze Jahr 1944 verbrachte sie als unbezahlte Haushaltsgehilfin ihrer früheren Mieterin, versteckt im vormals eigenen Haus, nur einen Stock über einem SS-Mann lebend, der u. a. den Wiener Juden im Rahmen der verharmlosend Endlösung genannten Verfolgung nach dem Leben trachtete. Herbert Gerbing war in der Zeit selbst nur selten in Wien, da er mit den Deportationen von Juden aus der Slowakei, Griechenland und Frankreich beauftragt war. Wenn er aber in Wien weilte, konnte Frau Koditschek hinter Vorhängen versteckt ihn im Kreise seiner Familie im Garten scherzen sehen. Sie musste auch zusehen, wie Zwangsarbeiter mit dem Judenstern Möbel anlieferten oder den Garten bestellten. Die Gefahr im Stock unter ihr und im Garten verminderte sich, als am Ostermontag 1944 Frau Gerbing mit den Kindern fluchtartig die Stadt verließ.

Doch nunmehr musste die versteckt lebende Jüdin die Luftangriffe auf Wien fürchten, die von März 1944 bis März 1945 insgesamt neuntausend Bewohnern Wiens —trotz Luftschutzkellern— das Leben kosteten. Sie selbst durfte in keinen Bunker flüchten, weil sie dort von Nachbarn als Jüdin erkannt worden wäre. Elsa Koditschek überlebte das NS-Regime. Sie verließ in der für sie entbehrungsreichen Nachkriegszeit das zerstörte Wien und zog zu ihrer Tochter in die Schweiz. Ihr Schiele-Bild sah sie nie wieder. Sie starb 1961. Ihre Retterin und Freundin, die von den Kindern „Tante“ genannt wurde, überlebte sie.

Die Bestattung von Elsa Koditschek erfolgte am 5. Juni 1961 im Urnenhain der Feuerhalle Simmering. Die Urne steht dort neben der ihres Ehemannes in der Abteilung 1, Ring 2, Gruppe 6, Nummer 12. Das Grabnutzungsrecht besteht auf Friedhofsdauer.[4]

Dämmernde StadtBearbeiten

Egon Schiele malte die Dämmernde Stadt im Jahr 1913, fallweise auch Die kleine Stadt II genannt.[5] Es wurde im September 1950 im Wiener Dorotheum vom bekannten Schiele-Sammler Viktor Fogarassy (1897–1977) rechtmäßig und guten Glaubens ersteigert und befand sich schließlich im Besitz seiner Erben. Im Zuge einer Privatrestitution gelangt das Gemälde am 12. November 2018 bei Sotheby’s in New York zur Versteigerung.[1] Eine Vereinbarung sieht vor, den absehbar hohen Erlös zwischen den Erben nach Elsa Koditschek und nach Viktor Fogarassy aufzuteilen.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Olga Kronsteiner: Warum die Versteigerung dieses Gemäldes von Egon Schiele eine Sensation ist, Der Standard (Wien), 5. Oktober 2018
  2. Yad Vashem: Gerbing Herbert, Staff member of Zentralstelle für jüdische Auswanderung, organzied deportations of Jews from Austria, Germany, Slovkia, Greece and France, abgerufen am 6. Oktober 2018
  3. Juden, die zur Zeit des NS-Regimes untertauchten, um sich vor der Deportation zu retten, wurden auch als U-Boot bezeichnet. Dies erklärt die Begriffe in diesem Zusammenhang, die nicht als Verharmlosung zu verstehen sind.
  4. Friedhöfe Wien: Verstorbenensuche Elsa Koditschek, abgerufen am 12. November 2018
  5. Da es ein zweites Bild gleicher Größe aus demselben Jahr gibt, besteht die Gefahr der Verwechslung. Das andere Bild wird vom Leopold Museum wie folgt beschrieben: „Die kleine Stadt“ II, auch „Kleine Stadt“ III, ̈l auf Leinwand (aus zwei Teilen zusammengenäht), 1913 89,9 x 90 cm, siehe Provenienzbeschreibung, abgerufen am 6. Oktober 2018