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Eisenbahnunfall auf der Storebæltsbroen

Eisenbahnunfall in Dänemark im Januar 2019
Karte; der Unfall ereignete sich auf der Westbrücke
Fahrbahn auf der Westbrücke, Richtung ONO, im Hintergrund die Hochbrücke

Bei dem Eisenbahnunfall auf der Storebæltsbroen stießen am Morgen des 2. Januar 2019 auf der Westbrücke der Storebæltsbroen Teile der Ladung eines Güterzugs, die sich aus ihrer Verankerung gelöst hatte, mit einem Personenzug der Dänischen Staatsbahnen zusammen. Acht Menschen starben, 16 wurden darüber hinaus verletzt. Es handelt sich um den schwersten Eisenbahnunfall in Dänemark seit dem Eisenbahnunfall von Sorø am 25. April 1988.[1]

Inhaltsverzeichnis

AusgangslageBearbeiten

InfrastrukturBearbeiten

Die Eisenbahn- und Straßenbrücke Storebæltsbroen zwischen Fünen und Sprogø quert den Westteil des Großen Belt. Die Bahnstrecke ist zweigleisig und elektrifiziert. Die Brücke ist mit zwei Windmessstellen ausgestattet.[2]

ZügeBearbeiten

Der Fernverkehrszug ICL 210[3] befand sich auf dem Weg von Aarhus H nach Kopenhagen Flughafen. Er war aus zwei Garnituren der Baureihe MG (IC 4) gebildet. In dem Zug befanden sich 131 Reisende und drei DSB-Mitarbeiter. Kurz vor dem Unfall war er auf die Westbrücke der Storebæltsbroen aufgefahren.

In der Gegenrichtung war als Ganzzug der Güterzug 9233 von DB Cargo Scandinavia von Høje Taastrup nach Fredericia unterwegs. Der Zug wurde von einer Traxx-Lokomotive gezogen und bestand im Übrigen aus Doppeltaschenwagen, die Sattelauflieger geladen hatten, die wiederum mit Leergut der Brauerei Carlsberg beladen oder leer unterwegs und damit relativ leicht waren. Der Zug ist auch als Øltog[Anm. 1] bekannt. Er war mit etwa 100 km/h unterwegs.[2]

WetterlageBearbeiten

Es herrschte heftiger Wind aufgrund des Sturmtiefs Alfrida.[Anm. 2] Im Bereich der Brücke herrschten Sturmböen mit einer Windgeschwindigkeit von 20–21 m/s (ca.: 75 km/h). Deshalb war auf der parallelen Straße bereits seit dem Vorabend der Lkw-Verkehr und seit dem Morgen auch der Pkw-Verkehr eingestellt worden.[2]

Zum Unfallzeitpunkt war es noch dunkel.[2]

Besondere BetriebsbedingungenBearbeiten

Die automatisch gesteuerte Sicherheitsanlage auf der Brücke gab vor, dass bei Windgeschwindigkeiten bis 21 m/s im 10-Minuten-Mittel Güterzügen eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h signalisiert wurde.[4] Bei einer Windgeschwindigkeiten von 25 m/s (90 km/h) wurde der Verkehr mit Güterzügen eingestellt. Für den Personenzüge betrug die zulässige Höchstgeschwindigkeit auch in diesem Fall weiterhin 180 km/h. Die Grenzwerte wurden von Banedanmark festgelegt und galten seit Mai 2018, als sie verschärft worden waren.[2]

UnfallhergangBearbeiten

Der Triebfahrzeugführer hatte aber, weil die Wagen in dem Sturm heftig schüttelten, die Geschwindigkeit von sich aus auf 100 –120 km/h zurückgenommen. Gegen 07:30 Uhr oder 07:45 Uhr[5] befuhren beide Züge die Brücke in entgegengesetzter Richtung. Kurz vor der Zugbegegnung drückte der Wind den vordersten Sattelauflieger aus seiner Halterung und in das Lichtraumprofil des entgegenkommenden Personenzuges. Der Triebfahrzeugführer des ICLyntog beobachtete an dem entgegen kommenden Güterzug in der Dunkelheit Funkenflug und leitete eine Schnellbremsung ein. In der Zugbegegnung riss dieser Sattelauflieger die Front und die Seite des vorderen Teils der ersten IC-4-Doppeleinheit auf. Keines der beteiligten Fahrzeuge entgleiste.[2]

Der Triebfahrzeugführer hatte sich zu Boden geworfen und überlebte so. Die Todesopfer befanden sich alle im ersten Fahrzeug.<[2]

FolgenBearbeiten

Unmittelbare FolgenBearbeiten

Bei dem Eisenbahnunfall wurden acht Menschen getötet und 16 weitere verletzt.[6] Die Oberleitung des vom Reisezug befahrenen Gleises wurde auf einer Strecke von 500 m und die des zweiten Gleises auf 200 m beschädigt.[7]

Der Straßen- und Zugverkehr wurde eingestellt.

Weitere FolgenBearbeiten

Ab 10:52 Uhr wurde die Straßenverbindung wieder freigegeben. Schienenersatzverkehr fuhr an Stelle ausfallender Züge.

Der Zugbetrieb wurde am 3. Januar 2019 – zunächst eingleisig – wieder aufgenommen. Erster Zug war der IC 833, der den Bahnhof Østerport um 08:20 Uhr verließ.[6] Gegen 17 Uhr sollte der tagsüber eingleisige Betrieb wieder auf beiden Gleisen durchgeführt werden.[8][9]

DB Cargo Scandinavia verlegte die Verkehrsleistung, die normalerweise durch den Øltog erbracht wird (drei Fahrten pro Woche), bis zur Klärung der Unfallursache auf die Straße.[2]

Das Trafik-, Bygge- og Boligstyrelsen (deutsch Behörde für Transport-, Bau- und Wohnungswesen) untersagte am 8. Januar 2019 den Verkehr mit Taschenwagen sämtlicher Bauarten.[2] Dies wurde für einzelne Transportunternehmen aufgehoben, sobald sie ein Dokumentationssystem vorweisen konnten, mit dem belegt wurde, dass in jedem Einzelfall überprüft wurde, dass der Königszapfen des Sattelaufliegers ordnungsgemäß in die entsprechende Verankerung des Taschenwagens eingerastet ist.[2] Ab dem 11. Januar 2019 konnten Hector Rail[10] und ab dem 15. Januar 2019 CFL Cargo und TX Logistik den Transport der Taschenwagen wieder aufnehmen.[11]

Im März 2019 hat die Europäische Union aufgrund des Unfalls ein Dringlichkeitsverfahren zur Sicherheit von Lkw-Aufliegern auf Taschenwagen eingeleitet. Es soll innerhalb von zwei Monaten Möglichkeiten der Risikominderung ermitteln, möglichst ohne den kombinierten Verkehr einzuschränken.[12][13]

Geänderte BetriebsbedingungenBearbeiten

Als Folge dieses Unfalles wurden die Sicherheitsbestimmungen für Zugfahrten über die Storebæltsbroen am 8. Januar 2019 verschärft:

  • Für Güterzüge gilt: Bei Seitenwind bis 15 m/s (ca. 55 km/h) im 10-Minuten-Mittel gelten keine Einschränkungen, zwischen 15 und 20 m/s dürfen Züge maximal 80 km/h fahren. Bei höherer Windgeschwindigkeit wird der Güterverkehr eingestellt. Beides gilt nicht für Lokzüge.
  • Reisezugverkehr ist bis zu 25 m/s ohne Einschränkung möglich, bei höheren Windgeschwindigkeiten wird auch er eingestellt.[14]

WissenswertBearbeiten

Um 16 Uhr am Unfalltag musste der Straßenverkehr Richtung Westen erneut gesperrt werden, da sich lange Schlangen Neugieriger gebildet hatten. 40 Autofahrer erhielten vor Ort eine Geldstrafe, weil sie mit Mobiltelefonen Fotos von der Unfallstelle gemacht hatten.[15]

LiteraturBearbeiten

AnmerkungenBearbeiten

  1. dänisch bedeutet „Øl“ = Bier und „tog“ = Zug
  2. So die Bezeichnung in Skandinavien. Von der Freien Universität Berlin wurde das Tief André genannt. Zur meteorologischen Analyse und weiteren Sturmfolgen siehe hier.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Zugunglück in Dänemark - Zahl der Toten steigt auf acht. In: spiegel.de. 3. Januar 2019, abgerufen am 3. Januar 2019.
  2. a b c d e f g h i j jst/lund: Tragischer Unfall auf der Brücke über den Storebælt. In: Eisenbahn-Revue International. Nr. 2, 2019, S. 98–100.
  3. Kaare Sørensen: Det ved vi om ICL 210 og ulykken, der kostede seks livet. In: TV 2. 2. Januar 2019, abgerufen am 3. Januar 2019 (dänisch).
  4. Banedanmark (Hrsg.): SIN-L – Lokale instrukser. Instruks 1.4 Storebæltsforbindelsen, Sikkerhedsbestemmelser, 2.2.1. Restriktioner ved kraftig vind. 2. Oktober 2017, S. 239 (dänisch).
  5. Ulykke på Storebæltsforbindelsen. Ulykke på Storebæltsforbindelsen, 2. Januar 2019, abgerufen am 3. Januar 2019 (dänisch).
  6. a b Politiet opjusterer dødstal: Otte er dræbt i togulykken. In: politiken.dk. 3. Januar 2019, abgerufen am 3. Januar 2019.
  7. Togene kører igen over Storebælt i morgen klokken 10. In: bane.dk. 2. Januar 2019, abgerufen am 3. Januar 2019 (dänisch).
  8. Efter ulykke: Vi kan nu igen køre tog over Storebælt. In: dsb.dk. 3. Januar 2019, abgerufen am 3. Januar 2019 (dänisch).
  9. Ulykke på Storebæltsbroen. In: bane.dk. 3. Januar 2019, archiviert vom Original am 3. Januar 2019; abgerufen am 3. Januar 2019.
  10. Hector Rail darf Taschenwagen wieder einsetzen. Deutsche Verkehrs-Zeitung, 11. Januar 2019, abgerufen am 21. Mai 2019.
  11. CFL und TX dürfen in Dänemark wieder Taschenwagen einsetzen. Deutsche Verkehrs-Zeitung, 15. Januar 2019, abgerufen am 21. Mai 2019.
  12. JNS Urgend procedure Task Force 2019/01. Action Plan. In: era.europa.eu. 26. April 2019, abgerufen am 21. Mai 2019 (englisch).
  13. Bengt Dahlberg: Europäische Union: ERA veröffentlicht Aktionsplan zum Unfall am Großen Belt. In: lok-report.de. 8. Mai 2019, abgerufen am 21. Mai 2019 (WKZ, Quelle ERA, Trafik-, Bygge- og Boligstyrelsen).
  14. Banedanmark (Hrsg.): Supplerende Sikkerhedsbestemmelser: SR SSB 106-2019. TIB 1, Storebæltsforbindelsen. Restriktioner ved tværvind. 8. Januar 2019 (dänisch).
  15. Mark Lindved Norup: Politiet lukkede Storebæltsbroen: Fokuser på vejen og ikke ulykken. In: dr.dk. 2. Januar 2019, abgerufen am 3. Januar 2019 (dänisch).

Koordinaten: 55° 18′ 4,7″ N, 10° 51′ 40″ O