Ein verborgenes Leben (Film)

Filmdrama von Terrence Malick (2019)

Ein verborgenes Leben (Arbeitstitel Radegund, internationaler Titel A Hidden Life) ist ein deutsch-US-amerikanisches, biografisch gefärbtes Filmdrama von Terrence Malick. Der Film erzählt die Lebensgeschichte des österreichischen Bauern Franz Jägerstätter, der aus Gewissensgründen den Kriegsdienst bei der Wehrmacht verweigerte und 1943 in Brandenburg von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde. Jägerstätter wird in dem Film von dem deutschen Schauspieler August Diehl verkörpert.

Film
Deutscher TitelEin verborgenes Leben
OriginaltitelA Hidden Life
ProduktionslandDeutschland, USA
OriginalspracheEnglisch, Deutsch
Erscheinungsjahr2019
Länge174 Minuten
AltersfreigabeFSK 12[1]
JMK 14[2]
Stab
RegieTerrence Malick
DrehbuchTerrence Malick
ProduktionElisabeth Bentley,
Grant Hill,
Josh Jeter,
Marcus Loges
MusikJames Newton Howard
KameraJörg Widmer
SchnittRehman Nizar Ali
Besetzung

Der Film wurde am 19. Mai 2019 im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes uraufgeführt und konkurrierte dort um die Goldene Palme. Am 21. November 2019 feierte er als Eröffnungsfilm des Filmfestivals Around the World in 14 Films in Berlin seine Deutschlandpremiere, bevor er am 30. Januar 2020 in die deutschen Kinos kam.

HandlungBearbeiten

Der Bauer Franz Jägerstätter und seine Frau Franziska („Fani“) betreiben ihren Hof hoch oben an den Hängen von St. Radegund, einem kleinen, idyllisch gelegenen Dorf im Westen Österreichs. Gemeinsam haben sie zahlreiche Töchter. Bei ihrer Arbeit werden sie von einigen Helfern unterstützt, die bei ihnen eine Bleibe gefunden haben.

Franz und Waldlan werden im Jahr 1940 zu einem Militärstützpunkt einberufen und müssen dort an einem Training zur Vorbereitung auf Krieg und Kampf teilnehmen. Franz, der wie ein klassischer Arier wirkt, lehnt es ab, Hitler die Treue zu schwören oder die Kriegsanstrengungen in irgendeiner Weise zu unterstützen. Als Franz einberufen wird, geht er zu Pfarrer Fürthauer, erkennt aber schnell, dass sich die Kirche am Tod unschuldiger Menschen bereits mitschuldig gemacht hat. Fürthauer selbst hatte die Stelle erhalten, nachdem ein früherer Priester nach einer Predigt gegen den Nationalsozialismus entlassen worden war. Fürthauer sagt zu Franz, sein Opfer nütze niemandem, wenn er wegen Kriegsdienstverweigerung inhaftiert oder hingerichtet würde. Franz appelliert auch an den Bischof Fließen, er wolle den Kriegsdienst bei der Wehrmacht aus Gewissensgründen verweigern, bekommt aber auch von ihm keine Unterstützung.

Als Franz offen seine ablehnende Haltung gegenüber dem NS-Regime (das seit dem Anschluss Österreichs im März 1938 regiert) kundtut, wenden sich auch diejenigen, die er einst für seine Freunde hielt, gegen ihn und seine Familie. Nachbarn werfen Dreck nach seinen Töchtern. Nach Franz' Gefangennahme und Deportation in das Gefängnis Berlin-Tegel bespucken Nachbarn Fani auf der Straße.

Biografischer HintergrundBearbeiten

 
Eine Gedenktafel am Franz-Jäger­stätter-Museum in St. Radegund erinnert an den österreichischen Widerstandskämpfer

Franz Jägerstätter wurde 1907 als Sohn der Bauernmagd Rosalia Huber und des Franz Bachmeier in St. Radegund geboren. Er heiratete 1936 und hatte drei Kinder. Jägerstätter wurde zweimal zum Kriegsdienst einberufen, dann aber für die Arbeit zuhause wieder freigestellt.[3] Er suchte Rat bei Bischof Fließer. Jägerstätter hatte den Eindruck, dass der Bischof es nicht wagte, offen zu sprechen, weil er ihn nicht kannte. Jägerstätter meldete sich wegen seiner erneuten Einberufung am 1. März 1943 in der Kaserne in Enns. Er erklärte dort seine Weigerung, Kriegsdienst zu leisten und seine Bereitschaft, als Sanitätssoldat Dienst zu leisten. Er wurde im Wehrmachtgefängnis Linz inhaftiert und im Mai nach Berlin gebracht. Das Reichskriegsgericht verurteilte ihn am 6. Juli wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode. Er wurde in das Zuchthaus Brandenburg-Görden transportiert (dort war damals eine zentrale Hinrichtungsstätte) und am 9. August 1943 mit einem Fallbeil hingerichtet.[3]

Er wurde am 26. Oktober 2007 im Mariendom in Linz von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen.[3]

Auch einige andere Filme haben die Lebensgeschichte von Jägerstätter zum Thema.

ProduktionBearbeiten

Stab und FinanzierungBearbeiten

Der US-Amerikaner Terrence Malick schrieb das Drehbuch zum Film und führte Regie.[4] Das Medienboard Berlin-Brandenburg förderte den Film mit 400.000 Euro.[5] Vom Deutschen Filmförderfonds kamen rund 960.000 Euro.

Besetzung und DreharbeitenBearbeiten

Die Dreharbeiten fanden unter an­de­rem im und am Volks­kunde­museum in Dietenheim statt
Der Markt in Zittau wurde im August 2016 für weitere Dreharbeiten gesperrt

Die Rolle des Widerstandskämpfers Franz Jägerstätter übernahm der deutsche Schauspieler August Diehl, sein Schwiegervater Lorenz Schwaninger wird von Ulrich Matthes gespielt. Der österreichische Schauspieler Tobias Moretti spielt Ferdinand Fürthauer, der von 1958 bis 1996 Pfarrer in Klam war. Valerie Pachner stellt Jägerstätters Ehefrau Franziska dar. In einer seiner letzten Rollen ist der verstorbene schwedische Mime Mikael Nyqvist zu sehen,[6] der den Part von Bischof Joseph Fließen übernahm, bei dem Jägerstätter im Film Rat sucht.

An den teilweise in Südtirol stattfindenden Dreharbeiten nahmen über 300 Männer und Frauen aus Brixen und Umgebung als Komparsen teil.[7]

Der Film wurde vom 21. Juli 2016 bis zum 27. August 2016 gedreht. Zu den Drehorten in Italien gehörten die venezianische Gemeinde Sappada, die in Südtirol gelegene Stadt Brixen und das Dorf Dietenheim, wo Aufnahmen im und am Volkskundemuseum entstanden. In Zittau wurde am alten Gefängnis gedreht; am 18. August 2016 wurden der Marktplatz und der Johannisplatz für Dreharbeiten gesperrt.[8] Weitere Aufnahmen fanden im Studio Babelsberg in Potsdam statt.[9]

Filmmusik und VeröffentlichungBearbeiten

Der mehrfach Oscar-nominierte James Newton Howard komponierte die Filmmusik.[10] Er wählte auch klassische Musikstücke der Komponisten Ludwig van Beethoven, Georg Friedrich Händel, Henryk Mikołaj Górecki, Arvo Pärt, Alfred Schnittke und Johann Sebastian Bach aus, so zu Beginn des Films ein Stück aus Bachs choraler Matthäus-Passion.[11][12] Der Soundtrack, der insgesamt 14 Musikstücke umfasst, wurde am 6. Dezember 2019 von Sony Classical veröffentlicht.[13]

Nach Aussage von Schauspieler Matthias Schoenaerts sollte der Film im Herbst 2018 im Rahmen eines Filmfestivals seine Premiere feiern.[14] Anfang April 2019 wurde der Titel A Hidden Life bekanntgegeben.[15] Der Film feierte am 19. Mai 2019 im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere. Im September 2019 wurde der Film beim Festival des amerikanischen Films in Deauville und beim Toronto International Film Festival (Sektion 'Masters') gezeigt.[16] Anfang Oktober 2019 lief er beim London Film Festival.[17] Im November 2019 wurde er beim AFI Film Festival in der World Cinema Section[18] und beim Festival Internacional de Cine de Mar del Plata präsentiert.[19] Im deutschsprachigen Raum wird der Film im Verleih von Pandora Film in die Kinos gebracht.[20][21] Am 21. November 2019 feierte er als Eröffnungsfilm des Filmfestivals Around the World in 14 Films in Berlin seine Deutschlandpremiere[22] und kam am 30. Januar 2020 in die deutschen Kinos.[23]

RezeptionBearbeiten

AltersfreigabeBearbeiten

In den USA wurde der Film von der MPA als PG-13 eingestuft. In Deutschland wurde der Film von der FSK ab 12 Jahren freigegeben. In der Freigabebegründung heißt es, vor allem gegen Ende gebe es bedrückende Situationen sowie Gewaltszenen, so wenn Jägerstätter im Gefängnis misshandelt wird. Diese würden jedoch nicht übermäßig ausgespielt und seien schlüssig in die Dramaturgie eingebettet.[24]

KritikenBearbeiten

Der Film stieß bislang auf die Zustimmung von 81 Prozent der Kritiker bei Rotten Tomatoes und erhielt hierbei eine durchschnittliche Bewertung von 7,4 der möglichen 10 Punkte[25] womit er hier einen der mittleren Plätze bei den in Cannes vorgestellten Filmen belegte.[26] Im Kritikerspiegel von critic.de erhielt er überwiegend positive Kritiken.[27] In der bei Screen veröffentlichten Kritikerumfrage zu den Festivalbeiträgen in Cannes erhielt er 2,5 von 4 möglichen Punkten.[28]

Peter Debruge von Variety schrieb, es gebe in Terrence Malicks Film keine Schlachtfelder, sondern nur Weizenfelder, auch keine Horrorschlachten im Konzentrationslager und keine dramatischen Mitternachtsüberfälle. Dennoch sei Ein verborgenes Leben ein Kriegsfilm, es sei nur so, dass der hier gezeigte Kampf ein innerer zwischen einem Christen und seinem Gewissen ist. Ohne die Millionen von Menschenleben zu schmälern, die während des Zweiten Weltkriegs ums Leben kamen, zeige Malick hier das Schicksal und das Seelenleben eines einzelnen Mannes, und eine Laufzeit von fast drei Stunden scheinen nicht das geringste Übermaß zu sein, wenn es darum geht, das Opfer von Franz Jägerstätter einzufangen, der geächtet und inhaftiert und schließlich für seine Überzeugungen hingerichtet wurde. Malick zeige, wie seine Gemeinde St. Radegund es der Angst erlaubte, ihr Urteilsvermögen zu vergiften, und das Gruppendenken anregte, das Franz zu einem Ausgestoßenen unter seinen eigenen Leuten machte. Malick mache in diesem Film eine kritische Unterscheidung zwischen Glauben und Religion, indem er das Versagen der letzteren herausfordert, eine menschliche Institution, die ebenso fehlbar und korrumpierbar ist, wie jeder Einzelne.[11]

Michael Meyns bemerkte in seiner Filmbesprechung auf programmkino.de, der Website der Arbeitsgemeinschaft Kino, auch wenn Ein verborgenes Leben in ferner Vergangenheit spiele, sei es doch auch ein Film über das Heute: „Malick mag stets ein Regisseur gewesen sein, der mit filmischen Mitteln nach Transzendenz suchte, er war aber auch immer ein politischer Regisseur. Bedenkt man, in welcher Zeit dieser Film entstanden ist, in welchem Zustand sich gerade Amerika, aber auch viele andere Staaten der Welt befinden, ist es naheliegend, ihn auch auf die Gegenwart zu beziehen.“ Malick erzähle in einem stilistisch und intellektuell überwältigenden Film davon, dass es viel schwieriger ist, dem eigenen Gewissen treu zu bleiben, als sich massenhaftem Widerstand anzuschließen.[29]

Einsatz im SchulunterrichtBearbeiten

Das Onlineportal kinofenster.de empfiehlt den Film ab der 11. Klasse für die Unterrichtsfächer Deutsch, Geschichte, Sozialkunde, Ethik, Religion und Philosophie und bietet Unterrichtsmaterial. Im Leistungskurs Kunst und Religion könne der Begriff Transzendenz definiert und auf den Film angewendet werden. Zudem könne diskutiert werden, ob Jägerstätters Ethik nachvollziehbar und auf heutige politische Verhältnisse übertragbar ist.[30]

AuszeichnungenBearbeiten

Independent Spirit Awards 2020

Internationale Filmfestspiele von Cannes 2019

National Board of Review Awards 2019

  • Aufnahme in die Top 10 Independent-Filme[32]

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Freigabebescheinigung für Ein verborgenes Leben. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (PDF; Prüf­nummer: 196461/K).Vorlage:FSK/Wartung/typ nicht gesetzt und Par. 1 länger als 4 Zeichen
  2. Alterskennzeichnung für Ein verborgenes Leben. Jugendmedien­kommission.
  3. a b c dioezese-linz.at: Biographie Franz Jägerstätter 1907 – 1943 Märtyrer, abgerufen am 13. Oktober 2016.
  4. Scott Roxborough: Terrence Malick to Tackle WWII Biopic 'Radegund' In: The Hollywood Reporter, 22. Juni 2016.
  5. Jan Lange: Hollywood-Legende dreht in Zittau. Im Gefängnis an der Lessingstraße entstehen erneut Szenen für einen Film. Die Mandaustadt ist dabei nicht sie selbst In: Sächsische Zeitung, 16. August 2016.
  6. Meisterregisseur Malick dreht Film über Franz Jägerstätter In: katholisch.at, 20. Oktober 2017.
  7. Über 300 Komparsen für Kinofilm in Südtirol gesucht. In: unsertirol24.com, 7. Juni 2016.
  8. Hollywood-Regisseur Malick dreht für neuen Film in Zittau. In: lvz.de, 16. August 2016.
  9. / www.medienboard.de
  10. James Newton Howard Scoring Terrence Malick’s 'A Hidden Life'. In: filmmusicreporter.com, 18. April 2019.
  11. a b Peter Debruge: Cannes Film Review: 'A Hidden Life'. In: Variety, 19. Mai 2019.
  12. Steve Pond: 'A Hidden Life' Film Review: Is This Where Terrence Malick Gets His Mojo Back?. In: thewrap.com, 19. Mai 2019.
  13. 'A Hidden Life' Soundtrack Details. In: filmmusicreporter.com, 26. November 2019.
  14. Charles Barfield: Terrence Malick’s Latest Film 'Radegund' Might Get A Fall Premiere. In: theplaylist.net, 18. Juli 2018.
  15. Zack Sharf: Terrence Malick’s WWII Drama 'Radegund' Retitled 'A Hidden Life' Ahead of Potential Cannes Debut. In: indiewire.com, 2. April 2019.
  16. Maximilien Pierrette: Deauville 2019 : Kristen Stewart, Orelsan, Sophie Turner, Game of Thrones, Pierce Brosnan... Tout sur la sélection. In: allocine.fr, 22. August 2019. (französisch)
  17. 63rd BFI London Film Festival programme announced. In: bfi.org.uk, 29. August 2019.
  18. https://awardswatch.com/afi-fest-announces-world-cinema-and-documentary-sections/
  19. https://www.lanacion.com.ar/espectaculos/cine/festival-mar-del-plata-peliculas-tenes-ver-nid2304314
  20. 'Ein verborgenes Leben' beim 72. Festival de Cannes. In: tabularasamagazin.de, 2. Mai 2019.
  21. Ein verborgenes Leben. In: pandorafilm.de. Abgerufen am 9. Mai 2019.
  22. Terrence Malicks „Ein verborgenes Leben“ eröffnet das Festival. In: 14films.de. Abgerufen am 31. Januar 2020.
  23. Starttermine Deutschland In: insidekino.com. Abgerufen am 3. August 2019.
  24. https://www.spio-fsk.de/?seitid=2737&tid=469&Vers=1&FGID=5448
  25. A Hidden Life In: Rotten Tomatoes. Abgerufen am 21. November 2020.
  26. Cannes 2019 Movie Scorecard. In: Rotten Tomatoes. Abgerufen am 25. Mai 2019.
  27. Cannes critic's jury - Kritikerspiegel 2019. In: critic.de. Abgerufen am 25. Mai 2019.
  28. Ben Dalton: Screen reveals Cannes 2019 jury grid critics. In: screendaily.com. Abgerufen am 25. Mai 2019.
  29. https://www.programmkino.de/content/Filmkritiken/ein-verborgenes-leben/
  30. Jan-Philipp Kohlman: Ein verborgenes Leben. In: kinofenster.de, 29. Januar 2020.
  31. Joey Nolfi: Uncut Gems, Lighthouse lead 2020 Film Independent Spirit Award nominations. In: Entertainment Weekly, 21. November 2019.
  32. Marianne Garvey: National Board of Review names 'The Irishman' best film of 2019. In: cnn.com, 4. Dezember 2019.