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Edgar Hilsenrath (2010)
Edgar Hilsenrath bei einer Buchsignierung während der Feier seines 80. Geburtstages

Edgar Hilsenrath (geb. 2. April 1926 in Leipzig; gest. 30. Dezember 2018 in Wittlich[1]) war ein deutscher Schriftsteller, der vor allem für seine vom eigenen Überleben des Holocaust geprägten Werke Nacht und Der Nazi & der Friseur sowie durch Das Märchen vom letzten Gedanken bekannt ist und vielfach ausgezeichnet wurde.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Edgar Hilsenrath war der Sohn eines jüdischen Kaufmanns. Er wuchs in Halle auf. Vor der „Reichspogromnacht“ im November 1938 flohen er, seine Mutter und sein drei Jahre jüngerer Bruder Manfred zu den Großeltern nach Sereth in der Bukowina (Rumänien). Der Vater sollte ursprünglich nachkommen, was der Kriegsausbruch jedoch unmöglich machte; er gelangte nach Frankreich, wo er den Krieg überlebte. 1941 wurden Edgar Hilsenrath, sein Bruder und seine Mutter, sowie all seine Freunde und Verwandten aus Sereth in das Ghetto Mohyliw-Podilskyj im rumänisch besetzten „Transnistria“ verschleppt. Als das Ghetto im März 1944 von der Roten Armee befreit wurde, wanderte er zu Fuß zurück nach Sereth und von dort weiter nach Czernowitz. Über die Organisation Ben Gurion gelangte Hilsenrath zusammen mit weiteren jüdischen Überlebenden und mit fremden Pässen nach Palästina. Sowohl auf seinem Weg dorthin als auch in Palästina selbst geriet er mehrmals in Gefangenschaft, kam jedoch jedes Mal nach kurzer Zeit wieder frei.

In Palästina lebte er als Gelegenheitsarbeiter, wurde dort jedoch nicht heimisch und beschloss, 1947 zu seiner mittlerweile wiedervereinten Familie nach Lyon zu fahren, wo er auf Wunsch seines Vaters das Kürschnerhandwerk erlernte. In den frühen fünfziger Jahren emigrierte er nach New York. Dort bestritt Edgar Hilsenrath durch Gelegenheitsarbeiten seinen Lebensunterhalt, gleichzeitig schrieb er seinen ersten Roman Nacht. Dieser Roman hatte bei seiner Erstveröffentlichung in Deutschland zunächst erhebliche Schwierigkeiten, da die Verlagsleitung (genauer: die verlagsinterne Opposition) das Werk aus persönlichen Ressentiments kurz nach Erscheinen wieder zurückzog (siehe den Hinweis auf den Verriss durch Raddatz unter „#Aufsätze“). Den folgenden Roman Der Nazi & der Friseur, der während eines längeren Aufenthaltes in München und in New York entstand, veröffentlichte Hilsenrath deshalb in englischer Übersetzung zuerst in den USA. Dieser Roman verschaffte ihm seinen weltweiten Durchbruch als Schriftsteller – und damit schließlich auch in Deutschland. 1975 kehrte Edgar Hilsenrath der deutschen Sprache wegen zurück nach Deutschland und lebte von da an in Berlin.

Edgar Hilsenrath war Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Laut Hilsenraths Verleger Ken Kubota hatte Hilsenrath zwar jüdische Wurzeln, war aber Atheist: „Er glaube an keinen Gott, war seine stets unveränderte Position.“[1] Nachdem seine erste Frau 2005 gestorben war,[2] heiratete er 2009 erneut[3] und lebte seither mit seiner zweiten Ehefrau bis zu seinem Tod im Dezember 2018 in der Vulkaneifel.[1] Edgar Hilsenrath erlag mit 92 Jahren in einem Krankenhaus in Wittlich den Folgen einer Lungenentzündung.

WerkBearbeiten

Seit seinem Erstlingswerk Nacht, in dem er seine Erfahrungen als Überlebender des Ghettos auf grausam realistische Art und Weise schildert, umkreiste er thematisch den Holocaust, wobei er nicht direkt anklagte, Täter- und Opferrollen nie schwarz-weiß zeichnete, viel eher schrieb er in seinem Gesamtwerk gegen das Vergessen an und suchte damit „der untersten Schicht im Ghetto“ ein Denkmal zu setzen – mit dem schlechten Gewissen des Überlebenden.[4] Während Nacht noch im naturalistischen Stil geschrieben ist, ging Hilsenrath in seinen späteren Werken zu ausdrucksstarken Verfremdungen über, wie zum Beispiel Satire, Groteske oder Märchen. Über seinen Roman Der Nazi & der Friseur schrieb Der Spiegel: „…eine Satire über Juden und SS. Ein Schelmenroman, grotesk, bizarr und zuweilen von grausamer Lakonik, berichtet von dunkler Zeit mit schwarzem Witz.“ Das 1968/1969 geschriebene Buch erschien zuerst in einer 1971 in den USA veröffentlichten englischen Übersetzung unter dem Titel The Nazi & the Barber, a Tale of Vengeance. Auch nachdem in englischer, französischer und italienischer Übersetzung bereits mehr als 2 Millionen Exemplare verkauft worden waren, lehnten über 60 deutsche Verlage das Manuskript ab, darunter S. Fischer, Hanser, Hoffmann und Campe, Kiepenheuer & Witsch, Luchterhand, Rowohlt, Scherz und Wagenbach.[5] So erschien es schließlich im August 1977 in einem kleinen Kölner Verlag, dem Literarischen Verlag Helmut Braun. Die Erstauflage von 10.000 Exemplaren war schnell vergriffen, es folgten kurz darauf zwei weitere Auflagen.[6] Das Buch wurde unter anderem von Heinrich Böll in der Zeit vom 9. Dezember 1977 sehr positiv besprochen. Mittlerweile wurden in Deutschland über 250.000 Exemplare verkauft. Weltweit erschien das Buch in 22 Ländern und 16 Sprachen. In dem Roman Das Märchen vom letzten Gedanken von 1989, für den Hilsenrath den Alfred-Döblin-Preis erhielt, setzte sich der Autor mit dem Erinnern und der Geschichtsschreibung auseinander. Indem er den Genozid an den Armeniern beschrieb und den Holocaust damit in Beziehung setzte, klagte er jegliche Art von Völkermord an und mahnte vor dem Vergessen. Die gewählte Form des Märchens spricht sarkastisch die Leugnung an, bedeutet aber auch, dass eine Geschichte erzählt wird, die keine Augenzeugen mehr hat.

Hilsenraths Werke wurden in achtzehn Sprachen übersetzt und sind weltweit über fünf Millionen Mal verkauft worden. Viele Titelseiten wurden von der Künstlerin Natascha Ungeheuer, einer Freundin Hilsenraths, gestaltet. In Deutschland sind die meisten seiner Werke im Piper Verlag erschienen, dieser gab jedoch 2003 die Rechte an den Autor zurück. Zwischen 2003 und 2008 legte der Dittrich Verlag (Verlagssitz zunächst in Köln, seit 2006 in Berlin) mit Helmut Braun als Herausgeber die Gesammelten Werke von Edgar Hilsenrath in zehn Bänden vor, die neben den bisherigen acht Buchtiteln den 9. Band Sie trommelten mit den Fäusten im Takt mit bis dahin verstreut publizierten Prosastücken und Zeitungsartikeln sowie als 10. Band den gänzlich neuen Roman Berlin … Endstation umfassten.

Nach einem am 22. Februar 2011 vor dem Landgericht Berlin geschlossenen Vergleich[7] endete die Zusammenarbeit zwischen Hilsenrath und dem Dittrich Verlag mit dem 31. Dezember 2011. Dem schloss sich jedoch am 25. Juli 2012 eine Pressemitteilung des von Hilsenrath zum Generalbevollmächtigten ernannten Ken Kubota an, der darin Dittrich unter anderem vorwarf, „mehrfach falsche Abrechnungen mit erheblichen Fehlbeträgen zu Ungunsten von Edgar Hilsenrath angefertigt“ und „entgegen dem Autorenvertrag Lizenzen über fremdsprachige Ausgaben vergeben“ zu haben.[8] Zudem seien über die Auseinandersetzung zwischen den Beteiligten dieser Auseinandersetzung im Deutschlandfunk „falsche Berichte“ und im Spiegel eine „unvollständige Darstellung“[3] veröffentlicht worden. Darauf reagierte der Dittrich Verlag am 27. Juli 2012 ebenfalls mit einer Pressemitteilung, die diese Vorwürfe im Wesentlichen bestritt.[7]

Die Restexemplare der im Dittrich Verlag konzipierten und bis dahin betreuten Hardcover-Werkausgabe wurden und werden von Ken Kubota über dessen Kleinverlag Eule der Minerva[9] vertrieben. Die hiervon zwischenzeitlich (Stand: 1. Januar 2019) vergriffenen Bände Nacht, Fuck America und Das Märchen vom letzten Gedanken gab der neue Verlag als Softcover-Neuausgaben heraus und legte sie in gleicher Aufmachung auch in englischer Übersetzung vor.

Auszeichnungen (Auswahl)Bearbeiten

BibliografieBearbeiten

Romane, ErzählungenBearbeiten

DiskografieBearbeiten

HörspieleBearbeiten

LiteraturBearbeiten

MonografienBearbeiten

  • Susanna Amirkhanyan: Ja chotel naruschit’ molchanije. Jerewan 2006, ISBN 99941-1-194-9. (Russisch)
  • Jennifer Bjornstad: Functions of humor in German Holocaust literature: Edgar Hilsenrath, Günter Grass, and Jurek Becker. ISBN 0-493-23274-5.
  • Stephan Braese: Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Philo, Berlin/Wien 2001, ISBN 3-86572-227-X. (zugleich Habil.-Schrift) (Hilsenrath ist einer der drei Autoren, die als Schwerpunkt dargestellt werden).
  • Helmut Braun: Ich bin nicht Ranek. Berlin 2006, ISBN 3-937717-09-9.
  • Claudia Brecheisen: Literatur des Holocaust: Identität und Judentum bei Jakov Lind, Edgar Hilsenrath und Jurek Becker. 1993.
  • Volker Dittrich: Zwei Seiten der Erinnerung. Die Brüder Edgar und Manfred Hilsenrath. Dittrich, Berlin 2012, ISBN 978-3-937717-75-3.
  • Dietrich Dopheide: Das Groteske und der schwarze Humor in den Romanen Edgar Hilsenraths. Berlin 2000, ISBN 978-3-934479-36-4. Zugl. Diss. Freie Universität Berlin, Anfang/Leseprobe (PDF)
  • Alexandra Heberger: Faschismuskritik und Deutschlandbild in den Romanen von Irmgard Keun „Nach Mitternacht“ und Edgar Hilsenrath „Der Nazi und der Friseur“: ein Vergleich. 2002.
  • Susann Möller: Wo die Opfer zu Tätern werden, machen sich die Täter zu Opfern: die Rezeption der beiden ersten Romane Edgar Hilsenraths in Deutschland und den USA. 1991.
  • Jennifer L. Taylor: Writing as revenge: Jewish German identity in post-Holocaust German literary works; reading survivor authors Jurek Becker, Edgar Hilsenrath and Ruth Klüger. 1998.

SammelbändeBearbeiten

  • Helmut Braun (Hrsg.): Verliebt in die deutsche Sprache. Die Odyssee des Edgar Hilsenrath. Dittrich-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-937717-17-X.
  • Thomas Kraft (Hrsg.): Edgar Hilsenrath. Das Unerzählbare erzählen. München 1996.

AufsätzeBearbeiten

  • Susanna Amirkhanyan: Edgar Hilsenrath und Armenien. In: Armenisch-Deutsche Korrespondenz, Nr. 114, 2001, H. 4.
  • Martin A. Hainz: FUCK, z. B.: FUCK AMERICA. In: Helmut Braun (Hrsg.): Verliebt in die deutsche Sprache. Die Odyssee des Edgar Hilsenrath. Dittrich, Berlin, Akademie der Künste 2005, S. 69–76.
  • Ingeborg Drewitz und Fritz J. Raddatz: Zwei Rezensionen zu Nacht. In: Fischer-Almanach der Literaturkritik 1978/79. ISBN 3-596-26450-2. (Ingeborg Drewitz in Der Tagesspiegel, (Tendenz: positiv) und Fritz J. Raddatz in Die Zeit (Tendenz: äußerst negativ))
  • Marko Martin: Mein Freund Edgar. In: Die Welt, 30. August 2007. (Reportage über Edgar Hilsenrath.)
  • Peter Stenberg: Edgar Hilsenrath and Jakov Lind meet at the employment office in Netanya, Palestine… In: Sander L. Gilman, Jack Zipes (Hrsg.): Yale companion to Jewish writing and thought in German culture 1096–1996. Yale Univ. Press, New Haven 1997, S. 642–647.

SelbstzeugnisseBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Edgar Hilsenrath – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Biografien:

  • Edgar Hilsenrath. In: Website des Exil-PEN.
  • Hajo Jahn: Hilsenrath, Edgar. In: Exil-Archiv. Archiviert vom Original am 17. März 2014; (Biographie mit zahlreichen Links).
  • Jordi Roca: Edgar Hilsenrath. In: Literarische Agentur Mertin. 20. September 2018; (englisch).

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Ken Kubota: Zum Leben und Werk von Edgar Hilsenrath. Nachruf anlässlich seines Todes am 30. Dezember 2018. In: hilsenrath.de. 31. Dezember 2018, abgerufen am 31. Dezember 2018.
  2. Ulrich Seidler: Ein Gespräch am Abend eines Schriftstellerlebens: Ich habe genug geschrieben. In: Berliner Zeitung. 27. Februar 2010, abgerufen am 31. Dezember 2018.
  3. a b Bezogen auf Volker Hage: Autoren; Die zwei Seiten. In: Der Spiegel. Nr. 30, 2012, S. 116–117 (online).
  4. Martin Doerry, Volker Hage: Schuldig, weil ich überlebte. In: Der Spiegel. Nr. 15, 2005, S. 170 (online – Interview. Der jüdische Autor Edgar Hilsenrath über seine Jahre im Ghetto, den Beruf des Schriftstellers und seinen neu aufgelegten Roman über das Massaker an den Armeniern).
  5. Helmut Braun: Nachwort. In: Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur. Dittrich, Köln 2004 (= Gesammelte Werke, Bd. 2). ISBN 3-937717-01-3. S. 467–478. hier S. 472.
  6. Helmut Braun: Nachwort. In: Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur. Dittrich, Köln 2004. S. 467–478. hier S. 474.
  7. a b Gerrit Schoff, Volker Dittrich: Pressemitteilung: Hintergründe der Trennung von Verlag und Autor Edgar Hilsenrath. (pdf, 178 kB) Dittrich Verlag, 27. Juli 2012, archiviert vom Original am 23. September 2015; abgerufen am 31. Dezember 2018.
  8. Pressemitteilung Ken Kubota / Freundeskreis Edgar Hilsenrath e. V.: Falsche Berichte im Deutschlandfunk und unvollständige Darstellung in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“. (pdf, 182 kB) In: Owl of Minerva Press. 25. Juli 2012, abgerufen am 31. Dezember 2018 (doi:10.4444/10.10000.de).
  9. Homepage des Verlags Eule der Minerva