Deutsche Adelsgenossenschaft

ehemaliger Adelsverband

Die Deutsche Adelsgenossenschaft (D.A.G., auch D. Ag.) war die größte Vereinigung deutscher Adliger im Deutschen Reich.

GeschichteBearbeiten

Gründung und Rolle im KaiserreichBearbeiten

Sie wurde am 26. Februar 1874 von 30 grundbesitzenden Adligen aus den preußischen Provinzen Brandenburg, Pommern, (Ost-)Preußen, Sachsen und Schlesien in Berlin gegründet. Durch Allerhöchste Kabinetts-Ordre vom 7. März 1883 verlieh Kaiser Wilhelm I. der D.A.G. die Rechte einer juristischen Person.[1] Sie sollte dem als verderblich angesehenen „Liberalismus“ der Zeit entgegenwirken und ein konservatives Gegengewicht setzen. Die D.A.G. wurde im Kaiserreich von der Staatsspitze gefördert.

Die Adelsgenossenschaft war unter anderem Betreiber von Schulen, so der Wirtschaftlichen Frauenschule Löbichau in Thüringen 1908-1930.[2] Diese war dem Reifensteiner Verband seit 1908 angeschlossen. Die D.A.G. vergab neben der Gründerin Ida von Kortzfleisch auch Stipendien für die Reifensteiner Schulen allgemein.[3] Der Reifensteiner Verband, bei dem adelige Familien eine wesentliche Rolle spielten, war Mitglied im vergleichsweise liberalen Bund deutscher Frauenvereine.[4]

Die Zahl der Mitglieder war im Kaiserreich vergleichsweise klein, bei Kriegsende 1918 waren 2400 Adelige Mitglieder der D.A.G.,[5] Ende 1919 sogar nur 1600.[6] Seit 1884 war das Deutsches Adelsblatt das offizielle Publikationsorgan der Vereinigung. Früh gab es sowohl im preußischen Heroldsamt als auch in der D.A.G. selbst Pläne, eine preußische Adelsmatrikel zu erstellen.[1]

Die D.A.G. 1919–1945Bearbeiten

Mit Art. 109 der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919 wurden die „öffentlich-rechtlichen Vorrechte oder Nachteile der Geburt oder des Standes“ aufgehoben. Der privilegierte Adelsstand war damit faktisch abgeschafft. Adelstitel durften nicht mehr verliehen werden und wurden zu Namensbestandteilen. Dennoch setzte die D.A.G. auch nach Ende des preußischen Heroldsamtes das Projekt einer Adelsmatrikel fort, nun als privates Unternehmen und mit klar antisemitischer und rassistischer Zielsetzung. Auf dem Adelstag 1920 wurde beschlossen:

„Wer unter seinen Vorfahren im Mannesstamm einen nach 1800 geborenen Nichtarier hat oder zu mehr als einem Viertel anderer als arischer Rasse entstammt oder mit jemand verheiratet ist, bei dem dies zutrifft, kann nicht Mitglied der D.A.G. sein.“

DAB 31.07.1920, S. 241-243[7]

In den Folgejahren wurden die Anforderungen mehrmals verschärft, in Anpassung an das unter der Schirmherrschaft der D.A.G. erstellte Eiserne Buch Deutschen Adels Deutscher Art (EDDA) und später an den „großen“, unter anderem für SS-Angehörige verlangten Ariernachweis.[8] Mitglieder, die die erforderlichen Nachweise erbracht hatten, wurden in eine Liste des reinblütigen Deutschen Adels aufgenommen; in den Gothaischen Taschenbüchern wurde seit 1935 die Eintragung in diese Liste und/oder die (bis dahin noch strengeren Kriterien folgenden) EDDA jeweils vermerkt.

Schon 1923 wurde daneben eine eigene Abteilung geschaffen, die zwischen „echten“ und „Scheinadeligen“ unterscheiden sollte. Dazu erstellte diese Abteilung der D.A.G. seit 1925 Listen von Personen, die (nach 1919) durch Adoption oder Heirat Familiennamen erworben hatten, die ehemalige Adelsprädikate enthielten, aber nicht den vor 1919 geltenden Kriterien adeliger Herkunft entsprachen.[9]

Die Mitgliederzahl stieg ab 1919 deutlich an.[6] Die Satzung vom 4. Februar 1921 ließ erstmals auch Frauen als Mitglieder zu.[10]

Da die D.A.G. politisch zunehmend ins republikfeindliche Lager rückte, verbot Reichswehrminister Wilhelm Groener 1929 Angehörigen und Zivilbeschäftigten der Reichswehr die Mitgliedschaft. Die D.A.G. stand unter der Führung des 1932 zum Vorsitzenden gewählten sogenannten Adelsmarschalls Adolf zu Bentheim-Tecklenburg, der große Hoffnungen auf den Nationalsozialismus setzte.[11] Als er am 22. Juni 1933 von Hitler empfangen wurde, versprach Bentheim die mangelnde Begeisterung des Adels für den Nationalsozialismus zu beheben und die bisherigen antisemitischen Maßnahmen zu verschärfen. Die Gleichschaltung der Vereinigung wurde verhindert, allerdings um den Preis weitgehender Anpassung an das Regime. Der von Bentheim neu besetzte Hauptvorstand bestand vollständig aus höheren und mittleren SA-Führern (von Arnim, von Detten, von Jagow, von Rochow und von Tschammer und Osten).[12] Nach den Jahrbüchern der doch nun mitgliederstarken D.A.G. von 1938 und 1940 ist aber eine etwas modifizierte Zusammensetzung dieses Gremiums zu konstatieren. Nach dem Attentat Claus Schenck Graf von Stauffenbergs auf Hitler am 20. Juli 1944 veröffentlichte Bentheim-Tecklenburg im Adelsblatt eine Ergebenheitsadresse an Hitler. Die D.A.G. konnte erfolgreich auf den Beschluss eines (gegen „Scheinadelige“ gerichtetes) Gesetz gegen Missbrauch bei der Eheschließung und Annahme an Kindes Statt einwirken, erreichte aber nicht die von ihr erhoffte und von Hitler in Aussicht gestellte Umwandlung der D.A.G. in eine Körperschaft des öffentlichen Rechts.[13]

Nach 1945Bearbeiten

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die D.A.G. an Bedeutung. Sie hatte im Zweiten Weltkrieg nicht nur ihre Geschäftsstelle in Berlin, sondern auch ihre mittel- und ostdeutschen Landesabteilungen verloren und wurde am 15. Mai 1956 in Hannover von einem Notvorstand aufgelöst. Neue Vereinigungen des historischen Adels waren nicht mehr zentral gelenkt, sondern landschaftlich gegliedert. 1956 schloss die D.A.G. sich mit der neu gegründeten „Arbeitsgemeinschaft deutscher Adelsverbände“ zur „Vereinigung der Deutschen Adelsverbände“ (VdDA) zusammen.

1949 gründete sich (als Nachfolger der Abteilung für adelsrechtliche Fragen der D.A.G.) der bis heute bestehende Deutsche Adelsrechtsausschuß.[14]

Adelsmarschälle/VorsitzendeBearbeiten

QuellenBearbeiten

  • Jahrbuch der Deutschen Adelsgenossenschaft. 1938. Berlin 1938, S. 42.
  • Jahrbuch der Deutschen Adelsgenossenschaft. 1940. Berlin 1940, S. 41.

LiteraturBearbeiten

  • Georg H. Kleine: Adelsgenossenschaft und Nationalsozialismus. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 26, Nr. 1, 1978, ISSN 0042-5702, S. 100–143, JSTOR:30197252. (Auch hier als PDF; 8,64 MB).
  • Dieter Fricke, Udo Rößling: Deutsche Adelsgenossenschaft. in: Lexikon zur Parteiengeschichte 1789–1945. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland. Band 1 (Alldeutscher Bund – Deutsche Liga für Menschenrechte), Hrsg. Dieter Fricke, Werner Fritsch, Herbert Gottwald, Siegfried Schmidt, Manfred Weißbecker, Bibliographisches Institut, Leipzig 1983, S. 539.
  • Stephan Malinowski: „Führertum“ und „Neuer Adel“. Die Deutsche Adelsgenossenschaft und der Deutsche Herrenklub in der Weimarer Republik. In: Heinz Reif (Hrsg.): Adel und Bürgertum in Deutschland. Band 2: Entwicklungslinien und Wendepunkte im 20. Jahrhundert (= Elitenwandel in der Moderne. Band 2). Akademie-Verlag, Berlin 2001, ISBN 978-3-05-003551-2, S. 173–211.
  • Stephan Malinowski: Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat (= Elitenwandel in der Moderne. Band 4). 3., durchgesehene Auflage. Berlin 2003, ISBN 978-3-05-004840-6 (google.de [abgerufen am 23. Mai 2022]). (Zugleich diss. phil., Technische Universität Berlin, 2001.)

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Walter von Hueck: Organisationen des deutschen Adel seit der Reichsgründung und das Deutsche Adelsarchiv. In: Kurt Adamy, Kristina Hübener (Hrsg.): Adel und Staatsverwaltung in Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert: Ein historischer Vergleich. Akademie-Verlag, Berlin 1996, ISBN 978-3-05-007163-3, S. 19–38, 19 (google.de [abgerufen am 23. Mai 2022]).
  2. Ortrud Wörner-Heil: Frauenschulen auf dem Lande – Reifensteiner Verband (1897–1997), Schriftenreihe des Archivs der deutschen Frauenbewegung, Band 11, Archiv der Frauenbewegung, 1997
  3. Allgemeine Vereinsschrift des Reifensteiner Vereins, Gotha 1915
  4. Ortrud Wörner-Heil: Adelige Frauen als Pionierinnen der Berufsbildung: die ländliche Hauswirtschaft und der Reifensteiner Verband. kassel university press, 2010
  5. Georg H. Kleine: Adelsgenossenschaft und Nationalsozialismus. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 26, Nr. 1, 1978, ISSN 0042-5702, S. 100–143, 102, JSTOR:30197252.
  6. a b Walter von Hueck: Organisationen des deutschen Adel seit der Reichsgründung und das Deutsche Adelsarchiv. In: Kurt Adamy, Kristina Hübener (Hrsg.): Adel und Staatsverwaltung in Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert: Ein historischer Vergleich. Akademie-Verlag, Berlin 1996, ISBN 978-3-05-007163-3, S. 19–38, 24 (google.de [abgerufen am 23. Mai 2022]).
  7. Zitiert nach Stephan Malinowski: Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat (= Elitenwandel in der Moderne. Band 4). 3., durchgesehene Auflage. Berlin 2003, ISBN 978-3-05-004840-6, S. 337 (google.de [abgerufen am 23. Mai 2022]).
  8. Götz von Houwald: Das Eiserne Buch Deutschen Adels Deutscher Art (EDDA) als Grundlage der rassischen Erneuerung des Volkes. In: Rasse: Monatsschrift für den Nordischen Gedanken. Band 11, Nr. 2, 1944, S. 63–70 (google.de [abgerufen am 24. Mai 2022]).
  9. Walter von Hueck: Organisationen des deutschen Adel seit der Reichsgründung und das Deutsche Adelsarchiv. In: Kurt Adamy, Kristina Hübener (Hrsg.): Adel und Staatsverwaltung in Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert: Ein historischer Vergleich. Akademie-Verlag, Berlin 1996, ISBN 978-3-05-007163-3, S. 19–38, 23 (google.de [abgerufen am 23. Mai 2022]).
  10. vgl.: Kalender der Deutschen Adelsgenossenschaft 1922. In: Deutsche Adels=Genossenschaft, Schriftführeramt (Hrsg.): Satzung, § 4 Mitgliedschaft. Wirtschaftsbund für den Deutschen Adel E.G.M.B.H., Berlin 1922, S. 42 (net.pl [abgerufen am 15. August 2021]).
  11. Georg H. Kleine: Adelsgenossenschaft und Nationalsozialismus. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 26, Nr. 1, 1978, ISSN 0042-5702, S. 100–143, 115-116, JSTOR:30197252.
  12. Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789–1945). In: Dieter Fricke (Hrsg.): Band 1, Deutsche Adelsgenossenschaft. National-Zeitung vom 11.10.33 Auflage. Primärquellen:, Kreuz-Zeitung vom 16.9.1933;. Bibliographisches Institut, Pahl-Rugenstein, Leipzig, Köln 1983, ISBN 978-3-7609-0782-6, S. 539 (d-nb.info [abgerufen am 12. Mai 2021]).
  13. Georg H. Kleine: Adelsgenossenschaft und Nationalsozialismus. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 26, Nr. 1, 1978, ISSN 0042-5702, S. 100–143, 118, JSTOR:30197252.
  14. www.adelsrecht.de/Geschichte
  15. https://www.adelsquellen.de/adelsforschung/dag00.htm