Der Schlachter

Film von Claude Chabrol (1970)

Der Schlachter (Originaltitel: Le boucher) ist ein französisch-italienischer Kriminalfilm von Claude Chabrol aus dem Jahr 1970.

Film
Deutscher TitelDer Schlachter
OriginaltitelLe boucher
Produktionsland Frankreich, Italien
Originalsprache Französisch
Erscheinungsjahr 1970
Länge 94 Minuten
Altersfreigabe FSK 12[1]
Stab
Regie Claude Chabrol
Drehbuch Claude Chabrol
Produktion André Génovès
Musik Pierre Jansen
Kamera Jean Rabier
Schnitt Jacques Gaillard
Besetzung
Ein Felsplateau oberhalb des Flusses Dordogne – Fundort der zweiten Leiche

HandlungBearbeiten

Hélène Daville arbeitet im Jahr 1966 in einem Dorf im Périgord als Schulleiterin und bewohnt im Schulgebäude eine Wohnung. Immer perfekt gekleidet und frisiert, hat sie ihre Emotionen vollständig unter Kontrolle. Sie folgt damit der gesellschaftlichen Erwartung an unverheiratete Lehrerinnen, aber zugleich weigert sie sich auch, Gefühle zu zeigen, weil sie eine schwere Enttäuschung hinter sich hat. Der ungebildete, oft vulgär, doch dann wieder liebenswürdig auftretende Schlachter Paul Thomas, der von allen am Ort Popaul genannt wird, ist seit Monaten heimlich in sie verliebt. Auf der Hochzeitsfeier eines Lehrerkollegen sitzt Hélène neben Paul, und sie lernen einander näher kennen.

Popaul wurde autoritär erzogen, das heißt auch mit Schlägen. Er hat 15 Jahre lang als Schlachter in einer Versorgungseinheit der französischen Armee gedient, so auch im Algerienkrieg und im Indochinakrieg. Mehrmals erzählt er von traumatischen Erlebnissen, vom Anblick aufeinandergestapelter abgeschlagener Köpfe und der zugerichteten Körper dahingeschlachteter junger und alter Vietnamesinnen.

Über Wochen versucht Popaul, das Herz der Lehrerin zu erobern. Hélène lässt eine gewisse Nähe zu und lädt ihn zum Essen ein, hält ihn jedoch bei weiteren Annäherungsversuchen auf Distanz. Da sie die Freundschaft erhalten möchte, schenkt sie Popaul zu seinem Geburtstag ein Feuerzeug.

Als nicht weit vom Ort ein erstochenes Mädchen gefunden wird, wird die Gendarmerie aus der nächstgrößeren Stadt hinzugezogen, die jedoch keinen Täter ermitteln kann. Nach einem Klassenausflug in eine Höhle mit altsteinzeitlichen Malereien finden Hélène und ihre Schüler die bestialisch zugerichtete Leiche einer Frau. Diese entpuppt sich als die Ehefrau von Hélènes Kollegen, auf dessen Hochzeit sie Popaul kennengelernt hat. Die Spuren am Tatort deuten darauf hin, dass der Mord erst unmittelbar zuvor geschehen sein muss. Neben der Toten liegt ein Feuerzeug, das genauso aussieht wie das, welches Hélène Popaul zum Geburtstag geschenkt hat. Hélène beschleicht ein furchtbarer Verdacht. Sie nimmt das Feuerzeug an sich und versteckt es bei sich zu Hause.

Als sie später am Abend allein in ihrer Wohnung ist, kommt Popaul überraschend mit einem Glas in Cognac eingelegter Kirschen zu Besuch, das er angeblich am selben Tag in Périgueux gekauft hat. Während sie die Kirschen essen, bleibt Hélène reserviert, was Popaul nicht entgeht. Als das Gespräch auf die ermordete Frau kommt, zeigt er sich angesichts von Hélènes Erschütterung fürsorglich, worauf Hélène zu weinen anfängt. Popaul reagiert verständnisvoll, ohne weiter zu fragen. Nachdem sich Hélène wieder gefasst hat, steckt sie sich eine Zigarette in den Mund und bittet Popaul um Feuer. Er holt ein Feuerzeug hervor, das offenbar Hélènes Geburtstagsgeschenk ist. Hélène verliert erneut die Fassung und weint in freudiger Erleichterung, da sie Popaul offensichtlich zu Unrecht verdächtigt hat; jedoch verschweigt sie die Ursache ihrer Tränen. An jenem Abend bietet Popaul Hélène an, die dringend ausstehenden Malerarbeiten in ihrer Wohnung durchzuführen. Unterdessen wird berichtet, dass sich ein dritter Mord mit denselben Tatmerkmalen in Périgueux ereignet habe.

Beim Streichen in Hélènes Wohnung entdeckt Popaul in einer Schublade zufällig das Feuerzeug vom Tatort und steckt es ein. Hélène bemerkt später den Verlust und erfährt von einem Schüler, der mit zusätzlichen Schulaufgaben in ihrer Wohnung beschäftigt war, dass nur Popaul das Feuerzeug mitgenommen haben könne. Als Popaul spätabends zur Schule zurückkommt und Hélène dringend sprechen will, gerät sie in Panik. Sie verriegelt alle Türen des Schulhauses. Popaul gelingt es trotzdem, in das Gebäude hineinzukommen. Er gesteht ihr die Morde und zeigt ihr die Tatwaffe, ein langes Messer. Die Vorstellung, dass Hélène wegen seiner schrecklichen Taten von ihm angewidert sein müsse, ist für ihn unerträglich. Nach seinem Geständnis rammt er sich das Messer in den Bauch, um „sich selbst zu töten“, worauf ihn Hélène ins Krankenhaus fährt. Auf dieser Fahrt gesteht Popaul Hélène seine Liebe. Im Krankenhaus richtet Popaul auf der Trage liegend eine letzte Bitte an Hélène, sie solle ihn küssen, und Hélène erfüllt seinen Wunsch. Sie blickt Popaul nach, bis er in einem Aufzug verschwindet und dessen Türen sich schließen. Kurz darauf teilt ihr ein Sanitäter mit, dass Popaul mit ihrem Namen auf den Lippen noch im Fahrstuhl gestorben sei. Hélène verlässt das Krankenhaus und fährt mit ihrem Auto an einen Fluss. Sie steigt aus, lässt die Scheinwerfern eingeschaltet und sitzt bis zum Morgengrauen regungslos am Ufer.

BildspracheBearbeiten

„Chabrol blendete jegliche Geräusche aus, das Einzige, was der Zuschauer hört ist die verstörende Musik von Pierre Jansen, ehe der Monolog des Beifahrers einsetzt. Langsam, leise, fast völlig kraftlos. Die Kameraperspektive wechselt von der Blickrichtung zur Straße, zum dunklen Himmel, zum Gesicht des Fahrers und schließlich zum Verletzten – über mehrere Minuten wird durch diesen ständigen Wechsel eine nahezu unerträgliche Stimmung aufgebaut.“[2]

KritikenBearbeiten

Das Lexikon des internationalen Films war der Ansicht, Chabrol nutze „den Kriminalfall zu einer erschütternden Parabel über die Macht des Bösen und die Zerbrechlichkeit menschlicher Ordnung“. Durch die vollkommene Balance von Form und Inhalt werde der Film „zu einem Höhepunkt des französischen Nachkriegsfilms“.[3] Prisma bezeichnete den Film als „hervorragend umgesetzte[n] Psycho-Thriller […], der […] mit psychologischen Elementen spielt und einiges über die Macht des Bösen erklärt“.[4] Für TV Spielfilm war es eines der „gelungensten Werke“ Chabrols. Es handle sich um ein „Porträt eines psychisch deformierten Menschen, der jedoch nie als Bestie diffamiert wird“.[5]

Die meisten Kritiker setzen andere Akzente: Chabrol setze „beiläufig“ – so etwa im „Salon-Geschwätz“ – Akzente, um dem „Publikum eine Menge nebenbei begreiflich zu machen. [...] In diesem Film, den selbst der erzkonservative ‚Figaro‘ als den ‚besten seit der Libération‘ (1945) empfand, verbindet Chabrol ein dokumentarisches Bild der Dordogne (Chabrol: ‚Das einzige französische Département, in dem die Leute noch glücklich sind‘) mit exakt programmierter Sozialkritik: [...] Chabrol erklärt die Untaten mit der autoritären Erziehung und den langen Kriegserlebnissen des Täters (‚Kameraden von mir sind einfach in der Sonne verfault‘), er kontrastiert sie durch Erzählungen von unkultivierten Cromagnonmenschen und charakterisiert die Rektorin durch eingestreute Balzac-Zitate (‚Als sie den Marquis sah ... hatte man bei ihr den Eindruck von Größe, durch welche auch die roheste Seele beeindruckt sein musste‘). Solche listigen, zudem in äußerst ästhetische Bilder gekleideten Kino-Werke haben Chabrol neuerdings die Feindschaft seiner alten ‚Cahiers du cinéma‘ eingetragen und deutsche Filmverleiher trotz eindeutiger Pariser Kassenerfolge ein für allemal abgeschreckt.“[6]

AuszeichnungenBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Freigabebescheinigung für Der Schlachter. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, September 2006 (PDF; Prüf­nummer: 107 564 DVD).
  2. www.film-rezensionen.de, Abruf 29. September 2018.
  3. Der Schlachter. In: Lexikon des internationalen Films. Filmdienst, abgerufen am 2. März 2017. 
  4. Der Schlachter. In: prisma. Abgerufen am 5. April 2021.
  5. Vgl. tvspielfilm.de
  6. Chabrol. Kleines Fenster. In: Der Spiegel. 29. November 1970, abgerufen am 5. April 2021.