Der Rausch

Filmdrama von Thomas Vinterberg (2020)

Der Rausch (Originaltitel: Druk, dt.: „Komasaufen“; internationaler Titel: Another Round, dt.: „Noch eine Runde“) ist ein Spielfilm von Thomas Vinterberg aus dem Jahr 2020. Die Sozialsatire handelt von vier befreundeten Lehrern (dargestellt von Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe), die aus Frustration gemeinsam ein „Trinkexperiment“ starten, um wieder motiviert vor ihre Schüler treten zu können.

Film
Deutscher TitelDer Rausch
OriginaltitelDruk
Produktionsland Dänemark, Schweden, Niederlande
Originalsprache Dänisch
Erscheinungsjahr 2020
Länge 116 Minuten
Stab
Regie Thomas Vinterberg
Drehbuch Thomas Vinterberg,
Tobias Lindholm
Produktion Sisse Graum Jørgensen,
Kasper Dissing
Musik Mikkel Maltha
Kamera Sturla Brandth Grøvlen
Schnitt Anne Østerud,
Janus Billeskov Jansen
Besetzung

Die Uraufführung des Films war ursprünglich im Mai 2020 bei den 73. Internationalen Filmfestspiele von Cannes geplant, die aber aufgrund der COVID-19-Pandemie abgesagt werden mussten.[1] Daraufhin wurde die europäische Koproduktion am 12. September 2020 im Rahmen des 45. Toronto International Film Festival uraufgeführt. Der reguläre Kinostart in Dänemark fand am 24. September 2020 statt.[2] Dort entwickelte sich Der Rausch gemessen an den verkauften Kinokarten zur meistgesehenen Produktion des Filmjahres 2020. Im selben Jahr wurde Vinterbergs Regiearbeit mit vier Europäischen Filmpreisen ausgezeichnet.[3] Im Jahr 2021 folgte ein Oscar für den Besten internationalen Film, eine Oscar-Nominierung für die Beste Regie, sowie ein British Academy Film Award (Bester nicht-englischsprachiger Film).

Der Weltkino Filmverleih verschob einen deutschen Kinostart mehrfach aufgrund der COVID-19-Pandemie. Der aktuelle deutsche Kinostart war am 22. Juli 2021.[4]

Eine deutsche Vorpremiere hatte der Film bei den 22. Skandinavischen Filmtagen Bonn am 3. Juli 2021 im Kino des LVR-Landesmuseum Bonn.

HandlungBearbeiten

Der Geschichtslehrer Martin, der Philosophielehrer Nikolaj, der Musiklehrer Peter und der Sportlehrer Tommy befinden sich in einer Midlife-Crisis und fühlen sich auf der Arbeit zunehmend leer und ausgebrannt. Vor allem Martin wird im Unterricht von seinen Schülern kaum noch wahrgenommen. Außerdem versuchen die Eltern, den wenig motivierten Lehrer loszuwerden. Neben den Problemen im Beruf hat sich Martin über die Zeit auch von seiner im Nachtdienst arbeitenden Ehefrau Anika entfremdet, während Nikolaj privat mit seinen drei kleinen Kindern zu kämpfen hat.

Am 40. Geburtstag von Nikolaj besuchen die vier Freunde ein Restaurant. Dort zitiert Nikolaj eine These des norwegischen Psychiaters Finn Skårderud, nach der der Mensch mit einem um 0,5 Promille zu geringen Blutalkoholwert auf die Welt komme. Mit der Aussicht auf mehr Selbstbewusstsein und Freude am Job beschließen die Lehrer, die These im Selbstexperiment zu verifizieren und dafür durch den täglichen Konsum von Alkohol besagten Pegel während der Arbeit aufrechtzuerhalten. Das Trinkexperiment, das sie ohne das Wissen ihrer Familien und Schüler in ihren Alltag einbauen, entwickelt sich scheinbar zu einem Erfolg: Die vier Pädagogen fühlen sich wieder lebendig, mutig und motiviert. Vor allem Martin profitiert von der Methode, da es ihm gelingt, seinen Unterricht wieder kreativ und mitreißend zu gestalten.

In der zweiten Stufe des Selbstversuches erhöhen die vier ihre Alkoholpegel, um ihr individuelles Optimum zu finden. In der Folge nähert sich Martin abseits der Schule wieder seiner Frau Anika an, die ihre gemeinsame Beziehung eigentlich schon aufgegeben hatte. Gleichzeitig verbucht das Fußballteam von Tommy Erfolge, während Peter den Alkoholkonsum sogar einem Schüler mit Prüfungsangst auf Grundlage seiner Erfahrungen empfiehlt. Um diese erfolgreiche Phase des Rausches noch weiter voranzutreiben, beschließt das Quartett, die gehaltenen Promille bis zur Katharsis zu erhöhen. Nach einer berauschenden Nacht kommt es zwischen dem verkaterten Martin und seiner Frau schließlich zu einem Streit, bei dem Anika eine vergangene Liebesbeziehung mit einem anderen Mann gesteht. Nikolajs Frau Amalie verlässt ihren Mann wegen seines zunehmend exzessiven Alkoholkonsums. Als der Versuch des Quartetts schließlich auch im Lehrerzimmer der Schule zum Thema wird, beschließen die vier Freunde, das Selbstexperiment aufgrund negativer sozialer Folgen und der drohenden Alkoholkrankheit zu beenden.

Einzig Tommy kann seinem Verlangen nach Alkohol nicht mehr widerstehen, gerät immer tiefer in die Sucht und stirbt bei einer Fahrt mit seinem Boot. Ob es ein Unfall ist oder ob er Suizid begeht, bleibt unklar. Auf seiner Beerdigung stellt sich heraus, dass Nikolaj und Amalie wieder zusammenleben, und auch Martin und Anika nähern sich langsam wieder einander an. Nach der Zeremonie feiern Martin, Nikolaj und Peter gemeinsam mit ihren Schülern, die es allesamt erfolgreich durch das Abitur geschafft haben. Unter dem Einfluss von Alkohol tanzt Martin enthemmt und springt dann in das Hafenbecken, in dem Tommy umkam.

EntstehungsgeschichteBearbeiten

 
Regisseur Thomas Vinterberg (2010) drehte den Film trotz des Unfalltods seiner Tochter zu Ende.

Der Film wurde von einer Theorie des norwegischen Psychiaters Finn Skårderud inspiriert, nach der ein Mensch mit einem Blutalkoholspiegel-Defizit, also einem Blutalkoholspiegel, der 0,5 Promille unter den eigentlichen menschlichen Bedürfnissen liege, zur Welt komme. Regisseur und Drehbuchautor Thomas Vinterberg wurde durch eine E-Mail seiner norwegischen Filmeditorin Anne Østerud mit dieser nicht-wissenschaftlichen These vertraut gemacht. Vinterberg und sein langjähriger Drehbuchpartner Tobias Lindholm verbrachten mehrere Jahre an der Arbeit am Drehbuch, wobei sie die Figur des Martin Mads Mikkelsen auf den Leib schrieben. Mikkelsen hatte mit Erfolg zuvor die Hauptrolle in Vinterbergs mehrfach preisgekröntem Drama Die Jagd (2012) bekleidet.[5]

Vinterberg wollte ursprünglich seine älteste Tochter Ida mit der Rolle einer Schülerin betrauen, womit Der Rausch ihr Filmdebüt gewesen wäre. Als Drehort fungierte auch die Schule von Vinterbergs Tochter, während Freunde von ihr als Schüler gecastet wurden. Anfang Mai 2019, vier Tage nach Beginn der Filmproduktion, starb Ida im Alter von 19 Jahren bei einem Verkehrsunfall auf einer belgischen Autobahn. Vinterbergs Ex-Frau Maria Walbom, die Ida zu Freunden nach Paris hatte fahren wollen, überlebte den Autounfall verletzt. Ein anderer Fahrer hatte, durch sein Mobiltelefon abgelenkt, den Wagen der beiden gerammt. Obwohl Vinterberg vom plötzlichen Unfalltod seiner Tochter traumatisiert war, entschied er sich nach ihrer Beerdigung die Dreharbeiten wiederaufzunehmen. Unterstützt wurde er dabei von seinem Drehbuch-Kollegen Tobias Lindholm. In einer Situation der Unsicherheit trafen sich laut Hauptdarsteller Mikkelsen auch die Schauspieler und diskutierten über das weitere Vorgehen und ihre Reaktion. Sie beschlossen, den Anweisungen von Vinterberg zu folgen, weil es genau das gewesen sei, was er zu diesem Zeitpunkt benötigte. In der finalen Filmfassung ist die Hauptfigur Martin Vater zweier Söhne, dennoch ergänzte Vinterberg bei den Credits im Abspann eine Widmung für Ida.[6]

Ursprünglich hatte Vinterberg geplant, die Alkoholszenen weniger komödiantisch anzulegen. Nach mehreren Versionen ohne Slapstick sei er aber zu den ursprünglichen Plänen zurückgekehrt. In den Proben zum Film neigten die Darsteller dazu, tatsächlich Alkohol zu konsumieren. Vinterberg verbot daraufhin aus praktischen Gründen das Trinken am Filmset. Stattdessen studierten die Darsteller russische YouTube-Videos von Marathon-Trinkgelagen.[6]

RezeptionBearbeiten

 
Mads Mikkelsen (2016) spielt im Film die Hauptrolle des Martin

Auf der Website Rotten Tomatoes hält Der Rausch derzeit eine Bewertung von 92 Prozent, basierend auf knapp 200 englischsprachigen Kritiken und einer Durchschnittswertung von 7,9 von 10 Punkten. Das Fazit der Seite lautet: „Man nehme ein Stück sicher inszenierte Tragikomödie, füge einen Schuss Mads Mikkelsen in Vintage-Form hinzu und man hat ‚Another Round‘ – einen berauschenden Blick auf Midlife-Crisis“.[7] Auf Metacritic erhielt der Film eine Bewertung von 79 Prozent, basierend auf 32 ausgewerteten Kritiken.[8] Zudem ging Der Rausch aus dem IndieWire Critics Poll als Drittplatzierter unter den besten internationalen Filmen des Jahres 2020 hervor.[9]

Wolfgang Höbel machte der Film Spaß, obwohl der Film auch die Probleme des Alkohols aufzeige und ihn daher auch nicht verherrliche. Der Film sei Vinterbergs „Comebackfilm“ aus dem „Mittelmaß“.[10]

Der Rausch entwickelte sich, gemessen an den verkauften Kinokarten, zum mit Abstand meistgesehenen Film des Kinojahres 2020 in Dänemark. Bis zum 11. Dezember 2020 besuchten 800.658 Kinogäste den Film. Auf Platz zwei folgte Anders Thomas Jensens Rachegeschichte Helden der Wahrscheinlichkeit, ebenfalls mit Mikkelsen in der Hauptrolle (Kinostart: 19. November 2020, 440.639 verkaufte Kinokarten), auf Platz drei Mikkel Nørgaards Komödie Klovn the Final (Kinostart: 30. Januar 2020, 437.381 verkaufte Tickets).[11]

AuszeichnungenBearbeiten

Der Rausch gewann bislang über 30 Film- bzw. Festivalpreise und wurde für mehr als 50 weitere nominiert, darunter folgende:[12]

2020

  • Bester fremdsprachiger Film
  • Darstellerpreis Silberne Muschel (Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang, Lars Ranthe)
  • Premio Feroz Zinemaldia – Bester Wettbewerbsfilm
  • SIGNIS Award (Thomas Vinterberg)
  • Nominierung – Goldene Muschel für den Besten Film
  • Publikumspreis
  • Bester ausländischer Film
  • Publikumspreis

2021

  • 5 Nominierungen – Bester dänischer Film, Bester Hauptdarsteller (Mads Mikkelsen), Bester Nebendarsteller (Lars Ranthe, Magnus Millang, Thomas Bo Larsen)[13]
  • Bester nicht-englischsprachiger Film
  • 3 Nominierungen – Beste Regie, Bestes Originaldrehbuch, Bester Hauptdarsteller (Mads Mikkelsen)
  • Nominierung – Bester fremdsprachiger Film
  • Bester internationaler Film
  • Nominierung – Beste Regie
  • Bester Film
  • Beste Regie
  • Bestes Originaldrehbuch
  • Bester Hauptdarsteller (Mads Mikkelsen)
  • Bester Schnitt
  • 7 Nominierungen – Beste Nebendarstellerin (Maria Bonnevie), Bester Nebendarsteller (Thomas Bo Larsen, Magnus Millang, Lars Ranthe), Beste Kamera, Bestes Szenenbild (Sabine Hviid), Bester Ton (Hans Møller, Jan Schermer)

Bei der Berücksichtigung als dänischer Beitrag für die Kategorie Bester internationaler Film setzte sich Der Rausch gegen das Transgender-Familiendrama En helt almindelig familie von Malou Reymann sowie den Actionfilm Shorta von Frederik Louis Hviid und Anders Ølholm durch. Für Vinterberg war es die dritte Oscar-Einreichung nach Das Fest (1999) und Die Jagd (Nominierung 2014).[14]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Druk. In: cannes2020.festival-cannes.com (abgerufen am 10. November 2020).
  2. Der Rausch (2020) – Release Info. In: imdb.com (abgerufen am 10. November 2020).
  3. Livestream via www.europeanfilmawards.eu (abgerufen am 12. Dezember 2020).
  4. Weltkino Filmverleih: Der Rausch (abgerufen am 26. Juni 2021).
  5. Tina Jøhnk Christensen: Another Round (Denmark) - In Conversation with Thomas Vinterberg. In: 7. Dezember 2020 (abgerufen am 12. Dezember 2020).
  6. a b Eric Kohn: How Thomas Vinterberg Overcame the Greatest Tragedy of His Life to Make ‘Another Round’. In: indiewire.com, 9. Dezember 2020 (abgerufen am 12. Dezember 2020).
  7. Another Round (Druk). In: rottentomatoes.com (abgerufen am 4. Juli 2021).
  8. Another Round. In: metacritic.com (abgerufen am 4. Juli 2021).
  9. Eric Kohn und Christian Blauvelt: 2020 Critics Poll: The Best Films and Performances According to Over 200 Critics From Around the World. In: indiewire.com, 14. Dezember 2020.
  10. Wolfgang Höbel: »Der Rausch« mit Mads Mikkelsen: Ist Alkohol doch eine Lösung? – Filmkritik. In: spiegel.de. Abgerufen am 1. August 2021.
  11. Filmåret 2020. In: dfi.dk, 11. Dezember 2020 (abgerufen am 12. Dezember 2020).
  12. Der Rausch (2020) – Awards. In: imdb.com (abgerufen am 11. April 2021).
  13. Bodilprisen 2021. Og de nominerede er…. In: bodilprisen.dk, 22. Februar 2021 (abgerufen am 16. März 2021).
  14. Ben Dalton: Denmark selects Thomas Vinterberg’s ‘Another Round’ for Oscars 2021. In: screendaily.com, 18. November 2020 (abgerufen am 19. November 2020).