Demokratiebildung

Form der Erziehung
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Demokratiebildung, auch Demokratieerziehung oder Demokratiepädagogik, bezeichnet Formen der Erziehung mit dem Anspruch, den Erziehungsprozess demokratisch zu gestalten, oder mit dem Ziel, die Demokratie als anerkannte staatliche Regierungsweise oder umfassender ein demokratisches Zusammenleben, im Sinne einer Demokratie als Lebensform (John Dewey), zu fördern. Dazu gehören Bildungs- und Erziehungsansätze, die Inhalte über die Demokratie vermitteln oder demokratische Verhaltensweisen einüben sollen, ebenso wie Versuche, die Strukturen der Schule bzw. des ganzen Bildungswesens demokratisch zu gestalten.

ZieleBearbeiten

Als Ziele der Demokratiebildung finden sich insbesondere seit der Verbreitung verschiedener Kompetenzmodelle in Folge der PISA-Studien auch die Begriffe der Demokratiefähigkeit[1] bzw. der Demokratiekompetenz.[2] Diese wird in der Literatur in drei Dimensionen untergliedert: eine kognitive Dimension des politischen Wissens, eine affektiv-motivationale Dimension und eine dritte, behaviorale Dimension, die sich auf demokratisches Verhalten bezieht.[3] Die Demokratiepädagogik bezieht sich in vielerlei Hinsicht auf die Erkenntnisse John Deweys und des Pragmatismus.

Methoden der DemokratiebildungBearbeiten

Diese Erziehungsziele werden auch in unterschiedlichen Methoden deutlich. Stichpunktartig sind hier zu nennen:

  • Fächer wie Sozialkunde, Ethik, Geschichte oder Politische Weltkunde, in denen Wissen über soziale Institutionen vermittelt und die Reflexion über ethische und politisch-historische Probleme angeregt werden soll;
  • medienpädagogische Ansätze, die Menschen im Umgang mit Informationen, aber auch Propaganda oder Werbung sensibilisieren wollen;
  • Schülermitspracherechte[4] (z. B. Schülervertretung etc.) als eine begrenzte Möglichkeit der Schüler, ihre Meinung im Austausch mit der Schule zum Ausdruck zu bringen und in einigen Fragen mitzuentscheiden[5];
  • weitergehende Schulmitbestimmung nach dem Sudbury-Modell: Sämtliche Entscheidungen werden dort in einem demokratischen Prozess („Schulversammlung“) von den Schülern getroffen, das Aufstellen und Ändern von Regeln, die Verwendung des der Schule zur Verfügung stehenden Geldes und die Einstellung oder Entlassung von Mitarbeitern;
  • die Öffnung der Schule, wie sie besonders die Community- und Service Learning-Ansätze aus dem anglo-amerikanischen Bildungswesen anstreben, um die Umwelt der Institution Schule einzubeziehen und so der Lebenswirklichkeit der Schüler näherzukommen;
  • Mediationsverfahren, wie das Streitschlichtertraining, die teilweise zur demokratischen Erziehung gerechnet werden, weil sie in Schulen die Konfliktlösungskompetenzen mit auf die Schüler verteilen und ihnen damit mehr Einfluss auf ihr eigenes Lernumfeld geben[6]. Zudem setzen sie sich mit unterschiedlichen Möglichkeiten der Kompromissfindung auseinander, was als ein Bestandteil von notwendigen demokratischen Fähigkeiten angesehen werden kann;
  • Demokratietrainings in Seminarform oder als Fortbildung zum Training entsprechender demokratischer Konfliktlösung, u. a. in Rollenspielen.

Das Verhältnis zwischen Demokratiebildung und Politischer BildungBearbeiten

Ansätze der Demokratiebildung bzw. der Demokratiepädagogik sind hauptsächlich in der Erziehungswissenschaft verankert, während die primäre Bezugsdisziplin der Politischen Bildung die Politikdidaktik ist. Im Fokus der Demokratiepädagogik steht die Demokratie, verstanden nicht nur als Herrschafts- und Gesellschaftsform, sondern insbesondere als Lebensform. Der zentrale Bezug der Politischen Bildung auf das demokratische politische System wird deshalb von Demokratiepädagogen als zu institutionenzentriert kritisiert, während Politikdidaktiker darauf verweisen, dass in demokratiepädagogischen Ansätzen oft der politische Gehalt von Themen zu stark vernachlässigt werde. Die Demokratiepädagogik versteht sich auch als „,Dachbegriff‘ für alle pädagogische Bemühungen zum Erhalt und zur Erneuerung der Demokratie“.[7] Während sich Politische Bildung in der Schule oftmals auf das zugehörige Kernfach bezieht, folgen viele demokratiepädagogische Ansätze einem fächerübergreifenden Konzept.

GeschichteBearbeiten

Das grundlegende Buch Demokratie und Erziehung von John Dewey ist erstmals 1916 erschienen und wird bis heute (häufig sogar als einziger Beitrag) in erziehungswissenschaftlichen Schriften zu dem Thema angeführt.

Dieser reformpädagogische Ansatz setzte in erster Linie auf das demokratische Erleben und geht vom Schulsystem der USA aus. In Deutschland kamen in der Weimarer Republik Gedanken zur Mitbestimmung in der Reformpädagogik vor allem im Bund Entschiedener Schulreformer auf und wurden u. a. durch Gustav Wyneken in die Schulordnung aufgenommen. Dabei blieben sie aber auf staatsbezogene Ansätze wie der Einführung einer Staatsbürgerkunde und einer begrenzten Schülermitsprache beschränkt. Erstmals hat die Weimarer Republik zur Verbreitung des demokratischen Gedankens das Lehrfach Staatsbürgerkunde gemäß Weimarer Verfassung Art. 148 eingerichtet.

Der Nationalsozialismus bekämpfte die Demokratie als undeutsche Erscheinung, wobei jedoch die nationalsozialistische Erziehung viele reformpädagogische Projekte zumindest für einige Jahre weiterbestehen ließen, u. a. um für ihre eigenen Eliteeinrichtungen (Nationalpolitische Erziehungsanstalten) pädagogische Inspirationen zu finden.

Nach 1945 planten die USA zur Entnazifizierung eine demokratische Erziehung nach dem Vorbild Deweys zu verankern, scheiterten aber in ihrer Besatzungszone am Widerstand der deutschen Schuladministration und Interessenverbände. An vielen Punkten setzte die Schule in den Westzonen bzw. der Bundesrepublik wieder an der Bildung der Weimarer Republik an. Seit den 1950er Jahren wurden Ansätze zum demokratischen Erziehungsstil bekannt. Die Einführung des Faches Sozialkunde neben dem Geschichtsunterricht sollte zur Demokratieerziehung beitragen. Erst mit der Gesamtschul-Bewegung und der antiautoritären Erziehung kamen in den 1970er Jahren demokratische Zielsetzungen wieder verstärkt ins Blickfeld der Erziehungswissenschaft. Eine tiefgreifende demokratische Erziehung wurde in Ausnahmeeinrichtungen wie der Bielefelder Laborschule zum Programm erhoben. Ihr Begründer, Hartmut von Hentig, ist heute der wohl bekannteste Vertreter demokratischer Erziehung in Deutschland. International gibt es noch wesentlich weiter entwickelte demokratische Schulen. Die bekanntesten Schulen dieser Art sind Summerhill und die Sudbury Valley School.

Bedingt durch den zunehmenden Rechtsextremismus in der deutschen Gesellschaft – vor allem der Jugend – in den 1990er Jahren, hat die Bund-Länder-Kommission im Jahr 2002 das BLK-Programm Demokratie lernen und leben aufgelegt, an dem sich 13 Bundesländer beteiligt haben. In etwa 130 Schulen haben sich gute Beispiele für eine weitergehende demokratische Schulpraxis etabliert. Im Jahr 2005 wurde die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik gegründet, die die Vernetzung relevanter Akteure fördern und Demokratiebildung stärken soll.[8] Die deutsche Kultusministerkonferenz hat 2009 eine Erklärung zur Stärkung der Demokratieerziehung[9] beschlossen, die 2018 aktualisiert worden ist.[10] In Potsdam fand dazu eine Fachkonferenz der Bundesländer statt.[11] Das Programm Demokratie Leben! des BMFSFJ fördert seit 2015 zivilgesellschaftliche Projekte, die sich für Demokratie, Vielfalt und gegen Menschenfeindlichkeit einsetzen. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf der Demokratieförderung im Kinder- und Jugendalter.[12]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. EPA Sozialkunde/Politik (Memento vom 5. Oktober 2007 im Internet Archive) (PDF; 494 kB) im Internet Archive.
  2. Gerhard Himmelmann: Was ist Demokratiekompetenz? (Memento des Originals vom 20. Dezember 2007 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.blk-demokratie.de 2005
  3. Christine Schmid, Rainer Watermann: Demokratische Bildung. In: Handbuch Bildungsforschung (= Springer Reference Sozialwissenschaften). Springer Fachmedien, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-531-19981-8, S. 1133–1153, doi:10.1007/978-3-531-19981-8_50 (springer.com [abgerufen am 13. März 2020]).
  4. Praxiskonzept: Demokratie lernen - Selbstwirksamkeit erfahren. In: Das Deutsche Schulportal. 7. September 2018, abgerufen am 14. Februar 2020.
  5. „Im Unterricht hört die Mitbestimmung oft auf“: Ein Interview mit Schülervertretungen aus Berlin und Brandenburg. In: Das Deutsche Schulportal. 29. Oktober 2019, abgerufen am 14. Februar 2020.
  6. Praxiskonzept: Schüler-Mediation - Konflikte gemeinsam lösen. In: Das Deutsche Schulportal. 10. März 2019, abgerufen am 14. Februar 2020.
  7. Kerstin Pohl: Demokratiepädagogik oder politische Bildung – Ein Streit zwischen zwei Wissenschaftsdisziplinen? In: Topologik : Rivista Internazionale di Scienze Filosofiche, Pedagogiche e Sociali. Nr. 6, 1. November 2009, ISSN 2036-5683, S. 102–115 (doaj.org [abgerufen am 13. März 2020]).
  8. Unser Verein. In: DeGeDe. Abgerufen am 14. März 2020 (deutsch).
  9. Stärkung der Demokratieerziehung. KMK, 2009, abgerufen am 21. Mai 2020.
  10. Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis historisch-politischer Bildung und Erziehung in der Schule. (PDF) Kultusministerkonferenz BR Deutschland, 2018, abgerufen am 21. Mai 2020.
  11. Potsdamer Fachtagung 2009 (Memento des Originals vom 19. April 2012 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.mbjs.brandenburg.de.
  12. Über „Demokratie leben!“ | Demokratie leben! Abgerufen am 13. März 2020.