Das Vermächtnis (Böll)

Erzählung von Heinrich Böll

Das Vermächtnis ist eine Erzählung von Heinrich Böll, die – 1948 geschrieben[1] – im September 1982 im Lamuv Verlag in Bornheim-Merten erschien[2].

Der Kriegsheimkehrer Wenk erfüllt das Vermächtnis seines als vermisst geltenden Freundes Schelling, indem er für dessen jungen Bruder die Geschichte von Schellings letzten Monaten niederschreibt.

Der RahmenBearbeiten

Zur Erzählzeit ist der Krieg vorbei und Hauptmann Schnecker lässt es sich in der Heimat wohl gehen. Im zivilen Leben wieder angekommen und frisch promoviert, sitzt Schnecker neben einer jungen Frau in einem Café. Er wird von Wenk, dem Erzähler, beobachtet. Wenk schreibt an den 20-jährigen Bruder des Oberleutnants Schelling einen sehr langen Brief. Dieses Schreiben ist die vorliegende Erzählung. Gleich am Anfang des Briefes wird der Bruder Schellings, ein Nachgeborener (der zu Kriegsende noch jugendlich war), mit einer Tatsache konfrontiert, über die nur Schnecker und Wenk Kenntnis haben: Hauptmann Schnecker hat Oberleutnant Schelling ermordet.

Wenk erzählt über das Jahr 1943 – über den langen warmen Sommer am Meer im Nordwesten der Normandie und über den kurzen Herbst bis Ende Oktober an der Ostfront in der Heeresgruppe Süd.

Die GeschichteBearbeiten

Nordfranzösische Küste

Obergefreiter Wenk, in der Wehrmacht als Gewehrschütze und Telefonist ausgebildet, dient als Melder bei Oberleutnant Schelling im Bataillon des Hauptmanns Schnecker. Schelling und Schnecker kennen sich gut; duzen sich sogar. Aber das Verhältnis der beiden Offiziere ist gespannt. Kein Wunder – sind doch die beiden Charaktere zu unterschiedlich. Schelling kämpft gegen die Misswirtschaft in der Wehrmacht und ist naturgemäß der übermächtigen Administration unterlegen. Nach Schneckers Ansicht kann Schelling froh sein, dass er nach seinem verlorenen Verfahren, in dem er „die Eignung zum Kompanieführer abgesprochen bekam“[3], keinen Leutnant, sondern einen Hauptmann als Vorgesetzten erhielt. Das habe Schelling nur Schnecker zu verdanken. Hauptmann Schnecker ist mit seinem Untergebenen Oberleutnant Schelling überhaupt unzufrieden. Z. B. missbilligt Schnecker den respektlosen Umgang Schellings mit dem pompösen Führerbild im Dienstzimmer. Oder Schnecker bemängelt, dass sich Schelling mit Wenk „das frechste Schwein des Bataillons zum Putzer“[4] genommen hat.

Als der nicht „ostverwendungsfähige“ Kompaniechef erkrankt, muss Schelling doch noch die Kompanie führen.

Russland, Ostfront

Der Dienst und die Vorkommnisse in Frankreich – das ist alles Spaß gegen die Ereignisse in Russland. Dort, im Kampf an vorderster Front, zeigt sich sehr bald, aus welchem Holz die Offiziere Schelling und Schnecker geschnitzt sind. Schelling koordiniert das Vorrücken seiner Kompanie zur Kampflinie. Zwar zittert der Oberleutnant unmittelbar vor dem Angriff[5], aber er rückt persönlich mit vor. Schnecker hingegen lässt sich höchstens nach dem Kampf einmal blicken und auch nur, um zu einer Sauferei einzuladen. Immer, wenn Schnecker auftaucht, gibt es neuen Zwist zwischen den beiden Offizieren. Schelling hat der Truppe nach dem Angriff dienstfrei gegeben – gleichsam als Atempause vor der nächsten Attacke. Schnecker fühlt sich übergangen. Schelling geht hin zu der kleinen Feier, auf der er wegen Tapferkeit vor dem Feind geehrt werden soll. Er nimmt Wenk mit. Es kommt auf dem Fest zwischen dem sturzbetrunkenen Schnecker und dem nüchternen Schelling zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung, in deren Verlauf Schelling von Schnecker erschossen wird. Unmittelbar nach dem Mord greift der russische Gegner massiv an. Schneckers gesamte Kampftruppe wird aufgerieben. Nur Wenk und Schnecker können flüchten.

Eine FreundschaftBearbeiten

Ungewöhnlich für die Wehrmacht erscheint sie schon, diese Geschichte einer Freundschaft zwischen einem Oberleutnant und einem Obergefreiten. So muss der erzählende Soldat Wenk auch gestehen, dass er nach fünf Jahren Wehrdienst mit Schelling dem ersten Offizier begegnet war, der auf dem Grat zwischen Befehlendem und Demütigem balancierte. Beide sind 25 Jahre alt. In Frankreich reden sich Schelling und Wenk noch mit Sie an. Als sich herausstellt, dass beide die schöne Madeleine lieben, duzt Schelling den Untergebenen und sie lassen von dem jungen französischen Mädchen auf Nimmerwiedersehen ab. Bedingt durch das Dienstverhältnis verbringen Schelling und Wenk die kurzen Ruhezeiten im Unterstand an der Ostfront gemeinsam. Dabei ergeben sich mitunter Erörterungen über den Unsinn des Krieges.

FormBearbeiten

Das Vermächtnis – gleichsam Kunstwerk wie aus einem Guss – zeigt Bölls seltenes Erzähltalent. Da ist einmal die raffinierte Erzählstruktur zu bewundern. Ein Gegensatz schafft merkwürdige Spannung über das ganze Werk hinweg: Ziemlich breit werden die Wochen an der Westfront geschildert. Zwar lebt die Wehrmacht dort nicht wie der liebe Gott in Frankreich, doch lässt sich der Dienst ertragen. Umso knapper ist der Schluss der Erzählung mit den Ereignissen an der Ostfront gestaltet – mit dem Vormarsch gegen den russischen Feind, mit Verwundung und Tod. Die Todesangst aller Beteiligten und das Grauen des Angriffskrieges kommen z. B. eindrucksvoll zur Sprache, als eine Einbruchstelle durch Schellings Kompanie abgeriegelt werden muss. Das ist kein Stürmen mit Hurrageschrei, sondern beklommenes Hineinmarschieren in einen dunklen, schweigenden Raum. Ganz anders als in Frankreich, treten die Vormarschierenden auf Leichen. Dann flackert das gegnerische Artilleriefeuer auf. Granaten schlagen ein. Deutsche sterben. Verwundete, mit abgerissenen Gliedmaßen, verbluten.

ZitatBearbeiten

„Die Kleinen fängt man immer gut“[6].

SelbstzeugnisBearbeiten

Vom letzten Krieg wollte 1948 kaum einer hören. Böll fand keinen Verlag für das Manuskript. Er schrieb dazu im Juli 1948: „Drei Jahre nach dem Kriege muß man sich schon wieder vor dem Publikum fürchten“[7].

Die Front der AtlantikküsteBearbeiten

Wenk steht „in der nordwestlichen Ecke der Normandie[8], „an dieser Front der Atlantikküste“[9] und „die Sommemündung[10] sei nicht weit. Von Abbéville ist die Rede[11]. Das passt höchstens zusammen, wenn der ganze Ärmelkanal zum Atlantik gerechnet wird; grenzt doch die Somme im Osten die Normandie von der Picardie ab und fließt in den Kanal. Der Atlantik liegt ca. 500 km westlich davon.

RezeptionBearbeiten

  • Hoffmann[12] hebt den Antikriegscharakter des Buches hervor.
  • Balzer[13] macht auf den Zukunftsblick des Erzählers Böll aufmerksam.
  • Vogt[14] stellt in seiner knappen, aber zutreffenden gesellschaftskritischen Zusammenfassung Schnecker als „skrupellos“ und Schelling als „unbequem, weil kompromißlos“ hin.
  • Lesenswert ist Bernáths[15] Vergleich des „Kurzromans“ „Das Vermächtnis“ mit Der Zug war pünktlich.
  • Bellmann[16] weist auf Bölls Klassifizierung dieses Werkes hin. Der Autor bezeichnet es als „Erzählung in Briefform“ und als „Kriegsroman“.

LiteraturBearbeiten

Quelle
  • Heinrich Böll: Das Vermächtnis. Erzählung. Deutscher Taschenbuch Verlag München Oktober 1984 (4. Aufl. Juli 1990). 156 Seiten, ISBN 3-423-10326-4
Erstausgabe
  • Heinrich Böll: Das Vermächtnis. Erzählung. Lamuv Verlag Bornheim-Merten 1982. 158 Seiten
Ausgaben
  • Heinrich Böll: Das Vermächtnis. Erzählung. Insel Verlag Leipzig 1984. Insel-Bücherei 1046. 93 Seiten
  • Bernd Balzer: Heinrich Böll Werke. Romane und Erzählungen 1. 1947–1952. S. 364–457. Kiepenheuer & Witsch Köln 1977 (ergänzte Neuaufl. 1987, 877 Seiten), ISBN 3-462-01871-X
Sekundärliteratur
  • Gabriele Hoffmann: Heinrich Böll. Leben und Werk. Heyne-Verlag Biographie 12/209 München 1991 (Cecilie-Dressler-Verlag 1977). 301 Seiten, ISBN 3-453-05041-X
  • Bernd Balzer: Anarchie und Zärtlichkeit. in: Heinrich Böll Werke. Romane und Erzählungen 1. 1947–1952. Kiepenheuer & Witsch Köln 1977 (ergänzte Neuaufl. 1987, 877 Seiten), ISBN 3-462-01871-X
  • Jochen Vogt: Heinrich Böll. Verlag C. H. Beck München 1978 (2. Aufl. 1987), 192 Seiten, ISBN 3-406-31780-4
  • Árpád Bernáth: Das ‚Ur-Böll-Werk‘. Über Heinrich Bölls schriftstellerische Anfänge. S. 21–37. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Heinrich Böll. Heft 33 der Edition text + kritik München Oktober 1982. 156 Seiten, ISBN 3-88377-120-1
  • Karl Heiner Busse: Zu wahr, um schön zu sein. Frühe Publikationen S. 25–42 in: Bernd Balzer (Hrsg.): Heinrich Böll 1917–1985 zum 75. Geburtstag. Peter Lang AG Bern 1992. 354 Seiten, ISBN 3-906750-26-4
  • Werner Bellmann: Das literarische Schaffen Heinrich Bölls in den ersten Nachkriegsjahren. Ein Überblick auf der Grundlage des Nachlasses. S. 11–30. In: Werner Bellmann (Hrsg.): Das Werk Heinrich Bölls. Bibliographie mit Studien zum Frühwerk. Westdeutscher Verlag Opladen 1995, 292 Seiten, ISBN 3-531-12694-6
  • Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Deutsche Autoren A – Z. S. 68 (698 Seiten). Stuttgart 2004, ISBN 3-520-83704-8

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Quelle, S. 1, 11. Z.v.o.
  2. Bellmann, S. 203, Eintrag 1982.18.
  3. Quelle, S. 106, 2. Z.v.u.
  4. Quelle, S. 101, 8. Z.v.o.
  5. Quelle, S. 130, 1. Z.v.o.
  6. Quelle, S. 107, 8. Z.v.u.
  7. Zitiert bei Busse, S. 37, 16. Z.v.u.
  8. Quelle, S. 13, 8. Z.v.u.
  9. Quelle, S. 39, 3. Z.v.u.
  10. Quelle, S. 49, 13. Z.v.o.
  11. Quelle, S. 120, 14. Z.v.o.
  12. Hoffmann, S. 271–272.
  13. Balzer, S. [19]–[20].
  14. Vogt, S. 143–144.
  15. Bernáth, S. 26–31.
  16. Bellmann, S. 20.