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Chico Buarque

brasilianischer Musiker und Autor
Chico Buarque in Porto Alegre (2007)
Chico Buarque singt im Fernsehen Rio, 1967 (Nationalarchiv von Brasilien)
Zensur des Lieds Mulheres de Atenas durch den »Serviço de Censura de Diversões Públicas« 1976. Dies Lied von Chico Buarque und Augusto Boal war Teil des Theaterstücks „Lisa, a mulher libertadora“, eine Adaption der griechischen Komödie Lysistrata aus dem Jahre 411 v. Chr. von Aristophanes. In dem Stück zwingen Frauen ihre Ehemänner, einen Friedensvertrag zwischen den griechischen Stadtstaaten abzuschließen, und solange kein Frieden zustande käme, würden sie sich weigern Sex mit ihnen zu haben.

Chico Buarque, eigentlich Francisco Buarque de Hollanda, (geboren 19. Juni 1944 in Rio de Janeiro) ist ein brasilianischer Musiker, Schriftsteller und Dramaturg. Er war während der Militärdiktatur in Brasilien (1964–1985) ein politischer Akteur im Widerstand. Viele seiner Lieder wurden zu volkstümlichen Hymnen Brasiliens.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Chico Buarque wuchs in einem linksintellektuellen und kulturell interessierten Umfeld auf. Sein Vater war der Historiker und Soziologe, Literaturkritiker und Intellektueller Sérgio Buarque de Holanda (1902–1982), der 1936 mit dem Essay «Die Wurzeln Brasiliens» eine Grundschrift zum brasilianischen Selbstverständnis vorlegte. Sein Mutter, Maria Amélia Cesário Alvim (1910–2010), war Malerin und Pianistin und eine der Gründerinnen der Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores (PT). Er war das vierte der sieben Kinder des Ehepaars, seine Geschwister sind: Heloísa, Sérgio, Álvaro, Maria do Carmo, Ana und Cristina.[1][2] Einer seiner Cousins ist Aurélio Buarque de Holanda Ferreira, der Lexikograf, der für das populäre brasilianisch-portugiesische Wörterbuch verantwortlich ist, welches auch einfach »Aurélio« bezeichnet wird.[3]

1946 zog die Familie nach São Paulo, wo sein Vater die Leitung des Museu do Ipiranga übernahm. 1953 wurde der Vater eingeladen, in der Sapienza – Università di Roma zu unterrichten und die Familie zog nach Italien, das Haus wurde von Intellektuellen und Künstlern frequentiert, darunter auch der sozialkritische Diplomat, Komponist und Dichter Vinicius de Moraes. Chico Buarque lernte so Italienisch und Englisch in der Schule und wuchs dreisprachig auf. 1960 kehrte die Familie zurück nach São Paulo und Chico Buarque besuchte das Colégio Santa Cruz in Alto de Pinheiros und studierte zunächst Architektur an der Universidade de São Paulo. Das Haus der Familie war ein Treffpunkt für Künstler und Schriftsteller, darunter auch die Freunden seiner Schwester Heloísa (Künstlername Miúcha), wie Vinicius de Moraes, Baden Powell, Tom Jobim, Alaíde Costa, Oscar Castro Neves und João Gilberto, den er nachzuahmen pflegte.[4] Später sagte er, es sei sein Traum »zu singen wie João Gilberto, zu komponieren wie Tom Jobim und zu dichten wie Vinícius de Moraes«.

Mit neun Jahren schrieb Chico Buarque „Marchinhas de Carnaval“ (Texte für Karnevalsumzüge) und publizierte seine erste Kurzgeschichte mit 18 Jahren. Chico Buarque wurde verglichen mit Noel Rosa und erklärte sich von Anfang an zum Bewunderer von Ismael Silva.[5] Ab 1964 verfasste er regelmäßig Kompositionen und Liedtexte. 1966 gelang ihm mit dem Lied A Banda der Durchbruch und er galt als einer der wichtigsten Vertreter der Música Popular Brasileira (MPB). Herb Alpert hatte mit einer instrumentalen Version des Lieds 1967 in den USA einen Nummer-eins-Hit. 1966 lernte Chico Buarque die Schauspielerin Marieta Severo kennen, sie heirateten kurze Zeit später und hatten drei Töchter. Das Ehepaar trennte sich Mitte der 90er Jahre.

Während der „Bleiernen Zeit“ der Militärdiktatur (»Anos de chumbo« 1968–1974) nutzte Buarque Samba und Bossa Nova, um Kritik an der Repression zu üben. Mit den Liedern „Cálice“[6] (komponiert und verboten im März 1973, durfte erst 1978 erscheinen), „Acorda Amor“, „Apesar de Você“ und „Jorge Maravilha“ politisierte er die MPB und balancierte mit der Heiterkeit des Bossa Nova zwischen Zensur und Protestsong. Das Lied „Apesar de Você“ von 1970 entwickelte sich zur Hymne des Widerstands.

Sein 1967 uraufgeführtes Theaterstück Roda Viva löste ein Jahr später einen politischen Skandal aus. Im Jahr 1969 musste Chico Buarque Brasilien verlassen und ging ins Exil nach Italien. Bereits 1970 kehrte er nach Brasilien zurück, obwohl die Bedingungen unter der Militärdiktatur sich verschlechtert hatten und offene Kritik nun unmöglich wurde und Zensur ausgeübt wurde. Unter diesem Eindruck nahm Chico Buarque ein Album auf, das deutlich düsterer war, als seine vier Vorgänger: Construção – eine poetisch verschlüsselte Anklage der Militärdiktatur. Im Jahr 1978 wurde die Ópera do Malandro („Gauneroper“, siehe Malandragem), eine Version von Brechts Dreigroschenoper, uraufgeführt, zu der Chico Buarque Libretto und Musik schrieb. 1985 wurde es verfilmt.

Bis zum Ende der Militär-Junta 1984 engagierte er sich im Schutz seiner Popularität für Freiheit und gegen Entrechtung. Und danach engagierte sich unter anderem für die Bewegung der Landarbeiter ohne Boden (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra), zu deren Unterstützung er 1997 die Lieder für das Projekt Terra des Fotografen Sebastião Salgado komponierte und aufnahm.[7]

Außerdem ist Chico Buarque Verfasser mehrerer Romane: Estorvo (1991, dt. Der Gejagte 1994), Benjamin (1995), Budapeste (2003, dt. 2006) und Leite derramado (2009, dt. Vergossene Milch 2013)[8][9] Im Jahr 2016 erschien auf Deutsch Mein deutscher Bruder, darin beschäftigte sich Buarque mit einem Familiengeheimnis. Denn bevor sein Vater in Brasilien eine Familie gründete, unterhielt er als junger Journalist in Berlin eine Beziehung zu der Deutschen, Anne Ernst – und die bekam von ihm 1930 einen Sohn: Sergio Günther (1930–1981) – er war Moderator beim staatlichen Rundfunk der DDR in den 60er und 70er Jahren. Und sein ferner Halbbruder war zugleich er ein Sänger – wie Chico Buarque auf der anderen Seite des Atlantiks.

Chico Buarque gewann zahlreiche Preise, so 2014 den Prêmio da Música Brasileira als bester Sänger (mit Wilson das Neves). Den Prêmio Jabuti de Literatura, den brasilianischen Man Booker Prize, erhielt er dreimal, jeweils für seine Romane Estorvo, Budapeste und Leite Derramado. Im Jahr 2019 erhielt Chico Buarque den Camões-Preis – den renommiertesten Literaturpreis der portugiesischen Sprache, der alljährlich abwechselnd in Portugal und Brasilien vergeben wird. Die Jury in Rio de Janeiro stimmte bei einem Treffen in der Nationalbibliothek in Rio de Janeiro einstimmig für ihn und würdigte das facettenreiche Werk, bestehend aus Liedtexten, Gedichten, Theaterstücken und Romanen. Damit gewann zum ersten Mal ein Musiker den Camões-Preis.[5][10]

EhrungenBearbeiten

 
Chico Buarque nit den Prêmio BRAVO! für das beste Buch im Jahr 2009 entgegen
 
Chico Buarque 2016, in der Zuschauertribüne des Senats während der Sitzung zur Abstimmung über das Urteil zum Amtsenthebungsverfahrens von Dilma Rousseff.

Ausgewählte KompositionenBearbeiten

  • A Banda
  • Apesar de você
  • As Vitrines
  • Brejo da Cruz
  • Bye Bye, Brasil
  • Carolina
  • Construção
  • Cotidiano
  • Deus lhe pague
  • Feijoada completa
  • Funeral de um Lavrador
  • Futuros Amantes
  • Homenagem ao Malandro
  • Meu caro Amigo
  • Morena de Angola
  • Mulheres de Atenas
  • Noite dos Mascarados
  • Olhos nos Olhos
  • Paratodos
  • O que será? (À Flor da Pele)
  • O que será? (À Flor da Terra)
  • Quem te viu, quem te vê
  • Roda Viva
  • Sonho de um Carnaval
  • Terezinha
  • Vai levando
  • Vai passar

TheaterBearbeiten

KinoBearbeiten

  • 1972: Quando o carnaval chegar (Co-Autor beim Drehbuch)
  • 1983: Para viver um grande amor (Co-Autor beim Drehbuch)
  • 1985: Ópera do Malandro
  • 2000: Estorvo (basiert auf seinem Theaterstück)
  • 2003: Benjamin (basiert auf seinem Buch)

BücherBearbeiten

  • 1966: A Banda (Buch mit Liedtexten)
  • 1974: Fazenda Modelo. Civilização Brasileira, Rio de Janeiro.
  • 1979: Chapeuzinho Amarelo (Kinderbuch). Zuerst 1970 erschienen, 1979 neu aufgelegt mit Illustrationen von Ziraldo.
  • 1981: A Bordo do Rui Barbosa. Palavra e Imagem, São Paulo.
  • 1991: Estorvo. Companhia das Letras, São Paulo.
  • 1995: Benjamim. Companhia das Letras, São Paulo, ISBN 85-7164-502-7.
  • 2003: Budapeste. Companhia das Letras, São Paulo, ISBN 85-359-0417-4.
    • Deutsche Ausgabe: Budapest. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner. S. Fischer, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-10-046330-7.
  • 2009: Leite Derramado. Companhia das Letras, São Paulo, ISBN 978-85-359-1411-5.
    • Deutsche Ausgabe: Vergossene Milch. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-046331-9.
  • 2014: O Irmão Alemão. Companhia das Letras, Rio de Janeiro, ISBN 978-85-359-2515-9.
    • Deutsche Ausgabe: Mein deutscher Bruder. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner. S. Fischer, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-10-002460-2.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Morre Maria Amélia Buarque de Hollanda, mãe de Chico Buarque, Globo, 6. Mai 2010
  2. Bartolomeu Buarque de Holanda, Sônia Peçacha: Buarque - uma família brasileira. Ensaio histórico-genealógico. Rio de Janeiro: Casa da Palavra, 2007, Seite 214
  3. Jemima Hunt: The lionised king of Rio, The Guardian, 18 Juli 2004
  4. Chico Buarque. In: Dicionário Cravo Albin da Música Popular Brasileira. Instituto Cultural Cravo Albin, abgerufen am 24. Mai 2019.
  5. a b Luis Nassif: Prêmio Camões: Chico Buarque e a celebração da alma nacional, por Luis Nassif. Com sua música, humanizou os pobres, os negros, as mulheres, os vulneráveis, celebrou a solidariedade, a generosidade, em uma sociedade profundamente marcada pelas chagas da escravidão. In: GGN - O Jornal de Todos os Brasis. 22. Mai 2019, abgerufen am 24. Mai 2019.
  6. Cálice, Gilberto Gil/Chico Buarque - 1973
  7. Vida. In: chicobuarque.com.br. Abgerufen am 24. Mai 2019.
  8. Das Geheimnis der Hüften. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 22. Dezember 2013, Seite 42.
  9. Andreas Breitenstein: Ein Museum erschöpfter Bürgerlichkeit, Neue Zürcher Zeitung, 26. November 2013
  10. Chico Buarque Becomes First Musician to Win the Camões Prize, Folha de São Paulo, 22. Mai 2019
  11. Brasilianer Chico Buarque gewinnt Camões-Literaturpreis