Canadair CL-44

viermotoriges Turboprop-Transportflugzeug

Die Canadair CL-44 war ein Verkehrs- und Transportflugzeug des kanadischen Herstellers Canadair mit vier Turboproptriebwerken. Der von der Bristol Britannia abgeleitete Typ entstand in kleiner Stückzahl in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren für die Royal Canadian Air Force (RCAF) als CC-106 Yukon sowie für zivile Fluggesellschaften.

Canadair CL-44
Canadair CL-44
Typ: Verkehrsflugzeug, Transportflugzeug
Entwurfsland:

Kanada 1921Kanada Kanada

Hersteller:

Canadair

Erstflug:

15. November 1959

Stückzahl:

39

Entwurf und EntwicklungBearbeiten

In den 1950er Jahren erwarb Canadair die Lizenz zum Bau des Verkehrsflugzeugs Bristol Britannia. Nach diesem Vorbild entwickelte das Unternehmen neben dem Seeaufklärer CL-28 Argus die CL-44, mit dem die RCAF ihre C-54GM North Star ersetzen wollte. Benötigt wurde ein Langstreckenflugzeug, mit dem Truppen und Material nach Europa transportiert werden konnten. Im Januar 1957 erhielt Canadair eine Bestellung über acht Maschinen, die später auf zwölf erhöht wurde.

Die RCAF hatte ursprünglich den Bristol Orion-Antrieb gefordert. Nachdem das britische Ministry of Supply das Orion-Programm abgebrochen hatte, entschied man sich für den Turbopropantrieb Rolls-Royce Tyne 11. Der Rumpf der CL-44 wurde um knapp vier Meter verlängert und entsprach damit ungefähr dem der Britannia 300. Sie erhielt zwei seitliche Frachttüren und eine Druckkabine. Die Tragflächen und das Leitwerk übernahm man in leicht veränderter Form von der CL-28. Die Yukon konnte neben einer neunköpfigen Besatzung 134 Passagiere aufnehmen. Für die Verwendung als Lazarettflugzeug waren elf Besatzungsmitglieder und bis zu achtzig Patienten vorgesehen.

EinsatzBearbeiten

Der Erstflug fand am 15. November 1959 statt. Aufgrund von Triebwerksproblemen kam es zu einer verspäteten Auslieferung. Die Ursprungsversion CL-44-6 ging als CC-106 Yukon an die kanadische Luftwaffe, der im Dezember 1961 ein Flug von Tokio nach Trenton, Ontario über 10.860 Kilometer in gut 17 Stunden gelang. Eine andere Yukon konnte sich später fast 24 Stunden in der Luft halten, womit ein weiterer Rekord aufgestellt wurde. Neben elf Transportversionen erhielt die RCAF zwei Maschinen in VIP-Ausführung. Das Flugzeug stieß auch in den USA auf Interesse, die US Air Force entschied sich aber aus politischen Gründen für die Boeing C-135.

Mit der CL-44D4 entstand ein ziviles Frachtflugzeug. Um auch große Güter transportieren zu können und die Beladung zu beschleunigen, konnte der hintere Teil des Rumpfs hydraulisch innerhalb von 90 Sekunden weggeklappt werden. Trotz dieser ungewöhnlichen Bauweise war das Flugzeug druckfest. Käufer waren die Fluggesellschaften Seaboard World Airlines, Flying Tiger Line, Slick Airways und Icelandic Airlines Loftleiðir, die eines dieser Flugzeuge als Passagiermaschine nutzte.

Mit der dritten Version CL-44J entwickelte Canadair auf Wunsch der Loftleiðir eine gestreckte Variante, die bis zu 189 Passagiere aufnehmen konnte. Diese Kapazitätserhöhung musste allerdings mit einer verringerten Reichweite erkauft werden. Vier CL-44D4 wurden in dieser Form umgebaut. Die isländische Fluggesellschaft betrieb die Maschinen unter dem Namen Rolls Royce 400 PropJet. woraus sich die irrtümliche Bezeichnung Canadair 400 ergab. In den späten 1960er Jahren waren dies die größten Passagierflugzeuge im Transatlantikverkehr.

Die CC-106 Yukon wurden im März 1971 außer Dienst gestellt und nach Südamerika und Afrika verkauft. Von den insgesamt 39 gebauten CL-44 existieren nur noch sehr wenige, bislang ist noch kein Flugzeug im Museum zu finden.

Conroy SkymonsterBearbeiten

 
CL-44-O Guppy / Skymonster

Eine CL-44D4 wurde später von Conroy Aircraft mit einem vergrößerten Rumpf versehen und erhielt die neue Bezeichnung CL-44-O. Das Flugzeug, das die Rolls-Royce-Triebwerke der Lockheed L-1011 TriStar in die USA transportieren sollte, ist unter den Bezeichnungen Conroy Skymonster oder CL-44 Guppy bekannt geworden. Ab 2002 stand die Skymonster auf dem Flughafen Bournemouth (EGHH), mal mit, mal ohne Triebwerke. Ende 2006 erhielt sie die philippinische Zulassung RP-C-8023 und wurde auf die australische HeavyLift Cargo Airlines registriert, von dieser aber nicht eingesetzt. Nach einer langen Einlagerung in Bournemouth wurde die Maschine im Jahr 2013 in die USA verkauft.[1]

NutzungBearbeiten

Betreiber werksneuer MaschinenBearbeiten

Die einzigen zivilen Käufer neuer CL-44 waren:[2]

Betreiber gebraucht erworbener MaschinenBearbeiten

Europa und Mittelmeerraum:

Militärische NutzerBearbeiten

ZwischenfälleBearbeiten

Vom Erstflug 1959 bis Dezember 2019 gingen von den 39 gebauten Canadair CL-44 mehr als die Hälfte, nämlich 21, durch Totalschäden verloren. Darin eingerechnet sind auch zwei seit 1972 und 1976 vermisste Maschinen. Bei sieben Zwischenfällen kamen 140 Menschen ums Leben, 12 weitere Personen werden zusammen mit den beiden verschollenen Maschinen vermisst.[3] Beispiele:

  • Am 24. Dezember 1966 wurde eine Canadair CL-44D4-1 der Flying Tiger Line (Luftfahrzeugkennzeichen N228SW) im Anflug auf den Flughafen Da Nang in eine Siedlung geflogen, wobei 111 Menschen starben, darunter die vier Besatzungsmitglieder und 107 Personen am Boden. Es gab 50 Verletzte. Unfallursächlich war, dass der Anflug unterhalb der Wetterminima, bei Starkregen, Nebel und Nacht durchgeführt wurde, da aufgrund geringer Treibstoffreserven an eine Umkehr zu einem anderen Flughafen nicht zu denken war (siehe auch Flugunfall einer Canadair CL-44 in Đà Nẵng 1966).[4]
  • Am 22. Februar 1975 streifte eine Canadair CL-44/CC-106 Yukon der Aerocondor Colombia (HK-1972) 10 Kilometer vom Startflughafen Bogota-Eldorado entfernt einen Baum und stürzte 1200 Meter weiter in einen Berg. Alle fünf Besatzungsmitglieder der Frachtmaschine wurden getötet.[7]
  • Am 28. August 1976 befand sich eine Canadair CC-106 Yukon der Aeronaves del Peru (OB-R-1104) auf einem Frachtflug von Lima (Peru) nach Caracas (Venezuela). Sie kam nie an ihrem Zielort an und wurde für vermisst erklärt. Es wird vermutet, dass die Maschine in einem bergigen und bewaldeten Gebiet nahe dem Fluss Shanisu, etwa 400 Kilometer nördlich von Lima verunfallt ist. Das Wrack konnte nie lokalisiert werden.[8]
  • Am 2. September 1977 kam es an einer Canadair CL-44D4-2 der Transmeridian Air Cargo (G-ATZH), mit der ein Flug vom Flughafen Kai Tak in Hongkong zum Flughafen Bangkok-Don Mueang durchgeführt werden sollte, unmittelbar nach dem Start zu einem Triebwerksschaden an Triebwerk Nr. 4, wodurch sich ein Brand entwickelte. Die Besatzung versuchte noch, zum Flughafen zurückzukehren, jedoch griff der Brand auf das Treibstoffsystem und die Tragflächenstruktur über. Nur acht Minuten nach dem Start brach das Triebwerk Nr. 4 mit einem Teil der rechten Tragfläche von der Maschine ab und das Flugzeug stürzte ins Meer (siehe auch Transmeridian-Air-Cargo-Flug 3751).[9]

Technische Daten (CL-44D-4)Bearbeiten

Kenngröße Daten
Besatzung 3 plus 1 Lademeister
Passagiere 160
Länge 41,73 m
Spannweite 43,37 m
Höhe 11,18 m
Flügelfläche 192,7 m²
Flügelstreckung 9,8
Nutzlast 29,960 kg
Leermasse 40.350 kg
Startmasse 95.000 kg
Reisegeschwindigkeit 646 km/h
Dienstgipfelhöhe 9.100 m
Reichweite 8.990 km
Triebwerke 4 × Rolls-Royce Tyne 515/50 Turboprop mit je 4.270 kW

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Canadair CL-44 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. FAA Registry, N447FT
  2. Tony Eastwood, John Roach: Turbo Prop Airliner Production List. The Aviation Hobby Shop, West Drayton, 2007.
  3. Unfallstatistik Canadair CL-44/CC-106, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 24. Januar 2020.
  4. Unfallbericht CL-44 N228SW, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 29. Juli 2020.
  5. Unfallbericht CL-44 TF-LLG, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 29. Juli 2020.
  6. Aviation Safety Network, Canadair CL-44, LV-JYR, 20. Juli 1972
  7. Unfallbericht CL-44 HK-1972, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 13. Januar 2019.
  8. Aviation Safety Network, Canadair CL-44, OB-R-1104, 28. August 1976
  9. Unfallbericht CL-44 G-ATZH, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 29. Juli 2020.