COVID-19-Rückholprogramm der deutschen Bundesregierung

Dieser Artikel beschreibt ein aktuelles Ereignis. Die Informationen können sich deshalb rasch ändern.

Im Zuge der COVID-19-Pandemie setzte die deutsche Bundesregierung mittels des Auswärtigen Amtes ein Rückholprogramm in Gang, um vor allem deutsche Staatsbürger und ihre Familien, die sich vorübergehend besonders von Reiseeinschränkungen betroffenen Regionen aufhalten, nach Deutschland zurückzuholen.[1][2] Diese in Politik und Medien auch „Luftbrücke“ genannte Operation wurde am 16. März 2020[3] und damit wenige Tage nachdem der französische Präsident seinen Staatsbürgern eine Rückholung aus Marokko zugesagt hatte, gestartet. Das Auswärtige Amt zeitgleich mit dem Start des Rückholprogramms eine weltweite Reisewarnung aus.[4] Zahlreiche Deutsche hatten bzw. haben durch vollständige Grenzschließungen anderer Staaten keine Möglichkeit zur selbständigen Rückkehr, da durch die Grenzschließungen keine regulären Flüge mehr erlaubt waren.[5] Hintergrund sind die meist unangekündigten Aktionen Mitte März 2020 der Staaten, die ihrerseits eine Ausbreitung des Virus im Sinne des Infektionsschutzes unterbinden sollen.

Das 50 Millionen Euro teure Programm ist die größte Rückholaktion in der Geschichte der Bundesrepublik.[6] Binnen eines Monats wurden durch die Rückholaktion des Auswärtige Amtes 240.000 Personen nach Deutschland zurückgeflogen.[5] Zurückgeholt wurden „Deutsche und ihre Familienangehörigen in den besonders von Reiseeinschränkungen betroffenen Regionen, die sich vorübergehend im Ausland aufhalten (z.B. zum Urlaub).“ Für Personen, die einen Aufenthaltstitel für Deutschland haben, in Deutschland leben und von dort in den Urlaub gereist sind, bemüht sich das Auswärtige Amt im Rahmen der Kapazitäten nach Lösungen.[7]

Zur Koordination dienen das Onlinetool ELEFAND, die neue Website „rueckholprogramm.de“,[8] der Twitteraccount des Auswärtigen Amtes und die Facebookseiten der Botschaften.

Um die Arbeitsfähigkeit des Auswärtigen Amtes nicht zu gefährden und zu verhindern, dass bei einem Infektionsfall im Außenministerium die gesamte Belegschaft des Ministeriums in häusliche Quarantäne müsste, wurde die Belegschaft in zwei Gruppen aufgeteilt und eine davon zur Heimarbeit verpflichtet, sodass die zwei Gruppen bei einem Infektionsfall wechseln können.[9]

VerlaufBearbeiten

Über die Gesamtzahl der betroffenen Bürger war zunächst (Stand: 18. März 2020) wenig bekannt. Anfänglich schätzte die Bundesregierung lediglich, dass „noch weit mehr als 100 000 Deutsche im Ausland unterwegs“ waren.[10]

Bis zum 20. März wurden vor allem Urlaubsregionen angeflogen und mithilfe der Lufthansa und Reiseveranstaltern 96.000 zurückgeholt.[11][3] Mit bis dahin 35.000[9][12] Personen dem größten Anteil aus Ägypten, gefolgt von mehr als 4000 Personen aus der Dominikanischen Republik und Marokko.[12] Zudem wurden bis zum 20. März Algerien, Argentinien, Costa Rica, Peru, Philippinen und Tunesien angeflogen.[12] Für einen verbesserten Ablauf hatte das Land Berlin das Nachtflugverbot für internationale Flüge am Flughafen Tegel vorübergehend aufgehoben.

Bis zum 27. März waren 160.000 Menschen zurückgeholt und rund 200.000 Anrufe mit Betroffenen und besorgten Angehörigen durch etwa 50 Mitarbeiter geführt.[9] Am selben Tag waren noch 40.000 Zurückzuholende im Ausland.[9]

Am 1. April waren von den mehr als 200.000 zur Rückholung registrierten Personen 187.000 wieder in Deutschland.[13] Zwischen 10.000 und 12.000 zur Rückholung registrierte Personen warteten an jenem Tag noch in Neuseeland auf eine Rückreisegelegenheit, da alle von dort ausgehenden Flüge gestrichen wurden.[13] Von den Zurückzuholenden befanden sich laut Auswärtigen Amt zum 1. April außerdem noch (entgegen vorherigen Meldungen) 7000 in Südafrika, 5000 in Australien, 4000 auf Kuba[9], 4000 in Thailand, 3500 auf den Philippinen, 2700-2500[9][13] in Indien und 2000 in Peru.[13]

Wenige Tage später wurde damit begonnen die Personengruppe aus Neuseeland, jeden Tag stückweise etwa 1200 Personen, nach Hause zu fliegen.[14] Dafür wurden alleine für eine Woche 210 Crewmitglieder, die sich bei der Lufthansa als Freiwillige gemeldet hatten, auf 10 Flügen eingesetzt.[14] Es war das erste Mal, dass Flugzeuge der Lufthansa in Neuseeland landeten. Auch die Ferienfluggesellschaft Condor beteiligte sich mit Zwischenstopps in Phuket an dieser Aktion. Ebenfalls flog Air New Zealand über Vancouver nach Frankfurt. Zusätzlich wurden 150 Personen, die sich in Fidschi befanden, über Australien heimgeholt.[15]

In den ersten 20 Tagen wurden 200.000 Reisende aus 57 Ländern nach Deutschland geholt und hierfür mehr als 300 Sonderflüge durchgeführt. Gemäß Übereinkunft der EU-Außenminister können EU-Bürger auch bei Rückflügen anderer EU-Staaten mitfliegen. Für Reisen auf dem Landweg werden Fernbusse eingesetzt. Am 9. April 2020 warteten unter anderem 40.000 Personen aus Neuseeland, Südafrika und Peru auf eine Rückreise.[1]

Außenminister Heiko Maas rief Anfang April dazu auf, die weltweite Reisewarnung ernst zu nehmen, und bezeichnete es als „wirklich unverantwortlich, jetzt noch ins Ausland zu fahren, weil man möglicherweise damit rechnen muss, für eine längere Zeit nicht mehr nach Deutschland zurückzukommen“.[1] Am 29. April verlängerte das Auswärtige Amt die weltweite Reisewarnung bis Mitte Juni. Maas warnte davor, die Reisewarnung vorschnell aufzuheben, und erklärte dazu: „Wir können und werden im Sommer nicht noch einmal eine Viertelmillion Menschen aus dem Urlaub zurückholen.“[16]

QuarantäneBearbeiten

Seit dem 10. April 2020 müssen gemäß einer Vereinbarung von Bund und Ländern alle, die nach Deutschland zurückkehren, nachdem sie sich mehrere Tage im Ausland aufgehalten haben, für 14 Tage in häusliche Quarantäne.[17][18] Nicht betroffen sind Berufspendler; Ausnahmen gelten für bestimmte Gruppen wie etwa Lastwagenfahrer, medizinisches Personal und bestimmte Saisonarbeiter. Die Quarantänepficht gilt insbesondere auch für Personen, die im Rahmen der Rückholaktion zurückgeholt worden sind.[19]

KostenBearbeiten

Die Rückkehrer haben eine Einverständniserklärung zur Kostenübernahme zu unterzeichnen. Ihre Kosten orientieren sich, so das Auswärtige Amt, „an einem vergleichbaren Flugticket der Economyklasse“.[1]

Rückholaktionen anderer StaatenBearbeiten

Auch Österreich[20] und die Schweiz,[21] initiierten größere Rückholaktionen als je zuvor in ihrer Geschichte. Italiens Rückholaktionen starteten mit einem ersten Flug am 2. Februar 2020.[22] Auch Frankreich initiierte eine Rückholaktion; allein in Marokko hielten sich anfangs noch 20.000 französische Bürger auf.[23]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d Eva Dignös, Irene Helmes, Katja Schnitzler: Rückreise nach Deutschland:Wie Urlauber wieder heimkommen. In: sueddeutsche.de. 9. April 2020, abgerufen am 11. April 2020.
  2. COVID-19. Auswärtiges Amt, 20. März 2020, abgerufen am 21. März 2020.
  3. a b Martina Lippl: Corona-Krise: Deutschland erweitert „Luftbrücke“ für Urlauber – größte Rückholaktion in der Geschichte. Update vom 20. März 2020, 16.40 Uhr. In: merkur.de. 20. März 2020, abgerufen am 21. März 2020.
  4. Rückholaktion für Urlauber Reisewarnung und „Luftbrücke“. In: tagesschau.de. 17. März 2020, abgerufen am 21. März 2020.
  5. a b Irene Helmes, Katja Schnitzler, Eva Dignös: Coronavirus: Wie Urlauber wieder heimkommen. Abgerufen am 25. April 2020.
  6. ARD-Video – Corona-Pandemie: Rückholaktion der Bundesregierung (Min. 00:07–00:20). 20. März 2020, abgerufen am 21. März 2020.
  7. Rückholaktion und weltweite Reisewarnung. In: auswaertiges-amt.de. 1. April 2020, abgerufen am 1. April 2020.
  8. rueckholprogramm.de
  9. a b c d e f Christoph Schult, DER SPIEGEL: Krisenstab der Bundesregierung: Der Mann, der 200.000 Deutsche heimholt - DER SPIEGEL - Politik. Abgerufen am 28. März 2020.
  10. Maas startet „Luftbrücke“ für gestrandete Deutsche. In: merkur.de. 17. März 2020, abgerufen am 21. März 2020.
  11. Martina Lippl: Corona-Krise: Deutschland erweitert „Luftbrücke“ für Urlauber – größte Rückholaktion in der Geschichte. In: merkur.de. 20. März 2020, abgerufen am 22. März 2020.
  12. a b c Bund fliegt gestrandete Urlauber zurück. In: flugrevue.de. 20. März 2020, abgerufen am 21. März 2020.
  13. a b c d DER SPIEGEL: Coronavirus News am Mittwoch: Europäische Arzneimittel-Agentur warnt vor Malaria-Mitteln - DER SPIEGEL - Wissenschaft. Abgerufen am 1. April 2020.
  14. a b Anke Richter, DER SPIEGEL: Rückholflüge aus Neuseeland: "Heiko, come fly for me" - DER SPIEGEL - Reise. Abgerufen am 9. April 2020.
  15. Anke Richter, DER SPIEGEL: Rückholflüge aus Neuseeland: "Heiko, come fly for me" - DER SPIEGEL - Reise. Abgerufen am 9. April 2020.
  16. Maas gegen „Schnellschüsse“ bei Aufhebung von Reisewarnungen. In: faz.net. 3. Mai 2020, abgerufen am 3. Mai 2020.
  17. 14 Tage Quarantäne für Einreisende. In: tagesschau.de. 6. April 2020, abgerufen am 12. April 2020.
  18. Tausende Reisende in Corona-Quarantäne. In: tagesschau.de. 10. April 2020, abgerufen am 12. April 2020.
  19. Neue Quarantänepflicht in Deutschland. In: deutschlandfunk.de. 10. April 2020, abgerufen am 12. April 2020.
  20. Außenminister ruft zu rascher Heimkehr auf. In: orf.at. 22. März 2020, abgerufen am 13. April 2020.
  21. Corona-Krise führt zu historischer Rückholaktion: Das erleben Schweizer, die im Ausland festsitzen. 27. März 2020, abgerufen am 13. April 2020.
  22. Coronavirus, le operazioni per il rientro degli italiani all'estero. In: governo.it. Abgerufen am 13. April 2020 (italienisch).
  23. Coronavirus : la France organise le retour de ses ressortissants coincés à l'étranger. In: france24.com. 19. März 2020, abgerufen am 13. April 2020 (französisch).