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C/1664 W1[ i ]
Der Komet von 1664[1]
Der Komet von 1664[1]
Eigenschaften des Orbits (Animation)
Epoche: 4. Dezember 1664 (JD 2.329.162,483)
Orbittyp parabolisch
Numerische Exzentrizität 1,0
Perihel 1,026 AE
Neigung der Bahnebene 158,7°
Periheldurchgang 4. Dezember 1664
Bahngeschwindigkeit im Perihel 41,6 km/s
Geschichte
Entdecker
Datum der Entdeckung 17. November 1664
Ältere Bezeichnung 1664
Quelle: Wenn nicht einzeln anders angegeben, stammen die Daten von JPL Small-Body Database Browser. Bitte auch den Hinweis zu Kometenartikeln beachten.

C/1664 W1 war ein Komet, der in den Jahren 1664 und 1665 mit dem bloßen Auge gesehen werden konnte. Er wird aufgrund seiner außerordentlichen Helligkeit zu den „Großen Kometen“ gezählt.

Entdeckung und BeobachtungBearbeiten

Dieser Komet soll am Morgen des 17. November 1664 zuerst in Spanien gesehen worden sein. Zum ersten Mal erfolgten überhaupt ausführliche Beobachtungen eines Kometen in Spanien: Ein anonymes Manuskript (möglicherweise verfasst vom Jesuiten Joseph Zaragoza) enthält die Daten mehrerer Beobachter aus Spanien, Frankreich und Italien (u. a. Gilles-François de Gottignies vom Collegio Romano in Rom) über einen Zeitraum vom 14. Dezember 1664 bis zum 20. März 1665.[2]

Chinesische Astronomen sahen den Kometen erstmals am 18. November, am 16. Dezember wird von einem 5° langen Schweif berichtet, der nach Nordwesten zeigte. Auch aus Korea und Japan gibt es Berichte. In Japan beschrieb der 12 Jahre alte Junge Matasaburou in Kōchi seine ungewöhnlich detailreichen Beobachtungen in einem mit Zeichnungen illustrierten Tagebuch. Es wurde erst in den 1980er Jahren wiederentdeckt und veröffentlicht.[3]

Christiaan Huygens beobachtete den Kometen ab dem 2. Dezember in Leiden, seine Beobachtungen wurden von Pierre Petit in einer Dissertation festgehalten. Johannes Hevelius beobachtete und beschrieb ihn ab Mitte des Monats in Danzig, Giovanni Domenico Cassini und Geminiano Montanari in Italien, Adrien Auzout und Pierre Petit in Frankreich, Robert Hooke und Samuel Pepys in England und Stanislaus Lubienietzki in Hamburg.

Der französische Jesuit François-Joseph Le Mercier sah den Kometen erstmals am Morgen des 29. November in Québec. Er führte Positionsbestimmungen durch, beobachtete am 27. Dezember eine Schweiflänge von 27° und konnte den Kometen bis zum 15. Januar beobachten.[4]

Samuel Danforth aus Neuengland verfasste ein Werk, in dem er über seine Beobachtungen des Kometen von 1664/65 berichtete. Er berichtete von einem 20° langen Schweif.[5]

Die größte Länge seines Schweifes bildete der Komet gegen Ende Dezember aus. Isaac Newton, damals Student in Cambridge, berichtet von einer Schweiflänge von 34 oder 35° am 27. Dezember. Durch seine Beobachtungen des Kometen wurde er veranlasst, ein Studium der Astronomie zu beginnen.[6]

Im Laufe des Januar 1665 entfernte sich der Komet wieder von Sonne und Erde und wurde daher schwächer. Bis Mitte Januar war der Schweif auf 14° geschrumpft. Newton sah den Kometen zuletzt am 2. Februar, Hevelius entdeckte ihn zum letzten Mal am 13. Februar. Er bildete sich aber ein, ihn auch am 18. Februar noch einmal gesehen zu haben, diese angebliche Sichtung führte im Anschluss zu einem heftigen Streit unter den Astronomen. Cassini konnte ihn bis zum 21. Februar sehen.[7][8]

Der Komet erreichte am 29. Dezember eine Helligkeit von −1 mag.[9]

AberglaubeBearbeiten

 
Der Komet von 1664 im Sternbild Rabe[10]

Die Erscheinung des Kometen wurde in ganz Europa von vielen Menschen beobachtet. Wie zur damaligen Zeit üblich, löste er die wildesten Phantasien unter den einfachen Menschen aus, und er wurde in einer Flut von Schriften als unheilvoller Vorbote vielfältiger Unglücke und als von Gott gesandtes Mahnzeichen angesehen. Erstaunlicherweise findet man in diesen Schriften sowohl astronomisch präzise Darstellungen der Kometenbahn als auch abergläubische Voraussagen direkt nebeneinander.

Im Nachhinein wurde dieser Komet unter anderem für die im Jahr 1665 ausbrechende Große Pest von London und den Großen Brand im Jahr darauf verantwortlich gemacht.[11] In Tirol wurde er als Vorzeichen für den Tod von Erzherzog Sigismund Franz von Habsburg am 25. Juni 1665 in Innsbruck gesehen.[12]

Wissenschaftliche AuswertungBearbeiten

Die Gelehrten und Wissenschaftler nahmen das Erscheinen des Kometen zum Anlass, ihre Forschungen und philosophischen Diskussionen über die Natur der Kometen zu verstärken. In England beobachteten Christopher Wren und John Wallis den Kometen von 1664 und erarbeiteten Theorien über die Kometenbewegung, für die sie Geradlinigkeit und gleichmäßige Geschwindigkeit annahmen. Lubienietzki verfasste sein Werk Theatrum Cometicum[13], in dem die Beobachtungen des Kometen durch große europäische Gelehrte, darunter Henry Oldenburg, Johannes Hevelius, und Athanasius Kircher, auf kunstvollen Kupferstichen[14] festgehalten ist.[15]

Danforth verfasste 1665 eines der ersten Werke über Astronomie, das in Amerika gedruckt wurde. Er erklärte die verschiedenen Phänomene mit einer profunden Kenntnis des zeitgenössischen Wissens über Kometen: Der Komet sei ein Himmelskörper jenseits des Mondes; er bestehe nicht aus Feuer, sondern sein Schweif entstehe durch Reflexion des Sonnenlichts an den Ausdünstungen seines Kopfes; der Schweif zeige immer von der Sonne weg; er bewege sich mit einer gleichförmigen Bewegung. Er schlug sogar bereits vor, dass er sich auf einer elliptischen Bahn bewegt, obwohl gerade die Beobachtung dieses Kometen Giovanni Alfonso Borelli zu dem Schluss brachte, dass die Bahn nichtperiodischer Kometen parabolisch sei.[5]

Die Beobachtung, die Hevelius am 18. Februar von dem Kometen gemacht haben will, war fehlerhaft, der Komet konnte mit dem bloßen Auge bereits nicht mehr aufgefunden werden, aber Hevelius glaubte ihn an einer Stelle gesehen zu haben, die im Bezug auf seine Bewegung am Himmel sowohl vor als auch nach diesem Datum gar nicht möglich gewesen sein konnte.[16] Er veröffentlichte seine Beobachtungsergebnisse noch im selben Jahr in seinem Prodromus cometicus, worauf Auzout glaubte, seine Beobachtungsergebnisse verteidigen zu müssen (die in Übereinstimmung mit denen von Cassini, Gottignies und anderen standen), was er in einem Brief an Petit tat, der wiederum an Hevelius schrieb. Hevelius gab aber nicht nach, sondern beharrte auf seiner vermeintlichen Sichtung. Er unternahm alles in seiner Macht Stehende, um die Vorwürfe gegen ihn zu entkräften, indem er die Beobachtungsergebnisse der anderen Astronomen in Widerspruch zueinander setzte und schließlich behauptete, Cassini, Auzout und die anderen hätten vom 13. Februar bis zum 19. März einen anderen Kometen beobachtet als den, der vom Dezember bis zum 18. Februar erschienen sei.

Hevelius’ Beobachtung konnte durch die zahlreichen anderen Beobachtungen in Italien, Spanien, Frankreich, England usw. als fehlerhaft erkannt werden, aber wenn dies nicht möglich gewesen wäre, hätten seine fehlerhaften Daten das Verständnis der Kometenbewegung für lange Zeit behindern können.[2]

Edmond Halley konnte dann 1705 als erster Bahnelemente für den Kometen berechnen, zu fast gleichen Ergebnissen kam Lorenz Lindelöf im Jahr 1854.

UmlaufbahnBearbeiten

Für den Kometen konnte wegen der wenigen Beobachtungsangaben nur eine eingeschränkt präzise parabolische Umlaufbahn bestimmt werden, die um rund 159° gegen die Ekliptik geneigt ist.[17] Er läuft damit im gegenläufigen Sinn (retrograd) wie die Planeten durch seine Bahn. Im sonnennächsten Punkt der Bahn (Perihel), den der Komet am 4. Dezember 1664 durchlaufen hat, befand er sich mit etwa 153 Mio. km Sonnenabstand im Bereich der Umlaufbahn der Erde. Bereits über ein Jahr zuvor war er um den 4. Oktober 1663 mit nur etwa 29,5 Mio. km Abstand sehr nah am Planeten Jupiter vorbeigegangen und am 14. August 1664 passierte er den Mars in etwa 102 Mio. km Abstand.

Nach seinem Periheldurchgang näherte sich der Komet am 29. Dezember 1664 der Erde bis auf etwa 0,17 AE/25,5 Mio. km. Diese große Erdnähe war auch der Grund für seine beobachtete Helligkeit.[18]

Der sehr nahe Vorbeigang am Jupiter im Oktober 1663 hatte weitreichende Auswirkungen auf die Bahnelemente des Kometen. Es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass er vor dieser Passage durch das innere Sonnensystem ein langperiodischer Komet auf einer elliptischen Umlaufbahn mit einer Umlaufzeit von wenigen Tausend Jahren war. Insbesondere durch die Annäherung an den Riesenplaneten wurde die Exzentrizität seiner Bahn jedoch um etwa 0,004 erhöht, aufgrund der unsicheren Ausgangsdaten kann aber daraus keine Aussage getroffen werden, ob die Bahn jetzt definitiv noch elliptisch ist und wie groß gegebenenfalls die Umlaufzeit ist. Der Komet wird wahrscheinlich nicht mehr oder erst nach vielen zehn- oder hunderttausend Jahren in das innere Sonnensystem zurückkehren.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Ch. Nottnagel: Gründlicher Bericht/Von Dem biß in den Februar dieſes 1665ſten Jahrs/am Himmel geſtandenen importirlichen Cometen/Und deſſen Vermuthlich-merckwürdigen Bedeutung. Wittenberg, 1665.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. J. Th. Theyner: Eigentliche Abbildung deſz erſchröcklichen Comet=Sterns/…. Frankfurt, 1664.
  2. a b A. G. Pingré: Cométographie ou Traité historique et théorique des comètes. Tome II, Paris, 1784, S. 10–22.
  3. S. Renshaw, S. Ihara: The Tiger Tail Star - Matasaburou and Comet C/1664 W1. Abgerufen am 3. April 2018 (englisch).
  4. R. G. Thwaites (Ed.): The Jesuit Relations and Allied Documents - Travels and Explorations of the Jesuit Missionaries in New France 1610-1791. Vol. L, 1999, S. 68–79. (HTML; 524 kB)
  5. a b S. Danforth, P. Royster (Ed.): An Astronomical Description of the Late Comet or Blazing Star; As it appeared in New-England in the 9th, 10th, 11th, and in the beginning of the 12th Moneth, 1664. Together with a Brief Theological Application thereof.(1665) An Online Electronic Text Edition. Faculty Publications, University of Nebraska, Lincoln. Paper 37, 2006. (PDF; 443 kB)
  6. J. E. McGuire, M. Tamny: Newton’s Astronomical Apprenticeship: Notes of 1664/65. In: ISIS, Vol. 76, No. 3, 1985, S. 349–365. (JSTOR 232857).
  7. G. W. Kronk: Cometography - A Catalog of Comets, Volume 1. Ancient–1799. Cambridge University Press, 1999, ISBN 978-0-521-58504-0, S. 350–357.
  8. Donald K. Yeomans: Comets - A Chronological History of Observation, Science, Myth, and Folklore. Wiley, New York, 1991, ISBN 978-0-471-61011-3.
  9. Donald K. Yeomans: NASA JPL Solar System Dynamics: Great Comets in History. Abgerufen am 17. Juni 2014 (englisch).
  10. Anonym: Kurtzverfaſſter Hiſtoriſcher Bericht/Aller derjenigen Cometen/so innerhalb hundert Jahren/… iſt erſchienen. 1664.
  11. Ian Ridpath: A Brief History of Halley’s Comet – Understanding comets. Abgerufen am 4. Juli 2014 (englisch).
  12. P. M. Hollaus: Himmlische Schreckensboten. austria franciscana, Nr. 8, S. 91–97, 2011. (PDF; 486 kB)
  13. http://polona.pl/item/238631/
  14. http://bibliodyssey.blogspot.de/2007/03/comet-book.html
  15. Michal Choptiany: The theater of cosmic and human history. Abgerufen am 14. Juli 2014 (englisch).
  16. J. H. Westphal: Leben, Studien und Schriften des Aſtronomen Johann Hevelius. Königsberg, 1820, S. 87–88.
  17. C/1664 W1 in der Small-Body Database des Jet Propulsion Laboratory (englisch).Vorlage:JPL Small-Body Database Browser/Wartung/Alt
  18. SOLEX 11.0 von A. Vitagliano. Archiviert vom Original am 18. September 2015; abgerufen am 2. Mai 2014 (englisch).