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Burschenbunds-Convent

Wappen der Verbindungen im Burschenbunds-Convent (1931)

Der Burschenbunds-Convent war ein Zusammenschluss farbentragender Verbindungen, die liberalen und freiheitlichen Idealen folgten. Gegründet hatten sich die meisten dieser Verbindungen in den 1870er Jahren (1875 Alemannia Prag, 1876 Fidelitas Wien, 1878 Alemannia Breslau, 1879 Ghibellinia Berlin). Es war die Antwort auf den Antisemitismus nach der Deutschen Reichsgründung und später auf den zunehmenden Rassenantisemitismus.[1]

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

Die Bünde standen nicht nur zu Couleur und Mensur, sondern auch zur unbedingten Satisfaktion.[2] Aufgenommen wurden Studenten deutscher Muttersprache, die sich zum Grundsatz der Toleranz bekannten. Andere Kriterien wie Nation oder Religion spielten keine Rolle. Anhänger des Kommunismus oder des Nationalsozialismus wurden nicht aufgenommen. Der Wahlspruch war: „Für Deutschtum, Freiheit, Recht und Ehre.“ Die Verbandsfarben waren die Farben der Urburschenschaft, schwarz-rot (v. u.) mit goldener Einfassung. Der BC gehörte weder der Deutschen Studentenschaft noch dem Deutschen Studentenverband an. Als Abzeichen trugen die Angehörigen von BC-Bünden in der rechten Ecke des Rockaufschlags eine Nadel mit einem kleinen silbernen Ring.

1919–1933Bearbeiten

Auf Initiative von Justizrat Hugo Straßmann (1859–1930, Alemannia Breslau) wurde der Burschenbunds-Convent (BC) am 31. August 1919[3] von reichsdeutschen paritätischen Studentenverbindungen gegründet.[4] Am 27. Juni 1920 griff der Verband mit der Aufnahme Wiener Burschenschaften erstmals über die Reichsgrenzen hinaus. Die sudetendeutschen Korporationen gründeten am 25. Juni 1921 den Sudetendeutschen Burschenbunds-Convent. Die Brünner und Prager Korporationen waren gleichberechtigt im BC und wurden am 21. Dezember 1926 als Einzelmitglieder anerkannt.[5] Während die reichsdeutschen Verbandskorporationen einheitlich die Bezeichnung „Burschenbund“ annahmen, behielten die Wiener und die sudetendeutschen Korporationen die überkommene Bezeichnung „Burschenschaft“ bei. Mitte der zwanziger Jahre umfasste der BC 1300 bis 1800 Mitglieder.[4]

Der Sanitätsrat Richard Friedländer des Berliner Burschenbunds Ghibellinia war Verleger, später auch Schriftleiter, der Deutsche Hochschule. 1925 gab der Altherrenausschuss ein Liederbuch des B.C. heraus. Der Einband war mit den Zirkeln der BC-Bünde verziert. 1929 folgte ein nach Wohnsitz, Beruf und Korporation geordnetes Verzeichnis der Alten Herren. Das Geschäftsjahr war das Kalenderjahr. Vorort für 1930 war Dresden (Prusso-Saxonia). Erster Vorsitzender war Rechtsanwalt Dr. Wertheimer (Wirceburgia). Die Geschäftsstelle war im Bezirk Tempelhof, Viktoriastr. 8.

Bei der strikten Ablehnung der antisemitischen und nationalsozialistischen Auffassungen, die in anderen Studentenverbindungen in den 1920er Jahren weit verbreitet waren, berief sich der BC auf die Ideale der Urburschenschaft von 1815.[6] Ungeachtet seiner Offenheit gegenüber allen Religionen galt der BC in waffenstudentischen Kreisen jedoch weithin als „jüdisch“; seine Mitglieder galten völkischen Verbindungen großteils als nicht satisfaktionsfähig (siehe auch: Waidhofener Prinzip). Zudem kam noch eine Dauerfehde mit dem ebenfalls deutsch-national gesinnten Kartell-Convent (KC), der nur Juden aufnahm.[4][7]

„Obwohl die Mitglieder … überwiegend Juden oder Studierende jüdischer Abstammung waren, lehnten sie es ab, sich als jüdische Verbindung bezeichnen zu lassen. Diese Studenten repräsentierten ein assimiliertes Judentum, das sich in Sachen Patriotismus von den rechtsgerichteten Korporationen nicht übertrumpfen lassen wollte, gleichzeitig aber durch die Mitgliedschaft im Deutschen Studentenbund seine Unterstützung für die Weimarer Demokratie demonstrierte.“

Michael Grüttner: Die Studentenschaft in Demokratie und Diktatur.[2]

Zahlreiche Alte Herren des Burschenbunds-Convents waren Mitglieder des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold.[8]

GründungsbündeBearbeiten

Der Burschenbunds-Convent wurde am 31. August 1919 in Berlin von zehn bis dahin freien Korporationen begründet:[9]

Bund Name Ort Farben Gründung
Landsmannschaft Alemannia Breslau schwarz-blau-gold 1. November 1878
Verbindung Alsatia Leipzig schwarz-silber-grün 17. November 1893
Verbindung Bavaria Frankfurt grün-silber-rot 1. Juli 1919
Verbindung Brandenburgia Berlin blau-gold-grün 19. April 1890
Landsmannschaft Ghibellinia Berlin blau-gold-schwarz 1. Juli 1879
Verbindung Markomannia Hamburg rot-silber-violett 4. Juni 1919
Burschenschaft Neo-Silesia Berlin blau-rot-gold 1. Juli 1893
Verbindung Saxonia Heidelberg gold-weiß-violett 26. Juli 1919
Verbindung Thuringia München violett-orange-weiß 25. Februar 1892
Verbindung Wirceburgia Würzburg rot-blau-weiß 5. November 1885

Weitere MitgliedsbündeBearbeiten

Hinzu kamen:

  • Brünn: Cimbria[A 1] wurde am 25. Juni 1921 (Gründung des Sudetendeutschen BC), Normannia[A 2] am 28. Oktober 1921 probend, beide am 15. Juli 1922 endgültig aufgenommen. Cimbria vertagte Anfang SS 1924; die Aktiven und Inaktiven traten zu Normannia über.
  • Dresden: Die am 3. Juli 1924 von Alsatia gegründete Saxo-Borussia wurde am 20. Oktober 1924 als Prusso-Saxonia[A 3] sofort endgültig aufgenommen.
  • Frankfurt am Main: Bavaria vertagte 1930 und rekonstituierte am 30. Mai 1931 als Badenia in Köln.
  • Freiburg im Breisgau: Die am 22. April 1925 von BC-Burschen und wohl auch von Oskar Scheuer gegründete Guestphalia[A 4] wurde am 30. Mai 1925 sofort endgültig aufgenommen.
  • Hamburg: Markomannia wurde am 27. Februar 1920 endgültig aufgenommen und übernahm Anfang SS 1922 Normannia Breslau.
  • Heidelberg: Die am 26. September 1919 von Alsatia Leipzig gegründete Saxonia Heidelberg[A 5] wurde am 27. Juli 1920 sofort endgültig aufgenommen.
  • Köln: Bavaria Frankfurt rekonstituierte am 30. Mai 1931 unter Verschmelzung mit der von BC-Burschen gegründeten Badenia als Badenia zu Köln[A 6].
  • München: Die am 4. Januar 1923 von BC-Burschen unter Übernahme von aus ihren Korporationen ausgetretenen freiheitlichen Waffenstudenten gegründete Südmark-Monachia[A 7] wurde am 19. Februar 1923 sofort endgültig aufgenommen.
  • Prag: Alemannia[A 8] und Ostmark[A 9] wurden am 25. Juni 1921 (Gründung des Sudetendeutschen BC) aufgenommen. Saxonia[A 10] wurde am 15. Juli 1922 sofort endgültig aufgenommen. Moldavia[A 11] am 18. Juli 1926 aufgenommen.
 
Grab Margulies, B! Constantia
  • Wien: Budovisia[A 12], Fidelitas[A 13] und Suevia[A 14] wurden am 27. Juni 1920 sofort endgültig, Constantia[A 15] am 7. Juni 1924 probend und am 30. Mai 1925 endgültig aufgenommen.

Vor der Zeit des Nationalsozialismus hatte der BC 22 Verbindungen. Am Ende des Sommersemesters 1933 waren alle reichsdeutschen BC-Bünde suspendiert,[5] u.A. in Prag wurde der aktive Betrieb teilweise noch bis 1938 aufrecht erhalten.[10]

1958–1973Bearbeiten

Der BC rekonstituierte am 27. Juni 1953 als Altherrenverband, der dem Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA) angehörte. Der BC wurde als fakultativ schlagender Verband rekonstituiert. 1965 hatte er noch drei Verbindungen (eine in Marburg, zwei in München) mit insgesamt 1000 Mitgliedern.

Alsatia Leipzig rekonstituierte am 4. Juli 1958 in Marburg, verschmolz am 10. Februar 1968 mit Thuringia München zu Alsatia-Thuringia und vertagte am 22. Oktober 1973. Thuringia München rekonstituierte Anfang SS 1960, Südmark-Monachia im Juni 1960. Thuringia verschmolz am 10. Februar 1968 mit Alsatia Leipzig zu Marburg zu Alsatia-Thuringia Marburg. Südmark-Monachia vertagte am 23. Juni 1973. Ghibellinia Berlin hatte am 1. Juli 1955 verbandsfrei rekonstituiert und vertagte um 1963.

1974 war die Zahl der Alten Herren auf 250 zurückgegangen. Anfang der 1980er Jahre hörte der BC auf zu bestehen.[11] Der AHV des BC besteht noch als eingetragener Verein, hat aber keine Geschäftstätigkeiten mehr. Er führt noch die formellen Konvente durch. Die Vorsitzenden des heutigen BC sind Mitglieder des AHV Alsatia-Thuringia.[1] Zu den Jahrestreffen kommen die BC-Mitglieder seit 2017 auf dem Corpshaus der Hasso-Nassovia zusammen.[1]

MitgliederBearbeiten

ErinnerungBearbeiten

 
Gedenkstein des BC (2018)

Beim Marburger Schloss erinnert ein Gedenkstein an die gefallenen, verfolgten und im Holocaust umgebrachten Mitglieder des Burschenbunds-Convents. Alte Herren haben ihn 1964 beim Wachturm im Park westlich vom Landgrafenschloss aufgestellt: 1914–1918 und 1933–1945. Daneben wurde eine Hänge-Buche gepflanzt.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Der Burschenbundsconvent, BC. Verband paritätischer Corporationen. Schmitz & Bukofzer, Berlin 1921. OCLC 635064298
  • Richard Friedländer: Burschenbunds-Convent, in: Michael Doeberl: Das akademische Deutschland, Bd. 2 (1931), S. 359–362.
  • Kurt U. Bertrams: Paritätische Studentenverbindungen und Verbände. WJK-Verlag, Hilden 2011. ISBN 3-949891-47-1.
  • Paulgerhard Gladen: 41. Der Burschenbunds-Convent, in ders.: Die deutschsprachigen Korporationsverbände, 4., aktualisierte und erweiterte Auflage. WJK-Verlag, Hilden 2013, ISBN 978-3-933892-28-7, S. 450–452.
  • Paulgerhard Gladen: Gaudeamus igitur: die studentischen Verbindungen einst und jetzt. Callwey, 1986. ISBN 3-7667-0811-2
  • Verzeichnis der Mitglieder des Altherrenverbandes des BC München e. V. und aller anderen ehemaligen BCer, sowie der Alten Herren des Wiener SC (Senioren-Convent) : zusammengestellt in Berlin, Wien und Dortmund. Saarbrücken, 1962. OCLC 633753179
  • Robert Hein: Der Burschenbunds-Convent, in: Thomas Schindler: Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen 1880–1933., herausgegeben von Jürgen Setter. Erlangen, Selbstverlag der Studentengeschichtlichen Vereinigung, 1988. OCLC 25203368
  • Specimen Corporationum Cognitarum

AnmerkungenBearbeiten

  1. B! Cimbria Brünn: gegr. 1920; grün-weiß-gold
  2. B! Normannia Brünn: gegr. 1920; schwarz-blau-gold
  3. Bb. Prusso-Saxonia Dresden: weiß-schwarz-grün-weiß
  4. Bb. Guestphalia Freiburg i.Br.: gold-weiß-rot
  5. Bb. Saxonia Heidelberg: gold-weiß-violett
  6. Bb. Badenia Köln: grün-silber-rot
  7. Bb. Südmark-Monachia München: grün-blau-weiß. Unterlagen und Couleursachen seit 2017 im Institut für Hochschulkunde.
  8. B! Alemannia Prag: gegr. 5. Oktober 1875, seit 1880 „Burschenschaft Alemannia“, nach 1886 von den übrigen Prager Burschenschaften nicht mehr als Burschenschaft anerkannt; schwarz-gold-blau
  9. B! Ostmark Prag: gegr. 1895 als „Altstädter Tafelrunde“, seit 1902 „Ostmark“, Burschenschaft seit 1904; rot-gold-grün
  10. B! Saxonia Prag: gegr. 1901 von Angehörigen der Alemannia Prag; „Rote Sachsen“ in Abgrenzung zu einem gleichnamigen völkischen Verein („Schwarze Sachsen“); schwarz-gold-rot
  11. B! Moldavia Prag: gegr. 1896 als „Pilsener Landtag“, seit 1909 „Moldavia“, Burschenschaft seit 1925; rot-weiß-gold
  12. B! Budovisia Wien: gegr. 1. März 1894, Burschenschaft seit 1914; blau-weiß-schwarz
  13. B! Fidelitas Wien: gegr. 1. Oktober 1876, Burschenschaft seit 1919: grün-weiß-grün
  14. B! Suevia Wien: gegr. 1897, seit 1902 „Suevia“, Burschenschaft seit 1919; weiß-schwarz-gold
  15. B! Constantia Wien: gegr. 1878 als Turnverein, seit 1918 „Constantia“, Burschenschaft seit 1924; rot-weiß-rot

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Mitteilung von Dr. Gerd Mohnfeld, Vorsitzender des AH-Verbandes Alsatia-Thuringa und des Burschenbunds-Convents
  2. a b Michael Grüttner: Die Studentenschaft in Demokratie und Diktatur. In: R. v. Bruch, H. E. Tenorth (Hrsg.): Geschichte der Universität Unter den Linden. Band 2: Die Berliner Universität zwischen den Weltkriegen 1918–1945. ISBN 978-3-05-004667-9. S. 187–294, hier: S. 225.
  3. Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 226
  4. a b c Matthias Hambrock: Die Etablierung der Aussenseiter: der Verband nationaldeutscher Juden 1921–1935. Böhlau Verlag Köln Weimar, 2003, S. 136ff., ISBN 978-3-412-18902-0
  5. a b Paulgerhard Gladen: Die deutschsprachigen Korporationsverbände (2013)
  6. Oskar Scheuer: Burschenschaft und Judenfrage. Der Rassenantisemitismus in der deutschen Studentenschaft. Berlin Wien, 1927, hier besonders ab S. 66. Digitalisat
  7. Miriam Rürup: Mit Burschenband und Mütze: Der Verein jüdischer Studenten (VjSt) Hatikwah und die Verbindung Saxo-Bavaria. In: Stephan Wendehorst (Hrsg.:) Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig. Leipziger Universitätsverlag, 2006, S. 99–130, hier: S. 105–106
  8. Robert Hein: Der Burschenbunds-Convent. In: Thomas Schindler: Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen 1880–1933, herausgegeben von Jürgen Setter. Erlangen, Selbstverlag der Studentengeschichtlichen Vereinigung, 1988. S. 100. OCLC 25203368
  9. Richard Friedländer
  10. X/0067 • Academisch - technischer Verein "Altstädter Tafebunde", katalog.ahmp.cz, abgerufen am 29. Juli 2018
  11. Burschenbundsconvent (BC)
  12. Andreas Dornheim, Thomas Schindler: Wilhelm Aron (1907–1933): Jude, NS-Gegner, Sozialdemokrat und Verbindungsstudent., Historischer Verein Bamberg, 2007
  13. Timothy W. Ryback: Hitler’s First Victims: The Quest for Justice. Knopf Doubleday Publishing Group, 2014, ISBN 978-0-385-35292-5
  14. a b c Udo Wengst: Thomas Dehler 1897–1967. Eine politische Biographie. Oldenbourg Verlag, München 1997, ISBN 3-486-56306-8, S. 36
  15. Österreich in Geschichte und Literatur., Bd. 13, Stiasny Verlag, 1969, S. 456. OCLC 457007429
  16. Harald Seewann: Zirkel und Zionsstern: Bilder und Dokumente aus der versunkenen Welt des jüdisch-nationalen Korporationswesens: ein Beitrag zur Geschichte des Zionismus auf akademischem Boden., Band 3, Eigenverlag, 1992. S. 25, OCLC 311591994
  17. R. Rill: Scheuer, Oskar Franz. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 10, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1994, ISBN 3-7001-2186-5, S. 99.
  18. Leon Zeitlin Collection, 1930–1967, Center for Jewish History, New York
  19. Méri Frotscher: Viajando para casa: redefinições da Heimat e da identidade na obra de Richard Katz. In: Espaço Plural Jg.IX, Heft 19, Nr. 2, 2008, S. 105–116, hier:Anmerkung 35, ISSN 1518-4196