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Burg Michelstadt

Burg im Odenwald, Deutschland

Die Burg Michelstadt, häufig und mit rückläufiger Tendenz[1] auch Kellerei genannt, ist eine ehemalige Stadtburg in Michelstadt im Odenwaldkreis in Hessen.

Burg Michelstadt
Das Hauptgebäude von der Wallanlage aus südöstlicher Richtung gesehen

Das Hauptgebäude von der Wallanlage aus südöstlicher Richtung gesehen

Alternativname(n): Kellerei Michelstadt
Entstehungszeit: vor 1344
Burgentyp: Stadtburg
Erhaltungszustand: Restauriert
Ort: Michelstadt
Geographische Lage 49° 40′ 40,8″ N, 9° 0′ 16″ OKoordinaten: 49° 40′ 40,8″ N, 9° 0′ 16″ O
Burg Michelstadt (Hessen)
Burg Michelstadt

Die Burg entstand aus einem fränkischen Meierhof heraus, ihr aus dem 10. Jahrhundert stammender Vorgängerbau wurde 1307 zerstört. Das heutige Areal war ursprünglich nur die Vorburg, die ehemalige Kernburg ist nicht erhalten. Die heutige Anlage entstammt im Wesentlichen den Wiederaufbauarbeiten des 14. Jahrhunderts sowie verschiedenen Baumaßnahmen des 16. und 17. Jahrhunderts.

Die Anlage wurde 1970 von der Stadt Michelstadt gekauft, in den Folgejahren saniert und ist heute unter anderem Sitz des Stadtmuseums Michelstadt. Der Keller des Speicherbaus dient gelegentlich kulturellen Veranstaltungen und verschiedenen Märkten oder als Konzertsaal während der „Michelstädter Musiknacht“.

Blick in den Stadtgraben mit Rückseite des Hauptgebäudes und Diebsturm
Blick in den Hof auf den zentralen Speicherbau, links das südliche Hauptgebäude und rechterhand das ehemalige Amtsgebäude auf der Nordseite
Ansicht des Diebsturms, Innenseite der Stadtmauer. Über der Schießscharte ist die Kopie des Mercurius-Reliefs zu erkennen.
Original des Mercuriusreliefs im Museum

Inhaltsverzeichnis

Geschichte und BaugeschichteBearbeiten

Obwohl nicht durch Grabungen oder Urkunden gesichert, kann wohl davon ausgegangen werden, dass sich auf dem Gelände der heutigen Anlage ursprünglich ein alamannischer Edelhof befand.[2] Durch Schenkung kam das Kammergut Michelstadt 741 in den Besitz Bischof Burkhart von Würzburgs, nach dessen Tod kam es erneut an die Krone. Es dürfte als fränkischer Meierhof bestanden haben. Einhard erhielt die Mark Michelstadt für seine Verdienste von Kaiser Ludwig dem Frommen am 11. Januar 815 durch Schenkung. Einhard selbst ließ wohl Gebäude und Wohnungen errichten,[3] sodass nach seiner Inbesitznahme die Anlage als „befestigter Herrenhof“[4] gesehen werden kann. Möglicherweise schrieb er hier Teile seines Hauptwerkes, der Vita Karoli Magni.[5] Durch Verfügung in dessen Testament fiel beim Tode Einhards 840 dessen Besitz an das Kloster Lorsch. Einer der Äbte dieses Klosters, Abt Gerbodo von Lorsch, ließ um oder nach 950 dort ein steinernes Haus errichten. Im Codex Laureshamensis wird der Ort castellum Michelnstat genannt.[2] Ob die heute noch als Gerbodomauer bezeichnete Außenmauer zum sogenannten Storchenwinkel bzw. Diebsturm hin tatsächlich noch aus dieser Zeit stammt, darf bezweifelt werden. Der Struktur nach erinnert sie eher an ein Werk des späten 14. Jahrhunderts und besitzt Ähnlichkeit mit dem neckarseitigen, östlichen Teil der Stadtbefestigung von Hirschhorn, deren Baubeginn 1392 war.[6] Philipp Buxbaum fand bei einer Grabung 1938 im Hof der Burg Reste eines 7,40 Meter breiten Gebäudes vor dem nördlichen, ehemaligen Amtshaus, das zu diesem etwa um 90 Grad versetzt war. Er konnte oder wollte den Bau aber nicht zuordnen.[2] Eine abermalige Grabung im Jahr 1982 brachte keine weiteren Ergebnisse.

1307 zerstörte Pfalzgraf Rudolf I. Stadt und Burg im Zuge der damaligen Auseinandersetzungen zwischen der Kurpfalz und Kurmainz. Aus den kurpfälzischen Regesten geht hervor, dass die Anlage wohl von der seit Mitte des 13. Jahrhunderts abgespaltenen[7] Michelstädter Seitenlinie der Schenken von Erbach zu einer Burg ausgebaut worden war.[2] Zu dieser Zeit war sie mit Burgmannen besetzt. Bei Grabungen im Hofbereich der Kellerei wurde 1981 ein Graben entdeckt, in dessen Verfüllung sich Brandschutt befand. Die Verfüllung lässt sich zeitlich mit der Zerstörung von 1307 in Einklang bringen.

Die Erbacher Schenken hatten sich zwar noch 1321 verpflichtet, dass sie „vber zwei Jar kein Burklichen Buw zu Michelstadt machen sal“,[8] also dass über zwei Jahre keine Neuanlage errichtet werden soll, bauten die Burg aber offensichtlich danach recht schnell wieder auf, da bereits 1344 über eine bestehende Burg berichtet wird. Bauherr dürfte Schenk Eberhard IV. gewesen sein. 1388 verkaufte eine Irmela von Dürn, Witwe eines Diether Rauch, ihren aus Haus und Hof in der Michelstädter Burg bestehenden Besitz den Schenken von Erbach für 200 Gulden.[9] Bemerkenswert daran ist, dass sie bzw. ihr Mann zwar wohl Lehensnehmer der Erbacher Schenken waren, der in der Burg bestehende Besitz aber ein Allod war. Dieses bestand trotz der aufgezwungenen pfälzischen Lehenshoheit weiter, da in allen folgenden, die Burg betreffenden Lehensurkunden der von der Witwe verkaufte Bestand ausgenommen wurde.[9] So heißt es in einem späteren Lehensbrief: „Michelstadt, die Stadt halb, ausgenommen den Hof, der gekauft ist von Diether Rauch“.[10]

Etwa von 1390 bis 1395 oder etwa 1400 wurde die Stadt mit der teilweise heute noch erhaltenen Stadtmauer umgeben, in welche die Burg so weit einbezogen wurde, dass sie an zwei Stellen daran anschloss. 1515 bezog Schenk Valentin die Burg, obgleich er noch im gleich Jahr starb.[11] Die Anlage wandelte sich merklich mit der Errichtung neuer Gebäude ab 1517, vornehmlich zu Wohn- und Verwaltungszwecken, wohl größtenteils unter Graf Georg I. zu Erbach. Erstmals „Kellerei“ genannt wird die Anlage in einem Dokument von 1532.[2]

Nicht ganz geklärt ist, wann die eigentliche Hauptburg niedergelegt wurde. Vermutet wird, dass dies etwa in den Jahren des Baus der Stadtmauer stattfand, spätestens aber 1515.[11] Thomas Steinmetz vermutet, dass sich Reste der Kernburg heute im Bereich des Stadtwalles befinden.[11]

AnlageBearbeiten

Hauptgebäude auf der südlichen SeiteBearbeiten

Das Hauptgebäude, möglicherweise der ehemalige Palas der Burg im Süden des rechteckigen Innenhofes, trägt die Jahreszahl 1506. Es steht mit dem Rücken zur Stadtmauer und bestand ursprünglich aus drei älteren Teilen, die schließlich unter einem Dach zusammengefasst wurden. Die Form des Fachwerks im Mittelbau weist in das 16. Jahrhundert, die seitlichen Trakte wurden im 17. und 18. Jahrhundert hinzugefügt. In einem bereits länger bekannten vermauerten Turm im Hauptgebäude wurde 1986 ein Durchgang erkannt. Die Wölbung weist darauf hin, dass hier von außen eine Zugbrücke angesetzt war. Auch dies würde darauf hindeuten, dass sich im heute noch erhöht liegenden Wallareal außerhalb der Stadtmauer eine Kernburg in Form einer Stadtburg befand, die heute bis auf vermutete Reste abgegangen ist.[12]

Das Gebäude hat im Bereich der Stadtmauer eine Mauerstärke von 1,60 Metern, die sich zum Ostflügel hin auf 1,45 Meter verringert. Der mittlere Gebäudetrakt wird im Untergeschoss von einem 5,75×5,00 Meter messenden Raum eingenommen, der von einem Tonnengewölbe überspannt ist. Das ursprünglich vorhandene Spitzbogentor wurde später mit Blendmauerwerk ausgemauert und bietet seitdem nur noch einer Rundbogentür und einem Fenster Platz.

Anfänglich als Wohnsitz genutzt, diente das Hauptgebäude später als Witwensitz Erbacher Gräfinnen und letztlich – bis zum Verkauf an die Stadt – als Bürgerschule.

Speicherbau, westliche SeiteBearbeiten

Der Speicherbau im Westen des Burghofes beherbergt heute das Museum. Er besitzt ein hohes, auf sieben mächtigen Sandsteinpfeilern aufliegendes Kellergewölbe. Seine oberen Geschosse wurden im Inneren stark umgebaut. Außen befindet sich eine doppelläufige Freitreppe, an der Brüstung das Allianzwappen Graf Georgs I. von Erbach und seiner Frau Elisabeth von der Pfalz sowie die Jahreszahl 1539. Sie bezieht sich allerdings wohl nur auf die Errichtung des Treppenaufgangs selbst,[2] der Bau mit den Maßen 37×13 Metern ist deutlich älter, in Teilen eventuell noch aus dem 13. Jahrhundert.[13] Am Nordgiebel findet sich die Jahreszahl 1517.[5]

Das Gebäude diente über Jahrhunderte als Zehntscheune. Die Stützmauern zum Diebsturm hin stammen erst aus dem späten Mittelalter und weisen große Ähnlichkeiten zur Außenmauer der Kernburg an der Burg Breuberg auf.

Seit Mai 2014 bauen die Modelleisenbahnfreunde Odenwaldkreis im Dachgeschoss an einer Modellbahnanlage in Spur H0. Das Thema der Anlage ist die Odenwaldbahn.

Ehemaliges Amtshaus, nördliche SeiteBearbeiten

Dieses Gebäude war der eigentliche gräfliche „Keller“, also das Amtshaus als Sitz der gräflichen Verwaltung, von der die gesamte Burg ihren späteren Namen erhielt. Die drei dort sichtbaren Jahreszahlen 1501, 1549 und 1621 zeigen, dass dieser Teil der Burg verschiedentlich umgebaut wurde. Ein Gewölbe im Erdgeschoss weist darauf hin, dass hier möglicherweise eine spätgotische Kapelle untergebracht war. Wolfram Becher nimmt aufgrund der heute niedrigen Höhe des Aborterkers auf der nördlichen Außenseite an, dass sich ursprünglich auch hier ein umlaufender Graben befand, der vom vorbeifließenden Bach Kiliansfloss hätte gespeist werden können.

Ehemalige Remise, jetzt Mühle, OstseiteBearbeiten

 
Ansicht der ehem. Remise – jetzt die Technik der ehemaligen Kainsbacher Mühle enthaltend – vom Burghof aus gesehen.

Auf der Ostseite befindet sich das Gebäude der ehemaligen Remise der Burg, sie diente über Jahrhunderte den Bewohnern der Burg als Unterstand für Kutschen und zur Aufbewahrung von Sattel- und Zaumzeug. Das Gebäude war zwischenzeitlich verkommen und sanierungsbedürftig. Ein privater Verein sanierte das Gebäude und baute bis 1993 eine komplette, funktionsfähige Mühle ein. Es handelt sich dabei um das Innenleben der Kainsbacher Mühle, urkundlich erstmals erwähnt 1426 als Bannmühle. Erweiterungen des Mahlbetriebs, so die Erhöhung der Mahlgänge von einem auf drei und die dafür notwendige Erweiterung der Bieth erfolgten im 18. Jahrhundert. Die Mühle war in Kainsbach bis 1956 in Betrieb und wurde dort durch Wasserkraft angetrieben, heute erfolgt der Antrieb über einen Elektromotor.[14] Die Mühle ist jeweils Mittwochs, Samstags und Sonntagnachmittags ohne Eintrittspreis zu besichtigen.

DiebsturmBearbeiten

 
Ansicht des Mahlbodens im 1. OG der ehem. Kainsbacher Mühle. Im Vordergrund (schwarz) ein Walzenstuhl aus dem späten 19. Jahrhundert. Dahinter der Schrotgang und ganz hinten der Mahlgang.

Der westlich des Speicherbaues gelegene Diebsturm gehörte wohl noch der alten Burganlage an[15] und entstammt damit dem 13. Jahrhundert. Seinen Namen hat er, weil er als Zentgefängnis diente. Das untere Stockwerk war vollständig geschlossen aufgemauert und hatte weder Tür noch Fenster. Die Gefangenen wurden mit einem Seil vom darüberliegenden Stockwerk in diesen Raum hinabgelassen. Die alte Haube des Turms wurde 1798 abgenommen, die heutige mit Fachwerk ist modern. In etwa zehn Metern Höhe wurde ein antikes römisches Mercuriusrelief vermauert. Heute befindet sich dort aber nur noch eine Kopie, denn das Original ist im ersten Stock des Museums ausgestellt. Die Figur lässt aufgrund ihrer Disproportionierung und der untersetzten Darstellung auf einen „wenig geschulten, einheimischen“[16] Steinmetz schließen.

LiteraturBearbeiten

  • Thomas Steinmetz: Die Stadtburg der Schenken von Erbach in Michelstadt. In: Der Odenwald. Zeitschrift des Breuberg-Bundes. Nr. 1, 1989, ISSN 0029-8360, S. 18–27.
  • Thomas Steinmetz: Burgen im Odenwald. Ellen Schmid, Brensbach 1998, ISBN 3-931529-02-9.
  • Thomas Steinmetz: Die Burgen in Michelstadt. In: Der Odenwald. Zeitschrift des Breuberg-Bundes 32/4, 1985, S. 115–132.
  • Wolfram Becher: Michelstadt und Erbach. Hermann Emig, Amorbach 1980.
  • Philipp Buxbaum: Michelstadt in Wort und Bild. Börsig, Darmstadt ohne Jahrgang.
  • Hans-Joachim Dinger: Die Kainsbacher Mühle in der Remise der Michelstädter Kellerei, Hrsg. Förderkreis Historisches Michelstadt, Michelstadt 2002
  • Stadt Michelstadt (Hrsg.): Bildmappe Michelstadt. Jedermann-Verlag, Heidelberg 1979, ISBN 3-920506-04-9, Blatt Die Michelstädter Burg.
  • Stadt Michelstadt (Hrsg.): Die Stadtkirche Michelstadt aus dem Jahr 1490. Michelstadt 1991, ISBN 3-924583-13-7 (Rathaus- und Museumsreihe. Band 9).
  • Thomas Ludwig, Otto Müller, Irmgard Widdra-Spiess: Die Einhards-Basilika in Steinbach bei Michelstadt im Odenwald. 2 Bände. Von Zabern, Mainz 1996, ISBN 3-8053-1322-5.
  • Rudolf Knappe: Mittelalterliche Burgen in Hessen. 800 Burgen, Burgruinen und Burgstätten. 3. Auflage. Wartberg-Verlag, Gudensberg-Gleichen 2000, ISBN 3-86134-228-6, S. 553.
  • Rolf Müller (Hrsg.): Schlösser, Burgen, alte Mauern. Herausgegeben vom Hessendienst der Staatskanzlei, Wiesbaden 1990, ISBN 3-89214-017-0, S. 251f.
  • Egon Schallmayer in: Dietwulf Baatz und Fritz-Rudolf Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. Lizenzausgabe 2002. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-58-9, S. 431.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Wolfram Becher: Michelstadt und Erbach, S. 53.
  2. a b c d e f Philipp Buxbaum: Michelstadt in Wort und Bild, S. 25.
  3. Thomas Ludwig, Otto Müller, Irmgard Widdra-Spiess: Die Einhards-Basilika in Steinbach bei Michelstadt im Odenwald, S. 24.
  4. Thomas Ludwig, Otto Müller, Irmgard Widdra-Spiess: Die Einhards-Basilika in Steinbach bei Michelstadt im Odenwald, S. 26.
  5. a b Stadt Michelstadt (Hrsg.): Bildmappe Michelstadt, Blatt Die Michelstädter Burg.
  6. Thomas Ludwig, Otto Müller, Irmgard Widdra-Spiess: Die Einhards-Basilika in Steinbach bei Michelstadt im Odenwald, S. 27.
  7. Thomas Steinmetz: Burgen im Odenwald, S. 84.
  8. Zitiert in: Thomas Steinmetz: Burgen im Odenwald, S. 94.
  9. a b Wolfram Becher: Michelstadt und Erbach, S. 55.
  10. Zitiert in: Wolfram Becher: Michelstadt und Erbach, S. 55.
  11. a b c Thomas Steinmetz: Burgen im Odenwald, S. 95.
  12. Thomas Steinmetz: Die Stadtburg der Schenken von Erbach in Michelstadt, S. 18–27.
  13. Wolfram Becher: Michelstadt und Erbach, S. 59.
  14. Förderkreis Historisches Michelstadt e.V. (Hrsg.): Historische Getreidemühle - vormals Wassermühle von 1426 im Odenwald, Informations-Faltblatt, Michelstadt 2012
  15. Philipp Buxbaum: Michelstadt in Wort und Bild, S. 28.
  16. Egon Schallmayer in: Dietwulf Baatz und Fritz-Rudolf Herrmann: Die Römer in Hessen, S. 431; Datierung erste Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr.: Marion Mattern: Römische Steindenkmäler aus Hessen südlich des Mains sowie vom bayerischen Teil des Mainlimes. Corpus Signorum Imperii Romani. Deutschland Band 2,13, Mainz 2005, Verlag des Romisch-Germanischen Zentralmuseums; In Kommission bei Habelt, Bonn, ISBN 3-88467-091-3, S. 191 und Tafel 126.