Bettina Heinen-Ayech

deutsche Malerin

Bettina Heinen-Ayech (* 3. September 1937 in Solingen; † 7. Juni 2020 in München[1]) war eine deutsche Malerin. Bekannt wurde sie durch ihre farbigen Landschaftsansichten von Algerien.

BiographieBearbeiten

Bettina Heinen war die Tochter des aus Bauchem stammenden Journalisten Johann Jakob Josef „Hanns“ Heinen (1895–1961), langjähriger Chefredakteur des Solinger Tageblatts und der Branchenzeitung Eberswalder Offertenblatt, der sich auch als Lyriker und Dramatiker betätigte.[2] Ihre Mutter Erna, geborene Steinhoff (1898–1969), wurde in Düsseldorf geboren und kam aus einer westfälischen Familie aus der Soester Gegend.[3] Bettina Heinen hatte drei Geschwister, zwei Brüder und eine Schwester; die Kinder wuchsen in einem von Kunst und Offenheit geprägten Elternhaus in Solingen auf.[4] Die Familie lebte in einem alten Fachwerkhaus im Ortsteil Höhscheid, das Heinen bei den Aufenthalten in ihrer Heimatstadt bis im hohen Alter weiterhin bewohnte.[5]

Während des Zweiten Weltkriegs lebte Bettina Heinen ab 1942 mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in Kreuzthal-Eisenbach bei Isny im Allgäu, später stieß der Maler und Freund der Familie, Erwin Bowien (1899–1972), dazu, der 1942 nach zehnjährigem Aufenthalt in den Niederlanden nach Deutschland zurückgekehrt war und sich auf ständiger Flucht vor den NS-Behörden befand. Der Vater Hanns Heinen folgte 1944, nachdem er einen Artikel über die wirkliche Lage Deutschlands veröffentlicht hatte. Gegen ihn und Bowien trafen in Kreuzthal Haftbefehle ein, die „das Postfräulein zerriss“, wie Heinen später angab.[6]

Von 1948 bis 1954 besuchte Heinen das Solinger August-Dicke-Mädchengymnasium, wo eine Lehrerin ihr Talent erkannte und förderte. Eine erste künstlerische Ausbildung erhielt sie durch Bowien, der bis zu seinem Tod ihr Mentor blieb.[3] Ab 1954 besuchte sie die Kölner Werkschulen und dort die Klasse für monumentale Wandmalerei von Otto Gerster, dabei wurden ihr drei Vorklassen erlassen.[7] 1955 wurden erstmals Werke von Bettina Heinen – 20 Aquarelle und Zeichnungen – im Kursaal von Bad Homburg ausgestellt. Bilder der damals 18-jährigen Bettina Heinen wurden von der Frankfurter Galeristin Hanna Bekker vom Rath in die Gruppenausstellung Deutsche Kunst der Gegenwart (1955/56) aufgenommen, in der diese neben Kunstwerken von Karl Schmidt-Rottluff, Paul Klee, Max Beckmann, Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner und Käthe Kollwitz auf einer Tournee durch Südamerika, Afrika und Asien gezeigt wurden. Schmidt-Rottluff riet ihr: „Bettina, bleib Dir treu!“[4]

Anschließend folgten ein Studium bei Hermann Kaspar an der Kunstakademie München sowie Reisen ins Tessin. Ab 1958 studierte Heinen an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen und machte die erste von mehreren Reisen nach Norwegen, wo sie am Fuß der Sieben Schwestern eine Hütte erwarb.[7] 1959 und 1962 erhielt Bettina Heinen Stipendien des Kultusministeriums von Nordrhein-Westfalen. Es folgten Malaufenthalte auf Sylt, im Tessin und Norwegen sowie in Paris. 1962 machte Bettina Heinen ihre erste Nordafrika-Reise, als sie vom Deutschen Kulturinstitut nach Kairo eingeladen wurde.[7]

In Paris lernte Heinen 1960 im Jardin du Luxembourg ihren späteren Ehemann, den Algerier Abdelhamid Ayech (1926–2010), kennen, als sie dort gemeinsam mit Bowien malte. Zwei Jahre nach der Geburt von Tochter Diana im Jahre 1961 zog die Familie nach Guelma, dem Heimatort von Ayech in Algerien, das inzwischen von Frankreich unabhängig geworden war; 1969 wurde der Sohn Haroun geboren.[8] In den folgenden Jahrzehnten pendelte Bettina Heinen-Ayech zwischen Solingen und Algerien, wo sie auf der Suche nach Motiven in ihrem Auto, „einem Vehikel, das einst als R4 geboren wurde“, zu einer bekannten Erscheinung wurde, „im Mundwinkel die unvermeidliche Zigarettenspitze“.[9] Ihre Liebe zu Algerien beruhe auch auf der Liebe zu ihrem Mann Hamid, einem „freien und mutigen Mann“, so Heinen.[10]

1968 wurden erste Werke von Bettina Heinen-Ayech vom Nationalmuseum in Algier (Musée National des beaux-arts d’Alger) angekauft, und 1976 wurde sie mit dem Grand Prix de la ville d’Alger ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde sie Vorsitzende des Freundeskreises Erwin Bowien (Bowien war 1972 verstorben). 1992 wurde im Musée National des beaux-arts d’Alger eine Retrospektive mit 120 ihrer Bilder ausgestellt. 1993 erhielt sie den Kulturpreis der Solinger Bürgerstiftung Baden. 2004 wurde in Algier eine zweite große Retrospektive ihrer Werke gezeigt, die Ausstellung stand unter der Schirmherrschaft der damaligen algerischen Kultusministerin Khalida Toumi; 2006 wurde sie erneut von der algerischen Regierung geehrt. Im selben Jahr wurde während ihrer Abwesenheit in ihr Haus in Solingen eingebrochen, es wurden gezielt sechs Gemälde von Erwin Bowien gestohlen.[11]

Bis 2018 wurden Heinen-Ayechs Bilder in über 100 Einzel- und zahlreichen Gruppenausstellungen in Europa, Amerika und in Afrika gezeigt.[12] Ihr Vorname „Bettina“ etablierte sich als ihr Künstlername, auch in der arabischen Schreibweise بتينا.[5][13][14] Bettina Heinen-Ayechs Leben und Werk wurde in Büchern und Filmen dargestellt. 2012 kehrte sie erstmals nach dem Krieg nach Kreuzthal im Allgäu zurück und wurde dabei von einem Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks begleitet.[15]

WerkBearbeiten

Bettina Heinen-Ayech lernte im Rahmen ihrer Ausbildung alle Techniken, legt aber ihren Schwerpunkt auf die Aquarellmalerei. Als Freiluftmalerin schuf sie zahlreiche Landschaftsbilder, seltener Porträts. Durch ihre Aufenthalte in Algerien entwickelte sie eine eigene Technik: Wegen der trockenen Luft in Guelma würden die Wasserfarben dort nicht wie in Europa ineinander zerfließen, sondern schnell trocknen. Daraus habe sie eine eigene Vorgehensweise entwickelt: „Ich füge die kräftigen Farben wie ein Mosaik Farbstrich neben Farbstrich zusammen“, so Heinen-Ayech. Die intensiven Farben ergäben in ihrer Kombination ein anschauliches Bild der Landschaften und des Lichtes in Algerien.[16] In den Jahren des Terrorismus in den 1990er bis in die 2000er Jahre hinein habe sie in Algerien nur Porträts, Stillleben und nach Blicken aus dem Fenster malen können, weil sie nicht umherreisen konnte.[17]

In Algerien habe sich jedoch nicht nur ihre Technik, sondern auch ihre Persönlichkeit verändert, so Bettina Heinen-Ayech. Sie habe sich von ihren „europäischen Vorurteilen“ entfernt und der schönen Natur in Guelma „zugehört“: „Der südliche Berg, der Mahouna, seine Felder, fesseln und fesseln alle meine Sinne und bewahren meine Fantasien. Ich male diese Region im Frühling, während das Grün der mit roten Punkten besetzten Felder – Mohnblumen – in all seinen Tönen leuchtet, weit weg vom dichten Grün Europas, im Sommer, wenn seine blauen und violetten Gipfel über das wundersame Gold seiner Weizenflächen steigen; im Winter, wenn das Rot der Erde eine unglaubliche Kraft hat, die so schwer darzustellen ist! “[16]

Schon 1967 schrieb der Journalist Max Metzker in den Düsseldorfer Nachrichten über Bettina Heinen-Ayech: „Sie vermag eine Landschaft auch dem zu erschließen, der sie nicht kennt. Die Portraits sind nicht nur Abbilder von Menschen, sondern zugleich auch in die Tiefe lotenden Seelenschilderung.“[18]

Bettinia Heinen-Ayech starb am 7. Juni 2020 im Alter von 82 Jahren in München.

Ausstellungen (Auswahl)Bearbeiten

EhrungenBearbeiten

  • 1976 Bettina Heinen Ayech erhält den Grand Prix de la ville d’Alger
  • 1993 Kulturpreis der Bürgerstiftung Baden, Solingen
  • 1998 Die Stadt Constantine in Algerien ehrt die Kunstmalerin durch einen Prix d’honneur
  • 2003 Algerischer Staatspreis, übergeben von der Kulturministerin Frau Khalida Toumi als Ehrung für das gesamte künstlerische Schaffen
  • 2006 Offizielle Ehrung durch das algerische Kulturministerium

PublikationenBearbeiten

  • (als Herausgeberin) Hanns Heinen: Aus der Fülle des Lebens. Gedichte. U-Form, Solingen.
  • (als Herausgeberin) Erwin Bowien: Das schöne Spiel zwischen Geist und Welt – Mein Malerleben. ISBN 3-88234-101-7.
  • (als Herausgeberin) Erwin Bowien. Werkverzeichnis – Catalogue Raisonné – Werkoverzicht. U-Form, Solingen 1999, ISBN 3-88234-103-3.

LiteraturBearbeiten

  • Eduard Fallet-von Castelberg: Bettina Heinen. Kleiner, Bern 1967. (deutsch/französisch)
  • Ali Elhadj-Tahar/Hans Karl Pesch: Bettina Heinen-Ayech. U-Form Verlag, Solingen 1982.
  • Marianne Kopatz: Bettina Heinen-Ayech, Aquarelle und Zeichnungen aus Algerien. Hrsg.: Stadtsparkasse Solingen. 1985.
  • Malika Bouabdellah/Diana Millies/Bernard Zimmermann: Bettina Heinen-Ayech Retrospektive 1951–1992. Hrsg.: Stadtsparkasse Solingen. 1992.
  • Malika Bouabdellah: „Bettina“ Katalog zur Retrospektive im Musée National des Beaux-Arts. 1993.
  • Hans Karl Pesch: Bettina, Kollektion Klaus Wiens. 1999, ISBN 3-88234-106-8.
  • Dalila Mahammed Orfali: „Bettina“. Katalog zur Retrospektive im Musée National des Beaux-Arts. 2005.
  • Taieb Larak: Bettina, la rencontre d’un peintre et d’un pays. Bettina Heinen-Ayech et l’Algérie. 2007.

FilmeBearbeiten

  • 1992 Bettina Heinen-Ayech, Lettre à Erwin Bowien, Künstler-Portrait. Hassan Bouabdellah, Visualis Production, Algier 1992. Deutsche Fassung : Bettina Heinen-Ayech, Brief an Erwin Bowien. Visualis Production in Zusammenarbeit mit Avalon Film+TV-Produktion, Solingen 1992
  • 2002 Bettina Heinen-Ayech, Hymne à la nature. Boualem Aissaoui, CYM Audiovisuel, Algier
  • 2010 Fluchtpunkt im Allgäu – Die Kunst der Erinnerung. Erwin Bowien im Kreuzthal. 2015. Bayerischer Rundfunk. Regie: Georg Bayerle

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Vetter: Bettina Heynen-Ayech: Malerin Bettina Heinen-Ayech ist mit 82 Jahren gestorben. In: rp-online.de. 10. Juni 2020, abgerufen am 13. Juni 2020.
  2. Johann Jakob Josef („Hanns“) und Bettina Heinen. In: archive.nrw.de. 3. September 1937, abgerufen am 2. November 2018.
  3. a b Barbara & Detlef Rahlf: Bettina Heinen-Ayech – Vita I. In: bettina-heinen-ayech.de. 10. Oktober 2008, abgerufen am 2. November 2018.
  4. a b Barbara & Detlef Rahlf, München: Bettina Heinen-Ayech. In: bettina-heinen-ayech.de. 10. Oktober 2008, abgerufen am 3. November 2018.
  5. a b Die Kunst muss neue Fenster öffnen. In: solinger-tageblatt.de. 3. September 1937, abgerufen am 9. November 2018.
  6. Mitteilungen des Freundeskreises Erwin Bowien e. V. Dezember 2010
  7. a b c Barbara & Detlef Rahlf: Bettina Heinen-Ayech – Vita II. In: bettina-heinen-ayech.de. 10. Oktober 2008, abgerufen am 2. November 2018.
  8. Barbara & Detlef Rahlf: Bettina Heinen-Ayech – Vita III. In: bettina-heinen-ayech.de. 10. Oktober 2008, abgerufen am 2. November 2018.
  9. Diana Millies: „Die Natur nicht zu einem Motiv erniedrigen“. Die Kosmogonie der Malerin Bettina Heinen-Ayech. In: Malika Bouabdellah/Diana Millies/Bernard Zimmermann (Hrsg.): Bettina Heinen-Ayech Retrospektive 1951–1992. Statdtsparkasse Solingen, Solingen 1992, S. 4.
  10. Farida Hamadou: Bettina Heinen-Ayech, 50ans à Guelma : l’amour, l’Algérie… In: mtissage.wordpress.com. 4. Februar 2013, abgerufen am 6. November 2018 (französisch).
  11. Solingen: Diebesgut Kunst. In: Rp Online. 2. Oktober 2006, abgerufen am 11. November 2018.
  12. Algerien als Inspirationsquelle für die Malerin Bettina Heinen-Ayech. In: Maghreb Magazin. 28. Dezember 2017, abgerufen am 3. November 2018.
  13. Bouabdellah, „Bettina“, Buchumschlag.
  14. الرئيسي: بتينا.. فنانة ألمانية انصهر&. In: albayan.ae. 10. Oktober 2014, abgerufen am 15. November 2018 (arabisch).
  15. Johannes Rauenker: Bayerischer Rundfunk dreht im Kreuzthal einen Film. In: schwaebische.de. 11. Oktober 2012, abgerufen am 3. November 2018.
  16. a b Bettina-Heinen-Ayech exposera à Dar El Kenz. Femme-lumière, femme-courage. In: dzairnews.com. 17. Mai 2011, abgerufen am 3. November 2018.
  17. Blumen und Landschaften im Licht Algeriens. In: Bonner General-Anzeiger. 15. Januar 2016, abgerufen am 3. November 2018.
  18. Zitiert nach: Ali Elhadj-Tahar/Hans Karl Pesch: Bettina Heinen-Ayech. U-Form Verlag, Solingen 1982, S. 38.