Hauptmenü öffnen

Bestattungswald

festgelegte Waldfläche außerhalb traditioneller Friedhöfe, in der eine Beisetzung von Totenasche möglich ist

Ein Bestattungswald (auch Urnen-, Begräbnis-, Ruhe-, Friedwald oder Naturbegräbnisstätte, fälschlich „Waldfriedhof“) ist ein Friedhof im Wald, in dem Totenaschen ohne erkennbare Gräber beigesetzt werden[1] Eine individuelle Grabpflege ist nicht notwendig, nicht möglich und unzulässig. Die Beisetzung im Bestattungswald ist eine von vielen Möglichkeiten, die Asche von Verstorbenen beizusetzen.

Begräbniswald Remscheid
Waldfriedhof/Begräbniswald Bad Endbach-Wommelshausen

Inhaltsverzeichnis

Anfänge und EntwicklungBearbeiten

 
Waldgrab Ferdinand von Raesfeld auf dem Darß

Idee und Konzept der Bestattungswälder stammen von dem in Mammern beheimateten Schweizer Ueli Sauter, der nach mehrjährigem Bemühen und ersten Baumbestattungen auf eigenem Grund 1999 die behördliche Genehmigung zur Einrichtung eines Bestattungswaldes erhielt.[2] Sauter verbindet mit der Baumbestattung der Totenasche Vorstellungen von einer Rückkehr in den Kreislauf der Natur und von der Entstehung neuen Lebens, indem die Baumwurzeln die in der Asche enthaltenen Nährstoffe aufnehmen.[3] 20 Jahre später werden von Sauter und seinen Mitarbeitern 70 Begräbniswälder in der Schweiz betrieben.[4]

Bereits im Jahr 2000 verkaufte Sauter seine Markenrechte nach Deutschland, wo sich zunächst die FriedWald GmbH und in der Folge auch die RuheForst GmbH als größte Betreiber von Bestattungswäldern etablierten.[5] Die dafür speziell ausgewiesenen Areale sind in Deutschland wie auch in Österreich immer als öffentlich rechtlicher Friedhof gewidmet[6] und die Totenasche ist in einer Urne beizusetzen. In der Schweiz, in der es keine Pflicht zur Bestattung auf einem Friedhof gibt, besteht zudem die Möglichkeit, die Asche zu verstreuen. Träger ist somit die Gemeinde bzw. Kommune oder (in seltenen Fällen) eine kirchliche Einrichtung,[7] unabhängig davon, wer der Eigentümer des Waldes ist. Der laufende Betrieb erfolgt durch private oder öffentliche Organisationen. Neben Firmen betreiben unterdessen auch zahlreiche Kommunen Bestattungswälder.[8][9][10][11] Auch in Österreich,[12] in den Niederlanden[13] und in Tschechien gibt es unterdessen Bestattungswälder. In den USA existiert als "natural burial" ein ähnlich auf Naturnähe zielendes Angebot unter Verzicht auf Einäscherungen.[14]

Von Bestattungswäldern zu unterscheiden sind die ausschließlich dem Gedenken gewidmeten und beisetzungsfreien Waldstandorte, wie der Wald der Erinnerung für im Auslandseinsatz verstorbene Soldaten der Bundeswehr.

Motive für BaumbestattungenBearbeiten

Für Baumbestattungen bezeichnend ist laut einer Untersuchung der Kulturwissenschaftlerin Stefanie Rüter ein Vorsorgekonzept: Hier stehe der lebendige Mensch mit seinen Wünschen im Vordergrund. „Er selbst bestimmt, wo und wie er erinnert werden möchte und wie sein Grab und dessen Umgebung aussehen sollen.“[15]

Gesellschaftliche Veränderungen seit den 1980er Jahren kommen als Treiber einer Entwicklung in Betracht, die das Interesse für neue Bestattungsformen im Allgemeinen und für die Baumbestattung im Besonderen verständlich machen. Vorreiter diesbezüglich waren die Hospizbewegung und die AIDS-Bewegung sowie das Streben nach einer würdigen Bestattung von Früh- und Totgeburten.[16] Die Vorreiterrolle der von AIDS Betroffenen unterstreicht Sylvia Frevert: „Über Jahre mit dem eigenen Sterben konfrontiert, den Tod von Freunden erlebend, planten sie ihr Ende selbst und auch die Dinge, die danach passieren sollten.“[17] Die Auswertung diverser neuerer Studien zur Bestattungskultur lässt laut Isa Straub erkennen, dass die Entscheidung für eine Feuerbestattung oft von der Möglichkeit bestimmt ist, sich in der Natur bestatten zu lassen. „35% könnten sich ihre letzte Ruhestätte auf einer Alm, im Bestattungswald oder an einem anderen Platz in der Natur vorstellen, weil sie zurück zur Natur wollen (27%) oder ihnen das einfach besser gefällt (17%).“[18]

Ein vorrangiges Motiv für den Wunsch nach Beisetzung im Bestattungswald ist der damit verbundene Wegfall der Grabpflege: Die Angehörigen sollen von Kosten bzw. Zeitaufwand für die Grabpflege entlastet werden.[19] Im Falle der Baumbestattung entfallen diesbezügliche soziale Kontrollmechanismen in der Friedhofsgemeinde ebenso wie eventuelle Schuldgefühle der Angehörigen bei Versäumnissen in der Grabpflege.[20] „Charakteristisches Merkmal aller Bestattungswälder ist bei aller Unterschiedlichkeit das verheißungsvolle Angebot“, so auch Reiner Sörries, „dass die Natur selbst die Grabpflege übernimmt und damit die Hinterbliebenen von der Grabpflege entlastet.“[21]

Anders als anonyme Grabstellen bieten Begräbniswälder den Angehörigen der Verstorbenen und anderen diesen Nahestehenden aber wie herkömmliche Friedhöfe einen bestimmten Ort zum Trauern und Gedenken.[22] Baumbestattungsinteressenten ist es teilweise wichtig, dass der Beisetzungsort von den Hinterbliebenen aus freiem Antrieb aufgesucht wird und nicht „aus reiner Verpflichtung“.[23]

Die Baumbestattungsalternative wird von manchen aber auch aus Ablehnung der üblichen Beisetzungsrituale und Verhaltensvorschriften auf Friedhöfen bevorzugt. Die dort geforderten Verhaltensstandards von der Beisetzung bis zur Trauerverarbeitung „werden nicht mehr als sinnvoll, sondern als Gängelei und Bevormundung erachtet. Es ist ein deutliches Streben nach Freiheit und individuellen Entscheidungsspielräumen feststellbar, welches sowohl den Umgang mit dem Tod und den Toten als auch die eigene Trauerverarbeitung betrifft.“[24]

Dass zum Baum der eigenen späteren Beisetzung schon mit der Auswahlentscheidung eine wirksame Beziehung hergestellt wird, zeigt sich Rüter zufolge bereits im Alltagsleben: Oft werde dieser Baum zum beliebten Besuchsobjekt seiner Eigentümer, und zwar unabhängig davon, ob dort bereits ein Familienmitglied beigesetzt sei. „Sein Gedeihen wird beobachtet, und er wird als Teil des eigenen Lebens betrachtet.“[25]

Einrichtung und BetriebBearbeiten

 
Leichenwagen mit Urne im Wald nahe der Burg Plesse
 
Urnengrab im Bestattungswald Usedom nach der Beisetzung
 
Urnengrab im Wald bei Bönningstedt
 
Erweiterung des Friedwaldes Möhnesee (Nordrhein-Westfalen) im April 2016

Die Waldbesitzer stellen die Flächen für die Nutzung als Bestattungsfläche zur Verfügung, beantragen die Grundbucheinträge für die Grabbäume und sind für die Bereitstellung von Parkplätzen zuständig.[26] Der Waldboden wird bis in eine Tiefe von mindestens 80 cm aufgegraben, die Bestattungsurne direkt im Baumwurzelbereich beigesetzt. Je nach Schutzstatus der beanspruchten Waldfläche werden Urnen aus Holz, aus einem Bioplastik oder aus dauerhaftem Edelstahl verwendet. Bäume und Urnenpositionen werden eingemessen und in Karten eingezeichnet.

In einem Bestattungswald werden meist verschiedene Beisetzungsvarianten angeboten.

  • Am Gemeinschaftsbaum wird die Asche verschiedener Verstorbener beigesetzt, die nicht notwendig in einem persönlichen Bezug standen. Die hieran sich Beteiligenden haben keinen Einfluss darauf, wer später an diesem Baum beigesetzt wird; die Abfolge der zu Bestattenden gleicht der bei einem Reihengrab. Damit entfällt auch die Festlegung des genauen Beisetzungplatzes.
  • Ein Familien- und Freundschaftsbaum ähnelt zum Teil einem Familiengrab. Hier ist der Baum für mehrere Urnen reserviert.
  • Am Einzel- oder Partnerbaum wird die Asche von einer bzw. zwei Personen beigesetzt. Weitere Beisetzungen finden um diesen Baum nicht statt.
  • Weitere Varianten der Beisetzung im Bestattungswald sind der Basisplatz (mit auf 15 bis 30 Jahre verkürzten Ruhezeiten gegenüber denen von bis zu 99 Jahren für die oben genannten Optionen) und der Sternschnuppenbaum für Kinder, die bis zum dritten Lebensjahr verstorben sind.[27]

Die Beisetzung der Urnen erfolgt mit einem Abstand von zwei bis drei Metern Entfernung vom Baumstamm.[28]

Vor der Indienststellung eines Begräbniswaldes sind umfangreiche waldbauliche Maßnahmen erforderlich, durch die Wege und Parkplätze angelegt,[29] die Naturverjüngung ausgedünnt und eine Durchforstung ausgeführt wird.[30] Danach verlagert sich die Bewirtschaftung auf die Bruchholzbergung nach Sturmereignissen, Kronenlichtungen und Unterholzentfernung.

In jedem Bestattungswald gilt eine spezifische Ordnung, die zur Einhaltung der Würde des Bestattungsortes beitragen soll.[31] Untersagt ist Grabschmuck, was von manchen Hinterbliebenen jedoch nicht konsequent befolgt wird. Bei gehäuften Wildschäden kann im Einzelfall die Jagd gestattet und sogar nötig sein.

Bei Gräbern in einem Bestattungswald handelt es sich um pflegefreie Grabstätten, die in Deutschland verstärkt favorisiert werden.[32] Gärtnerische Pflege und Grabgestaltung, Betätigungsfelder für Friedhofsgärtner oder Steinmetze, entfallen hier. Mittlerweile werden auch auf bereits bestehenden Friedhöfen Baumbestattungen angeboten.

Die Bereitstellung von Friedhöfen zählt zu den kommunalen Pflichtaufgaben. Oft stehen klassische Friedhöfe auch durch eine sich ändernde Nachfrage hinsichtlich der Bestattungsart bereits unter existenziellem Kostendruck. Entstehende Defizite dürfen nicht durch den kommunalen Haushalt subventioniert, sondern nur durch Anpassung der Friedhofsgebühren bzw. durch Umwandlung oder Schließung von Friedhöfen ausgeglichen werden.[33] Der Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands e. V. weist warnend darauf hin, dass eine Gemeinde sich durch die Schaffung neuer Bestattungswälder letztlich selbst Konkurrenz mache, wenn die bereits bestehenden Friedhöfe in ihrer Wirtschaftlichkeit geschwächt werden.[34]

Die Natur von Waldarealen bringt es mit sich, dass ein barrierefreier Zugang je nach örtlichen Gegebenheiten und Standort des Bestattungsbaums oft nicht möglich ist. Für in ihrer Mobilität eingeschränkte sowie für altersschwache Menschen kann der Zugang zum gesuchten Baum deshalb erschwert sein oder nicht in Betracht kommen.[35] Die Hauptwege allerdings müssen frei und für Rollstühle und Rollatoren befahrbar sein.[36]

Rechtliche AspekteBearbeiten

In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das Friedhofswesen Bestandteil der Kulturhoheit der Bundesländer bzw. Kantone, somit unterliegt die Gesetzgebung und Genehmigung von Bestattungswäldern deren jeweiliger Zuständigkeit. In Deutschland wird als Träger für einen Friedhof in der Regel immer eine Kommune oder eine als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannte Religionsgemeinschaft bzw. in manchen Bundesländern auch eine "Weltanschauungsgemeinschaft"[37] benötigt, in Schweizer Friedwäldern wird die Asche verstreut und nicht in einer Urne beigesetzt.[38] Die Zweckbindung als Bestattungswald wird über eine eingetragene Grunddienstbarkeit[39][40] gesichert. Diese beträgt üblicherweise 99 Jahre ab Eröffnung. Im Fall einer Insolvenz des Betreibers des Bestattungswaldes muss ein kommunaler Träger den Bestattungswald bis zum Ablauf der Mindestruhezeit der letzten Bestattung weiter unterhalten.[41] Die Mindestruhezeiten sind in den Bestattungsgesetzen der Länder geregelt.

Die für Bestattungswälder maßgeblichen Nutzungsbestimmungen wie die Pflege der Grabstätten oder Benutzungsregeln für Besucher ergeben sich aus der Nutzungsordnung des Trägers[42] oder der kirchlichen Friedhofsordnung. Totenaschen unterliegen bis zum Ablauf der Ruhezeit der Pietätsbehaftung, die Totenruhe darf nicht gestört werden. Umbettungen erfolgen im Regelfall nur dann, wenn Urnen nach Sturmereignissen in hochgeklappten Wurzeltellern stecken.

Im Unterschied zu Bestattungen und Nutzungsrechten kommunaler oder kirchlicher Träger unterliegen die Leistungen privater Leistungserbringer der Regelsteuerpflicht, u. a. der vollen Umsatzsteuer, weshalb in privat betriebenen Urnenwäldern keine Gebühren, sondern Entgelte erhoben werden.[43]

In der Schweiz, in der kein Friedhofszwang für Urnen besteht,[44] können individuelle Beisetzungen im Wald genehmigungsfrei[45] erfolgen. Eine letzte Ruhestätte mit niedriger Benutzungsintensität muss unter Auflagen[46] erfolgen. Eine Nutzung mit starkem Eingriff in den Wald ist nur nach einem Rodungsbewilligungsverfahren möglich.[47]

NaturschutzaspekteBearbeiten

 
Urne aus Bioplastik mit Deckel aus Weißblech
 
Windwurf im Bestattungswald Glücksburg
 
Ersatzmarkierung eines Grabes nach Windwurf im Bestattungswald Glücksburg

Kenntnisstand über Schwermetall-FreisetzungenBearbeiten

Eine im Auftrag der Friedwald GmbH durchgeführte Studie der Universität Freiburg kommt zu dem Ergebnis: „Verglichen mit dem normalen Schwermetalleintrag in unseren Wäldern ist der zusätzliche Eintrag an den Friedwaldstandorten deutlich niedriger.“[48] Die Studie kommt zu dem eindeutigen Ergebnis: "Es zeigt sich damit, dass in den vorliegenden Zeiten nach der Bestattung (8-13 Jahre) keine messbare Verlagerung von Schwermetallen aus der Kremationsasche in den darunter liegenden Boden stattgefunden hat."[49]

Auch in einer weitergehenden Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes geben die Freiburger Forscher Entwarnung bei Schwermetallen in der Totenasche.[50] Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Grenzwerte in Bestattungswäldern nicht überschritten werden[51] und bei passendem pH-Wert der Betrieb von Bestattungswäldern unproblematisch ist.[52]

Naturschutzkritik und ErwiderungBearbeiten

 
Jungbaum, in Nutzung aufgrund starker Nachfrage im Friedwald Berlin-Weißensee/St. Bartholomäus

Eine Forschung aus Tschechien kommt zu dem Ergebnis, dass bereits die Kremierung als umweltbelastend einzustufen ist[53].

Das im Rauchgas eines Krematoriums enthaltene Quecksilber findet kritische Erwähnung.[54] Vor der Ausweisung als Urnenwald werde der zuvor nachhaltig bewirtschaftete Wald zu einem Park umgestaltet, Naturverjüngung werde entfernt und Trampelpfade entstünden.

Im Unterschied zur Praxis auf Friedhöfen, Beisetzungen möglichst außerhalb des Kronentraufbereichs durchzuführen, Bäume im Bedarfsfall auch zu wässern[55] wird in Bestattungswäldern direkt im durchwurzelten Bodenhorizont beigesetzt.[56] Umstritten sind Genehmigungen für Eingriffe in Wälder, die nach der FFH-Richtlinie geschützt sind. Ein bestehender Ausweis als Naturschutzgebiet sei viel wirksamer, als ein Schutz durch einen Nutzung als Bestattungswald, bei dem der bestehende Naturschutz teilweise aufgehoben werden müsste.[57] Beanstandet wird zudem die Ausräumung des Totholzbestandes sowie dadurch ausgelöste Biotopverschlechterungen, unter anderem für Spechte und Waldpilze.[58]

Genehmigungsverfahren unter AuflagenBearbeiten

Der allgemeine Wunsch, im Wald bestattet zu werden, reicht nicht aus, um einen Bestattungswald zuzulassen. Die Umwandlung eines Waldgrundstücks in einen Bestattungswald bedarf einer Genehmigung. Für die Genehmigung müssen verschiedene Auflagen[59][60][61] erfüllt werden.

Die deutsche Bodenschutzverordnung (BBodSchV) vom 12. Juli 1999, zuletzt geändert am 31. August 2015, fordert in § 12 Abs. 8, dass Wälder von allen Einträgen ausgenommen werden sollen.[62] In einer Vollzugshilfe des Bodenschutzes werden die Anforderungen fachlich konkretisiert und die Schnittstellen zu anderen Rechtsbereichen erläutert. Die Regelung, dass Böden im Wald und anderen naturschutzrelevanten Arealen von einem Materialeintrag auszunehmen sind, beruht darauf, dass dort bestimmte Bodenfunktionen (Filterfunktion, Lebensraumfunktion) besonders schutzbedürftig sind. Abweichungen können von der zuständigen Behörde im Einzelfall nur dann zugelassen werden, wenn eine Auf- und Einbringung aus forst- oder naturschutzfachlicher Sicht oder zum Schutz des Grundwassers nachgewiesenermaßen erforderlich ist.[63]

Rezeptions- und DiskursaspekteBearbeiten

Presseberichte zu Bestattungswäldern erscheinen überwiegend in lokalen Zeitungen oder Onlineartikeln, meist aus Anlass einer Neueröffnung oder der Antragstellung zur Einrichtung eines Begräbniswaldes durch lokale Gemeinden. Überregionale Zeitungen erwähnen sie zumeist im Kontext aktueller Bestattungsformen. Dabei gibt es einerseits rein positive Darstellungen, die nicht selten auf Darstellungsakzente und Vokabular der Baumbestattungsanbieter zurückgreifen, und andererseits Artikel, in die kritische Stellungnahmen eingehen, „hauptsächlich von Vertretern der politischen Parteien oder Kirchen, von Theologen und vereinzelt auch von Friedhofsleitern“.[64]

Judentum und Islam sowie die christliche Orthodoxie kennen nur Erdbestattungen. Aus religiöser Tradition heraus sind Einäscherungen und damit Waldbestattungen ausgeschlossen. Kirchlicherseits wurde unter anderem kritisiert, dass wenn Verstorbene keinen Ort im Lebensraum der Lebenden mehr hätten, dies ein Zeichen dafür sei, dass sie aus dem kulturellen Gedächtnis entlassen würden. Hingegen stünden leicht erreichbare Friedhöfe, Grabpflege und geprägte Zeichen des Gedenkens für diese Verbundenheit.[65]

Am Beginn der Auseinandersetzung stand ein Disput der Friedwald GmbH mit der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Diözese unter ihrem Bischof Gebhard Fürst nahm Anstoß an dem als naturreligiös-esoterisch empfundenen Internetauftritt des Unternehmens, besondere an der Aussage, der Baum nehme die Asche als Nährstoff, sie werde so zu einem Sinnbild für das Fortbestehen des Lebens. Der Bischof kritisierte, hinter der Friedwald GmbH stehe eine Hinwendung zur Natur als quasi-göttlicher Instanz.[66] Die Friedwald GmbH hat daraufhin ihren Webauftritt dauerhaft geändert, konnte aber den beantragten Standort bei Isny nicht durchsetzen. Ein katholischer Pfarrer und Ethikberater aus Hessen bewertet Friedwälder als „Mogelpackung“.[67]

Die ehemalige evangelische Ratspräsidentin Margot Käßmann betonte 2008 in einem Festvortrag in der Kreuzkirche Hannover, dass Friedhöfe Heimatorte seien, wo auf dem Grabstein zu lesen sei, wie kurz oder wie lang ein Leben war, wo der Familie gedacht und Geschichten weitergeben würden. Dort blieben die Toten Teil unseres Lebens. In einer Zeit der Mobilität, in der feste familiäre Bindungen auseinanderzufallen drohen, würden Friedhöfe als Orte der Erinnerung benötigt.[68] Ein evangelischer Dekan aus Donauwörth ließ verlautbaren, dass Naturbestattungen zwar „natürlich“ erscheinen, jedoch zunächst viel technischer Aufwand betrieben werden müsse, um die Verstorbenen einzuäschern.[69]

Ursprünglich vorhandene Vorbehalte auf Seiten der Kirchen treten laut Institut für Weltanschauungsrecht jedoch mittlerweile in den Hintergrund.[70] Eine Kirchengemeinde in Schleswig-Holstein sowie eine evangelische Stiftung in Bayern hingegen haben ihre eigenen Wälder für Urnenbeisetzungen zur Verfügung gestellt.[71][72] Kooperationen mit FriedWald und Ruheforst gibt es aber auch in den katholischen Bistümern Fulda und Trier.[73]

Im FriedWald Reinhardswald entstand 2005 der erste WWF-Pfad, zu dessen Seiten für Spender der Organisation bestimmte Beisetzungsbäume reserviert sind. Im Greenpeace Magazin wurde die Baumwurzelbestattung als „umweltfreundliche Variante der Beisetzung“ empfohlen.[74] Der Dachverband für traditionelle Naturreligion bewirbt die „Totenleite“ im Friedwald als einzige Möglichkeit, eine heidnische Bestattungsfeier unter freiem Himmel abzuhalten.[75]

Reiner Sörries, der langjährige Leiter des Museums für Sepulkralkultur, sieht das Jahr der Eröffnung des ersten Friedwaldes in Deutschland 2001 als „Wendepunkt im Bestattungs- und Friedhofswesen“. Seitdem steige das diesbezügliche Angebot kontinuierlich: „Das vertraute Grab auf einem herkömmlichen Friedhof ist nicht mehr der Regelfall, sondern wird zu einer der möglichen Alternativen.“[76]

Siehe auchBearbeiten

  • heiliger Hain (geschützte Wäldchen, teils auch mit Grabstätten und Ahnenverehrung)

LiteraturBearbeiten

  • Britta Bauer: Baumbestattungen in Deutschland. Sozialwissenschaftliche Untersuchung einer alternativen Bestattungsform. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2015. ISBN 978-3-8300-8766-3
  • Norbert Fischer: Vom Gottesacker zum Krematorium. Eine Sozialgeschichte der Friedhöfe in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert. Köln/Weimar/Wien 1996
  • Sylvia Frevert: FriedWald. Die Bestattungsalternative. Gütersloh 2010, ISBN 978-3-579-06834-3.
  • Oliver Roland (Hrsg.): Friedhof – Ade? Die Bestattungskultur des 21. Jahrhunderts (= Anthologie für Religion 5). Azur Verlag, Mannheim 2006, ISBN 3-934634-32-X.
  • Stefanie Rüter: Friedwald. Waldbewusstsein und Bestattungskultur. Münster 2011, ISBN 978-3-8309-2356-5.
  • Haimo Schulz Meinen: Das Grab im eigenen Garten. Private Friedhöfe in Deutschland? (= Friedhofskultur heute 2 = Fachhochschulverlag. Bd. 191). Fachhochschul-Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-940087-47-8 (Zugleich: Hannover, Univ., Diss., 2009: Private Friedhöfe in Deutschland?). Onlinefassung
  • Reiner Sörries: Alternative Bestattungen. Formen und Folgen. Ein Wegweiser (= Fachhochschulverlag. Bd. 190). Fachhochschulverlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-940087-18-8.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Natural burial grounds – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Commons: Friedwalds in Germany – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

AnmerkungenBearbeiten

  1. [1]. Abgerufen am 5. Februar 2019
  2. Beisetzung im Wurzelwerk auch in der Schweiz Zeitschrift "Schweizer Familie", Oktober 1999, zit. im Onlineportal "Postmortal". Abgerufen am 2. Juli 2019.
  3. Unter Bäumen die letzte Ruhe finden Neue Zürcher Zeitung, 24. Juli 2014. Abgerufen am 18. Juni 2019; Stefanie Rüter: Friedwald. Waldbewusstsein und Bestattungskultur. Münster 2011, S. 48.
  4. Standorte nach Kantonen, abgerufen am 21. August 2019
  5. Aeternitas: https://www.aeternitas.de/inhalt/marktforschung/meldungen/2014_aeternitas_umfrage_baumbestattungen Mittlerweile verfügen allein die größten Anbieter FriedWald und RuheForst über 50 bzw. 55 Standorte in ganz Deutschland, Studie Mai 2014
  6. "Friedhofspflicht"; somit handelt es sich bei einem Bestattungswald in Deutschland um einen öffentlich-rechtlich gewidmeten Friedhof (Gaedke, Jürgen (Hrsg.): Handbuch des Friedhofs- und Bestattungsrechts" (bearbeitet von Torsten F. Bartel), 12. Auflage 2019, Verlag Carl Heymanns, Randnummer 30 (S. 220)).
  7. Webseite der FriedWald GmbH: FriedWald Schwanberg – Der besondere Evangelisch-Lutherische Friedhof in Mainfranken, Abgerufen am 20. August 2019.
  8. Stadt Endingen am Kaiserstuhl: Bestattungswald Kaiserstuhl Impressum
  9. Märkische Allgemeine: Mittelmarks erster kommunaler Bestattungswald
  10. Stadt Rosbach vor der Höhe: Bestattungswald am Ketzerborn wurde aufgrund großer Nachfrage erweitert
  11. NDR: Sögel: Umstrittener Friedhofswald eröffnet
  12. Gesetz erlaubt Bestattung im Wald. Abgerufen am 6. Juli 2019
  13. "Natur-Begräbniswald Venlo – Maasbree, Niederlande"
  14. "Natural Burials"
  15. Rüter 2011, S. 152.
  16. Isa Straub: "Das Aufkommen alternativer Bestattungsformen als Ausdruck transkultureller Lebenswelten." Berlin 2014, S. 114.
  17. Frevert 2010, S. 27.
  18. Isa Straub: "Das Aufkommen alternativer Bestattungsformen als Ausdruck transkultureller Lebenswelten." Berlin 2014, S. 120.
  19. Frevert 2010, S. 29 f.
  20. Rüter 2011, S. 128.
  21. Reiner Sörries: Ruhe sanft. Kulturgeschichte des Friedhofs. Kevelaer 2009, S. 212.
  22. „Es ist seelsorgerisch und psychologisch nachgewiesen, dass Hinterbliebene, die einer anonymen Beerdigung zugestimmt haben, später erhebliche Probleme mit der ‚Ortlosigkeit der Trauer‘ hatten.“ (Frevert 2010, S. 31)
  23. Rüter 2011, S. 130 und 135.
  24. Rüter 2011, S. 133–134. (Zitat S. 134)
  25. Rüter 2011, S. 139.
  26. Rüter 2011, S. 56.
  27. Übersichten über die gängigen Angebote bei Frevert 2010, S. 38 f. und Rüter 2011, S. 62 f.
  28. Frankfurter Neue Presse: Letzte Ruhe im Wald, 14. April 2016; abgerufen am 24. August 2019.
  29. Bauarbeiten für Parkplatz. Offenbach-Post vom 9. Oktober 2015. Abgerufen am 2. Oktober 2017
  30. Friedwald am Möhnesee eröffnet. Ruhrverband, 2013. Abgerufen am 26. Mai 2015.
  31. „Die übergeordneten Länderbestimmungsgesetze sind bindend“, heißt es bei Rüter, „doch ist es den Trägern möglich, innerhalb der Nutzungsordnungen (auch Friedhofssatzungen genannt), die sie selbst erstellen, weiterführende Regeln eigenmächtig zu fixieren.“ (Rüter 2011, S. 57)
  32. Aeternitas (Verein): Repräsentative Umfrage 2016, 47 Prozent favorisieren diese (Anmerkung: pflegefreien Gräber) im Vergleich zu 39 Prozent im Jahr 2013
  33. Ärzte Zeitung: Wenn Friedhöfe sterben – Einschätzungen zur Schließung von Friedhöfen.
  34. Stellungnahme des VFD zu Bestattungswäldern. Abgerufen am 26. April 2016 (PDF)
  35. Erreichbarkeit gerade für Ältere und behinderte Menschen ist oftmals mangelhaft Bestattungswald, Diskussion und Ausblick. Abgerufen am 13. Juli 2019
  36. Rüter 2011, S. 56.
  37. § 1 I,II BestG BW (auch Weltanschauungsgemeinschaften);Art. 8 II BestG By („juristische Personen des öffentlichen Rechts“); § 26 II BestG BB; § 1 II i.v.m. § 3 I Bestg H (auch Weltanschauungsgemeinschaften);§ 1 III BestG HB; § 31 I, II BestG HH („Religionsgemeinschaften des öffentlichen Rechts“, nicht begrenzt auf Körperschaften); § 14 I BestG MV ;§ 13 BestG NS (nicht nur Körperschaften, sondern auch Stiftungen und Anstalten des öffentlichen Rechts und auch Weltanschauungsgemeinschaften); § 1 I i. V. m. § 3 I BestG RP (auch Weltanschauungsgemeinschaften);§ 2 II BestG Saarland; § 19 II, III BestG Sachsen-Anhalt; §2 I i. V. m. § 3 I BestG Sachsen (auch Weltanschauungsgemeinschaften); § 20 I BestG SH; § 24 II BestG Th
  38. Letzte Ruhestätte in der freien Natur. Abgerufen am 30. Oktober 2017 (Aschen außerhalb von Friedhöfen werden in der Schweiz verstreut und nicht beigesetzt)
  39. Reber Bestattungen: Naturbestattung – Was passiert mit meinem Baum und meinem Geld, wenn die Firma Pleite geht? Erläuterung auf Absicherung durch Grunddienstbarkeit
  40. Infodienst Waldwissen: Erster Friedwald in Bayern. Erläuterung Einsatz Absicherung durch Grunddienstbarkeit bei Areal Schwanberg
  41. Stellungnahme der Kommunalaufsicht des Salzlandkreises für den Friedwald Schönebeck vom 12. Dezember 2013
  42. Beispiel: Friedwaldnutzungsordnung der Stadt Buxtehude vom 25. September 2006 (Memento vom 23. September 2015 im Internet Archive) Abgerufen am 22. Januar 2008
  43. Vgl. OFD-Niedersachsen vom 16.02.2011 – S 7168 – 113 – Seite 173 = UR 2011, 479 Abgerufen am 20. September 2015.
  44. ch.ch: Welche Bestattungsarten gibt es in der Schweiz?
  45. BAFU: Konferenz der Kantonsförsterer, "Letzte Ruhestätten Wald", Abschnitt 4.C
  46. BAFU: Konferenz der Kantonsförsterer, "Letzte Ruhestätten Wald", Abschnitt 4.B
  47. BAFU: Konferenz der Kantonsförsterer, "Letzte Ruhestätten Wald", Abschnitt 4.A
  48. Studie: Beisetzungen im FriedWald ökologisch unbedenklich Abgerufen am 17. November 2015
  49. [2] Ergebnisbericht der Uni Freiburg mit Darstellung der Hintergrundwerte in den Friedwäldern Saarbrücken, Odenwald, Reinhardswald. Seite 19, 2. Abs. Abgerufen am 24. Juli 2019
  50. Umwelt und Verbraucher: Bestattungswälder: Studie gibt Entwarnung bei Schwermetallen in der Totenasche Audiofile des Deutschlandfunks. Abgerufen am 2. Juli 2019.
  51. Grenzwerte in Bestattungswäldern werden nicht überschritten Abgerufen am 2. Juli 2019
  52. Bei passendem pH-Wert ist der Betrieb von Bestattungswäldern unproblematisch Abgerufen am 2. Juli 2019
  53. Bereits das Einäschern kann besonders negative Auswirkungen auf die Natur haben Deutschlandfunk vom 23. Oktober 2017. Abgerufen am 2. Juli 2019
  54. Der Spiegel: Artikel vom 27. Januar 1997, zit. in Stellungnahme des BUND zum Ruheforstprojekt Kummerfeld Abgerufen am 18. Mai 2016
  55. Gießgemeinschaft auf dem Waller Friedhof in Bremen Weser-Kurier vom 18. August 2028. Abgerufen am 5. Februar 2019
  56. NABU: Eingriff in den Landschaftsschutz Abgerufen am 8. Juni 2018
  57. Kritik an Ruheforst wächst Landeszeitung, 15. Januar 2014
  58. Anne Dewitz: Naturschutz-Friedwald in Kummerfeld gefährdet Artenvielfalt, Hamburger Abendblatt, 5. Juni 2015. Abruf kostenpflichtig. Abgerufen am 26. Juni 2015
  59. Ascheverstreuung in Meerbusch Rheinische Post vom 28. Januar 2019. Abgerufen am 20. Februar 2019
  60. Edelstahlurnen im Ruheforst Lenghege. (PDF) Abgerufen am 26. Februar 2019.
  61. Vorschrift zur Begrenzung von Totenaschen in Wäldern Zwei Urnen pro 100 Quadratmeter. In Beatenberg darf nun auch im Wald Asche von Verstorbenen verstreut werden. Abgerufen am 15. Januar 2019
  62. [3] Bundesbodenschutzverordnung. Abgerufen am 15. Januar 2019
  63. [4] Vgl. S. 21–22 der Vollzugshilfe zu § 12 Absatz 8 BBodSchV. Abgerufen am 15. Januar 2019
  64. Rüter 2011, S. 78 f. Insgesamt stellt sich Rüter die Diskussion sehr kontrovers dar. (Ebenda, S. 80.)
  65. Kirchenvertreter haben unterschiedliche Meinungen. Abgerufen am 23. Oktober 2015
  66. Rottenburger Bischof gegen Einrichtung eines Friedwaldes. Katholische Nachrichtenagentur vom 28. Mai 2003. Abgerufen am 2. Oktober 2017
  67. Mogelpaket Friedwald, Osthessen-news vom 15. September 2008. Abgerufen am 15. Januar 2019
  68. Margot Käßmann: Welchen Stellenwert hat der Friedhof im Wertewandel unserer Gesellschaft? Festvortrag Kreuzkirche Hannover 2008. Abgerufen am 16. April 2010.
  69. Kritik aus der evangelischen Kirche Abgerufen am 26. Februar 2015
  70. Weltanschauungsrecht Bestattungswesen Gesellschaftliche Bedeutung und neuere Entwicklungen Institut für Weltanschauungsrecht. Abgerufen am 18. Juni 2019.
  71. Kirchengemeinde Ostenfeld Webseite, Abgerufen am 13. Januar 2015
  72. Bericht über den Bestattungswald der Evang. Pfründestiftung Abgerufen am 26. April 2016
  73. Rüter 2011, S. 89.
  74. Rüter 2011, S. 77.
  75. Totenleite Abgerufen am 18. Juni 2019
  76. Reiner Sörries: Ruhe sanft. Kulturgeschichte des Friedhofs. Kevelaer 2009, S. 16.