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Bergsteigerdörfer

Initiative zur Förderung nachhaltigen Tourismus

Die Bergsteigerdörfer sind eine länder- und kulturübergreifende Initiative, die vom Österreichischen Alpenverein mit Unterstützung des Ministeriums für ein lebenswertes Österreich im Zeichen touristischer Nachhaltigkeit ins Leben gerufen wurde. Finanzielle Mittel werden außerdem aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (derzeit EL 2014–2020) bereitgestellt. Seit 2015 wurden die nationalen Alpenvereine der Nachbarländer Deutschland, Italien (insbesondere Südtirol) und Slowenien schrittweise in das Projekt zur Umsetzung der Alpenkonvention involviert.

Bergsteigerdörfer
Logo
Rechtsform Orts- und Gemeindenetzwerkprojekt
Gründung 2008
Gründer Österreichischer Alpenverein
Personen Marion Hetzenauer, Roland Kals und Jan Salcher (ÖAV), Tobias Hipp (DAV), Anna Pichler (AVS), Elena Tovaglieri (CAI), Dušan Prašnikar (PZS)
Aktionsraum Ostalpenraum
Schwerpunkt Alpenkonvention
Methode Netzwerkarbeit, Information, Veranstaltungen
Mitglieder 27 Orte und Gemeinden
Besitzer Österreichischer Alpenverein (ÖAV)
Deutscher Alpenverein (DAV)
Alpenverein Südtirol (AVS)
Club Alpino Italiano (CAI)
Planinska zveza Slovenije (PZS)
Website www.bergsteigerdoerfer.org
Stand: November 2018

Inhaltsverzeichnis

KonzeptBearbeiten

 
Historische Ansicht des ersten DAV-Bergsteigerdorfes Ramsau

Nach dreijährigen Vorarbeiten wurde das Projekt im Juli 2008 in einer Startkonferenz in Ginzling ins Leben gerufen. Neben dem Konferenzort verpflichteten sich 16 Gemeinden und Dörfer zur Förderung einer alternativen und naturnahen Tourismusentwicklung.[1] Den Rahmen der Initiative bildet die Alpenkonvention,[2] deren Hauptziel eine nachhaltige Entwicklung im gesamten Alpenraum ist. Der Titel Bergsteigerdorf versteht sich auch als Qualitätssiegel, weshalb Bewerber einen strengen Kriterienkatalog zu erfüllen haben, ehe sie die Bezeichnung offiziell tragen dürfen.[3]

Die wesentlichen Inhalte bzw. Grundsätze der Bergsteigerdörfer-Initiative lauten:

Dem Gründungsmitglied Kals am Großglockner wurde der Status Bergsteigerdorf am Ende des Jahres 2011 aberkannt, nachdem sich die Gemeinde entschieden hatte, nach einer Skigebietszusammenführung mit Matrei auch den Bau eines Chaletdorfes außerhalb des historischen Ortskerns in Großdorf voranzutreiben.[5][6]

ErweiterungBearbeiten

Lage der Bergsteigerdörfer in Österreich, Deutschland, Italien und Slowenien

In Österreich befindet sich mit Ausnahme von Wien und dem Burgenland in jedem Bundesland mindestens ein Bergsteigerdorf. Zu den verbliebenen 16 Gründungsorten kamen zwischen 2011 und 2013 Mauthen, St. Jodok mit dem Schmirn- und Valsertal, Zell/Sele sowie die Region Sellraintal hinzu. Damit sind es insgesamt 20 Gemeinden und Dörfer, die an der Initiative teilnehmen.

Ab Sommer 2013 liefen in Deutschland Überlegungen, das Projekt nach Bayern zu holen.[7] Im Februar 2015 gab der DAV bekannt, dass das Projekt auch nach Deutschland, genauer gesagt, nach Bayern kommen wird und verlieh im September desselben Jahres als erster deutscher Gemeinde Ramsau bei Berchtesgaden das Siegel Bergsteigerdorf.[8] Zwei Jahre später wurde das Projekt um die ebenfalls in Oberbayern gelegenen Gemeinden Sachrang und Schleching erweitert, 2018 folgte Kreuth.

Die Initiative wurde auch vom Alpenverein Südtirol aufgegriffen und seit 2017 ist Matsch erstes Südtiroler Bergsteigerdorf.[9] 2018 wurde mit Jezersko das erste slowenische Mitglied aufgenommen. Mit Lungiarü (Südtirol) und Val di Zoldo (Venetien) kamen außerdem zwei neue italienische Orte dazu, wobei letzterer bereits mehrere Jahre via dem INTERREG-Programm der EU mit den Bergsteigerdörfern kooperierte.[10][11] Nach Prüfung und Unterstützung durch die nationalen Vereine entscheidet ein internationales Gremium über die Aufnahme neuer Mitglieder.[12] Im Sommer 2019 wird Luče in Slowenien in die Gemeinschaft aufgenommen werden.[13]

Liste der BergsteigerdörferBearbeiten

Bergsteigerdorf Höhe (m) Region Land Höchster Gipfel Höhe (m) Gebirgsgruppe (AVE) Jahr
Ginzling 999 Tirol Osterreich  Österreich Großer Löffler 3379 Zillertaler Alpen 2008
Großes Walsertal 1486 Vorarlberg Osterreich  Österreich Rote Wand 2704 Bregenzerwaldgebirge
Lechquellengebirge
2008
Grünau im Almtal 528 Oberösterreich Osterreich  Österreich Großer Priel 2515 Oberösterreichische Voralpen
Salzkammergut-Berge
Totes Gebirge
2008
Gschnitztal 1242 Tirol Osterreich  Österreich Habicht 3277 Stubaier Alpen 2019
Hüttschlag im Großarltal 1030 Salzburg Osterreich  Österreich Keeskogel 2884 Ankogelgruppe 2008
Jezersko 880 Gorenjska Slowenien  Slowenien Grintovec 2558 Karawanken
Steiner Alpen
2018
Johnsbach im Gesäuse 769 Steiermark Osterreich  Österreich Hochtor 2369 Ennstaler Alpen 2008
Kreuth 783 Bayern Deutschland  Deutschland Halserspitz 1863 Bayerische Voralpen 2018
Lesachtal 1044 Kärnten Osterreich  Österreich Hohe Warte 2780 Gailtaler Alpen
Karnischer Hauptkamm
2008
Lungiarü 1400 Südtirol Italien  Italien Westliche Puezspitze 2918 Dolomiten 2018
Lunz am See 605 Niederösterreich Osterreich  Österreich Dürrenstein 1878 Ybbstaler Alpen 2008
Mallnitz 1191 Kärnten Osterreich  Österreich Hochalmspitze 3360 Ankogelgruppe
Goldberggruppe
2008
Malta 843 Kärnten Osterreich  Österreich Hochalmspitze 3360 Ankogelgruppe 2008
Matsch 1580 Südtirol Italien  Italien Weißkugel 3738 Ötztaler Alpen 2017
Mauthen 710 Kärnten Osterreich  Österreich Kellerspitzen 2774 Karnischer Hauptkamm 2011
Ramsau bei Berchtesgaden 670 Bayern Deutschland  Deutschland Watzmann 2713 Berchtesgadener Alpen 2015
Reichenau an der Rax 484 Niederösterreich Osterreich  Österreich Schneeberg 2076 Rax-Schneeberg-Gruppe 2008
Sachrang 738 Bayern Deutschland  Deutschland Geigelstein 1808 Chiemgauer Alpen 2017
St. Jodok, Schmirn- und Valsertal 1100 Tirol Osterreich  Österreich Olperer 3476 Zillertaler Alpen 2012
Schleching 569 Bayern Deutschland  Deutschland Geigelstein 1808 Chiemgauer Alpen 2017
Region Sellraintal 1513 Tirol Osterreich  Österreich Lüsener Fernerkogel 3298 Stubaier Alpen 2013
Steinbach am Attersee 509 Oberösterreich Osterreich  Österreich Großer Höllkogel 1862 Salzkammergut-Berge 2008
Steirische Krakau 1173 Steiermark Osterreich  Österreich Roteck 2742 Schladminger Tauern 2008
Tiroler Gailtal 1450 Tirol Osterreich  Österreich Große Kinigat 2689 Gailtaler Alpen
Karnischer Hauptkamm
2008
Val di Zoldo 1460 Venetien Italien  Italien Civetta 3220 Dolomiten 2018
Vent im Ötztal 1895 Tirol Osterreich  Österreich Wildspitze 3772 Ötztaler Alpen 2008
Villgratental 1639 Tirol Osterreich  Österreich Weiße Spitze 2962 Villgratner Berge 2008
Weißbach bei Lofer 666 Salzburg Osterreich  Österreich Birnhorn 2634 Loferer und Leoganger Steinberge
Berchtesgadener Alpen
2008
Zell/Sele 950 Kärnten Osterreich  Österreich Hochobir 2139 Karawanken 2013

Ehemalige BergsteigerdörferBearbeiten

Bergsteigerdorf Höhe (m) Region Land Höchster Gipfel Höhe (m) Gebirgsgruppe (AVE) Jahr
Kals am Großglockner 1324 Tirol Osterreich  Österreich Großglockner 3798 Glocknergruppe
Granatspitzgruppe
Schobergruppe
2008–2011

RezeptionBearbeiten

Die Bergsteigerdörfer, die sich als Gegenbewegung zum Massentourismus verstehen, werden auch vielfach so wahrgenommen. Mit dem Hinzukommen neuer Mitglieder entwickle sich die Initiative laut einem Artikel der Süddeutschen Zeitung von einer „romantischen Idee“ zu einem alpenweiten Netzwerk. Mitbegründer Peter Haßlacher, jahrzehnterlanger Leiter der ÖAV-Abteilung für Raumplanung und Naturschutz sowie österreichischer Vorsitzender der Alpenschutzkommission CIPRA, will den Aspekt der Nachhaltigkeit nicht nur im ökologischen Sinne, sondern auch vor dem Hintergrund des Bergsteigens als alpinem Erbe verstanden wissen.[9]

Der Bayerische Rundfunk widmete den Bergsteigerdörfern 2015 eine Episode der Dokumentarreihe Unter unserem Himmel, in der die Gemeinden Lesachtal, Obertilliach und Ramsau bei Berchtesgaden im Fokus standen. Neben ersten Bilanzen wurden auch Erwartungen gezeigt, die mit der Ernennung zum Bergsteigerdorf oft einhergehen. Während im Lesachtal einige Familienbetriebe mit steigenden Nächtigungszahlen von der Initiative profitierten, hätte im Tiroler Gailtal[14] zumindest eine Bewusstseinsschärfung stattgefunden. In Ramsau erwartete man sich neben einer Signalwirkung auf umliegende Gemeinden auch – unabhängig vom wirtschaftlichen Interesse – einen kritischeren Umgang mit Bauvorhaben, bessere Unterstützung kleinbäuerlicher Betriebe sowie allgemein größere Chancen auf Förderungen.[15] Auch Matsch und Jezersko erhofften sich einen langfristig höheren Bekanntheitsgrad mehr Übernachtungsgäste, ohne dabei überlaufen zu werden.[9][16]

In Ramsau habe der Titel Bergsteigerdorf wie auch in Kartitsch zwar zur Identifikation innerhalb der Gemeinde beigetragen, ein Großteil der Gäste wüsste zwei Jahre nach Verleihung mit dem Begriff jedoch nichts anzufangen. Eine touristische Vermarktungsstrategie abseits einer gewissen Klientel sei somit nicht realisierbar. Kritiker sehen in der Initiative ein „Sammelbecken der Abgehängten“. Zudem könnten die strengen Umweltauflagen eine mögliche touristische Entwicklung sogar hemmen. Im Osttiroler Kals etwa, wo Bauprojekte zu einem Ausschluss aus der Gemeinschaft führten, sah man die finanziellen Interessen der Gemeinde nicht mehr mit dem Kriterienkatalog vereinbar.[9] Grundlegende Probleme des strukturschwachen ländlichen Raums wie die Abwanderung könnten durch die Bergsteigerdörfer ohnehin nicht gelöst werden.[15]

Der Fachbereich Verkehrssystemplanung der Technischen Universität Wien bot im Studienjahr 2010/11 in Zusammenarbeit mit dem ÖAV ein Projekt an, das dabei helfen sollte, innovative Mobilitätskonzepte für ausgewählte Bergsteigerdörfer zu erarbeiten.[17]

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ideen – Taten – Fakten, Nr. 1: Startkonferenz Bergsteigerdörfer im Bergsteigerdorf Ginzling, vom 10-11. Juli 2008, Österreichischer Alpenverein im Rahmen des Projekts „Alpenkonvention konkret: Via Alpina und Bergsteigerdörfer“, Fachabteilung Raumplanung-Naturschutz, Innsbruck 2008, S. 4. PDF-Download, abgerufen am 7. November 2018.
  2. Bergsteigerdörfer. Österreichischer Alpenverein, abgerufen am 29. Juli 2015.
  3. Bergsteigerdörfer bald in Bayern? Deutscher Alpenverein, abgerufen am 29. Juli 2015.
  4. Grundsätze der Bergsteigerdörfer. Österreichischer Alpenverein, abgerufen am 29. Juli 2015.
  5. Christina Schwann: Kleine und feine Bergsteigerdörfer des OeAV – eine gelungene Umsetzung der Ziele der Alpenkovention. In: Jahrbuch des Vereins zum Schutz der Bergwelt, 79. Jahrgang (2014), S. 165–178.
  6. Naturschutzreferentenseminar 2014. Österreichischer Alpenverein, 6. Juli 2014, abgerufen am 7. November 2018.
  7. Stephanie Geiger: Von Österreich lernen: Bayern will "Bergsteigerdörfer" küren. Welt am Sonntag, 18. August 2013, abgerufen am 19. Februar 2019.
  8. Das Projekt „Bergsteigerdörfer“ kommt nach Bayern. Deutscher Alpenverein, abgerufen am 29. Juli 2015.
  9. a b c d Dominik Prantl: Klein, fein – aber weiterhin arm? Süddeutsche Zeitung, 14. August 2017, abgerufen am 14. November 2018.
  10. Drei neue Bergsteigerdörfer. Dolomiti UNESCO, 27. April 2018, abgerufen am 14. November 2018.
  11. Bergsteigerdörfer ein Erfolg. Tiroler Tageszeitung, 5. April 2014, abgerufen am 14. November 2018.
  12. Bergsteigerdörfer des Alpenvereins feiern 10-jähriges Jubiläum. Österreichischer Alpenverein, 14. Mai 2018, abgerufen am 7. November 2018.
  13. Neue Bergsteigerdörfer: Gschnitztal und Luce. Deutscher Alpenverein, 15. Januar 2019, abgerufen am 25. Januar 2019.
  14. Bergsteigerdörfer – ein sanftes Erfolgskonzept. ORF, 16. Mai 2018, abgerufen am 14. November 2018.
  15. a b Brigitte Kornberger (Regie): Alpen abseits des Trubels – Alternative Bergsteigerdorf. In: ARD Mediathek. Bayerischer Rundfunk, 11. Januar 2015, abgerufen am 14. November 2018.
  16. Andreas Kanatschnig: Die neuen Logenplätze der Alpen. Kleine Zeitung, 13. August 2017, abgerufen am 14. November 2018.
  17. Ankündigung P3 Bergsteigerdörfer. Technische Universität Wien, Oktober 2010, abgerufen am 14. November 2018.