Belutschistan (Pakistan)

pakistanische Provinz

Die pakistanische Provinz Belutschistan bildet den östlichen Teil der Region Belutschistan. Der westliche Teil gehört zum Iran. Die Hauptstadt der Provinz ist Quetta.

بلوچستان
Provinz Belutschistan
SindhBelutschistanHauptstadtterritorium IslamabadKhyber PakhtunkhwaKhyber PakhtunkhwaPunjab (Pakistan)Gilgit-Baltistan (de-facto Pakistan - von Indien beansprucht)Siachen-Gletscher: de-facto unter Kontrolle der indischen Streitkräfte (von Pakistan als Teil von Gilgit-Baltistan beansprucht)Asad Jammu und Kaschmir (de-facto Pakistan - von Indien beansprucht)de-facto Indien (von Pakistan beansprucht und als "von Indien verwaltetes Jammu und Kaschmir" bezeichnet)de-facto China (von Indien beansprucht)de-facto China (von Indien beansprucht)IranTurkmenistanUsbekistanAfghanistanTadschikistanIndienNepalVolksrepublik ChinaBalochistan in Pakistan (claims hatched).svg
Über dieses Bild
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Wappen
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Basisdaten
Staat Pakistan
Hauptstadt Quetta
Fläche 347.190 km²
Einwohner 12.344.408 (2017)
Dichte 36 Einwohner pro km²
ISO 3166-2 PK-BA
Webauftritt balochistan.gov.pk
Koordinaten: 29° N, 66° O

Belutschistan ist mit einer Fläche von 347.190 km² die größte Provinz Pakistans. Diese Fläche entspricht in etwa der Fläche Deutschlands. Allerdings ist Belutschistan mit ca. 12,3 Mio. Einwohnern (2017) zugleich die am geringsten besiedelte Provinz des Landes. Große Teile der Provinz bestehen aus Wüsten.

GeographieBearbeiten

Belutschistan grenzt an die Stammesgebiete unter Bundesverwaltung, an die Provinzen Punjab und Sindh, sowie an das Arabische Meer, Iran und Afghanistan (im Uhrzeigersinn, beginnend im Nordosten).

Die Provinz lässt sich in drei natürliche Großräume gliedern: Im Westen hat es Anteil an der abflusslosen inneriranischen Beckenlandschaft, der Zentralbereich wird durch den Gebirgsfächer gekennzeichnet, der sich von der Virgation (Auseinandertreten von Gebirgsfalten) des Ararat bis zu den Pamiren erstreckt, im Osten und Südosten schließen sich die Tieflandsbuchten des Industieflandes mit ausgedehnten Schwemmlandebenen an.

Die Wüstenbecken sind durch weite salzerfüllte Endseen und ausgedehnte Flugsand- und Dünenfelder geprägt. Vorherrschend sind mineralisierte und tonige Böden mit geringem Grundwasservorkommen. Klimatisch ist dieser Raum praktisch frostfrei, die Jahresmitteltemperaturen haben ihr Minimum im Januar (11 °C) und ihr Maximum im Juli (35,9 °C).

Das Hochland verfügt über ein deutlich kühleres Klima. Im zentralen Teil des Gebietes kann es zwischen November und Februar zu Schneefällen und zahlreichen Frosttagen kommen. Der überwiegende Teil des Hochlandes ist allerdings arm an Niederschlägen. Lediglich im nordöstlichen Teil kann es durch den Monsun zu höheren Sommerniederschlägen kommen. Dort sind die Temperaturschwankungen relativ gemäßigt. Der südliche Teil zeichnet sich dagegen durch deutlich höhere Temperaturen aus. Im Westen des zentralen Hochlandes gibt es einige Oasen.

Die Tieflandsbucht von Kachhi Sibi verfügt über weite aus lehmartigen und sandigen Böden aufgebaute Terrassen. Die Sommer sind von hohen Temperaturen mit hoher Luftfeuchtigkeit geprägt. Die Winter sind dagegen warmgemäßigt. Die Tieflandsbucht von Las Bela ist in morphologischer und hydrologischer Hinsicht der von Kachhi Sibi ähnlich, die Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit sind aber niedriger. Der Küstenstreifen von Mekran am Arabischen Meer verfügt dagegen über hohe Luftfeuchtigkeit in Verbindung mit sehr geringen Niederschlägen. Die Böden sind sandig und mineralisiert.

Der höchste Gipfel der Region ist der Loe Nekan.

BevölkerungBearbeiten

 
Vereinfachte Karte der ethnischen Verhältnisse in Pakistan und den angrenzenden Gebieten Irans und Afghanistans aus dem Jahr 1980.

Die Grenzen Belutschistans wurden im 19. Jahrhundert durch die britische Kolonialmacht ohne Berücksichtigung der Verbreitung der ethnischen Gruppen gezogen. So wohnt heute eine Vielzahl von ethnischen Gruppen in diesem Gebiet, wobei die Belutschen, die Brahui und die Paschtunen die größten ethnischen Bevölkerungsgruppen stellen. Zusammen machen sie etwa 80 % der Bevölkerung aus. Bei der Volkszählung 1998 war Brahui nicht als separate Sprache geführt. Die Sprecherzahlen verteilten sich wie folgt:[1]

Sprachgruppe Anteil
Belutschisch 54,76 %
Paschtu 29,64 %
Sindhi 5,58 %
Saraiki 2,42 %
Andere 5,06 %

Allerdings gehen die jeweiligen Siedlungsgebiete der Paschtunen und der Belutschen weit über das Gebiet der Provinz Belutschistan hinaus. So wohnen Belutschen auch in der iranischen Provinz Belutschistan und in Teilen des Sindhs und des Punjabs. Das überwiegend von Paschtunen besiedelte Gebiet erstreckt sich vom Süden Afghanistans über die Provinz Khyber Pakhtunkhwa bis in den Norden Belutschistans. In Belutschistan stellen sie nördlich der Linie Quetta-Barchan die größte Gruppe der Bevölkerung. Durch die große Zahl an Paschtunen, die als Flüchtlinge nach 1979 aus Afghanistan gekommen sind, hat ihr politisches Gewicht zugenommen.

Die willkürliche Grenzziehung durch ethnische Gruppen hindurch ist bis heute von vielen nicht akzeptiert worden und hat immer wieder zur Forderung nach einem „Großbelutschistan“ geführt. Zwischen dem 15. August 1947 und dem 28. März 1948 bestand unter dem Khan von Kalat ein unabhängiges Belutschistan, das aber unter dem Druck der pakistanischen Führer Pakistan eingegliedert wurde. Einen ausführlichen Überblick über die Großbelutschistanfrage liefert das Buch „The Problem of Greater Baluchistan“ von Inayatullah Baloch (1987).

Der Khan von Kalat war jedoch kein Belutsche, sondern ein Stammesmitglied der Brahui, die schon vor der britischen Herrschaft in einem Subreich unter den paschtunischen Ghilzai das gesamte südliche Belutschistan beherrschten. Deren Siedlungsgebiet liegt praktisch gänzlich innerhalb dieser Provinz und erstreckt sich südlich der Linie Nushki-Quetta-Sibi bis zur Küste des Arabischen Meeres.

Das Wohlstands- und Bildungsniveau in der abgelegenen und schwer zugänglichen Provinz gilt als unterdurchschnittlich. Die Alphabetisierungsrate in den Jahren 2014/15 bei der Bevölkerung ab 10 Jahren lag bei 44 % (Frauen: 25 %, Männer: 61 %) und war damit die niedrigste unter den vier Provinzen von Pakistan.[2]

BevölkerungsentwicklungBearbeiten

Zensusbevölkerung von Belutschistan seit der ersten Volkszählung im Jahr 1951.[3]

Zensusjahr Einwohnerzahl
1951 1.167.167
1961 1.353.484
1972 2.428.678
1981 4.332.376
1998 6.565.885
2017 12.344.739

VerwaltungsgliederungBearbeiten

 
Die 31 Distrikte der Provinz Belutschistan im Jahr 2017. Der Status der 2017 angekündigten zwei neuen Distrikte ist unklar.

Nach Aufgabe des Einheitsstaatskonzepts („One-Unit“) und Einrichtung der Provinz Belutschistan am 1. Juli 1970 war diese zunächst in neun Distrikte eingeteilt (Quetta-Pishin, Sibi, Loralai, Zhob, Chagai, Kalat, Makran (oder Mekran), Kharan und Lasbela).[4] In den folgenden Jahrzehnten kamen neue Distrikte hinzu. Aktuell ist die Provinz Belutschistan in 32 Distrikte (Stand 2016) aufgeteilt. Diese sind wiederum in Tehsils unterteilt. Die Nummerierung entspricht der der nebenstehenden Karte.[5][6][7]

Nr. Distrikt Fläche in km²
(2017)
Bevölkerung
1961 1972 1981 1998 2017
1 Awaran 029.510 31.893 51.918 110.353 118.173 121.680
2 Barkhan 003.514 29.756 44.704 61.686 103.545 171.556
3 Chagai 044.748 21.414 34.034 63.713 104.534 226.008
4 Dera Bugti 010.160 32.049 52.718 103.821 181.310 312.603
5 Gwadar 012.637 49.661 90.820 112.385 185.498 263.514
6 Harnai[A 1] 002.492 97.017
7 Jafarabad 001.643 101.647 179.981 265.342 432.817 513.813
8 Jhal Magsi 003.615 53.031 75.261 68.092 109.941 149.225
9 Kalat 008.416 30.821 71.746 209.149 237.834 412.232
10 Kech 022.539 70.326 147.978 379.467 413.204 909.116
11 Kachhi (bis 2008 Bolan) 005.682 93.858 123.720 200.863 255.480 237.030
12 Kharan 014.958 38.845 76.800 128.040 206.909 156.152
13 Khuzdar 035.380 71.214 146.207 276.449 417.466 802.207
14 Kohlu 007.610 28.101 55.497 71.269 99.846 214.350
15 Lasbela 015.153 82.997 125.263 188.139 312.695 574.292
Lehri (aufgelöst 2018)[A 2] 118.046
16 Loralai 008.018 46.065 84.366 204.055 250.147 397.400
17 Mastung 003.308 33.718 74.690 130.207 160.546 266.461
18 Musakhel 005.728 24.320 38.547 91.174 134.056 167.017
19 Nasirabad 003.387 21.458 43.893 129.112 245.894 490.538
20 Nushki 005.797 19.849 31.261 56.742 98.030 178.796
21 Panjgur 016.891 27.228 56.820 160.750 234.051 316.385
22 Pishin 006.218 61.512 135.939 208.007 376.728 736.481
23 Quetta 003.447 142.137 252.577 383.403 764.040 2.275.699
24 Qilla Abdullah 004.894 63.818 113.215 170.590 360.724 757.578
25 Qilla Saifullah 006.831 37.577 72.086 148.362 193.553 342.814
26 Sherani[A 3] 004.310 153.116
27 Sibi 007.121 74.227 111.046 134.742 212.974 135.572
28 Sohbatpur[A 4] 00.0802 200.538
29 Washuk[A 5] 033.093 176.206
30 Zhob 015.987 50.109 99.903 213.285 275.142 310.544
31 Ziarat 003.301 15.853 37.688 63.179 80.748 160.422
Provinz Belutschistan 347.190 1.353.484 2.428.678 4.332.376 6.565.885  12.344.408
  1. Der Distrikt Harnai wurde 2007 aus Teilen von Sibi gebildet.
  2. Der Distrikt Lehri wurde 2013 aus Teilen von Sibi und Kachhi gebildet, 2018 wieder aufgelöst und in Sibi eingegliedert.
  3. Der Distrikt Harnai wurde 2006 aus Teilen von Zhob gebildet.
  4. Der Distrikt Sobatpur wurde 2013 aus Teilen von Jafarabat gebildet.
  5. Der Distrikt Washuk wurde 2005 aus Teilen von Kharan gebildet.

Im Jahr 2017 gab die belutschische Provinzregierung die Einrichtung zweier neuer Distrikte bekannt: Duki aus Teilen von Loralei und Surab aus Teilen von Kalat. Ob die Distrikteinrichtung vollständig erfolgt ist, ist derzeit (2021) unklar. Die Art und Weise der Distrikteinrichtung wurde in der pakistanischen Presse zum Teil als rein politisch motiviert kritisiert. Duki war die Heimat von Yaqoob Nasar, eines hohen Funktionärs der Muslim League (N) und aus Surab stammte der damalige Chief Minister von Belutschistan, Sanaullah Zehri. Kurz nach der Ankündigung wurde Surab in Shaheed Skindarabad umbenannt, nach dem verstorbenen Sohn des Chief Ministers.[8]

WirtschaftBearbeiten

In der inneriranischen Beckenlandschaft besteht nur in wenigen Räumen Möglichkeit zum Bewässerungsfeldbau. Ein intensiver Regenfeldbau ist durch die geringen und stark variierenden Niederschlagsereignisse nicht möglich. Die bescheidenen Weidebedingungen stellen in weiten Teilen die einzige Wirtschaftsgrundlage dar; doch sind die Tierhalter zu einer mobilen Lebens- und Wirtschaftsweise gezwungen.

Im zentralen Gebirgsland ist durch die Nutzung von Karezen (unterirdischen Bewässerungskanälen) ein intensiver Acker- und Obstbau möglich, daneben findet auch die Wanderviehwirtschaft günstige Bedingungen. Im Winter wird diese Region aber von vielen Bewohnern angesichts der niedrigen Temperaturen verlassen, da es an Heizmaterial mangelt. Der Nordosten des zentralen Gebirgslandes eignet sich aufgrund der relativ gemäßigten Temperaturen und der größeren Grundwasserreserven am besten für eine stationäre Lebensweise.

In den Oasen im westlichen Teil werden Datteln, Zitrusfrüchte und Bananen angebaut. Der südwestliche Teil des Gebirgslands ist dagegen nur von geringer wirtschaftlicher Bedeutung. Hier werden lediglich die Weideflächen für eine mobile Viehhaltung genutzt.

Die Böden der Tieflandsbucht von Kachhi Sibi könnten eigentlich gut durch den Ackerbau benutzt werden, allerdings mangelt es aufgrund der geringen Niederschläge an Wasser. Es ist nur im Herbst möglich, eine Aussaat auszubringen, wenn aus den die Bucht umgebenden Gebirgen Flutwasser ins Tal kommt. Die wie in allen Teilen Belutschistan spärliche Weide gestattet eine ganzjährige Nutzung, wird aber bevorzugt nur im Winterhalbjahr genutzt, da im Sommer hohe Temperaturen mit hoher Luftfeuchtigkeit Mensch und Tier zu schaffen machen. Im Winter ziehen die warmgemäßigten Temperaturen aber die Herden aus dem Gebirgsfächer an. Es kann auch zu Sommerniederschlägen kommen, die das Weideangebot begünstigen.

Die Bucht von Las Belas stellt einen ganzjährig nutzbaren Raum dar, der während des Winters auch die Aufgabe eines Ergänzungsraumes für die Gebirgsbevölkerung erfüllt. Der Küstenstreifen von Mekran verfügt dagegen nur über eine sehr geringe Vegetationsdecke und bietet keinerlei Möglichkeiten für eine agrarische Nutzung. Auch aufgrund der ungünstigen klimatischen Bedingungen ist eine wirtschaftliche Nutzung dieses Teils sehr schwierig.

Beim Ort Sui im Tehsil Dera Bugti befindet sich eines der größten Erdgasfelder des Landes.[9]

In den letzten Jahren rückt der Ausbau des Hafens Gwadar immer stärker in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit, zumal die Arbeiten von der Volksrepublik China finanziert werden. Gwadar sollte im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts mit einer Pipeline verbunden werden, die bis in den Westen von China reiche, um die dortige Energieversorgung sicherzustellen. Der Hafen liegt strategisch günstig in der Nähe des Persischen Golfs, sodass auch über einen Außenposten der chinesischen Marine verhandelt wird. Es wurde mit der ersten Gaslieferungen der Iran-Pakistan-Indien-Pipeline bis Dezember 2014 gerechnet,[10][11] doch der Termin ist nach wie vor ungeklärt.

Geschichte bis 1947Bearbeiten

Das Gebiet der pakistanischen Provinz Belutschistan erfüllte in einer frühgeschichtlichen Periode eine Brückenfunktion zwischen der mesopotamischen Kultur und der Induskultur. Zu dieser Zeit wurden hier Reis und Hirse angebaut. Die vor allem in den Bergen herrschende Kultur war die Kulli-Kultur, deren Bevölkerung teilweise in Städten lebte und über aufwendige Bewässerungsanlagen verfügte. Überbevölkerung und die daraus resultierenden Desertifikationsmechanismen führten jedoch bald zu einem Rückgang der Ernteerträge und damit zum Ende dieser Kultur um 2000 v. Chr. Danach folgte eine Zwischenzeit, in der die Gegend anscheinend unbewohnt war. Um 500 v. Chr. ließen sich wieder Menschen in dieser Gegend nieder, von denen aber, abgesehen von deren bunter Keramik, wenig bekannt ist.[12] Aus schriftlichen Quellen kann erschlossen werden, dass die Landschaft in dieser Zeit unter der Herrschaft diverser Großreiche stand. In der Antike hieß der südliche Teil der Provinz Gedrosia.

Erst durch die arabische Ostwanderung im 7. Jahrhundert tauchen Berichte über Orte im heutigen Belutschistan auf, Anfang des 8. Jahrhunderts wurde der gesamte Südteil von den Arabern erobert.

Die Araber bauten Straßen und Wasserleitungen. In der Zeit der Ghaznaviden- (10. und 11. Jahrhundert) und der anschließenden Ghoriden-Herrschaft (12. und 13. Jahrhundert) wanderten Belutschen und Brahui-Stämme ein, welche die Araber absorbierten. Die Paschtunen besiedelten schon im 7. Jahrhundert den Norden Belutschistans, der im frühen 13. Jahrhundert in die Einflusssphäre des von Dschingis Khan begründeten mongolischen Großreiches kam.

Anfang des 14. Jahrhunderts geriet das Gebiet des heutigen Belutschistans unter die Herrschaft der Moguln. Doch in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts konnten die Belutschen unter der Führung Mir Chakars die Mogulenherrschaft abschütteln und das erste und einzige Belutschenreich gründen. Es umfasste das pakistanische und das iranische Belutschistan, Südafghanistan, Sindh und das Punjab bis südlich von Multan. Dieses Reich, das die heutige Verbreitung der Belutschen in diesen Gebieten zur Folge hat, zerfiel nach dem Tod von Mir Chakar.

Danach geriet dieser Landstrich nacheinander unter die Macht der Safawiden (1559–1595), der Moguln (1595–1638) und wiederum der Safawiden (1638–1708). Zwischen 1708 und 1879 war das Land mit kleinen Zwischenperioden unter Kontrolle der paschtunischen Ghilzai. In dieser Zeit konnten die Paschtunen ihre wirtschaftliche Stellung ausbauen, während die Brahui im Süden gegenüber den Belutschen die Oberhand gewannen. Auch unterstützt durch Nadir Schah von Persien errichteten sie 1766 ein Khanat und damit ein zweites Reich in diesem Gebiet, des allerdings nur ein Subreich des Ghilzaireiches war. Dieses endete 1839, mit der Ermordung des Herrschers durch die Briten.

Die Ghilzai-Periode endete mit dem Vertrag von Gandamak (1879), indem die Briten ihre Machtstellung endgültig etablierten und Belutschistan in ihr Kolonialreich einverleibten. Damit übernahm erstmals eine der indigenen Bevölkerung in kultureller, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht vollkommen fremde und militärisch klar überlegene Gruppe die Macht. Bis dahin hatten sich die Fremdherrschaften kaum Spuren in Belutschistan und bei seinen Bewohnern hinterlassen, dieses änderte sich mit dem Beginn der britischen Kolonialzeit.

Die Briten verfolgten mit der „Eingliederung“ Belutschistans und der Nordwestgrenzprovinz in ihr Kolonialreich Britisch-Indien das Ziel, die wirtschaftlichen Kernräume (hier: Pundschab und Sind) gegenüber den „turbulent frontiers“ mit breiten befriedeten Randzonen abzusichern. In Westen und Nordwesten spielten auch imperiale Interessen eine Rolle, da man eine Ausdehnung Russlands nach Süden verhindern wollte. Dieses gelang im Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg (1878–1880), in dem man Afghanistan als abhängigen Pufferstaat etablierte.

In Belutschistan wurde nur die Region um Quetta, der Korridor der Eisenbahnlinie Karatschi-Quetta und die Grenzregion entlang der Durand-Linie zu Afghanistan direkt verwaltet, der gesamte strategisch uninteressante Süden und der Südosten von Sibi wurde durch das „indirect rule“ in Abhängigkeit gehalten. Die Vorgehensweise in dieser Region hatte Modellcharakter für alle von den Briten kontrollierten Stammesgebiete im Commonwealth. Der größte Teil dieser Gebiete unterstand dem Khan von Kalat mit den Provinzen Kachhi, Sarawan, Jhalawan, Las Bela und Makran. Die Belutschen-Stämme der Marri und Bugti pflegten direkte Beziehungen zu den Briten.

Belutschistan wurde allein unter strategischen Gesichtspunkten verwaltet, die Briten interessierten sich nicht für die durch ihre Politik ausgelösten Veränderungen des komplexen räumlichen Nutzungsmuster mit den weitreichenden sozialen und ökologischen Konsequenzen.

Teile Belutschistans waren bereits seit 1876 Teil des selbstregierten, britischen Protektorats Kalat. Die britische Regierung stimmte der Einrichtung eines freien Staates Belutschistan zu, dem auch die Stammesgegenden der Marri und Bugti angehören sollten. Das britische Protektorat endete mit der Unabhängigkeit Britisch-Indiens.

Geschichte seit 1947Bearbeiten

Nach der Teilung Indiens 1947 in einen Muslim-Staat Pakistan und das restliche Indien kamen die mehrheitlich muslimischen Gebiete, die unter direkter britischer Herrschaft standen, automatisch direkt zu dem neuen Staat Pakistan. Der größte Teil Belutschistans stand jedoch nur indirekt unter britischer Kontrolle und unter Herrschaft einheimischer Fürsten. Diese schlossen sich im Laufe des Jahres 1948 – teilweise nicht ganz freiwillig, sondern unter erheblichem militärischen Druck – dem pakistanischen Staatsverband an. Innerhalb Pakistans wurde dann aus vier Fürstenstaaten (Kalat, Kharan, Las Bela und Makran) 1952 als größere Verwaltungseinheit die Baluchistan States Union gebildet. Diese wurde nach Inkrafttreten der neuen Verfassung 1956, die die Vorrechte der ehemaligen Fürsten bei der Verwaltung weitgehend beseitigte, aufgelöst und in die neue Provinz Belutschistan eingegliedert.

Pakistan legte viel Wert auf die Kontrolle seiner Grenzen und schränkte die großen saisonalen Wanderungsbewegungen der afghanischen Nomaden nach Pakistan ein. Gegenüber den einheimischen Stämmen wurde die „indirect rule“ beibehalten, bis 1960 das „Basic Democracy System“ eingeführt wurde. Die Bewohner wurden weitgehend sich selbst überlassen, ein Abbau der in vielen Bereichen vorhandenen Disparitäten innerhalb Pakistans wurde nicht vorangetrieben. In den Jahren 1958–1969 und 1973–1977 kam es zu weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen.[13]

Das internationale Desinteresse änderte sich schlagartig mit der Intervention der Sowjetunion in Afghanistan 1979. Belutsch-Separatisten wurden von der Sowjetunion unterstützt, um Pakistan zu destabilisieren, dessen Flüchtlingslager als Zentren des afghanischen Widerstandes galten. Seitdem wurden einige Entwicklungsprojekte gestartet und Aktionspläne aufgestellt z. B. der Action Plan for Employment and Manpower Development in Balochistan (1991).

Im Mai 1998 wurden von Pakistan in der nordwestlichen Region mehrere unterirdische Nukleartests durchgeführt. Diese waren eine Antwort auf die zweiten indischen Atomtests.[14]

Rebellen forderten auch weiterhin die Unabhängigkeit Belutschistans. 2004 brach der heftigste Konflikt aus. 2006 wurde der Rebellenführer Nawab Akbar Bugti von pakistanischen Sicherheitskräften getötet. Im Verlauf der Jahre reagierten die Separatisten immer brutaler. Es wurden nicht nur Gasleitungen gesprengt, sondern auch Entwicklungshelfer, Diplomaten und Journalisten entführt und getötet. Es werden zunehmend Übergriffe auf Zuwanderer aus anderen pakistanischen Provinzen gemeldet, die teilweise schon in vierter Generation hier leben.[15] Grundsätzlich lässt sich sagen, die Zivilgesellschaft ist schwach ausgeprägt, staatliche Repressionen sind allgegenwärtig und Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung.[16]

Auf der anderen Seite wird auch die pakistanische Armee von Menschenrechtsaktivisten beschuldigt, einen „schmutzigen Krieg“ zu führen und vielfach unliebsame Personen rechtswidrig einfach verschwinden zu lassen. Pakistanische und internationale Journalisten haben nur eingeschränkt die Möglichkeit, vor Ort an Informationen aus erster Hand zu kommen. Die freie und kritische Berichterstattung über die Armee ist pakistanischen Journalisten nur sehr eingeschränkt möglich.[17] 2010 wurde die Baloch Republican Army verboten.

In Belutschistan wurden in den 2010er Jahren zahlreiche Hazara durch sunnitische Fanatiker ermordet, die die schiitischen Hazara als Häretiker bezeichnen und ihnen absprechen, Muslime zu sein. Auch Ahmadis wurden als angebliche „Häretiker“ ermordet.[18]

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Belutschistan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Quelle: Statistikabteilung der pakistanischen Regierung: Volkszählung 1998 – Bevölkerung nach Muttersprache (Memento vom 17. Februar 2006 im Internet Archive), in Englisch, abgerufen am 29. Juni 2007
  2. Pakistan Bureau of Statistics (2016). Pakistan Social and Living Standards Measurement Survey 2014-15. Government of Pakistan, abgerufen am 29. Juni 2019.
  3. Pakistan: Provinzen und Großstädte – Einwohnerzahlen, Karten, Grafiken, Wetter und Web-Informationen. Abgerufen am 28. Juli 2018.
  4. Baluchistan: A District Profile. In: Middle East Research and Information Project, Inc. (Hrsg.): Pakistan Forum. Band 3, Nr. 8/9, Juni 1973, S. 2–3, 29, JSTOR:2569086 (englisch).
  5. Government of Balochistan (Memento vom 6. April 2009 im Internet Archive)
  6. TABLE-1: AREA & POPULATION OF ADMINISTRATIVE UNITS BY RURAL/URBAN: 1951-1998 CENSUSES. Statistisches Amt Pakistans (www.pbs.gov.pk), abgerufen am 23. November 2021 (englisch, Bevölkerungszahle 1951–1998).
  7. District Wise Results / Tables (Census - 2017). Statistisches Amt Pakistans (www.pbs.gov.pk), abgerufen am 23. November 2021 (englisch, Bevölkerungszahl 2017 und Flächenangaben).
  8. Adnan Aamir: Balochistan needs more districts or better administration? In: Daily Times. 17. August 2017, abgerufen am 23. November 2021 (englisch).
  9. Encyclopedia Britannica: Sui, abgerufen am 1. Dezember 2012
  10. Ahmad Ahmadani: First flow of gas possible in December 2014 (Memento vom 29. Dezember 2011 im Internet Archive), 22. Mai 2011, abgerufen am 20. August 2011
  11. Ahmad Ahmadani: First flow of gas possible in December 2014, The Nation, 22. Mai 2011 (Memento vom 29. Dezember 2011 im Internet Archive), zuletzt abgerufen 28. Februar 2016.
  12. Harappa.com: Balochistan Archaeology – Historic Period, in Englisch, abgerufen am 29. Juni 2007
  13. Mit offenen Karten, Belutschistan – Ein erneuter Bürgerkrieg? Ausstrahlung auf Arte am 24. Mai 2006 um 22:30 Uhr
  14. Khan, Feroz Hassan (2012). Eating Grass: The Making of the Pakistan Atomic Bomb. Palo Alto, California, Stanford University Press. ISBN 0-8047-8480-9.
  15. Hasnain Kazim: Pakistans heimlicher Krieg – Rohstoff-Kampf um Belutschistan. In: Spiegel online. 2. März 2012, abgerufen am 25. Mai 2012.
  16. Der Standard: In Pakistan wartet auf Kamal Khan der Tod vom 5. Mai 2015, abgerufen am 5. Mai 2015
  17. Shahzeb Jillani: Pakistan’s battle against Balochistan separatists sparks anger and suspicion. BBC News, 6. Oktober 2015, abgerufen am 9. August 2016 (englisch).
  18. Hina Jilani: „Jeder weiß, wer die Mörder sind.“ In: Amnesty Journal, Jg. 2018, Heft April / Mai, S. 22–23, hier S. 49.