Baschkiren

Ethnie

Die Baschkiren (baschkirisch Башҡорт/Baschqort, Башҡорттар/Baschqorttar) sind eine turksprachige Ethnie im russischen Uralgebirge. Sie sind die Titularnation der Autonomen Republik Baschkortostan.

Baschkiren in traditioneller Tracht, Ufa, 2016

Die Baschkiren sind sprachlich eng mit den Wolga-Ural Tataren verwandt und wurden gemeinsam mit diesen im 16. Jahrhundert von Russland unterworfen. Seit ihrer Eroberung durch Iwan IV. sind sie russische Untertanen und bilden im heutigen Russland das zweitgrößte muslimische Volk.

Zusammen mit den benachbarten Tataren waren die Baschkiren für ihre Bienenzucht bekannt. Ferner züchten sie auch gelockte Ponys, die Baschkire genannt werden. Sie nutzen sie als Reit- und Zugtiere, zur Fleischproduktion, eine Modeepoche lang zur Produktion von Fohlenfellen sowie zur Milchgewinnung. Doch im Gegensatz zu den Tataren bildeten sie, da sie überwiegend als Hirten lebten, keine modernisierende Elite heraus.[1]

Gemeinsam mit Tataren und Kasachen erklärten sie im Dezember 1917 ihre Autonomie und nahmen gemeinschaftlich mit diesen Kontakt zu den Orenburger-Kosaken auf.[2] Im Gegensatz zu den anderen turksprachigen Bevölkerungsgruppen der Region werden die Baschkiren, wie auch die benachbarten Tschuwaschen, nicht den Wolga-Ural-Tataren zugerechnet.

Etwa 68 Prozent der Baschkiren lebt heute als Mehrheitsbevölkerung in der russischen autonomen Republik Baschkortostan, der Rest in den angrenzenden Oblasten Tscheljabinsk und Orenburg sowie in Tatarstan und in Sibirien, dort vor allem im Autonomen Kreis der Chanten und Mansen.

Ethnische HerkunftBearbeiten

 
Baschkiren in Russland

Die ethnische Herkunft der heutigen Baschkiren gilt als umstritten. Vielfach werden sie als türkisierte Nachfahren einstiger finno-ugrischer Völkerstämme betrachtet, die zwischen Wolga, Ural und Kama als Bienenzüchter und Hirten gesiedelt und dann im 10./11. Jahrhundert den sunnitischen Islam angenommen hätten; Ibn Fadlān beschrieb sie 922 noch als Heiden.

Im 13. Jahrhundert wurden sie von den Mongolen erobert und der Goldenen Horde angegliedert.[3] Unter der Herrschaft der Mongolen der Goldenen Horde erfolgte dann ab dem 13. Jahrhundert deren endgültiger Übertritt zum Islam.

In der halbwissenschaftlichen Sekundärliteratur ist noch heute obsolete die These des 19. Jahrhunderts zu lesen, dass die Baschkiren Nachfahren der Finno-Ugrier und der Wolga-Magyaren seien, die eine Variante des Tatarischen angenommen hätten. Im 19. Jahrhundert sahen sich die Baschkiren selbst als Nachfahren nogaischer Nomaden, die am südlichen Ural gesiedelt hatten.[4]

Der Historiker Michael Hess lässt die baschkirische Entstehungsgeschichte weit ins Altertum zurückverfolgen, wo sie in Zentralasien einer Meinung nach ihren Anfang nimmt. Dabei ging es ihm primär um die Ethnogenese der sieben bekannten baschkirischen Clans.

„Im Jahre 884, steht da, brachen die von unserem Herrgott erschaffenen sieben Anführer, die man ‚Hetu Moger‘ nannte, aus dem Osten, aus dem Land der Skythen, auf. Vermutlich ist ‚[...] aus dem Land der Skythen [...]‘ das zentralasiatische Gebiet zwischen dem Altai-Gebirge und dem Aralsee gemeint. Diese geografische Benennung kann ein Indiz dafür genommen werden, dass die turksprachige Ethnizität der heutigen Baschkiren auch zentralasiatische Wurzeln trägt.“

Michael Hess: Relativische Prädikationen im Baschkirischen. Harrassowitz, Wiesbaden 2008, S. 185

Aber auch anderen mittelalterlichen Autororen wie Achmet ibn Fadlan, Massudi oder Mahmud al-Kāschgharī rechneten die Baschkiren zu den Stämmen der „Türk“.

Neben der finnisch-ugrische und alttürkischen These der baschkirischen Ethnogenese existiert darüber hinaus auch eine These, die den Baschkiren einen indogermanischen Ursprung zuschreibt. Das heißt, dass iranischsprachige Völkerschaften des Urals und des Kaspischen Meeres als Basis der heutigen Baschkiren herangezogen werden. Diese Völkerschaften werden heute unter den Namen Saken, Sarmaten und/oder Massageten summiert, die in der Fachliteratur auch unter dem ethnisch-konföderativen Sammelbegriff „Skythen“ bekannt sind.

GrößeBearbeiten

 
Junge Baschkiren in idealisierter Nationaltracht mit Mützen aus Rotfuchsfell.

Insgesamt gibt es weltweit ca. 1,8 Millionen Baschkiren. Davon entfallen auf:

Die Zahl der Baschkiren ist wie die der meisten anderen Ethnien in Russland abnehmend. Bei der vorangegangenen allrussischen Volkszählung im Jahr 2002 wurden noch 1.673.389 Baschkiren gezählt.[8]

ReligionBearbeiten

Die meisten Baschkiren bekennen sich zum sunnitischen Islam.

GeschichteBearbeiten

Mythologie und GlaubensvorstellungenBearbeiten

 
Ornamentik der baschkirischen Stickerei als mythologische Symbolsprache

Gegenstand systematischer Untersuchungen von Ethnographen wurde die baschkirische Mythologie erst seit dem 18. Jahrhundert. Besonders wertvoll sind die Arbeiten des „Vaters der baschkirischen Ethnographie“ S. I. Rudenko.

Die Glaubensvorstellungen des baschkirischen Volkes sind ein kompliziertes System, in dem Geister einen besonderen Rang einnehmen. Diese sind im Bewusstsein der heute lebenden Menschen noch in abgeschwächter Form erhalten.[9] Geflügelte Pferde, Wasser und Wassergeister sind in der baschkirischen Mythologie häufig miteinander verbunden. Die Wassergeister, deren Kleidung und Charakterzüge in schwarzen oder weißen Farben dargestellt wird, werden in Zusammenhang mit der jenseitigen Welt gebracht. Schwarz und Weiß sind Farben, die in bestimmten religiösen Vorstellungen oft als Farben von Wesen der jenseitigen Welt charakterisiert werden.[10] Nach baschkirischem Volksglauben hat jeder Berg seinen Wirtsgeist. Er tritt als grauhaariger Greis oder in Gestalt von Tieren auf und liebt die Ruhe.

Das bekannteste baschkirische Epos (Kubair) Ural Batyr handelt größtenteils von dem gleichnamigen Helden. Das Epos besteht aus 4.576 lyrischen und 19 Prosazeilen. Die Handlung des Epos basiert auf der Beschreibung des Kampfes von Ural Batyr um das Glück der Menschen und der Suche nach der Quelle des ewigen Lebens. Die Figuren der Legende sind Helden, einfache Erdenbewohner, himmlische Gottheiten (himmlischer König der Vögel – Samrau), böse Naturgewalten und Fabelwesen. Es schildert das Schicksal der Helden dreier Generationen. Beginnend mit dem alten Ehepaar Janbirde und Janbik, gefolgt von ihren Kinder – Ural und Schulgan und im letzten Teil von den Enkeln – Jaik, Idel, Nugusch, Sakmar (alles Flußnahmen in Baschkortostan). Das Epos besteht dementsprechend aus drei Teilen.

MusikBearbeiten

Die Baschkiren pflegen eine Art Obertongesang, der uzlyau genannt wird und ähnlich im östlichen Zentralasien bei den Mongolen und Tuwinern vorkommt. Wie die Tataren spielen sie in der Volkstanzmusik die bis etwa 80 Zentimeter lange Hirtenflöte kurai mit vier Fingerlöchern und einem Daumenloch. Bekannt ist die Solo-Version des baschkirischen Volkslieds „Gesang der Kraniche“ auf der kurai. Die kurai wird bevorzugt aus einem Stängel der zu den Doldengewächsen gehörenden Art Kamtschatka pleurospermum (Pleurospermum uralense) gefertigt. Die Pflanze blüht im Juli. Im Herbst wird der Stängel zurechtgeschnitten und getrocknet.

Weitere Musikinstrumente, die in der Volksmusik gespielt werden, sind das diatonische Knopfakkordeon bayan, das dem russischen garmon ähnelt, und die Bügelmaultrommel kubyz. Sie spielen in kleinen Ensembles mit Mandoline und Violine zusammen. Charakteristisch für die kleinen Ethnien im Ural ist ein pentatonisches Tonsystem.

GalerieBearbeiten

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Rudenko, Sergej: Башкиры: историко-этнографические очерки : С изменениями и дополнениями. Verlag Kitap, Ufa 2018, ISBN 978-5-295-07047-1.
  • Noack, Christian.: Muslimischer Nationalismus im russischen Reich : Nationsbildung und Nationalbewegung bei Tataren und Baschkiren : 1861–1917. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-515-07690-5.

WeblinksBearbeiten

Commons: Baschkiren – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht. Nationalitäten und Religionen in der UdSSR. Eichborn Verlag, 1990, ISBN 3-8218-1132-3, S. 156.
  2. Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht. Nationalitäten und Religionen in der UdSSR. Eichborn Verlag, 1990, ISBN 3-8218-1132-3, S. 157.
  3. Heinz-Gerhard Zimpel (Hrsg.): Lexikon der Weltbevölkerung. Geografie – Kultur – Gesellschaft. Nikol Verlagsgesellschaft, Hamburg 2000, ISBN 3-933203-84-8, S. 64, Eintrag „Baschkiren (ETH)“
  4. Baschkiren. In: eLexikon.ch. Peter Hug, abgerufen am 15. August 2020.
  5. Информационные материалы об окончательных итогах Всероссийской переписи населения 2010 года. In: https://rosstat.gov.ru/free_doc/new_site/perepis2010/perepis_itogi1612.htm. ROSSTAT, abgerufen am 14. August 2020 (russisch).
  6. Nurbulat Masanov, Erlan Karin, Andrei Chebotarev, Natsuko Oka: Ethnodemographic situation in Kazakhstan. (PDF) Institute of Developing Economies – Japan External Trade Organization (IDE-JETRO), März 2002, abgerufen am 15. August 2020 (englisch). Abrufbar unter The Nationalities Question in Post-Soviet Kazakhstan – Middle East Studies Series – No.51. (englisch).
  7. Viktor Yelensky (Autor), Friedemann Kluge (Übersetzer): Islam in der Ukraine. In: OST-WEST. Europäische Perspektiven (OWEP). 2007, abgerufen am 15. August 2020 (aus OWEP 4/2007, S. 206–210).
  8. Всероссийская перепись населения 2002 года. perepis2002.ru, abgerufen am 20. Juni 2011.
  9. Anke von Kügelgen: Muslim culture in Russia and Central Asia from the 18th to the early 20th centuries. Schwarz, 1996, S. 5. (books.google.de)
  10. Anke von Kügelgen: Muslim culture in Russia and Central Asia from the 18th to the early 20th centuries. Schwarz, 1996, S. 9. (books.google.de)