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Bahnhof Gießen

Keilbahnhof in der Stadt Gießen (Hessen)

Der Bahnhof Gießen ist ein Keilbahnhof in der Stadt Gießen. Er ist einer der größten hessischen Bahnhöfe ohne Intercity-Express-Bedienung, der Bahnhofskategorie 2 zugeordnet und bildet mit mehr als 20.000 Reisenden täglich den wichtigsten ÖPNV-Knoten Mittelhessens.

Gießen
Empfangsgebäude und Bahnhofsvorplatz (Februar 2015)
Empfangsgebäude und Bahnhofsvorplatz (Februar 2015)
Daten
Lage im Netz Keilbahnhof
Bahnsteiggleise 11
Abkürzung FG
IBNR 8000124
Kategorie 2
Eröffnung 25. August 1850
Profil auf Bahnhof.de Giessen
Architektonische Daten
Baustil Neuromanik
Architekt Baurat Ludwig Hofmann
Lage
Stadt/Gemeinde Gießen
Land Hessen
Staat Deutschland
Koordinaten 50° 34′ 45″ N, 8° 39′ 43″ OKoordinaten: 50° 34′ 45″ N, 8° 39′ 43″ O
Eisenbahnstrecken
Bahnhöfe in Hessen

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

 
Freitreppe als Zugang zur Brücke zum Alten Wetzlarer Weg (Dezember 2007)

Der erste provisorisch eingerichtete Bahnhof in Gießen wurde für die Main-Weser-Bahn 1850 im Bereich Oswaldsgarten errichtet. Dieses Provisorium wurde 1853/54 durch einen neuen, südlicher gelegenen Bahnhof auf dem heutigen Gelände mit einem entsprechenden Empfangsgebäude ersetzt. Dieses war im Stil des romantischen Klassizismus streng symmetrisch auf einem E-förmigen Grundriss errichtet. Zwischen 1869 und 1871 trieb die Oberhessische Eisenbahn-Gesellschaft von Gießen aus die Vogelsbergbahn in Richtung Fulda und die Bahnstrecke Gießen–Gelnhausen voran. Deren Bahnanlagen in Gießen lagen dem Empfangsgebäude der Main-Weser-Bahn gegenüber, an der anderen Seite des Bahnhofsvorplatzes. Damit war der Zugang zum Empfangsgebäude lediglich noch über die Liebigstraße (damals noch mit dem Namen Universitätsstraße) möglich. Erst 1893 wurde eine Brückenverbindung zum Alten Wetzlarer Weg sowie die „Mausoleum“ genannte Treppenanlage über die Gleise von der Vogelsbergbahn und der Strecke Gießen–Gelnhausen errichtet.

Im Zweiten Weltkrieg war der Bahnhof Angriffsziel von Luftangriffen der Alliierten, so am 4. Dezember 1944 im Zusammenhang mit dem Großangriff auf Gießen am 6. Dezember 1944[1], am 11. Dezember 1944[2] und am 17. Februar 1945 (109 Tonnen Sprengbomben). Dabei wurde auch der Fürstenbahnhof, das separate Empfangsgebäude für „allerhöchste Herrschaften“, so schwer beschädigt, dass es nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut wurde.[3]

Martin Walser schrieb am 12. Mai 1976 während einer Lesereise über den Bahnhof Gießen in sein Tagebuch: „Als die Bahnhöfe gebaut wurden, wusste man offenbar überhaupt nicht, woran man bei einem Bahnhof denken sollte. Meistens geriet man dann in eine Mischung aus Kirche und Burg. Das sieht man in Gießen besonders deutlich. Eine rote Sandstein-Kirche mit Hauptschiff und Turm, der allerdings ein bisschen verrückt hingesetzt wurde, um das Kirchenschiff zu stören.“[4]

EmpfangsgebäudeBearbeiten

Das heutige Empfangsgebäude wurde von 1904 bis 1911 unter Einbeziehung des alten Empfangsgebäudes der Main-Weser-Bahn in historisierendem neuromanischen Stil als Fluchtpunkt der Sichtachse der Stadterweiterung von 1880 errichtet. Die gusseisernen Säulen der Bahnsteigüberdachung stammen noch von der Anlage aus dem Jahr 1854. Bei dem „neuen“ Empfangsgebäude handelt es sich um ein dreigeschossiges, in rotem Sandstein gehaltenes Bauwerk mit einem markanten Uhrturm auf asymmetrischem Grundriss. Mit Planung und Ausführung beauftragt war der Herborner Architekt Ludwig Hofmann. Das Empfangsgebäude schob sich nun als Keil zwischen die Main-Weser-Bahn und die in östliche Richtung abzweigenden Gleise von der Vogelsbergbahn und der Strecke Gießen–Gelnhausen.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude beschädigt, der im nördlichen Flügel gelegene Fürstenbahnhof 1944 zerstört. Im November 1968 wurde die Bahnhofsvorhalle renoviert und das Bahnhofsgebäude nördlich, auf der Fläche des einstigen Fürstenbahnhofs erweitert. Anfang der 1970er Jahre wurde die Fassade renoviert.

Das Empfangsgebäude ist ein Kulturdenkmal nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz.

In der Bahnhofshalle gibt es eine DB Information, ein Reisezentrum, eine Bahnhofsbuchhandlung sowie Verkaufsstellen für Verpflegung und Reisebedarf. Im Empfangsgebäude sind weiterhin das Bahnhofsmanagement und Zugansage, die Bahnhofsmission und Einrichtungen der DB Services untergebracht.

 
Wegweiser in Blinden- und Normalschrift am Handlauf einer Treppe (Februar 2015)

Zwischen 2008 und 2010 wurden die Anlagen für den Personenverkehr umgebaut. Der erste Spatenstich dafür fand am 16. Juli 2008 statt. Hauptziel der Arbeiten waren eine neue Fußgängerunterführung und der barrierefreie Zugang zu allen Bahnsteigen.

Nach Verzögerungen aufgrund des langen und starken Winters wurde der Neubau am 21. Juli 2010 freigegeben, nachdem schon zuvor die Gleise 12 bis 15 nur noch über die neue Unterführung zu erreichen waren. Wegen Restarbeiten wurde die Anlage erst im Herbst 2010 offiziell eingeweiht.[5][6]

BedienungBearbeiten

PersonenverkehrBearbeiten

 
Gleisanlagen der Main-Weser-Bahn und Empfangsgebäude aus Sicht der Fußgängerüberführung (März 2014)

Der Gießener Bahnhof besitzt in seinen beiden Bahnhofsteilen elf Bahnsteiggleise:

  • Der Main-Weser-Bahnhof westlich des Empfangsgebäudes verfügt über die Richtung Kassel durchgehenden Gleise 1 bis 5. Hier halten an drei Bahnsteigen Intercitys der Relation KarlsruheFrankfurt am MainHamburg (–Stralsund), Regional-Express-Züge der RMV-Linien 30 (Kassel–Gießen–Frankfurt, Main-Weser-Express, RE 30 und RE 98) und 40 (Siegen–Gießen–Frankfurt, Main-Sieg-Express, RE 99), die gemeinsam einen Stundentakt Richtung Frankfurt und Marburg bilden, sowie die Züge des Mittelhessen-Express (RB 40) der Relationen Treysa–Gießen und Dillenburg–Wetzlar–Gießen, die ab hier gemeinsam nach Frankfurt am Main fahren. Des Weiteren halten hier die Verstärkerzüge der Regionalbahnen von und nach Friedberg (Hessen) (RB 49) und Marburg.
  • Der Oberhessische Bahnhof, der östliche Bahnhofsteil, besitzt die Gleise 11 bis 15. Hier verkehren die Züge von Vogelsberg- und Lahn-Kinzig-Bahn (RB 45 und RB 46) sowie in südwestliche Richtung die Züge der Lahntalbahn nach Limburg (RE 25 und RB 46) und vereinzelte Züge der Dillstrecke in Richtung Dillenburg (RB 40).
  • Zwischen den beiden Bahnhofsteilen liegt in der Spitze des Keiles mit Gleis 9 das einzige Stumpfgleis des Bahnhofs, das einen Bahnsteig besitzt. Hier beginnen und enden nahezu ausschließlich die Züge der Lahntalbahn Richtung Limburg und Koblenz (RE 25 und RB 46).

Gießen zählt nicht zu den Systemhalten im deutschen ICE-Netz, jedoch verkehren auf der Main-Weser-Bahn außerplanmäßig ICE-Züge bei Betriebsstörungen auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke Kassel-Wilhelmshöhe – Frankfurt am Main.

FernverkehrBearbeiten

Im Schienenpersonenfernverkehr wird der Bahnhof im Zweistundentakt von den Intercity-Langläufern von Karlsruhe nach Stralsund bedient. Ein Zugpaar dieser Linie fährt nach Westerland. Dieser Zug wurde zum Fahrplanwechsel 2010/2011 zunächst an Wochenenden (mit einzelnen Ausnahmen) eingeführt.

Zwischen Dezember 2009 und Dezember 2011 verkehrte zusätzlich ein tägliches EuroCity-Zugpaar von Siegen über Gießen und Frankfurt nach Klagenfurt am Wörthersee.[7][8] Dieser Zug führte drei Kurswagen bis nach Zagreb.

Linie Strecke Taktfrequenz
IC 26 (Stralsund –) Hamburg – Hannover – Kassel-Wilhelmshöhe – Marburg – Gießen – Friedberg – Frankfurt – Heidelberg – Karlsruhe Zweistundentakt
IC 1174 Basel – Karlsruhe – Darmstadt – Frankfurt – Friedberg – Gießen – Kassel-Wilhelmshöhe – Hannover – Berlin Ost So, ein Zug
IC 2172 Stuttgart – Heidelberg – Frankfurt – Friedberg – Gießen – Marburg – Kassel-Wilhelmshöhe So, ein Zug
IC 2191 Hamburg – Hannover – Kassel-Wilhelmshöhe – Marburg – Gießen – Friedberg – Frankfurt So, ein Zug

NahverkehrBearbeiten

Im Bahnhof Gießen halten im Schienenpersonennahverkehr eine Reihe von Regional-Expressen und Regionalbahnen. Es handelt sich zum einen um die Linien FrankfurtSiegen (Main-Sieg-Express) und Frankfurt–Kassel (Main-Weser-Express). Sämtliche Verstärkerzüge der Regionalbahn-Verbindungen nach Friedberg, Marburg und Dillenburg haben hier ihren Anfangs- bzw. Endpunkt.

Der Bahnhof Gießen ist auch Halt für den Lahntal-Express und den Mittelhessen-Express, welcher hier in Richtung Treysa und Dillenburg geflügelt wird. Der Gießener Bahnhof ist Anfangs- bzw. Endpunkt der Züge von/nach Gelnhausen (über Nidda), Fulda (über Grünberg und Alsfeld) sowie Limburg und Koblenz (über Wetzlar und Weilburg). Die Regionalbahnen der Lahntalbahn und der Vogelsbergbahn werden seit dem Fahrplanwechsel 2011/2012 am 11. Dezember 2011 von der Hessischen Landesbahn (HLB) betrieben.

Linie Strecke Takt
RE 25 Gießen – Wetzlar – Limburg – Bad Ems – Koblenz Zweistundentakt
RE 30 Kassel – Marburg – Gießen – Friedberg – Frankfurt Zweistundentakt
RE 98 Kassel – Treysa – Marburg – Gießen – Frankfurt Zweistundentakt
RE 99 Siegen – Dillenburg – Wetzlar – Gießen (– Frankfurt) (Zwei-)Stundentakt
RB 40 Frankfurt – Friedberg – Butzbach – Gießen – Wetzlar – Herborn – Dillenburg Stundentakt
RB 41 Frankfurt – Friedberg – Butzbach – Gießen – Marburg – Stadtallendorf – Treysa Stundentakt
RB 45 Limburg – Weilburg – Wetzlar – Gießen – Fulda Stundentakt
RB 46 Gießen – Lich – Nidda – Gelnhausen Stundentakt
RB 49 Gießen – Friedberg – Nidderau – Hanau Zweistundentakt
  • RE98/RE99 werden in Gießen zusammengefügt in Richtung Frankfurt sowie getrennt in Richtung Kassel/Siegen.
  • RB40/RB41 werden in Gießen zusammengefügt in Richtung Frankfurt sowie getrennt in Richtung Treysa/Dillenburg.

GüterverkehrBearbeiten

Südwestlich des Personenbahnhofs liegt der Güterbahnhof, der bis Dezember 2006 der zentrale Zugbildungsbahnhof für den mittelhessischen Güterverkehr war. Von hier aus wurden zuletzt noch verschiedene Bahnhöfe der Umgebung (z. B. Frankenberg (Eder), Dillenburg und Nidda) im örtlichen Güterverkehr angefahren. Der Großteil dieser Zugbildungsaufgaben ist inzwischen jedoch in den Güterbahnhof Wetzlar verlagert worden.

StellwerkeBearbeiten

Während die Signale und Weichen des Güterbahnhofs sowie des Bahnhofsteils Gießen-Bergwald noch von mehreren elektromechanischen Stellwerken vor Ort bedient werden, ist der Personenbahnhof seit Dezember 2004 mit einem elektronischen Stellwerk ausgestattet und wird aus der Betriebszentrale in Frankfurt am Main ferngesteuert.

AnbindungBearbeiten

 
Empfangsgebäude mit Busbahnhof (2015)

Direkt vor dem Bahnhof befindet sich der Busbahnhof für die regionalen und lokalen Buslinien, am Gleis 1 die Haltestellen für die Stadtbuslinien der Stadtwerke Gießen (heute MitBus). Weiter gibt es auf dem Bahnhofsvorplatz einen Taxistand und an der Bahnhofstraße 20 Kurzzeitparkplätze. Weitere Kurzzeitparkplätze befinden sich an der Lahnstraße. Der lokale Carsharing-Anbieter hat einen Stellplatz vor dem Bahnhof. Für längeres Parken stehen ein Park&Ride-Parkhaus mit 480 Plätzen an der Lahnstraße und ein Parkhaus an der Straße Zur Alten Post zur Verfügung. Das Parkhaus an der Lahnstraße ist durch eine Überführung und über Treppen und Aufzüge mit den Gleisen 1 bis 5 verbunden, so dass hier bereits ein barrierefreier Zugang besteht. 380 überdachte Fahrradabstellanlagen befinden sich an der Lahnstraße und dem Alten Wetzlarer Weg. Am Bahnhofsvorplatz sind 400 Fahrradabstellplätze vorhanden, davon 180 überdacht und 36 in kostenpflichtigen Fahrradboxen.

PlanungenBearbeiten

Bis 2020 ist die Verlängerung des Bahnhofstunnels zur Lahnstraße geplant. Dort soll auf dem ehemaligen Güterbahnhof ein von Gebäuden zu zwei Seiten eingefasster Platz mit weiteren Kurzzeitparkplätzen, Fernbusterminal und weiteren Fahrradabstellplätzen entstehen. Auch ein weiteres Parkhaus mit 700 Kfz-Stellplätzen ist im Rahmenplan enthalten.

Langfristig wird der barrierefreie Umbau der Treppenanlage zwischen dem Bahnhofsvorplatz und dem Alten Wetzlarer Weg angestrebt.

LiteraturBearbeiten

  • Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Eisenbahn in Hessen. Eisenbahnenbauten- und strecken 1839–1939. 1. Auflage. Theiss Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1917-6, Bd. 2.1, S. 172ff.
  • Hugo Merk: Die Eisenbahn in Gießen und das Betriebswerk Gießen. EK-Verlag, Freiburg 1993, ISBN 3-88255-577-7.
  • Rudolf Metzger: Historisches in Wort und Bild rund um den Gießener Bahnhof. Neue Aufschlüsse aus alten Foto-Dokumenten. In: Oberhessischer Geschichtsverein Gießen (Hrsg.): In Bildern lebt „Alt-Gießen“ fort. Geschichte und Geschichten aus Gießen. Gießen 1996, ISBN 3-9805492-0-8, S. 89–93.
  • Hans-Günter Stahl: Der Luftkrieg über dem Raum Hanau 1939-1945 = Hanauer Geschichtsblätter 48. Hanau 2015. ISBN 978-3-935395-22-1

WeblinksBearbeiten

  Commons: Bahnhof Gießen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Stahl: Der Luftkrieg, S. 220f.
  2. Stahl: Der Luftkrieg, S. 227.
  3. Stahl: Der Luftkrieg, S. 314.
  4. Auf Durchreise, Gießener Allgemeine, Samstag, 17. April 2010, Nummer 89, S. 72.
  5. Gießener Allgemeine: Unterführung am Bahnhof ist freigegeben
  6. Gießener Anzeiger: Gießens Bahnhof bekommt endlich neue Unterführung (Memento vom 20. Oktober 2008 im Internet Archive)
  7. Zweckverband Personennahverkehr Westfalen-Süd: Direktverbindung Siegen – Österreich nimmt am 13. Dezember Verkehr auf. Pressemitteilung vom 24. August 2009 (PDF; 116 KB). Abgerufen: 13. September 2009.
  8. Eurocity für Siegen, Sauerlandkurier, Artikel vom 27. Mai 2009