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Autonome Pfalz

Verwaltung bzw. Besatzung der westdeutschen Gebiete, Ende 1923

Mit Autonome Pfalz werden die Versuche bezeichnet, nach dem Ersten Weltkrieg die linksrheinische Pfalz als autonomen, von Bayern unabhängigen Staat zu etablieren. Während der Zeit der französischen Besetzung nach dem Ersten Weltkrieg entwickelten sich separatistische Tendenzen zunächst mit dem Ziel eines eigenständigen Staates im Verband des Deutschen Reiches, später auch zur Schaffung eines vom Reich unabhängigen und an Frankreich angelehnten Staates.

Inhaltsverzeichnis

Pfälzische RepublikBearbeiten

Eberhard HaaßBearbeiten

Schon im Herbst 1918 gründete der Chemiker Eberhard Haaß in Landau den „Bund Freie Pfalz“. Unterstützt wurde Haaß durch den französischen General Augustin Grégoire Arthur Gérard. Im Mai 1919 forderte Haaß den Regierungspräsidenten der Pfalz, Theodor von Winterstein, auf, die Führung der separatistischen Bewegung zu übernehmen. Da dieser sich verweigerte, wurde er von den Besatzungsbehörden aus der Pfalz ausgewiesen. Daraufhin rief Haaß am 1. Juni 1919 die „Pfälzische Republik“ aus und versuchte vergeblich das Regierungspräsidium in Speyer zu besetzen. Der Zeitpunkt für den Putsch war äußerst ungünstig gewählt, denn für den gleichen Tag war in Speyer eine von den Besatzungsbehörden genehmigte Demonstration für den Verbleib bei Bayern angesetzt, an der mehr als 10.000 Menschen teilnahmen. Wenig später verlor Haaß mit der Abberufung General Gérards seinen wichtigsten Unterstützer, der „Bund Freie Pfalz“ war damit gescheitert.

Reaktionen BayernsBearbeiten

Um den Separatismus zu bekämpfen und die Verbindung zur pfälzischen Verwaltung zu halten, gründete die bayerische Regierung die Zentralstelle für pfälzische Angelegenheiten und die Haupthilfsstelle für die Pfalz. Beide hatten ihren Sitz zunächst in Mannheim und später in Heidelberg und waren damit knapp außerhalb des französischen Besatzungsgebiets angesiedelt. Die Einrichtungen übernahmen auch einen Teil der Aufgaben der legitimen pfälzischen Regierung, Kernziel war aber die Abwehr des pfälzischen Separatismus durch Presse- und Propagandaveröffentlichungen, durch die Kontaktaufnahme zu pfälzischen Persönlichkeiten und Einrichtungen und auch durch Erhebung von nachrichtendienstlichen Informationen. Gleichzeitig wurde bei der bayerischen Regierung der Posten eines Staatskommissars für die Pfalz geschaffen. Erster Amtsinhaber war von Winterstein, ihm folgte Lorenz Wappes.[1]

Autonome PfalzBearbeiten

UrsachenBearbeiten

Die französische Ruhrbesetzung nach der zweiten Londoner Konferenz (1921) und die dadurch entstandenen wirtschaftlichen Probleme, insbesondere die Inflation, standen am Anfang der zweiten Phase des pfälzischen Separatismus.

Johannes HoffmannBearbeiten

Im Oktober 1923 waren es zunächst einige pfälzische Sozialdemokraten unter Johannes Hoffmann, die – unterstützt durch den Kommandeur der französischen Besatzungsmacht, General Adalbert François Alexandre de Metz – einen selbstständigen pfälzischen Staat im Verband des Deutschen Reiches schaffen wollten, bis sie am Widerstand von Behörden und Parteien – vor allem Hoffmanns Sozialdemokraten verweigerten sich einem Schulterschluss – scheiterten.

Franz Josef Heinz (Heinz-Orbis)Bearbeiten

 
Heinz (Zweiter von links) und Mitglieder seines Kabinetts, 1923
 
Leiche von Heinz im Wittelsbacher Hof Speyer
 
Speyer: Denkmal für die Mörder Hellinger und Wiesmann

Im Gegensatz dazu verfolgte Franz Josef Heinz (Heinz-Orbis) wesentlich radikalere Ziele: die Schaffung eines vom Reich unabhängigen und an Frankreich angelehnten Staates. Mit Hilfe seines „Pfälzischen Corps'“ erlangte er zwischen dem 6. und 10. Oktober 1923 die Kontrolle über die pfälzischen Städte Kaiserslautern, Neustadt an der Haardt und Landau. Nach der Kapitulation der pfälzischen Regierung und des Kreistages rief Heinz am 12. November 1923 in Speyer die Autonome Pfalz im Verband der Rheinischen Republik aus. In den nächsten Wochen fielen den Separatisten immer mehr pfälzische Städte zu, so etwa Edenkoben in der Nacht des 18. November.

Offenbar mit Billigung der bayerischen Regierung wurden Heinz und seine engsten Gefolgsleute (unter ihnen Nikolaus Fußhöller) am 9. Januar 1924 im Gastzimmer des Speyerer Hotels „Wittelsbacher Hof“ von Angehörigen des Bundes Wiking ermordet. Abends stürmten unter dem Kommando von Edgar Julius Jung rund 20 Männer, die über den zugefrorenen Rhein gekommen waren, den Speisesaal im „Wittelsbacher Hof“. Die Attentäter riefen: „Hände hoch, es gilt nur den Separatisten!“ und schossen die zusammen an einem Tisch essenden Männer sofort nieder. Matthias Sand, ein Bekannter von Heinz Orbis, der bei den Pfälzer Autonomen saß, wurde ebenfalls getötet. Der unbeteiligte Geschäftsreisende Wilhelm Spankuß, der zufällig am gleichen Tisch Platz genommen hatte, verlor infolge eines Schusses quer durch den Mund zwei Backenzähne. Bei dem anschließenden Schusswechsel starben auch zwei der Angreifer, Franz Hellinger und Ferdinand Wiesmann; Jung wurde nur leicht verletzt und floh aus der Pfalz nach München.

Nach der Tat bildete der bisherige Stellvertreter von Heinz, der Fabrikbesitzer und Stadtrat aus Kirchheimbolanden Adolf Bley, eine kurzlebige neue Regierung.[2] Die Tat bedeutete aber letztlich das Ende der Separatisten, die in der Bevölkerung wegen ihrer Durchsetzung mit Kriminellen sowie der Nähe zum französischen Staat nie beliebt waren und aufgrund finanzieller Probleme und der Tatsache, dass die Beamtenschaft der bayerischen Regierung die Treue hielt, nie die Verwaltung unter ihre tatsächliche Kontrolle bekommen konnten.

Die Morde wurden später von der Staatsanwaltschaft als legaler Akt der Staatsnothilfe eingestuft, 1932 auf Initiative der Nationalsozialisten den beiden toten Attentätern sogar ein Denkmal auf dem Speyerer Friedhof gesetzt. In Kaiserslautern wurde eine Straße nach Ferdinand Wiesmann benannt, die jedoch später wieder in ihren alten Namen Schwanenstraße umbenannt wurde.[3]

Sturm auf das Pirmasenser BezirksamtBearbeiten

 
Das brennende Bezirksamt Pirmasens, Nacht vom 12. zum 13. Februar 1924
 
Pirmasens, Gedenktafel für den 12. Februar 1924

Der Schlusspunkt für die Autonome Pfalz wurde mit dem – von den französischen Truppen durch anfängliches Nichteingreifen begünstigten – Sturm auf das Pirmasenser Bezirksamt am 12. Februar 1924 gesetzt. Alle sechzehn im – vor der Erstürmung in Brand gesteckten – Bezirksamt anwesenden Separatisten, die die Forderung einer Menschenmenge nach Wiederherstellung der Pressefreiheit mit Schüssen und Handgranaten beantwortet hatten, fielen bei der Erstürmung des Hauses oder wurden anschließend gelyncht, unter den Angreifern gab es sechs Tote und zwölf Schwerverletzte.

Ende der „Autonomen Pfalz“Bearbeiten

Politisch war das Ende der „Autonomen Pfalz“ schon zuvor weitgehend geklärt. Das Verhältnis zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich hatte sich Anfang 1924 mit dem Abschluss der MICUM-Abkommen deutlich gebessert. Zudem hatten sich am 11. Januar 1924 der Speyerer Bischof Ludwig Sebastian und der Kirchenpräsident der Protestantischen Landeskirche der Pfalz, Karl Heinrich Fleischmann (1867–1954),[4] gegen eine Anerkennung der „Autonomen Pfalz“ ausgesprochen.

Bereits im November 1923 hatte Lord Kilmarnock (1876–1928), britischer Oberkommissar bei der interalliierten Rheinlandkommission, seiner Regierung eine Untersuchung der Situation vorgeschlagen. Diese Anregung wurde nun von der britischen Regierung aufgegriffen, in deren Auftrag Robert Henry Clive (1877–1948),[5] britischer Generalkonsul in München, vom 14. bis 18. Januar 1924 die Pfalz bereiste. Clive stellte dabei fest, dass die Mehrheit der Bevölkerung die separatistische Regierung ablehne, die über keine Regierungserfahrung verfüge und sich nur mit französischer Hilfe halten könne.

Auf diesen Bericht hin erreichte Großbritannien die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses der interalliierten Rheinlandkommission, der vom 14. bis 16. Februar mit dem Kreisausschuss der Pfalz das Speyerer Abkommen aushandelte. In diesem Abkommen wurden der Abzug der Separatisten und der Übergang der Verwaltung auf die (bayerische) Kreisregierung geregelt.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Lebenslauf von Lorenz Wappes.
  2. Wilhelm Kreutz/Karl Scherer: Die Pfalz unter französischer Besatzung, S. 191 ff.
  3. Foto mit der damaligen Ferdinand-Wiesmann-Straße (vorher und später wieder die Schwanenstraße).
  4. Zu Karl Heinrich Fleischmann siehe Friedhelm Hans: FLEISCHMANN, Karl Heinrich. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 31, Bautz, Nordhausen 2010, ISBN 978-3-88309-544-8, Sp. 454–456.
  5. Robert Henry Clive auf thepeerage.com, abgerufen am 19. August 2015 (englisch).

LiteraturBearbeiten

  • Gerhard Gräber, Matthias Spindler: Die Pfalzbefreier: Volkes Zorn und Staatsgewalt im bewaffneten Kampf gegen den pfälzischen Separatismus 1923/24. Pro Message, Ludwigshafen/Rhein 2005, ISBN 3-934845-24-X (u. a. über die Ermordung von Franz Josef Heinz und den Sturm auf das Pirmasenser Bezirksamt 1924)
  • Wilhelm Kreutz, Karl Scherer (Hrsg.): Die Pfalz unter französischer Besetzung (1918/19–1930). Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern 1999, ISBN 3-927754-24-2.
  • Ferdinand Schlickel: Schauplatz pfälzischer Geschichte: Der Wittelsbacher Hof. Vor 50 Jahren Schüsse im Speisesaal. In: „Die Rheinpfalz – Speyerer Rundschau“, fünfteilige Serie, beginnend am 8. Januar 1994.
  • Gerhard Gräber, Matthias Spindler: Revolverrepublik am Rhein. Die Pfalz und ihre Separatisten, Band 1: November 1918 – November 1923. Pfälzische Verlags-Anstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-164-X.
  • Dokumente aus dem Befreiungskampf der Pfalz. Verlag Pfälzische Rundschau, Ludwigshafen 1930.
  • Aus der Besatzungszeit in Speyer, 1918–1930. Stadtarchiv Speyer, Speyer 1940.
  • Bayerischer Staatskommissar für die Pfalz (Hrsg.): Die Pfalz unter französischer Besatzung von 1918 bis 1930: kalendarische Darstellung der Ereignisse vom Einmarsch im November 1918 bis zur Räumung am 1. Juli 1930. „Süddeutsche Monatshefte“, München 1930.

WeblinksBearbeiten