Autofreier Tag

Tag, an dem das Zirkulieren des motorisierten Verkehrs eingeschränkt wird

Der Autofreie Tag ist ein Tag, an dem der Gebrauch von Automobilen und anderen Kraftfahrzeugen eingeschränkt werden soll.

Autofreier Tag 2005 in Brüssel

In den 1950er und 1970er Jahren wurden autofreie Tage von den Behörden verfügt, wenn ein Engpass der Versorgung mit Erdöl drohte. In jüngerer Zeit gilt der autofreie Tag als Aktionstag verbunden mit der Forderung nach einer Verkehrswende, der von verschiedenen Organisationen (zum Beispiel Umweltverbänden und Kirchen) initiiert und unterstützt wird. Er findet jährlich am 22. September statt. In Kommunen, die an der Europäischen Mobilitätswoche teilnehmen, wird von diesem Datum jedoch auch gelegentlich um wenige Tage abgewichen.

Autofreie (Sonn-)TageBearbeiten

Der Gedanke, einen Tag pro Jahr generell auf den Gebrauch des Autos zu verzichten, wird bereits von fast allen Staaten der Europäischen Union und darüber hinaus von den meisten Kommunen und Städten unterstützt. Tausende Gemeinden in Deutschland, hunderte in der Schweiz und in Österreich und ebenso in anderen Ländern haben entsprechende Aufrufe erlassen.

Anlass für autofreie Tage sind zum Beispiel Straßenfeste, Demonstrationen, andere Veranstaltungen oder auch die regelmäßig wiederkehrende Freigabe der Fahrbahn für nichtmotorisierte Fortbewegung, etwa Inline-Skates.

Zum jüdischen Feiertag Jom Kippur entfällt in Israel für 25 Stunden motorisierter Individualverkehr weitgehend.[1][2]

GeschichteBearbeiten

 
Autofreier Sonntag 1956 südwestlich von Zürich

Sueskrise 1956Bearbeiten

Ausgelöst durch die Sueskrise erließ die Schweizer Regierung am 16. November 1956 ein Sonntagsfahrverbot für vier Sonntage.[3]

Ölkrise 1973Bearbeiten

DeutschlandBearbeiten

Der Begriff Autofreier Sonntag wurde während der ersten Ölkrise 1973 allgemein verwendet und war bald in ganz Deutschland bekannt. West-Deutschland reagierte auf die Ölkrise mit einer ungewöhnlichen Sparmaßnahme und verhängte mit dem Energiesicherungsgesetz vom 9. November 1973 insgesamt vier autofreie Sonntage (25. November, 2., 9. und 16. Dezember 1973) sowie Tempolimits. Staunend nutzten viele Bundesbürger die seltene Möglichkeit, einmal eine Autobahn zu Fuß oder per Fahrrad zu erkunden. Neben Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten durften lediglich Ärzte, Frischware-Lieferanten und Taxifahrer Autos benutzen. Am vierten Autofreien Sonntag gab es dann so viele zusätzliche Ausnahmen, dass es auf den Straßen trotzdem zu Staus kam.

ÖsterreichBearbeiten

Im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland, in der bereits 1973 autofreie Sonntage festgelegt wurden, mussten sich in Österreich alle Autofahrer für einen individuellen autofreien Wochentag entscheiden. Ab dem 14. Jänner 1974 musste in Österreich jedes Auto ein Pickerl für den gewünschten Wochentag tragen. Dieser Wochentag wurde selbst in die Kfz-Steuerkarte eingetragen und durch einen etwa 10 × 6 cm (B x H) großen Zettel mit dem Wochentagskürzel (So, Mo, …) oben hinter der Windschutzscheibe ausgewiesen. Diese Zettel wurden z. B. in Zeitungen zum Ausschneiden abgedruckt. Im „Vorteil“ bezüglich Autoverfügbarkeit waren Haushalte mit 2 Pkw in der Familie. Es gab Ausnahmen etwa für Ärzte, die Hausbesuche per Pkw machten. Diese Sondergenehmigung wurde mit einem zusätzliches S-Pickerl gekennzeichnet. Behördenfahrzeuge, etwa Polizei, Straßendienst, Lkw generell waren ausgenommen. Die Regelung für den autofreien Tag dauerte nur fünf Wochen.[4][5]

SchweizBearbeiten

Auch in der Schweiz wurden in der Folge des Jom-Kippur-Kriegs (6. bis 24. Oktober 1973) Autofreie Sonntage angeordnet. Ab dem 25. November galten an drei Sonntagen Fahrverbote. Gemäß Medienberichten machte die Bevölkerung daraus ein Volksfest: Die Straßen wurden zu Fahrrad- und Rollschuhbahnen, Spaziergänger flanierten auf großen Verkehrsachsen.[6] An der eidgenössischen Volksabstimmung vom 28. Mai 1978 wurde die Forderung von zwölf autofreien Sonntagen pro Jahr deutlich abgelehnt. Ebenso an der eidgenössischen Volksabstimmung von 18. Mai 2003, als vier autofreie Sonntage pro Jahr gefordert wurden.

Seit den 1980er JahrenBearbeiten

 
Autofreier Sonntag im Taubertal (2016)

Seit dem Ende der 1980er Jahre gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz[7] bzw. weltweit[8] zunehmend autofreie Straßen an einem Sonntag im Jahr, z. B. am 22. September den entsprechenden Aktionstag, bzw. entsprechende ganze Aktionswochen:[9] Dabei werden die Verkehrswege unterschiedlicher Länge tagsüber komplett für den motorisierten Verkehr gesperrt und Besuchern zu Fuß, auf Fahrrädern oder Rollschuhen zu Verfügung gestellt. Es hat sich eingebürgert, dass am Straßenrand von Anwohnern Getränke, Kuchen und andere Speisen angeboten werden. Die Straßen befinden sich oft in einem Flusstal, häufig sind sogar beide Seiten der Flüsse gesperrt, so zum Beispiel bei Happy Mosel oder bei Tal Total, dem „autofreien Rheintal“. Die Anzahl dieser Erlebnistage stieg laut Umwelt- und Prognose-Institut bis 2011 auf 77 pro Jahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz an.[10]

In der Schweiz und bei entsprechenden grenzüberschreitenden Aktionen[11][12][13] werden diese Aktionstage Slowup genannt.

In Italien sind seit 2000 an vier Sonntagen im Jahr die Zentren von 150 Städten tagsüber vom Autoverkehr befreit. In Paris ist das rechte Seine-Ufer an allen Wochenenden des Jahres und den ganzen August tagsüber für Motorfahrzeuge tabu.

Seit 2002 wird in Brüssel das gesamte 160 km² große Gebiet innerhalb des umschließenden Autobahnringes an einem Sonntag im September innerhalb der jährlichen Europäischen Mobilitätswoche für den motorisierten Individualverkehr gesperrt.[14] Vergleichbare Sperrungen gelten inzwischen am gleichen Tag ebenfalls in vielen Städten der beiden anderen Landesteile Wallonie und Flandern.[15]

In Mexiko-Stadt ist die Hauptverkehrsader seit 2007 jeden Sonntag dem nicht-motorisierten Verkehr vorbehalten.[16] Die autofreien Straßen sind zu einem festen Event geworden.[17]

Anfang 2008 gründete sich in Berlin eine Initiative zur Durchsetzung eines autofreien Sonntags.[18][19]

Verschiedene Gruppen forderten bzw. veranstalteten darüber hinaus lokal einen „Autofreien Hochschultag“ (AFH). Sie stellten alternative Möglichkeiten der Mobilität vor und kritisierten Problematiken des gegenwärtigen Mobilitätsverhaltens unserer Gesellschaft. Dies traf auf Widerstand von Studierenden, die aus verschiedenen Gründen auf die Anfahrt per Auto angewiesen sind oder dies aus grundsätzlichen Erwägungen (Eingriff in persönliche Freiheit, Anprangerung von Autofahrern o. ä.) ablehnten.

Belebt wurde die Diskussion über autofreie Sonntage durch den Russischen Überfall auf die Ukraine 2022.

DurchführungsartenBearbeiten

Viele Städte und Orte sperren ihre Zentren für die Dauer dieses Tages für den gesamten motorisierten Verkehr. In anderen wird genau das heftig kritisiert, vor allem von Autofahrerclubs und Wirtschaftsvertretern. Nicht wenige Kommunen legen den autofreien Tag auf einen Sonntag. So kommt es nicht zu der befürchteten Blockade von Wirtschaftsverkehr, sondern zu einem umsatzsteigernden Event.

Neben Umweltschutz-Verbänden, alpinen und anderen Vereinen und Organisationen, verschiedenen Politikern usw. treten auch einige Verkehrsclubs für solche Bedenktage ein – etwa der VCD und der VCÖ. Letztere propagieren auch sonst immer wieder den möglichst häufigen Verzicht auf den fahrbaren Untersatz sowie einige der möglichen Alternativen zum Auto.

Autofreier Tag und Mobilitätswoche konkretBearbeiten

Einige Stadtverwaltungen im deutschsprachigen Bereich Europas lehnen es generell ab, sich am 22. September an autofreien Zonen zu beteiligen. Andere ziehen ringförmige Verkehrseinschränkungen um die Altstädte vor wie z. B. Wien, wo sich jedoch offizielle Stellen (z. B. der Verkehrsstadtrat) vom Autofreien Tag distanzieren.[21] Die inneren Bereiche vieler Städte werden zumindest für einige Stunden autofrei gehalten und die Hauptverkehrsstraßen teilweise „den Leuten zurückgegeben“. Rad- und Fußgängerverkehr sowie öffentlicher Verkehr werden davon nicht nur ausgenommen, sondern verstärkt ermöglicht – unter anderem durch

  • Gratisaktionen von Straßenbahn und Bus,
  • Feste und andere Veranstaltungen,
  • Speakers Corners von Abgeordneten, Stadträten, Bürgermeistern, Ministern oder anderen Politikern,
  • vorübergehende Begehbarkeit von innerstädtischen Bundesstraßen in einigen jener Kommunen, die großflächigere oder gemeindeweite Sperrungen ablehnen
  • Kunstaktionen von der Verteilung von Warnvierecken bis zu vielfältigen Begleitprogrammen
  • Rasen am Ring – ein Stück der Wiener Ringstraße wird (autofrei) mit Rollrasen belegt für ein Picknick
  • Skatenight in Wien und Tour de Graz rollen per Rad und Inline-Skates ein Stück über die Autobahn

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Car-Free Days – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Transforming Urban: Tel Aviv. Hans-Dieter Edler, Martin Grabner. Österreich 2016, Film Länge: ca. 46 min. (englisch). - Gespielt 24. Juni 2016, Sommerkino, Haus der Architektur, Graz.
  2. http://www.hda-graz.at/event.php?item=10039 Sommerkino: Camera Austria, Haus der Architektur, Kunsthaus Graz. hda-graz.at > Kalender > 2016. 23. Juni – 6. Juli 2016, abgerufen am 24. Juni 2016.
  3. Bundesratsprotokoll 10. Dezember 1956 in der Datenbank Dodis der Diplomatischen Dokumente der Schweiz
  4. Sophie Gerber: Einführung eines „autofreien Tages“. Haus der Geschichte Österreich, abgerufen am 29. Juli 2020.
  5. Hermann Neumülle: Als die Autos plötzlich Pickerl trugen. OÖ Nachrichten, 6. Oktober 2015, abgerufen am 29. Juli 2020.
  6. Vor 40 Jahren: Sonntagsfahrverbot in der Schweiz. In: Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). 25. November 2013, abgerufen am 8. November 2016.
  7. Umwelt- und Prognose-Institut, upi-institut.de: Autofreie Sonntage (2012)
  8. worldcarfree.net
  9. mobilityweek.eu
  10. UPI-Bericht 37: Autofreie Sonntage
  11. velostation-loerrach.de
  12. basel-dreiland.ch
  13. slowup-hochrhein.info
  14. French Connect
  15. Stadt Brüssel
  16. Arte-Sendung „Dicke Luft“ vom 26. Januar 2016, ab Sendeminute 1:05:22
  17. Planet Mexiko
  18. Peter Neumann: Autofreier Tag am 1. Juni - aber ohne Zwang. In: Berliner Zeitung. 13. März 2008, abgerufen am 19. Juni 2015.
  19. Katharina Buess: Zwangspause für Autofahrer abgewehrt. Die überparteiliche Initiative für einen autofreien Sonntag ist gescheitert. In: die tageszeitung. 13. März 2008, abgerufen am 22. September 2017.
  20. Für Autos mit Ausnahme vieler Taxis und weniger Privat-PKW und Busse außer Linienbussen gesperrt waren die Arrondissements I, II, III und IV sowie die Champs-Élysées
  21. Autofrei: Streit um Picknick am Wiener Ring, wienerzeitung.at, 23. September 2009, abgerufen am 15. April 2015