Asexualität

Abwesenheit sexueller Anziehung

Asexualität bezeichnet die Abwesenheit sexueller Anziehung gegenüber anderen,[1] fehlendes Interesse an Sex oder ein nicht vorhandenes Verlangen danach.[2] Asexualität ist nicht gleichbedeutend mit sexueller Abstinenz, die nur den Verzicht auf sexuelle Aktivitäten umfasst (trotz vorhandener Fähigkeit und Motivation dafür).[3] Manche Asexuelle haben aber sogar einvernehmlichen Sex, wobei die Gründe dafür sehr unterschiedlich sein können. Am häufigsten werden der Wunsch nach Kindern oder die Pflege der Beziehung mit einem nicht asexuellen Partner genannt.[2][3] Asexuelle Personen können sich als Teil der LGBTQIA-Gemeinschaft verstehen („A“ für asexuell). Kein Zusammenhang besteht zwischen Asexualität und Trieblosigkeit aus medizinischen Gründen (fachsprachlich Anaphrodisie).

Eine Flagge für Asexualität (AVEN-Network-Gewinner 2010):[4]
- schwarz für Asexualität
- grau für Grau-Asexualität, Demi-Sexualität
- weiß für Sexualität
- violett für Gemeinschaft, Community

Identität und Definition

Die Internet-Plattform Asexual Visibility and Education Network (AVEN) definiert Asexualität als Abwesenheit sexueller Anziehung jedem gegenüber, unabhängig von dessen Geschlecht. Im deutschen Teil des Netzwerks wird Asexualität auch als Abwesenheit des Verlangens nach sexueller Interaktion definiert (laut einer laufenden Forumsumfrage bevorzugten im Jahr 2016 knapp 80 % der Teilnehmer im deutschen Forum diese Definition).[5] Asexualität schließt sexuelle Interaktionen, wie bereits oben erwähnt, nicht grundsätzlich aus. Ob Körperkontakt oder sexuelle Interaktionen als angenehm, unangenehm oder neutral empfunden werden, ist für die Frage nach der Asexualität einer Person unerheblich.

Ebenso schließt Asexualität romantische Anziehung nicht aus. Viele Asexuelle wünschen sich Beziehungen auf einer für gewöhnlich rein platonischen Basis. Asexualität ist daher von Aromantik (dem Fehlen von romantischer Anziehung) abzugrenzen. Asexuelle Menschen können sich unter anderem als hetero-, homo- oder biromantisch bezeichnen.[6] Da die Begriffe Heterosexualität, Homosexualität oder Bisexualität nicht zwischen der sexuellen und der emotionalen Komponente der Anziehung bzw. des Verlangens unterscheiden, kann der Begriff Asexualität in Abgrenzung dazu als eigenständige sexuelle Orientierung betrachtet werden.

Asexualität sollte auch nicht mit dem Fehlen einer Libido im Sinne des spontanen Auftretens von sexueller Erregung oder dem Bedürfnis nach Masturbation verwechselt werden. Diese allgemeine Libido kann bei Asexuellen wie bei jedem anderen Menschen stark oder schwach ausgeprägt sein. Dieser Umstand stellt eine Abgrenzung zum Nonlibidoismus (geboren ohne sexuelle Gefühle[7]) dar. Zur Beschreibung der Grauzone zwischen sexuell und asexuell dienen unter anderem der allgemeine Sammelbegriff Grau-Asexualität (wenn sexuelle Anziehung selten, schwach oder als bedeutungslos empfunden wird)[8][9] sowie eine Vielzahl spezifischer Begriffe wie etwa Demisexualität (sexuelle Anziehung entsteht erst als Folge einer starken emotionalen Bindung).[10]

Asexualität wird nicht als Krankheit angesehen, da bei Asexualität im Gegensatz zu Störungen der sexuellen Appetenz kein primärer Leidensdruck vorhanden ist und Asexuelle den Umstand selbst als ich-synton empfinden. Im DSM-5, dem amerikanischen Diagnosesystem für psychische Störungen, wird eine Selbstidentifikation als asexuell explizit als Ausschlussgrund für die Diagnose einer sexuellen Appetenzstörung aufgeführt.[11][12]

Verbreitung

Die Anzahl von Asexuellen in der Gesellschaft ist unbekannt, da es zu diesem Thema direkt bisher noch keine statistischen Erhebungen gibt. Es existieren jedoch indirekt gewonnene Daten dazu. In einer englischen Studie von 1994, in der 18.000 Briten nach ihren sexuellen Praktiken befragt worden waren, kreuzten ein Prozent der Befragten die Option „Ich habe mich noch nie von jemandem sexuell angezogen gefühlt“ als für sie zutreffend an.[1]

Eine im selben Jahr in den USA durchgeführte Studie mit dem Thema The social organization of sexuality: sexual practices in the United States fragte nicht explizit nach Asexualität, gibt jedoch Hinweise über die Verbreitung eines asexuellen Lebensstils. 13 % der 3500 Befragten hatten nach eigenen Angaben seit mindestens einem Jahr keinen Sex und 2 % überhaupt noch nie in ihrem Leben. Die Kategorie X in der zwischen 1948 und 1953 erschienenen Kinsey-Skala wird heutzutage oftmals als Einordnung von asexuellen Menschen verstanden. Da sich die Kinsey-Skala aber in hohem Ausmaß am Sexualverhalten orientiert, ist lediglich von einer teilweisen Überlappung mit Asexualität im Sinne einer Orientierung auszugehen.

Geschichte

Als Pionierin einer Definition der Asexualität im Sinne einer sexuellen Präferenz gilt Emma Trosse, die 1897 in ihrem Buch Ein Weib? Psychologisch-biographische Studie über eine Konträrsexuelle die Kategorie der „Sinnlichkeitslosen“ als eigene sexuelle Orientierung definierte und sich zugleich zu dieser bekannte. Ebenso wie ihre anderen sexualreformerischen Arbeiten wurde das Buch im Deutschen Reich, in Österreich-Ungarn und dem Russischen Reich bald als unmoralisch verboten und blieb ohne direkte Rezeption.

Am 6. April 2021 fand der erste Aktionstag „Internationaler Tag der Asexualität“ statt.[13][14]

Gemeinschaft

Gegen Ende der 1990er Jahre waren im Internet die ersten privaten Seiten zu finden, auf denen Menschen bekannten, kein oder nur wenig sexuelles Verlangen zu haben und den Begriff Asexualität dafür verwendeten. Gruppen wie die Leather Spinsters (Lederne Jungfern) setzten sich gegen den kulturellen Druck zu sexuellen Beziehungen und für ein sexloses Leben ein. Die niederländische Theater- und Filmstudentin Geraldine Joosten van Vilsteren erstellte eine Webseite sowie ein Forum unter dem Titel The Official Asexual Society (später The Official Nonlibidoist Society) und auf Yahoo wurde die Gruppe Haven for the Human Amoeba gegründet. Im Jahre 2001 wurde in St. Louis das Internetforum AVEN gegründet, das seit 2005 ein deutschsprachiges Unterforum besitzt.[15] Viele asexuelle Menschen sehen sich der LGBTQIA*-Gemeinschaft zugehörig, wobei in diesem Akronym das „A“ sowohl für agender („ungeschlechtlich“) als auch für asexuell steht.

Literatur

  • Anthony F. Bogaert: Understanding Asexuality. Rowman & Littlefield, 2012, ISBN 1-4422-0099-5 (englisch).
  • Mark Carrigan: Asexuality. In: Abbie E. Goldberg: The SAGE Encyclopedia of LGBTQ Studies. Band 1: A-G. August 2016 (englisch).
  • Queerulantin – Queere Politiken und Praxen. Jahrgang 5, Ausgabe 1, Nr. 9, November 2016, Schwerpunktheft: Asexualität, Aromantik, Casual Sex (PDF: 360 kB, 72 Seiten auf queerulantin.de).
  • Nicole Prause, Cynthia Graham: Asexuality: Classification and Characterization. In: Archives of Sexual Behavior. Band 36, Nr. 3, Juli 2007, S. 341–356 (englisch; doi:10.1007/s10508-006-9142-3; online auf researchgate.net).
  • Geraldin Levi Joosten-van Vilsteren: L’amour sans le faire: Comment vivre sans libido dans un monde où le sexe est partout? Favre, Lausanne 2005, ISBN 2-8289-0839-9 (französisch).

Weblinks

Commons: Asexualität – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Agnes Striegan, Lina Jacob Carande: Wie erleben asexuelle Menschen ihr Coming-out? In: Jetzt.de. 12. Februar 2021 („Darüber, dass Asexualität nicht unbedingt bedeutet, nie an Sex zu denken – und wie erleichternd es sein kann, einen Namen für die eigenen Empfindungen zu haben“).
  • Fabienne Hurst: Asexualität: Keine Lust, nie. In: Spiegel Online. 14. September 2012 („Sarah Wenger ist 34 Jahre alt und hatte noch nie Sex. Umarmen ist für sie okay, Küssen geht nicht. Jahrelang verstand sie sich selbst nicht, heute weiß sie: Sie ist asexuell. Und glücklich“).
  • Merle Hilbk: Asexualität: Sex? Ohne uns! In: Die Zeit. 16. Juli 2008 („es ist normal, sagen nicht nur all jene Menschen, die freiwillig – und glücklich – enthaltsam leben, sondern nun auch Experten, die Asexualität als neue sexuelle Orientierung anerkennen“).
  • Andrea Naica-Loebell: Kein Sex und Spaß dabei. In: Telepolis. 16. Oktober 2004 („‚Asexuelle‘: Menschen, die ‚es‘ nicht brauchen“).

Einzelnachweise

  1. a b Anthony F. Bogaert: Asexuality: Its Prevalence and Associated Factors in a National Probability Sample. In: Journal of Sex Research. Band 41, Nr. 3, 2004, S. 279–287, PMID 15497056 (englisch).
  2. a b Nicole Prause, Cynthia Graham: Asexuality: Classification and Characterization. In: Archives of Sexual Behavior. Band 36, Nr. 3, Juli 2007, S. 341–356 (englisch; doi:10.1007/s10508-006-9142-3; online auf researchgate.net).
  3. a b Carol Haefner: Asexual scripts: A grounded theory inquiry into the intrapsychic scripts asexuals use to negotiate romantic relationships. Proquest, Umi Dissertation Publishing, 2012, ISBN 1-249-06260-8.
  4. Asexual Visibility and Education Network (AVEN), User bristrek: Asexual Flag: And the winner is… In: Asexuality.org. 11. August, 2010, abgerufen am 25. März 2021 (englisch); Zitat: “302 votes have been counted in the week this poll was open.”
  5. AVENde: Einstiegsfragen . In: aven-info.de. 12. November 2016, abgerufen am 25. Mai 2021.
  6. AVENde: [1]. Stand 12. November 2016.
  7. Asex-Wiki: (deutsch) [2]. Stand 26. Februar 2017.
  8. Demisexuality Resource Center: Was ist Grau-Asexualität? In: demisexuality.org. 2015, abgerufen am 25. Mai 2021.
  9. riona: Zwischen den Welten: Grau-Asexualität. In: Queerulant_in – Queere Politiken und Praxen. Jahrgang 5, Ausgabe 1, Nr. 9, November 2016, S. 32–33 (PDF: 360 kB, 72 Seiten auf queerulantin.de).
  10. Demisexuality Resource Center: Was ist Demisexualität? In: demisexuality.org. 2015, abgerufen am 25. Mai 2021.
  11. Female Sexual Interest/Arousal Disorder. In: DSM-5. 2013, S. 434.
  12. Male Hypoactive Sexual Desire Disorder In: DSM-5. 2013, S. 443.
  13. Aufklärung und Sichtbarkeit: Erster Internationaler Tag der Asexualität. Zum ersten Mal machen Asexuelle am 6. April 2021 weltweit auf die in der Allgemeinbevölkerung eher unbekannte Thematik aufmerksam. In: queer.de. 6. April 2021, abgerufen am 6. April 2021.
  14. International Asexuality Day (IAD). Der Internationale Tag der Asexualität (ITA) findet am 6. April statt. Der ITA ist eine weltweit koordinierte Kampagne, die den Ace-Umbrella fördern soll, einschließlich der demisexuellen, grauasexuellen und weiteren Ace-Identitäten. In: internationalasexualityday.org. Abgerufen am 6. April 2021.
  15. Volkmar Sigusch: Der Nichtgebrauch der Lüste. In: NZZ.ch. 21. Mai 2011, abgerufen am 23. März 2021 (über Asexualität als Lebensstil).