Aquitanien

ehemalige französische Region
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Aquitanien (französisch Aquitaine [akiˈtɛn], okzitanisch Aquitània [akiˈtanjɒ], baskisch Akitania, saintongeais Aguiéne) ist eine Landschaft und historische Region im Südwesten Frankreichs. Sie war eine Provinz und eine administrative Region, die aus den Départements Dordogne, Gironde, Landes, Lot-et-Garonne und Pyrénées-Atlantiques bestand. Diese hatte eine Fläche von 41.284 km² und 3.437.398 Einwohner (Stand 1. Januar 2018). Hauptstadt der Region war Bordeaux.

Aquitanien
Ehemalige französische Region (bis 2015)
Flagge der früheren Region Aquitanien
Wappen der früheren Region Aquitanien
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Über dieses Bild
Basisdaten
Heute Teil von Nouvelle-Aquitaine
Verwaltungssitz Bordeaux
Bevölkerung

 – gesamt 1. Januar 2018
 – Dichte

3.437.398 Einwohner
83,3 Einwohner je km²

Fläche

 – gesamt
 – Anteil an Frankreich:

41.284 km²
6,4 %

Départements 5
Arrondissements 19
Kantone 235
Gemeinden 2.296
Früherer ISO 3166-2-Code FR-B

Am 1. Januar 2016 wurde die Region Aquitanien mit den benachbarten Regionen Limousin und Poitou-Charentes zu einer neuen Region mit dem Namen Nouvelle-Aquitaine („Neu-Aquitanien“) fusioniert.

GeographieBearbeiten

Aquitanien wird im Süden von den Pyrenäen und im Westen vom Golf von Biskaya des Atlantiks begrenzt. Der Golf von Biscaya hieß früher Aquitanicus oceanus (lateinische Bezeichnung).[1]

Die Region grenzt im Norden an die Region Poitou-Charentes, im Nordosten an die Region Limousin, im Osten an die Region Midi-Pyrénées, im Westen – hauptsächlich mit der Côte d’Argent – an den Atlantischen Ozean. Im Süden verläuft die Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Sie umfasst den größten Teil des aquitanischen Beckens, einer recht flachen und erdgeschichtlich jungen Landschaft. Es wird hauptsächlich von Garonne, Adour, Dordogne, Charente und deren Nebenflüssen entwässert, die sehr junge Sedimente angelagert haben. Nur im äußersten Nordosten und Süden finden sich hügelige bzw. gebirgige Gegenden: So liegt am Nordostrand der Region die erste Steilstufe des Zentralmassivs, an der Grenze zu Spanien erheben sich die Pyrenäen, die dort bereits weit über 2000 m ansteigen. Zwischen Zentralmassiv und dem Kerngebiet des aquitanischen Beckens befinden sich ausgedehnte, relativ niedrige Kalkplateaus, deren Ausläufer bis unmittelbar vor Bordeaux reichen.

Das Klima ist – abgesehen von den Hochlagen – ganzjährig mild. An der Atlantikküste beträgt die Jahresdurchschnittstemperatur über 15 °C, in Bordeaux etwa 14 °C, an der Grenze zum Limousin noch 11 °C. Dieser Unterschied kommt insbesondere durch die milden Winter in Küstennähe zustande. Die Niederschläge sind relativ hoch und nehmen nach Süden hin immer mehr zu. Sie fallen vornehmlich im Winterhalbjahr.

Die Bodenbeschaffenheit ist vielfältig: Die Flussniederungen sind zumeist sehr fruchtbar, ebenso das Vorland der Pyrenäen. Zwischen ihnen ist der Boden jedoch zumeist karg: Die Kalkböden im Nordosten eignen sich für den Weinbau und spezialisierte Kulturen wie Trüffel, Nüsse und Obst, sind aber aufgrund ihrer Durchlässigkeit nicht ertragreich für den Ackerbau. Die weite Schwemmlandebene zwischen Garonne und Pyrenäen weist äußerst magere Lehm- und Sandböden auf, so dass hier jahrhundertelang nur extensive Schafzucht möglich war und Sümpfe das Bild bestimmten. Nach Aufforstung ab dem 18. Jahrhundert befindet sich hier jetzt das größte zusammenhängende Waldgebiet von ganz Frankreich, die Landes de Gascogne.

Die Düne von Pilat ist mit über 100 m Höhe und fast 3 km Länge die größte Sanddüne Europas. Im Landesinneren liegen die berühmten Weinberge von Bordeaux. Die gesamte Küstenregion von Biscarrosse bis an die Grenze Spaniens wird von einem feinen Sandstrand gesäumt.

GeschichteBearbeiten

 
Aquitanien im Südwesten Galliens zur Zeit Caesars

Aquitanien ist ein Gebiet mit Megalithanlagen des Typs Allée couverte (Galeriegrab) und gehört zu den ältesten neolithisierten Regionen in Westeuropa.

RömerreichBearbeiten

Zur Zeit der römischen Eroberung wurde (von Julius Caesar in De bello Gallico) das Gebiet südlich der Garonne (lat.: Garuna) als Aquitanien bezeichnet. Seine Einwohner, unter anderem die Ausker, sprachen im Gegensatz zu der Bevölkerung des nördlich angrenzenden eigentlichen Galliens nicht keltisch, sondern eine dem heutigen Baskisch nahestehende Sprache (oder Sprachen), von der nur wenige Wörter durch Ortsnamen und sehr kurze Inschriften bekannt sind.

Die von den Römern eingerichtete Provinz Gallia Aquitania reichte weit über das alte Aquitanien hinaus bis an die Loire (lat.: Liger).[2] Später wurde sie geteilt in Aquitania prima und Aquitania secunda, beide nördlich der Garonne, sowie Novempopulana (wörtlich „Neunvölker(-land)“) südlich des Flusses. Die einheimische Bevölkerung wurde romanisiert und nahm eine koloniale Abwandlung der lateinischen Sprache an.

WestgotenBearbeiten

Im Jahr 418 wurden in Aquitanien die Westgoten vertraglich als Foederaten angesiedelt, wobei dies im Einklang mit der gallorömischen Oberschicht geschah, die sich Schutz vor anderen, weniger von Rom geprägten Barbaren erhofften. Nach der Mitte des 5. Jahrhunderts brach jedoch die ohnehin nur noch schwach ausgeprägte römische Oberherrschaft zusammen. Die Westgoten beherrschten diesen Raum bis 507.

FrankenreichBearbeiten

Durch den Sieg Chlodwigs I. in der Schlacht von Vouillé 507 wurde das Frankenreich bis zu den Pyrenäen ausgedehnt, und die Westgoten zogen sich auf die Iberische Halbinsel zurück. Nach Chlodwigs Tod 511 wurde durch Erteilung Aquitanien zu einem fränkischen Teilreich. Die Westgoten bemühten sich nach dem Verlust ihres gallischen Reichsteils, das Baskenland zu kontrollieren. Die fränkische Macht im nördlichen Pyrenäenvorland war dagegen nur wenig ausgeprägt. So drängten Basken, die unter der römischen Herrschaft ihre Sprache bewahrt hatten, aus den Pyrenäen nach Norden und dehnten ihre Hegemonie auf das ursprüngliche Aquitanien aus, ohne dass die vorher romanisierten Einwohner ihr Provinzlatein aufgaben. Auf die Basken bezieht sich auch der Name Gascogne.

 
Aquitania als Teil des Fränkischen Reiches zu Zeiten der Merowinger.

Im 8. Jahrhundert eroberten Muslime aus Nordafrika („Mauren“) unter Tāriq ibn Ziyād mit ihrem Sieg über das Westgotenreich in der Schlacht am Río Guadalete (19.–26. Juli 711) die iberischen Halbinsel und dehnten im Anschuss die islamische Herrschaft für kurze Zeit über Pyrenäen und Garonne auf Aquitanien (im großräumigen Sinne) aus. Dann aber gelang Karl Martell 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers, ihren Vormarsch zu stoppen und Aquitanien und das gesamte Gebiet bis zu den Pyrenäen endgültig für das fränkische Reich zu sichern.

Bis 771 war Aquitanien ein selbständiges Herzogtum, stand aber schon unter dem Herrschaftsanspruch der Karolinger (siehe Herzog Hunold), ab 781 sogar Königreich unter Ludwig dem Frommen, der im Jahr 814 zum fränkischen Kaiser gekrönt wurde. Dessen Nachfolger in Aquitanien konnten die Hausmacht des Königreiches nicht aufrechterhalten, so dass 866 mit dem Tod des letzten Königs Karls des Kindes das Gebiet an das westfränkische Reich angegliedert wurde.

FrankreichBearbeiten

 
Frankreich 1477

Im Jahr 1152 kam Aquitanien durch die Heirat der Lehenserbin Eleonore von Aquitanien mit Heinrich Plantagenet Graf von Anjou zu Anjou und gehörte ab 1154 nach dessen Thronbesteigung zur englischen Krone. Als dieser als Heinrich II. von England eingesetzt wurde, erhob er auf weite Teile Frankreichs Anspruch. Nach dem Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich kam Aquitanien 1453 endgültig zu Frankreich.

Im Lauf der Jahrhunderte haben sich die Grenzen der Region immer wieder verändert: Machte Aquitanien in der Römerzeit noch fast das südwestliche Viertel des heutigen Frankreichs aus, zersplitterte sich das Gebiet im Mittelalter in mehrere Herzogtümer und Grafschaften. Der Name Aquitanien wurde zu Guyenne abgeschliffen. Das Herzogtum Guyenne, von den Engländern in Besitz genommen, schrumpfte mit deren Gebietsverlusten im Hundertjährigen Krieg und umfasste nach dessen Ende nur noch das Bordelais und das Agenais. Im Süden schlossen sich die Gascogne, das Béarn und das nördliche Navarra an, im Nordosten bestand die Grafschaft Périgord. Mit der Einrichtung der Départements infolge der Französischen Revolution wurde den alten Provinzen als Verwaltungseinheiten ein Ende gesetzt.

Mit der Einrichtung der Regionen 1960 entstand Aquitanien in den derzeitigen Grenzen neu. 1972 erhielt die Region den Status eines Établissements public unter Leitung eines Regionalpräfekten. Durch die Dezentralisierungsgesetze von 1982 erhielten die Regionen den Status von Collectivités territoriales (Gebietskörperschaften), wie ihn bis dahin nur die Gemeinden und die Départements besessen hatten. 1986 wurden die Regionalräte erstmals direkt gewählt. Seitdem wurden die Befugnisse der Region gegenüber der Zentralregierung in Paris schrittweise erweitert.

Seit dem 1. November 1995 unterhält Aquitanien eine Partnerschaft[3] mit dem deutschen Bundesland Hessen.

Siehe auch: Ausker, Herzogtum Aquitanien; Eudo von Aquitanien

BevölkerungBearbeiten

 
Bevölkerungsentwicklung der Region Aquitanien von 1851–1999

DemographieBearbeiten

Die Bevölkerungsentwicklung in der Region Aquitanien stellt sich uneinheitlich dar. Insgesamt hat die Region in den letzten ca. 150 Jahren an Bevölkerung gewonnen, bleibt aber unter dem französischen Gesamtdurchschnitt. Diese Entwicklung ist darauf zurückzuführen, dass Aquitanien in weiten Teilen immer noch sehr ländlich geprägt ist.

So haben die Départements Dordogne und Lot-et-Garonne, die auch den höchsten Anteil der Landwirtschaft an der Wirtschaftsleistung aufweisen, in dieser Zeitspanne einen Bevölkerungsverlust hinnehmen müssen, den sie bis heute nicht haben ausgleichen können. Die Landes hingegen konnten aufgrund kleinerer Industriestandorte, großflächiger Agrarbewirtschaftung und vor allem ihrer touristischen Entwicklung in der Nachkriegszeit den Verlust ausgleichen.

Gewinner in der Bevölkerungsentwicklung sind die Départements Gironde und Pyrénées-Atlantiques, die beide über urbane Zentren verfügen. Dabei ist die Bedeutung des Großraums Bordeaux um ein Vielfaches höher als die kleineren Ballungsräume um Pau und Bayonne-Anglet-Biarritz. Die Entwicklung der Einwohnerzahl der Gironde hat sich von den anderen Départements daher praktisch abgekoppelt.

Innerhalb der Départements findet ebenfalls eine Gewichtsverschiebung statt: Städte mittlerer Größe mit einer eigenen Agglomeration, diversifizierten und/oder zukunftssicheren Wirtschaftsbedingungen gewinnen z. T. deutlich. Beispiele hierfür sind Dax oder Bergerac. Ländliche Gegenden ohne Möglichkeiten, Ersatz für wegfallende Arbeitsplätze in der Landwirtschaft auszugleichen, haben sich in dieser Zeit dagegen geradezu geleert. Die Region im äußersten Norden des Départements Dordogne hat beispielsweise allein zwischen 1921 und 1999 mehr als die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren.

StädteBearbeiten

Die bevölkerungsreichsten Städte Aquitaniens sind:

Stadt Einwohner (Jahr) Département
Bordeaux 257.068 (2018) Gironde
Pau 76.275 (2018) Pyrénées-Atlantiques
Mérignac 70.813 (2018) Gironde
Pessac 64.374 (2018) Gironde
Bayonne 51.411 (2018) Pyrénées-Atlantiques
Talence 42.701 (2018) Gironde
Anglet 39.604 (2018) Pyrénées-Atlantiques
Agen 33.012 (2018) Lot-et-Garonne
Mont-de-Marsan 29.683 (2018) Landes
Périgueux 30.060 (2018) Dordogne

PolitikBearbeiten

Politische GliederungBearbeiten

Die Region Aquitaine untergliedert sich in fünf Départements:

Département Präfektur ISO 3166-2 Arrondissements Kantone Gemeinden Einwohner (Jahr) Fläche
(km²)
Dichte
(Einw./km²)
Dordogne Périgueux FR-24 4 50 557
413.418 (2018)
9.060 45,6
Gironde Bordeaux FR-33 6 63 542
1.601.845 (2018)
9.975 160,6
Landes Mont-de-Marsan FR-40 2 30 331
410.355 (2018)
9.243 44,4
Lot-et-Garonne Agen FR-47 4 40 319
331.970 (2018)
5.361 61,9
Pyrénées-Atlantiques Pau FR-64 3 52 547
679.810 (2018)
7.645 88,9

RegionalratBearbeiten

Ergebnis der Wahl des Regionalrates vom 28. März 2004:

  • Liste Alain Rousset (Sozialistische Partei (PS) / Sozialliberale (PRG) / Grüne): 54,87 % = 769.893 Stimmen
  • Liste Xavier Darcos (Konservative Parteien UMP / UDF): 33,46 % = 469.382 Stimmen
  • Liste Jacques Colombier (Front National (FN)): 11,67 % = 163.737 Stimmen

Siehe auch: Liste der Präsidenten des Regionalrates von Aquitanien seit 1986

WirtschaftBearbeiten

Im 1. Quartal 2004 betrug die Arbeitslosenquote 9,7 %, sie entsprach damit dem Durchschnitt Frankreichs. Im Vergleich mit dem BIP der Europäischen Union ausgedrückt in Kaufkraftstandards erreichte die Region 2006 einen Index von 99,6 (EU-27 = 100).[4]

Wichtige Wirtschaftszweige sind der Tourismus, die Landwirtschaft (8 % der Arbeitnehmer), die Holzindustrie und die Luftfahrttechnik.

TourismusBearbeiten

Die gesamte Küstenregion von Biscarrosse bis an die Grenze Spaniens ist touristisch geprägt. Die Düne von Pilat, das Meeresbecken von Arcachon und die Naturisten-Ferienzentren bei Montalivet les-Bains sind besondere Schwerpunkte. Berühmt ist die Küste für den endlos feinen Sandstrand; bekannt das kalte Wasser der Biskaya.

SportBearbeiten

Die Region ist mit drei Clubs in der ersten französischen Rugby-Division TOP 14 vertreten: Bordeaux-Begles, Pau und Agen. In der zweiten Division Pro D2 nehmen die Teams aus Bayonne, Biarritz, Dax und Mont-de-Marsan teil.

WeblinksBearbeiten

Wiktionary: Aquitanien – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Graesse, Johann Georg Theodor / Benedict, Friedrich: Orbis latinus, Lexikon lateinischer geographischer Namen des Mittelalters und der Neuzeit, Großausg. / bearb. und hrsg. von Helmut Plechl u. a., Bd.: 1, A - D, Braunschweig, 1972, S. 126
  2. Alain Bouet: Aquitanien in römischer Zeit. Darmstadt 2015, Abb. 2 (Karte)
  3. Partnerregionen Aquitaine und Hessen (Memento vom 19. Juli 2011 im Internet Archive)
  4. Eurostat Pressemitteilung 23/2009: Regionales BIP je Einwohner in der EU27 (PDF; 360 kB)

Koordinaten: 44° 35′ N, 0° 1′ O