Antigone

Tochter von Ödipus und Iokaste

Antigone [an'ti:gɔne], auch Antigonae oder Antigonä (altgriechisch Ἀντιγόνη Antigónē) ist eine Gestalt aus der griechischen Mythologie. Sie ist eine Tochter des Ödipus. Die klassische Version ihres Mythos findet sich in der gleichnamigen Tragödie des Sophokles, die wahrscheinlich 442 v. Chr. zum ersten Mal aufgeführt wurde. Nach dieser ist Antigone eines von vier Kindern, die Ödipus mit Iokaste gezeugt hat. Sophokles’ Tragödie weicht hierin und teilweise auch an anderen Stellen von anderen, meist älteren Versionen der Sage ab.

MythosBearbeiten

Der Antigone-Mythos gehört zum thebanischen Zyklus, dem zweiten großen antiken Mythenkreis neben dem trojanischen Zyklus. Antigone ist eine Tochter des Ödipus und damit Schwester von Eteokles, Polyneikes und Ismene. Nach älteren und böotischen mythologischen Überlieferungen ist ihre Mutter Euryganeia, Ödipus’ zweite Ehefrau. Bei den attischen Dichtern klassischer Zeit – so bereits in der Tragödie Sieben gegen Theben des Aischylos – ist dagegen Iokaste – bei Homer[1] und Pausanias[2] Epikaste genannt – die leibliche Mutter der Kinder des Ödipus. Diese war zuvor die Gattin von Laios, Ödipus’ Vater, und nach den meisten antiken Versionen auch die leibliche Mutter des Ödipus. Einer anderen Version nach, die Epimenides zitiert, war allerdings Eurykleia die leibliche Mutter des Ödipus, Iokaste hingegen die zweite Frau des Laios.[3] Nachdem Ödipus seinen eigenen Vater getötet hat – nach den verbreitetsten Sagenvarianten ohne diesen zu erkennen, in einem Handgemenge – ehelicht er Iokaste. Als Ödipus später herausfindet, dass er – Sagenvarianten aus dem 6. oder 5. Jahrhundert v. Chr. nach, einer unausweichlichen Prophezeiung folgend – seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet hatte und zudem Iokaste tot auffindet, die sich aus Scham erhängt hatte, sticht er sich nach einer klassischen Version die Augen aus. In der Euripides-Tragödie Die Phönikerinnen nimmt sich Iokaste allerdings erst nach dem Tod des Polyneikes und des Eteokles (s. u.) das Leben. Auch ist die Selbstblendung und anschließende Vertreibung des Ödipus nicht Bestandteil älterer mythischer Traditionen.[4]

Nach u. a. der Tragödie von Sophokles begleitet Antigone ihren blinden, in die Verbannung geschickten Vater nach Kolonos bei Athen (siehe Ödipus auf Kolonos). Antigone wird danach von Theseus befreit, als ihr Onkel Kreon sie entführen will. Nach dem Tod des Ödipus kehrt sie nach dieser Version nach Theben zurück, um den von diesem prophezeiten Zweikampf ihrer Brüder Eteokles und Polyneikes zu verhindern.

Nach dem Tod des Ödipus vereinbaren dessen Söhne Polyneikes und Eteokles, vor allem nach Versionen athenischer Dramatiker, sich die Macht in Theben zu teilen, indem sie abwechselnd regieren. Nachdem sein Bruder nicht bereit ist, vereinbarungsgemäß die Herrschaft an Polyneikes zu übergeben, sammelt dieser in Argos ein Heer und zieht gegen das „siebentorige“ Theben. Entsprechende Sagentraditionen bildeten die Grundlage für AischylosSieben gegen Theben. Im darauf folgenden Krieg gegen Theben bleibt Eteokles an sechs Toren siegreich, am siebenten jedoch töten die Brüder einander. Die Tragödie Antigone von Sophokles setzt an dieser Stelle ein.

 
Antigone lässt Polyneikes bestatten

Kreon, der Sage nach abermals Interimskönig Thebens, erlässt ein Verbot, wonach der tote Polyneikes nicht bestattet werden dürfe, weil er das Vaterland verraten habe. Der Versuch, ihn zu bestatten, soll mit dem Tod geahndet werden. Doch Antigone stellt ihr eigenes Gewissen über das Gesetz und glaubt, den Göttern mehr gehorchen zu müssen als den Menschen. Sie leitet die von den Göttern vorgeschriebenen Rituale ein, wovon ihre Schwester Ismene sie vergebens abzubringen versucht. Nachdem Antigone ihrem Bruder durch eine symbolische Bestattung (sie streut Erde auf seinen Leichnam) den Einzug in den Hades ermöglichte, wird sie von einem Wächter entdeckt. Dieser führt Antigone zu Kreon und berichtet ihm, was Antigone getan habe. Die Frage Kreons an Antigone, ob der Wächter die Wahrheit gesprochen habe, bejaht sie. Antigone behauptet, das vor den Göttern Richtige getan zu haben. Sie sei bereit, für ihre Tat vor dem Gesetz zu büßen. Gleichzeitig versucht Ismene, sie in Schutz zu nehmen, und will sie nicht alleine in den Tod schicken. Deshalb ist sie bereit, vor Kreon zu behaupten, sie habe über Antigones Pläne Bescheid gewusst. Doch Antigone lehnt ihr Angebot ab.

Kreon verurteilt Antigone zum Tode durch Begraben bei lebendigem Leibe, obwohl sie die Braut seines Sohnes Haimon ist. Ihr wird etwas Nahrung mitgegeben, Theben würde sich sonst vor den Göttern beflecken. Haimon ergreift für Antigone Partei, indem er seinem Vater Kreon Starrsinn vorwirft. Beide trennen sich im Streit. Als der Seher Teiresias jedoch Kreon den Tod innerhalb der eigenen Familie prophezeit, lenkt dieser ein. Allerdings ist es bereits zu spät: Antigone, in einem irdischen Verlies eingesperrt, hat sich durch Suizid dem Hungertod entzogen, woraufhin auch Haimon den Freitod wählt. Als seine Mutter, Kreons Frau Eurydike, davon hört, begeht sie ebenfalls Selbstmord. – Kreon erkennt, dass die Verantwortung bei ihm und die Schuld in seiner Hybris liegt.

QuellenlageBearbeiten

Thebanischer ZyklusBearbeiten

Der Thebanische Zyklus ist außer ein paar Fragmenten verloren gegangen und die Rekonstruktion weitgehend hypothetisch. Man nimmt heute an, dass in drei Epen der Mythos des Ödipus und seiner Söhne behandelt wurden: Oidipodeia, Thebais und Epigonen. Chronologisch ist der Inhalt des Thebanischen Zyklus vor oder parallel zu Homer anzuordnen, da die Homerischen Epen an vielen Stellen Bezug auf den Stoff des Zyklus nehmen.[5]

Das Thema der Oidipodeia war vermutlich der Tod Haimons durch die Sphinx und die Befreiung Thebens durch Ödipus.[6] Pausanias beruft sich auf den Autor der Oidipodeia, der gesagt haben soll, dass Euryganeia, die Tochter des Hyperphas, die Frau des Ödipus gewesen sei.[7] Es ist nicht klar, ob die Information über vier gemeinsame Kinder an gleicher Stelle ebenfalls aus der Oidipodeia stammt. Falls dem so wäre, könnten die beiden anderen Kinder die aus späterer Tradition bekannten Schwestern Ismene und Antigone gewesen sein.[8]

Die Thebais setzte sich mit dem Bruderstreit von Eteokles und Polyneikes auseinander. Durch Fragmente ist die Verfluchung der Brüder durch Ödipus als Hintergrund des Bruderzwists überliefert. Die Ermordung des Laios durch Ödipus kann als bekannt vorausgesetzt werden. Es ist sogar möglich, dass die Abstammung der Kinder aus einer Inzestehe und die Gefangennahme des Ödipus bekannt gewesen sind.[9]

HomerBearbeiten

Homer erwähnt in der Odyssee, dass Odysseus bei seinem Gang in die Unterwelt der Mutter von Ödipus begegnete. Homer nennt sie Epikaste.[10] In den 9 Versen wird erzählt, wie Epikaste unwissentlich ihren Sohn und den Mörder ihres Ehemannes, Ödipus, ehelichte und sich aus Elend erhängte.[11] Die Stelle ist von einigen Wissenschaftlern in Frage gestellt worden. Es wird dabei vermutet, dass die Erwähnung der Epikaste nachträglich, in Analogie zu den Eoien, eingefügt worden sein könnte.[12]

Die Ilias berichtet, dass Ödipus im Krieg gefallen und Leichenspiele erhalten hat.[13] Der Streit zwischen Polyneikes und Eteokles um den Thron von Theben wird beschrieben.[14] und eine genealogische Linie von Haimon zu Maion gezogen.[15]

In Bezug auf die Vorgeschichte der Antigone lässt sich aus der Ilias lesen, dass Ödipus in der Schlacht als Held stirbt. Eine Selbstblendung wird dadurch ausgeschlossen. Es fehlen die Kinder der Inzestehe des Ödipus, ebenso die Genealogie der streitenden Protagonisten um den Thron von Theben. Haimon und Maion werden als Vater und Sohn identifiziert, aber der Vater und die Mutter von Haimon sind unbekannt ebenso wie die Mutter von Maion, so dass kein genealogischer Bezug zum Königshaus des Ödipus gezogen werden kann.[16]

Pherekydes und PeisandrosBearbeiten

Pherekydes von Athen berichtet im frühen 5. Jahrhundert v. Chr.,[17] dass Ödipus mit drei Frauen verheiratet war. Die erste Frau, Iokaste, gebar ihm Phrastor und Laonytos, die beide im Krieg gegen die Minyer fielen. Die zweite Frau war Euryganeia, die Tochter des Königs der Phlegyer, Periphas. Sie war die Mutter von Antigone, Ismene, Eteokles und Polyneikes. Nach dem Tod von Euryganeia heiratete Ödipus Astymedusa, die Tochter des Sthenelos.[18] Dies ist die älteste Erwähnung der Antigone, deren Bekanntheit Pherekydes allerdings voraussetzt.[19]

Das viel zitierte und sich auf einen Peisandros stützende Scholion zu den Phönikerinnen des Euripides[20] ist hinsichtlich Zeitstellung und inhaltlichem Wert umstritten. Mit dem griechischen Epiker des 7. Jahrhunderts v. Chr., Peisandros von Kameiros, ist es nicht zu verbinden. Felix Jacoby vermutete, dass es aus hellenistischer Zeit stammt und eine Mischung aus Oidipodeia und den griechischen Tragödien sei.[21] Zu diesem Ergebnis kamen auch andere und man erkennt in ihm heute einen gut dokumentierten Mythographen hellenistischer Zeit.[22]

Ion von ChiosBearbeiten

Von Ion von Chios stammt ein Dithyrambos, von dem Salustios ein Fragment in seiner Hypothesis zur Antigone des Sophokles überliefert.[23] Er erzählt eine Sondertradition von Antigone, wonach sie und ihre Schwester, Ismene, vom Sohn des Eteokles, Laodamas, im Tempel der Hera verbrannt wurden.[24]

Es wird vermutet, dass diese Version auf eine ältere Fassung des Mythos als die sophokleische Adaption für die Bühne zurückgreift, obwohl Ion von Chios in der Zeit des Aischylos und des Sophokles gelebt hat und mit beiden bekannt war. In dem Fragment ist Antigone noch keine individuelle Gestalt, die Rache des Laodamas entspricht nicht der später durch Sophokles entwickelten Konfliktbeschreibung und die Verletzung des religiösen Bereichs geschieht über die Tempelzerstörung der Hera. Die Herkunft dieser Abfolge von Geschehnissen ist ungeklärt. Teilweise wird vermutet, dass sie dem Epischen Zyklus entnommen sein könnte.[25]

Bibliotheke des ApollodorBearbeiten

Nach der Bibliotheke des Apollodor aus dem 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. ist Antigone die Tochter des Ödipus und der Iokaste. Die Überlieferung weist darauf hin, dass andere behaupten, Euryganeia, die Tochter des Hyperphas, sei die Mutter der vier Kinder gewesen.[26] Iokaste habe sich erhängt, als sie sich des Frevels bewusst geworden sei und Ödipus habe zusammen mit Antigone Theben verlassen. Später habe Antigone den toten Polyneikes heimlich weggebracht und bestattet. Dabei wurde sie von Kreon ertappt und lebendig ins Grab gelegt.[27] Bei dieser Überlieferung ist nicht klar, welche Teile archaischen Ursprungs sind und welche aus der Verarbeitung der griechischen Tragödien hervorgegangen sind.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Antigone – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Antigone – Quellen und Volltexte

AnmerkungenBearbeiten

  1. Homer, Odyssee 11, 271 f.
  2. Pausanias, Beschreibung Griechenlands 9,26,3.
  3. Scholion zu Euripides, Die Phönikerinnen 13. Vgl. auch Morris Silver: Taking Ancient Mythology Economically. Brill, Leiden 1992, S. 197, der u. a. aus Homers Odyssee ableitet, dass Iokaste nur die Stiefmutter des Ödipus war.
  4. Laut Homer, Ilias 23, 629 fiel Ödipus in einer Schlacht und erhielt Leichenspiele in Theben. Vgl. dazu Zimmermann 1993, S. 59
  5. Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 61.
  6. Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 61.
  7. Pausanias, Beschreibung Griechenlands 9,5,11 (Perseus Projekt. Abgerufen am 26. Juni 2020.).
  8. Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 65.
  9. Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 63–65.
  10. Pausanias nennt sie ebenfalls Epikaste. Pausanias, Beschreibung Griechenlands 9,26,3 (Perseus Projekt. Abgerufen am 26. Juni 2020.).
  11. Homer, Odyssee 11,271–280.
  12. Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 60.
  13. Homer, Illias 23,679–680.
  14. Homer, Illias 4,376–386.
  15. Homer, Illias 4,394.
  16. Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 59–60,65.
  17. Pherekydes im Scholion zu Euripides, Die Phönikerinnen 53 (= FGrHist 3 Fragment 95; zum Text siehe Fragmenta historicorum Graecorum Band 1, Seite 85, Fragment 48 (online, Suchparameter „Schol. Eurip. Phoen. 53“)
  18. Erich Bethe: Astymedusa. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band II,2, Stuttgart 1896, Sp. 1869. Adolf Schirmer: Antigone 1. In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Band 1,1, Leipzig 1886, Sp. 371 (Digitalisat).
  19. Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst (= Classica Monacensia. Band 5). Narr, Tübingen 1993, S. 89–92.
  20. Scholion zu Euripides Die Phönikerinnen 1760; FGrHist 16 Fragment 10 (online in der Müller-Jacoby-Konkordanz).
  21. Felix Jacoby: Die Fragmente der griechischen Historiker (FGrHist). Teil 1. Neudruck vermehrt um Addenda zum Text, Nachtrag zum Kommentar, Corrigenda und Konkordanz. Brill, Leiden 1957, S. 493–496; siehe auch Eduard Fraenkel: Zu den Phoenissen des Euripides. Bayrische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Sitzungsbericht 1963, Heft 1. München 1963, S. 6–7. Zu den Phoenissen des Euripides. Abgerufen am 27. Juni 2020.
  22. E. L. De Kock, The Peisandros Scholium – Its Sources, Unity and Relationship to Euripides’ Chrysippos. In: Acta Classica. Band 5, 1962, S. 15–37; Hugh Lloyd-Jones: Curses and Divine Anger in Early Greek Epic: The Pisander Scholion. In: The Classical Quarterly. Band 52, 2002, S. 1–14.
  23. Poetae Melici Graeci F 1 (740). In: Denys Lionel Page: Poetae Melici Graeci: Alcmanis, Stesichori, Ibyci, Anacreontis, Simonidis, Corinnae, poetarum minorum reliquias, carmina popularia et convivialia quaeque adespota feruntur. Oxford 1962, S. 383.
  24. Zur Interpretation des Fragments siehe auch Karl Meuli: Laodamas 1. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XII,1, Stuttgart 1924, Sp. 696–696.
  25. Christiane Zimmermann: Der Antigone-Mythos in der antiken Literatur und Kunst. Tübingen 1993, S. 94–95.
  26. Bibliotheke des Apollodor 3,5,8 (online).
  27. Bibliotheke des Apollodor 3,7,1,1.