Amerika-Gedenkbibliothek

Öffentliche Bibliothek in Berlin

Die Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) ist eine der größten öffentlichen Bibliotheken Berlins. Sie war ein Geschenk der Vereinigten Staaten an die Berliner. Aus Mitteln des Marshall-Plans finanziert, wurde sie 1954 in West-Berlin zur Durchsetzung von Bildungs- und Meinungsfreiheit gegründet. Seit 1995 ist sie Bestandteil der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB). Sie befindet sich am Blücherplatz 1 in Berlin-Kreuzberg.

Amerika-Gedenkbibliothek
Amerika-Gedenkbibliothek
Ansicht des Hauptgebäudes

Gründung 1954
Bestand >1.000.000
Bibliothekstyp Regionalbibliothek
Ort Berlin Welt-IconKoordinaten: 52° 29′ 47,6″ N, 13° 23′ 32,5″ O
ISIL DE-109 (als Teil der ZLB)
Betreiber Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Leitung Volker Heller (zlb)
Website www.zlb.de
„Die Gründung beruht auf der unbegrenzten Freiheit des menschlichen Geistes. Denn hier scheuen wir uns nicht, der Wahrheit auf allen Wegen zu folgen und selbst den Irrtum zu dulden, solange Vernunft ihn frei und unbehindert bekämpfen kann.“ Spruch von Thomas Jefferson im Eingangsbereich der AGB[1]

GeschichteBearbeiten

 
Der Blücherplatz 1937 mit der im Krieg stillgelegten Baustelle für das Rathaus Kreuzberg, dem späteren Grundstück der AGB

Die Gründung der Amerika-Gedenkbibliothek war eine Folge der Spaltung Berlins in den Jahren 1948/49. Im gespaltenen Berlin lagen beinahe alle überbezirklichen öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken in Ost-Berlin. Von den 12 Millionen Bänden der Berliner Bibliotheken im Jahr 1939 waren nach dem Zweiten Weltkrieg noch 5,2 Millionen vorhanden. Zur Zeit der Spaltung befanden sich davon etwa 1,3 Millionen in den Westsektoren Berlins und 3,9 Millionen im sowjetischen Sektor. Dort lagen Berlins zentrale Bibliotheken, wie die Berliner Stadtbibliothek, die unter Kontrolle der SED-dominierten Deutschen Verwaltung für Volksbildung stand, die nun Öffentliche Wissenschaftliche Bibliothek genannte Staatsbibliothek, die Ratsbibliothek, die Bibliothek der Deutschen Akademie der Wissenschaften und die gut erhaltene Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Bestand der einzigen bedeutenden Bibliothek auf West-Berliner Gebiet, der Bibliothek der Technischen Hochschule, war, weil im Krieg nicht ausgelagert, nahezu vernichtet worden. Dies beeinträchtigte neben der Lebensqualität der Bildungsinteressierten vor allem die berufliche Fortbildung sowie die Versorgung von Wirtschaft und Verwaltung West-Berlins mit jeder Art von Literatur. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) hatte bereits im Herbst 1947 ein Importverbot für westliche Presseerzeugnisse und Broschüren in ihre Zone bzw. Berliner Sektor angeordnet.[2]

Zunächst beschloss der West-Berliner Magistrat im Dezember 1948, einen Berliner Gesamtkatalog zur Erfassung aller in den Westsektoren vorhandenen Bibliotheksbestände anzulegen.[3] Im Juni 1950 eröffnete in einer Dahlemer Villa die Wissenschaftliche Zentralbibliothek.[4]

Der Marshall-Plan enthielt einen „Fonds zur Förderung gemeinsamer Ziele der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland“, aus dem 5 Millionen DM zur „Gründung eines kulturellen Zentrums“ als Ausdruck der Anerkennung der amerikanischen Bevölkerung für die Haltung der West-Berliner während der Berlin-Blockade 1948/49 vorgesehen waren. Auf Initiative des Oberbürgermeisters Ernst Reuter kam es zu der Entscheidung, die 5 Millionen DM zum Bau einer Bibliothek am Blücherplatz zu verwenden.[5] Der Name sollte an den Blockadewinter 1948/49 und die Luftbrücke erinnern.[6]

Die AGB gehört wie das Amerika-Haus, der Rundfunksender RIAS, der Henry-Ford-Bau der FU, das Studentendorf Schlachtensee, die Kongresshalle und die Akademie der Künste zu den Institutionen, mit denen die amerikanische Besatzungsmacht die Demokratisierung der deutschen Gesellschaft vorantreiben wollte. Ihre Architektur versinnbildlichte die bewussten Abkehr von der nationalsozialistischen Vergangenheit und die Hinwendung zur freiheitlichen Moderne.[7][8] In diesem Sinne unterstrich der US-Außenminister Dean Acheson bei der Grundsteinlegung am 29. Juni 1952:

„Wir legen heute den Grundstein nicht nur zu einem Gebäude, sondern zu einem Symbol unserer gemeinsamen Sache und unseres gemeinsamen Handelns, das – was vielleicht noch wichtiger ist – zeigt, wie sehr die Freiheit, die wir erstreben, im Grunde eine recht einfache, anspruchslose und persönliche Angelegenheit ist. Es ist die Freiheit zu lernen, zu studieren, die Wahrheit zu suchen. Sie ist das wesentliche Merkmal einer freien Gesellschaftsordnung und der Ursprung unserer größten Kraft […] In Amerika versinnbildlicht die Public Library diese Anschauung.“

Ein Novum in der deutschen Bibliothekslandschaft war das Konzept der public library, was die Offenheit gegenüber den Benutzern bedeutete, die hier direkt auf die Buchbestände zugreifen konnten, die überwiegend frei zugänglich aufgestellt waren. Die geschlossenen Magazine befanden sich direkt unterhalb des Publikumsbereichs und Bestellungen auf die Bücher dort wurden in kurzer Zeit erledigt. Eine Bereicherung der Berliner Kulturlandschaft waren Musikveranstaltungen, Vorträge und Diskussionsreihen sowie Lesungen berühmter Schriftsteller wie Gottfried Benn, Thornton Wilder, Luise Rinser und Uwe Johnson im Auditorium. Anfang der 1980er Jahre reichte der Platz im Gebäude nicht mehr aus, sodass Bestände in Außenmagazinen untergebracht werden mussten. Seit dieser Zeit gab es Überlegungen, die Bibliothek zu erweitern, was zum Teil auch realisiert wurde: Das Auditorium wurde in einen weiteren Freihandbereich umgewandelt.

Die AGB wurde jedoch nicht die zentrale Stadtbibliothek für Berlin, weil die eigentlichen Stadtbüchereien bzw. Stadtbibliotheken bezirksweise organisiert waren. Als Pflichtexemplarbibliothek des Landes Berlin war von 1965 bis 1994 die Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin mit der Archivierung der regionalen Buchproduktion beauftragt.

Ab Ende der 1960er- bis in die späten 1980er-Jahre wählten Gegner der US-Politik die Bibliothek wegen ihres Namens zum Ziel von Bombendrohungen und Anschlägen, darunter 1969 eines Brandanschlags mit Molotowcocktails.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurden die Amerika-Gedenkbibliothek und die Berliner Stadtbibliothek in Ost-Berlin 1995 zur Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) zusammengefasst. Diese besteht aus den Häusern beider Bibliotheken und ist eine rechtsfähige Stiftung des öffentlichen Rechts. Die ZLB ist Mitglied im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB).

Am 17. September 2004 feierte die Amerika-Gedenkbibliothek ihr 50-jähriges Bestehen.[9]

BestandsangebotBearbeiten

Neben Büchern bietet die Bibliothek auch eine große Auswahl an CD-ROMs, DVDs, CDs, Kassetten, Videos und Noten für alle Altersgruppen. Eine Besonderheit ist die Möglichkeit, Bilder und Skulpturen in der Artothek auszuleihen. Schallplatten gehörten zu den großen Neuerungen bei der Eröffnung der Bibliothek.

 
20 Jahre ZLB – Skulptur am Haupteingang

Die Bestände der Zentral- und Landesbibliothek Berlin sind nach Fächern auf die beiden Häuser Amerika-Gedenkbibliothek und Berliner Stadtbibliothek aufgeteilt. In der Amerika-Gedenkbibliothek befinden sich die folgenden Fachbereiche:

  • Musik
  • Kunst, Bühne, Medien
  • Geistes- und Sozialwissenschaften
  • Literatur, Sprachen, Länder

Für Kinder und Jugendliche existiert eine eigene Abteilung, die Kinder- und Jugendbibliothek „Hallescher Komet“, mit eigenem Zugang und eigenen Öffnungszeiten.[10]

LeitungBearbeiten

SonstigesBearbeiten

Bezüglich des Dachschriftzugs „Gedenkbibliothek“ gibt es in Berlin den modernen Mythos, demzufolge der Namensbestandteil „Amerika“ in den 1990er oder frühen 2000er Jahren abmontiert worden sein soll.[12] Tatsächlich belegen historische Aufnahmen, dass dieser nie Teil des Dachschriftzuges war. Lediglich im Rahmen einer Kunstausstellung, die vom 9. September bis 13. Oktober 2016 im Bibliotheksgebäude stattfand, prangte kurzzeitig das Wort „Amerika“ über der Leuchtschrift, installiert vom Künstlerpaar Nina Fischer und Maroan el Sani.[13]

Corona-Virus–PandemieBearbeiten

Wegen der COVID-19-Pandemie bleibt die AGB vom 13. März bis voraussichtlich 19. April 2020 geschlossen.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Amerika-Gedenkbibliothek – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Aus einem Brief an seinen Freund William Roscoe. Die Briefstelle bezieht sich auf die Gründung der University of Virginia; siehe Fritz Moser: Die Amerika-Gedenkbibliothek Berlin. Harrassowitz, Wiesbaden 1964, S. 42.
  2. Siehe Klaus Körner: Politische Broschüren im Kalten Krieg.
  3. Berliner Gesamtkatalog (BKG). In: Presse- und Informationsamt des Landes Berlin (Hrsg., Red. Horst Ulrich und Uwe Prell): Berlin-Handbuch. Das Lexikon der Bundeshauptstadt. FAB-Verlag, Berlin 1992, ISBN 3-927551-27-9, S. 101 f.
  4. Bibliotheken. In: Presse- und Informationsamt des Landes Berlin (Hrsg., Red. Horst Ulrich und Uwe Prell): Berlin-Handbuch. Das Lexikon der Bundeshauptstadt. FAB-Verlag, Berlin 1992, ISBN 3-927551-27-9, S. 137–140, hier 139
  5. Kathrin Chod, Herbert Schwenk, Hainer Weißpflug: Berliner Bezirkslexikon. Friedrichshain-Kreuzberg. Haude und Spener, Berlin 2003, ISBN 3-7759-0474-3, S. 73
  6. Heinrich Kaak: Kreuzberg, Colloquium Verlag, Berlin 1988 (= Geschichte der Berliner Verwaltungsbezirke. Band 2), ISBN 3-7678-0357-7, S. 37
  7. Dorothee Brantz, Adrian von Butlar: Ankündigung der Ringvorlesung Geschenke der Amerikaner im Berliner Amerika-Haus am 25. Juni 2009 Archivlink (Memento vom 10. Dezember 2014 im Internet Archive)
  8. http://www.berliner-zeitung.de/archiv/mutmacher-aus-amerika,10810590,10570418.html
  9. 50 Jahre Amerika-Gedenkbibliothek
  10. Information zur Jugendbibliothek Hallescher Komet: visitberlin.de (Memento vom 7. Dezember 2014 im Internet Archive)
  11. Fritz Moser, in: Internationales Biographisches Archiv 52/1982 vom 20. Dezember 1982, im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  12. Michael Angele: Wie ich fast zum Truther wurde. In: Der Freitag, 35/2015
  13. Pressemitteilung der Amerika-Gedenkbibliothek zum Kunstprojekt „Public Library“