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Ausgabe von 1968

Als wär’s ein Stück von mir. Horen der Freundschaft ist der Titel der Autobiographie Carl Zuckmayers.

Der Haupttitel, eine Zeile aus dem Gedicht Der gute Kamerad von Ludwig Uhland, ist auch der Titel des vierten Kapitels, das die Jahre 1914–1918 und die Teilnahme Zuckmayers als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg beschreibt.

„Zum Abschluß spielte die Militärkapelle, in langsamem Takt, das Lied vom Guten Kameraden, und wir sangen mit, ohne noch die Bedeutung dieser Strophe zu ahnen: ‚Es hat ihn weggerissen – Er liegt zu meinen Füßen – Als wär's ein Stück von mir.‘“ (Seite 196)

Der Untertitel Horen der Freundschaft spielt, wie diesbezügliche Zitate aus Meyers Konversations-Lexikon, Ausgabe von 1896, klarmachen, die dem Buch vorangestellt sind, auf die griechische Mythologie, die Zeitschrift Schillers, vor allem aber auf die sieben Stundengebete des Christentums an, denen die sieben Kapitel des Buches entsprechen. Horen der Freundschaft heißt zugleich auch das fünfte Kapitel, in dem Zuckmayer über die Jahre 1918–1920, die Novemberrevolution, seine Studienzeit in Frankfurt und Heidelberg und seine Freundschaft mit Carlo Mierendorff, Theodor Haubach, Henry Goverts, Wolfgang Petzet, Max Krell und Hans Schiebelhuth schreibt.

Inhaltsverzeichnis

«Warum denn weinen ...» (6. Kapitel)Bearbeiten

Das sechste Kapitel schildert die Jahre 1920–1933, Zuckmayers Übersiedlung nach Berlin, seinen Durchbruch als Dramatiker mit Der fröhliche Weinberg 1925/1926 und seine Begegnungen mit allen bedeutenden Schriftstellern, Regisseuren und Schauspielern der Weimarer Republik. Überschrieben ist es Warum denn weinen -.

„‚Warum denn weinen, wenn man auseinander geht,
Wenn an der nächsten Ecke schon ein andrer steht‘
hieß der populärste Schlager, man grölte ihn angeberisch in jeder ‚Diele‘ (das war der Name für kleine Bars mit Vergnügungsbetrieb, die es an allen Straßenecken gab), man bibberte vor Hysterie, wenn der neue Dollarkurs herauskam, und schoß sich beim ersten Krach mit seiner Freundin eine Kugel durch den Kopf.
Trotzdem war bereits die unvergleichliche Intensität, der Hauch jenes stürmischen Aufschwungs zu spüren, der Berlin in wenigen Jahren zur interessantesten, erregendsten Stadt Europas machte.“ (Seite 313)

Der zitierte Schlager von Arthur Rebner (Musik: Hugo Hirsch) aus der Operette Die Scheidungsreise passt auch zu der keine zwei Jahre währenden, 1922 geschiedenen Ehe Zuckmayers mit seiner Mainzer Jugendliebe Annemarie Ganz und zu seiner anschließenden kurzen Verbindung mit Annemarie Seidel („Mirl“). Andererseits erzählt das Kapitel auch davon, wie Zuckmayer 1925 Alice von Herdan heiratet, mit der er für den Rest seines Lebens zusammenbleiben wird.

Austreibung (2. Kapitel)Bearbeiten

Die Jahre 1934–1939, in denen Zuckmayer in Österreich eine Zuflucht vor den Nazis gefunden hatte, bis er mit dem Anschluss Österreichs erneut vor ihnen flüchten musste, beschreibt das zweite Kapitel Austreibung. Es enthält die folgende Passage über den Beginn der Naziherrschaft in Österreich am 12. März 1938:

„An diesem Abend brach die Hölle los. Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. Die Stadt verwandelte sich in ein Alptraumgemälde des Hieronymus Bosch: Lemuren und Halbdämonen schienen aus Schmutzeiern gekrochen und aus versumpften Erdlöchern gestiegen. Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt, aus Männer- und Weiberkehlen, das tage- und nächtelang weiterschrillte. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen; die einen in Angst, die anderen in Lüge, die anderen in wildem, haßerfülltem Triumph. [...] Was hier entfesselt wurde, hatte mit der ‚Machtergreifung‘ in Deutschland, die nach außen hin scheinbar legal vor sich ging und von einem Teil der Bevölkerung mit Befremden, mit Skepsis oder mit einem ahnungslosen, nationalen Idealismus aufgenommen wurde, nichts mehr zu tun. Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids, der Mißgunst, der Verbitterung, der blinden böswilligen Rachsucht – und alle anderen Stimmen waren zum Schweigen verurteilt. […] Hier war nichts losgelassen als die dumpfe Masse, die blinde Zerstörungswut, und ihr Haß richtete sich gegen alles durch Natur oder Geist Veredelte. Es war ein Hexensabbat des Pöbels und ein Begräbnis aller menschlichen Würde.“ (Seite 71 f.)

Die weiteren KapitelBearbeiten

1896–1914 Ein Blick auf den Rhein (3. Kapitel: Kindheit und Schulzeit in Mainz)
1926–1934 Ein Augenblick, gelebt im Paradiese[1] (1. Kapitel: Zuckmayers Haus „Wiesmühl“ in Henndorf am Wallersee, Henndorfer Kreis)
1939–1954 Abschied und Wiederkehr (7. Kapitel: Exil in USA und Rückkehr nach Europa)
1966   Die Hohe Stiege (Epilog: Niederlassung in Saas-Fee 1958)
Der Titel des Epilogs spielt an auf den „Kapellenweg“ von Saas-Grund nach Saas-Fee und die dortige Wallfahrtskapelle „Maria zur Hohen Stiege“.
Am Schluss zitiert Zuckmayer aus dem „Bürgerbrief“, der ihm 1966 mit dem Gemeindebürgerrecht von Saas-Fee verliehen wurde:
„‚Ewige Rechte und ewige Freundschaft soll man bestätigen und befestigen mit Schrift, weil im Laufe der Zeit vergangener und vergänglicher Dinge bald vergessen wird.‘ In diesem Satz liegt der Sinn meiner Erzählung.“ (Seite 573)

AusgabeBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Jang-Weon Seo: Carl Zuckmayer: Rückkehr in die verlorene Heimat. In: Die Darstellung der Rückkehr. Remigration in ausgewählten Autobiographien deutscher Exilautoren. Epistemata, Reihe Literaturwissenschaft (Band 470). Königshausen und Neumann, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2598-9, S. 11–62 (Dissertation Universität Mainz). Leseprobe books.google
  • Carl Zuckmayers Autobiographie: eine Erkundung und andere Beiträge zur Zuckmayer-Forschung. Wallstein, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8353-1524-2 (= Zuckmayer-Jahrbuch, Band 12).

FußnotenBearbeiten

  1. „Ein Augenblick gelebt im Paradies, wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüßt.“ Don Carlos (Schiller) I.5 zeno.org