Überproduktion

Überproduktion ist in der Wirtschaft ein Produktionsvolumen, das die auf einem Markt vorhandene Nachfrage dauerhaft übersteigt.

AllgemeinesBearbeiten

In der Wirtschaft bezeichnet die Überproduktion eine Herstellung von Gütern, die die Nachfrage übersteigt[1] (Angebotsüberhang). Es entsteht dadurch ein Missverhältnis zwischen dem tatsächlichen Bedarf und dessen Deckung. Für den Konsumenten kann dieser Zustand die angenehme Folge von Preissenkungen mit sich bringen. Für Unternehmen oder ggf. ganze Industriezweige kann das, zumindest in der freien Marktwirtschaft, fatale Folgen haben. Im besten Fall lässt sich das Problem der mangelnden Nachfrage mittels Preissenkungen oder Marketing- bzw. Werbemaßnahmen lösen, was jedoch zu Gewinnreduktionen oder gar zu Verlusten führt. Im schlimmsten Fall ist ein Teil der Ware nicht abzusetzen. Verderbliche Güter sind nach einer gewissen Zeit nicht mehr verkäuflich. Viele unverkäufliche Güter verursachen Entsorgungskosten. Manchmal übersteigen die für den Schrott erzielbaren Erlöse die Entsorgungskosten; sie sind dann noch wegen ihres Rohstoffwertes verkäuflich.

Überproduktion hängt mit der Preiselastizität der Nachfrage zusammen. Dazu zwei Beispiele:

  • Wenn sich der Kartoffelpreis halbiert, steigt – zumindest in wohlhabenden Industrieländern – die Nachfrage kaum („geringe Preiselastizität der Nachfrage“). Dies liegt auch daran, dass Kartoffeln nur begrenzt lagerfähig sind und relativ viel Platz benötigen.
  • Bei einigen anderen Produkten ist dies anders – hier sind Käufer bereit, günstige Preise zu nutzen. Zum Beispiel nutzen bei relativ niedrigen Heizölpreisen viele Nachfrager die Gelegenheit, ihre Öltanks zu füllen; bei hohen Preisen hingegen befüllen sie diese nur mit der Menge, die sie in der Heizperiode benötigen.

PlanwirtschaftBearbeiten

Die Schwierigkeit bei einer Planwirtschaft besteht darin, dass es zumindest mit den technischen Möglichkeiten der Vergangenheit kaum möglich war, sämtliche Bedürfnisse der gesamten Bevölkerung im Voraus zentral zu erfassen und daraus den bevorstehenden Bedarf korrekt zu berechnen und geeignete zentrale Steuerungsprozesse auszulösen. Zudem fehlt es in einer Zentralverwaltungswirtschaft meist an der Koordination der Produktionskapazitäten in einer Wertkette. Das sind Faktoren, die bei Planwirtschaft nicht nur zu Mangel, sondern in Teilen auch zu Überproduktion führen können.

Auch die „Gemeinsame Agrarpolitik der EU“ war jahrzehntelang eine Planwirtschaft. Sie kostete viel Geld (Subventionen) und führte zu Überproduktion, z. B. Butterberg, Milchsee und Weinsee. Planwirtschaft kann grundsätzlich auch innerhalb von privaten Unternehmen auftreten und zu vergleichbaren Problemen in deren wirtschaftlichem Einflussgebiet führen.

MarktwirtschaftBearbeiten

In der freie Marktwirtschaft entsteht der Zustand der Überproduktion auf verschiedene Arten:

  • Konkurrenz: Es besteht ein mangelndes Angebot eines Produktes, und mehrere Unternehmen entschließen sich unabhängig voneinander, die Produktion dieses Produktes aufzunehmen. In der Folge müssen sich die Unternehmen die Nachfrage gewissermaßen teilen oder durch Überangebot, Werbe-Kampagnen und Preisdumping versuchen, zusätzlich Nachfrage zu stimulieren. Da bestehende Konkurrenz in der freien Marktwirtschaft der Normalfall ist, werden diese Formen der Überproduktion ganz bewusst angewendet in der Hoffnung, der Konkurrenz dadurch Marktanteile abzunehmen oder wenigstens die eigenen Marktanteile zu halten. Überproduktion kann unter bestimmten Umständen zu ruinöser Konkurrenz führen.
  • Fehleinschätzung: Ein Unternehmen schätzt den tatsächlichen Bedarf aufgrund von unzureichenden Marktanalysen falsch ein und produziert in diesem Falle unbeabsichtigt mehr als es tatsächlich absetzen kann.
  • Steigende Betriebs- bzw. Unterhaltskosten des Produkts. Zum Beispiel haben steigende Energiepreise bei diversen Autoherstellern in den USA zu Absatzproblemen und Gewinneinbrüchen geführt. Das teurer gewordene Komplementärprodukt Benzin macht Autos mit hohem Verbrauch für den Konsumenten unattraktiv und die Nachfrage sinkt.

LandwirtschaftBearbeiten

Wohl am bekanntesten ist der Begriff Überproduktion im Zusammenhang mit Agrarprodukten. Staatliche Subventionen schafften falsche Anreize und führten so zur Überproduktion bei landwirtschaftlichen Gütern. Ende der 1970er Jahre entstanden auf diese Weise Butterberg, Milchschwemme und Weinsee, zusammenfassend „Agrarüberschüsse“ genannt (Angebotsüberschuss; siehe Deutscher Agrarexport und Gemeinsame Agrarpolitik der EU).

DebatteBearbeiten

Wohl am häufigsten fällt der Begriff Überproduktion in Diskussionen über die Vor- und Nachteile der einzelnen Wirtschaftssysteme, insbesondere bei der Debatte über Planwirtschaft oder freie Marktwirtschaft. Tatsache ist, dass in beiden Systemen eine Überproduktion auftreten kann. Einerseits wird angenommen, dass die Marktwirtschaft darauf schneller reagieren kann, was z. B. Werkschließungen, Entlassungen etc. nach sich ziehen kann. Andererseits ist davon auszugehen, dass bei Marktwirtschaft aufgrund der fehlenden zentralen Regulation insgesamt deutlich häufiger Überproduktion auftritt als in einer zentralistischen Planwirtschaft. Welcher der beiden Effekte stärker ins Gewicht fällt, wird kontrovers diskutiert. Tatsache ist, dass der Sozialismus des 20. Jahrhunderts tendenziell von einem Kaufkraftüberhang, und der westliche Kapitalismus von einem Angebotsüberhang gekennzeichnet war und ist, was auf das Vorliegen von Überproduktion in letzterem Falle hindeutet. Nicht zuletzt deshalb wird im Rahmen der Kritik an der Freien Marktwirtschaft er Begriff der Überproduktion, auch Überproduktionskrise häufig hervorgebracht.

ÜberproduktionstheorieBearbeiten

Die Überproduktionstheorie ist eine marxistische Konjunkturtheorie, die davon ausgeht, dass ein unaufhörlicher kapitalistischer Technisierungsprozess permanent menschliche Arbeitskraft freisetzt (industrielle Reservearmee; siehe auch Unterkonsumtionstheorie). Das verbesserte Produkt könne angesichts der wachsenden Zahl ausbeuterisch entlohnter Arbeiter nicht verkauft werden (Überproduktion), so dass darauf folgende Wirtschaftskrisen zur „Expropriation der Expropriateure“ führe.[2] Der Begriff von Karl Marx kann besser durch Überakkumulations- oder Überinvestitionstheorie ersetzt werden.[3]

Siehe auchBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Th. Gabler Verlag (Hrsg.), Gablers Wirtschafts-Lexikon, Band 6, 1984, Sp. 1676.
  2. Th. Gabler Verlag (Hrsg.), Gablers Wirtschafts-Lexikon, Band 6, 1984, Sp. 1676.
  3. Karl Georg Zinn, Politische Ökonomie: Apologien und Kritiken des Kapitalismus, 1987, S. 161.