„Remigration“ – Versionsunterschied
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'''Remigration''' (auch '''Rückwanderung''' oder '''Rückkehrmigration''') bezeichnet den Teil eines Migrationsprozesses, bei dem Menschen nach einer beträchtlichen Zeitspanne in einem anderen Land oder einer anderen Region freiwillig oder unfreiwillig in ihr Herkunftsland oder ihre Herkunftsregion zurückkehren und sich in die Herkunftsgesellschaft längerfristig wiedereingliedern. Remigration findet in umgekehrter Richtung zur vorangegangenen [[Migration]] statt. Der Begriff findet in den [[Wirtschaftswissenschaft|Wirtschafts-]] und [[Migrationssoziologie]] sowie in der [[Exilforschung]] Anwendung.
Er wurde von der [[Neue Rechte|Neuen Rechten]] als [[Kampfbegriff]] und [[Euphemismus]] für [[Vertreibung]] und [[Deportation]] übernommen. Eine Jury wählte ihn zum „[[Unwort des Jahres (Deutschland)|Unwort des Jahres]] 2023“ in Deutschland.
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Für Südtirol untersuchen die Universitäten Bozen und Innsbruck die Remigration von Südtirolern, die sich bei der [[Option in Südtirol]] für die Auswanderung ins [[Deutsches Reich|Deutsche Reich]] entschieden hatten und denen von Italien 1948 eine Rückkehroption angeboten wurde.<ref>[https://www.uibk.ac.at/zeitgeschichte/forschung/laufende-projekte.html.de/remigra_short_text_website.pdf ReMIGRA: ''Return Migration as an Interdisciplinary Research Area – Using the Example of the South Tyrolean "Return Option.''] Autonome Provinz Bozen.</ref>
== Remigration in der deutschen Geschichte ==
Die Migrationsgeschichte aus und nach Deutschland war seit dem 19. Jahrhundert immer wieder von signifikanten Rückwanderungsbewegungen gekennzeichnet. Von den deutschen Auswandern in die [[Vereinigte Staaten|USA]] kehrten im 19. Jahrhundert durchschnittlich zehn Prozent zurück; die Remigrationsquote schwankte zwischen 4,7 Prozent (1859) und 49,4 Prozent (1875).<ref>[[Günter Moltmann]]: ''American-German Return Migration in the Nineteenth and Early Twentieth Centuries''. In: ''[[Central European History]]'' 13, Heft 4 (1980), S. 378–392, hier S. 381 ff.</ref> Die Entscheidung zur Remigration konnte an der Verschärfung der amerikanischen Einwanderungsgesetze 1875 und 1882 liegen, an einer gescheiterten [[Integration (Soziologie)|Integration]] in die englischsprachige Gesellschaft der USA, an wirtschaftlichen und an politischen Schwierigkeiten wie dem [[Sezessionskrieg|amerikanischen Bürgerkrieg]].<ref>Günter Moltmann: ''American-German Return Migration in the Nineteenth and Early Twentieth Centuries''. In: ''Central European History'' 13, Heft 4 (1980), S. 378–392, hier S. 390 f</ref>
Von den etwa 600.000 [[Deutsche]]n und [[Österreichische Identität|Österreicher]]n, die in der [[Zeit des Nationalsozialismus]] ins [[Deutsche Exil in der Zeit des Nationalsozialismus|Exil]] gegangen waren, kehrte nur ein kleiner Teil zurück.<ref>[[Manfred Görtemaker]]: ''Geschichte der Bundesrepublik. Von der Gründung bis zur Gegenwart.'' C.H. Beck, München 1999, ISBN 3-406, 45846-7,S. 214 ff.</ref> Zwar garantierte ihnen [[Artikel 116 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland]], dass sie die [[deutsche Staatsangehörigkeit]] zurückerhielten, die sie bei ihrer [[Ausbürgerung]] durch die Nationalsozialisten verloren hatten.<ref>Hans Georg Lehmann: ''Wiedereinbürgerung, Rehabilitation und Wiedergutmachung nach 1945. Zur Staatsangehörigkeit ausgebürgerter Emigranten und Remigranten''. In: [[Claus-Dieter Krohn]]: ''Exil und Remigration'' (= ''Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch'', Bd. 9). edition text + kritik, München 1991, ISBN 3-88377-395-6, S. 90–103, hier S. 96 f.</ref> Doch namentlich viele dem [[Holocaust]] entronnene [[Geschichte der Juden in Deutschland|Juden]] – sie machten den Großteil der Exilanten aus – wollten nach 1945 mit Deutschland und den Deutschen, die im [[NS-Staat]] geblieben waren, nichts mehr zu tun haben. Bis 1960 kehrten nur 12.000 Juden nach Deutschland zurück. Deutlich größer war die Remigrationsquote bei politisch Verfolgten.<ref>[[Marita Krauss]]: ''Die Rückkehr einer vertriebenen Elite. Remigranten in Deutschland nach 1945''. In: [[Günther Schulz (Historiker)|Günther Schulz]] (Hrsg.): ''Vertriebene Eliten. Vertreibung und Verfolgung von Führungsschichten im 20. Jahrhundert''. Oldenbourg, München 2001, ISBN 3-486-56577-X, S. 103–124, hier S. 104 ff.</ref>
Einigen [[Sozialdemokratische Partei Deutschlands|sozialdemokratischen]] Remigranten gelang in der [[Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (bis 1990)|Geschichte der Bundesrepublik]] eine spektakuläre Karriere: [[Heinz Kühn]], [[Wilhelm Hoegner]], [[Max Brauer]], [[Herbert Weichmann]], [[Ernst Reuter]] und [[Willy Brandt]] wurden Regierungschefs ihrer jeweiligen[[Land (Deutschland)|Bundesländer]], Brandt wurde Bundeskanzler. [[Herbert Wehner]] und [[Erich Ollenhauer]] nahmen führende Positionen in der SPD ein.<ref>Marita Krauss: ''Die Rückkehr einer vertriebenen Elite. Remigranten in Deutschland nach 1945''. In: Günther Schulz (Hrsg.): ''Vertriebene Eliten. Vertreibung und Verfolgung von Führungsschichten im 20. Jahrhundert''. Oldenbourg, München 2001, S. 103–124, hier S. 113.</ref> Prominente [[Kommunistische Partei Deutschlands|kommunistische]] Remigranten kamen in der [[Gruppe Ulbricht]] aus der Sowjetunion in die [[Sowjetische Besatzungszone]] (SBZ), um die Sowjetarmee beim Aufbau neuer Strukturen zu unterstützen.<ref>[[Heinrich August Winkler]]: ''[[Der lange Weg nach Westen]]. Deutsche Geschichte II. Vom „Dritten Reich“ bis zur Wiedervereinigung'', C.H. Beck, ISBN 978-3-406-66050-4, München 2014, S. 124.</ref>
Prominente Remigranten aus dem Kulturleben waren etwa [[Anna Seghers]], [[Theodor W. Adorno]], [[Max Horkheimer]], [[Bert Brecht]], [[Alfred Döblin]], [[Fritz Kortner]], [[Paul Dessau]], [[Erwin Piscator]] und [[Hilde Domin]]. Andere wie [[Carl Zuckmayer]] und [[Thomas Mann]] verließen zwar nach 1945 ihr amerikanisches Exil, ließen sich aber in der [[Schweiz]] nieder. In einem öffentlichen Briefwechsel mit [[Walter von Molo]] und [[Frank Thiess]] erklärte Mann, eine kulturelle Betätigung sei nach 1933 in Deutschland unmöglich. Viele Kulturschaffende trafen nach ihrer Rückkehr auf Feindseligkeit der deutschen Mehrheitsbevölkerung. Dies galt insbesondere, wenn sie als Angehörige der Armeen der [[Alliierte#Die Drei Mächte bzw. die Vier Mächte|Siegermächte]] nach Deutschland zurückkamen, wie es [[Klaus Mann]], [[Hans Habe]] oder Alfred Döblin getan hatten. <ref>[[Manfred Görtemaker]]: ''Geschichte der Bundesrepublik. Von der Gründung bis zur Gegenwart.'' C.H. Beck, München 1999, S. 215 f.</ref>
Sowohl in der SBZ als auch in den [[Westzonen]] wurde von Remigranten erwartet, die Daheimgebliebenen zu [[Wiedergutmachung|rehabilitieren]]. Auch unterstellte man ihnen sich im Ausland lediglich „ausgeruht“ zu haben. Viele Remigranten hatten in der unmittelbaren Nachkriegszeit Schwierigkeiten mit der Versorgung mit Alltagsprodukten: [[Lebensmittelkarte]]n wurden ihnen vorenthalten, da sie naturgemäß keine „Lebensmittel-Kartenstellen-Abmeldung“ ihres früheren Aufenthaltsortes vorweisen konnten.<ref>Jan Foitzik: ''Politische Probleme der Remigration''. In: Claus-Dieter Krohn: ''Exil und Remigration''. edition text + kritik, München 1991, S. 104–114, hier S. 105 f.</ref>
Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] wurden acht Millionen [[Zwangsarbeit in der Zeit des Nationalsozialismus|Zwansgarbeiter]] angeworben oder ins Deutsche Reich verschleppt. Sie kehrten ab 1945 wieder in ihre Heimatländer zurück.<ref>[[Hans-Ulrich Wehler]]: ''Deutsche Gesellschaftsgeschichte.'' Bd. 5: ''Bundesrepublik und DDR 1949–1990''. C.H. Beck, München 2008, S. 40.</ref>
Das [[Wirtschaftswunder]] der 1950er und 1960er Jahre führte in der Bundesrepublik zu einem erheblichen Mangel an Arbeitskräften, den man in den Jahren 1955 bis 1968 durch die [[Anwerbepolitik der Bundesrepublik Deutschland|Anwerbung]] so genannter [[Gastarbeiter]] aus Südeuropa und der [[Türkei]] ausglich. Die Anwerbungen wurden bis 1964 auf ein Jahr oder zwei Jahre befristet, sodass ein Großteil der Betroffenen nach Ablauf seiner Beschäftigung in sein Herkunftsland remigrierte. Dies betraf den Großteil der angeworbenen Arbeiter, nämlich 12 von insgesamt 14 Millionen.<ref>Hans-Ulrich Wehler: ''Deutsche Gesellschaftsgeschichte.'' Bd. 5: ''Bundesrepublik und DDR 1949–1990''. C.H. Beck, München 2008, S. 40; Asligül Aysel: ''Vom „Gastarbeiter“ zum „Deutschtürken“? Studien zum Wandel türkischer Lebenswelten in Duisburg''. Ergon, Baden-Baden 2018, ISBN 978-3-95650-430-3, S. 37 f.</ref> Viele [[Jugoslawen]] und die meisten [[Türkeistämmige in Deutschland|Türken]], die als so genannte Gastarbeiter gekommen waren, blieben aber, unter anderem weil ihnen als Nicht-[[EU-Bürger]]n eine erneute Einreise nach ihrer Remigration nicht erlaubt war; auch die politische Instabilität in ihren Herkunftsländern wie namentlich die [[Jugoslawienkriege]] ab 1991 senkten die Motivation zur Remigration.<ref>Beatrix Brecht, Paul Michels: ''Remigration von Gastarbeitern Eine Analyse mit nichtparametrischen Schätzverfahren''. In: Heinz Galler, Gerhard Heilig, Gunter Steinmann (Hrsg.): ''Acta Demographica 1993''. Physica Verlag, Heidelberg 1994, ISBN 978-3-7908-0567-3, S. 243–256, hier insbesondere S. 254.</ref>
Unter der Kanzlerschaft [[Helmut Kohl]]s stiegen die Zahlen türkischstämmiger Remigranten ab 1982 an, was an der Kürzung des [[Kindergeld]]s, der Zunahme [[Fremdenfeindlichkeit|ausländerfeindlicher]] Diskurse in der Öffentlichkeit dem [[Rückkehrhilfegesetz]] vom 28. November 1983 lag:<ref>Asligül Aysel: ''Vom „Gastarbeiter“ zum „Deutschtürken“? Studien zum Wandel türkischer Lebenswelten in Duisburg''. Ergon, Baden-Baden 2018, S. 43 f.</ref> Bis 1984 erhielten Ausländer, die im Zuge der Anwerbeabkommen in die Bundesrepublik gekommen waren, bei Remigration in ihr Herkunftsland eine Rückkehrprämie von 10.500 D-Mark und ihre bis dahin eingezahlten [[Sozialversicherungsbeitrag|Sozialversicherungsbeiträge]].<ref>[https://virtuelles-migrationsmuseum.org/Glossar/rueckkehrpraemie/ ''Rückkehrprämie''] im Glossar des Virtuellen Migrationsmuseums, Zugriff am 20. Januar 2024.</ref> Die Pläne des neuen Kanzlers gingen noch weiter: Laut einem 2013 bekanntgewordenen Gesprächsprotokoll erläuterte Kohl der britischen Premierministerin [[Margaret Thatcher]] am 28. Oktober 1982, es werde „notwendig sein, die Zahl der Türken um 50 Prozent zu reduzieren“, da sie nicht zu [[Assimilation (Soziologie)|assimilieren]] seien.<ref>[[Claus Hecking]]: [https://www.spiegel.de/politik/deutschland/kohl-wollte-jeden-zweiten-tuerken-in-deutschland-loswerden-a-914318.html ''Britische Geheimprotokolle Kohl wollte offenbar jeden zweiten Türken loswerden'']. [[Der Spiegel (online)| spiegel.de]], 1. August 2013.</ref>
== Politisches Schlagwort der Neuen Rechten ==
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== Siehe auch ==
* [[Rückkehrförderung]]
== Literatur ==
* Marina Aschkenasi: Jüdische Remigration nach 1945. In: [[Aus Politik und Zeitgeschichte]] 22–27 (2014) ([https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/192568/juedische-remigration-nach-1945/ PDF]).
* [[Alexander von der Borch-Nitzling]]: ''(Un)heimliche Heimat. Deutsche Juden nach 1945 zwischen Abkehr und Rückkehr.'' Paulo-Freire-Verlag, Oldenburg 2007, ISBN 978-3-86585-801-6.
* Jasmin Centner: ''Journey of no return? Narrative der Rückkehr im Kontext von Gewalt und Vertreibung im 20. und 21. Jahrhundert'' (= ''Exil-Kulturen'', Bd. 6). Metzler, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-662-63258-1.
* [[Edda Currle]]: ''Theorieansätze zur Erklärung von Rückkehr und Remigration''. In: ''Sozialwissenschaftlicher Fachinformationsdienst soFid. Migration und ethnische Minderheiten'', Heft 2, 2006, S. 7–23.
* [[Michael Grisko]], [[Henrik Walter|Henrike Walter]] (Hrsg.): ''Verfolgt und umstritten! Remigrierte Künstler im Nachkriegsdeutschland.'' Lang, Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Brüssel/New York/Oxford/Wien 2011, ISBN 978-3-631-61191-3.
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* Russell King (Hrsg.): ''Return Migration and Regional Economic Problems.'' Croom Helm, London 1986, ISBN 0-7099-1578-0.
* [[Claus-Dieter Krohn]], [[Axel Schildt]]: ''Zwischen den Stühlen? Remigranten und Remigration in der deutschen Medienöffentlichkeit der Nachkriegszeit.'' Christians, Hamburg 2002, ISBN 3-7672-1411-3.
* Claus-Dieter Krohn: ''Exil und Remigration'' (= ''Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch'', Bd. 9).
* [[Irmela von der Lühe]]: ''„Auch in Deutschland waren wir nicht wirklich zu Hause.“ Jüdische Remigration nach 1945.'' Wallstein, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0312-6.
* [[Claudia Olivier-Mensah]]: ''TransREmigration. Rückkehr im Kontext von Transnationalität, persönlichen Netzwerken und Sozialer Arbeit''. transcript, Bielefeld 2017, ISBN 978-3-8376-3903-2.
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== Weblinks ==
{{Wiktionary}}
* Sarah Scholl-Schneider: [https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/begriffe/remigration ''Remigration''], Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, [[Carl von Ossietzky Universität Oldenburg]]
* Lemma [https://www.spektrum.de/lexikon/geographie/remigration/6655 ''Remigration''], Online-Lexikon der Geographie, Spektrum.de
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