Werner Conze

Werner Conze (* 31. Dezember 1910 in Neuhaus/Elbe; † 28. April 1986 in Heidelberg) war ein deutscher Historiker.

Leben

Werner Conze entstammte einer preußischen Gelehrten- und Juristenfamilie, sein Großvater war Alexander Conze, der Ausgräber des antiken Pergamon.[1] Sein Vater Hans Conze war Reichsgerichtsrat.

Conze wurde 1934 an der Universität Königsberg bei dem Historiker Hans Rothfels promoviert. Im Sommer 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Den Lazarettaufenthalt nach einer Verwundung 1940 nutzte er zur Fertigstellung seiner Habilitationsschrift. Einem Ruf an die Reichsuniversität Posen 1943 konnte er wegen andauernder Verwendung als Frontoffizier nur für wenige Wochen folgen. 1944 wurde Conze als Hauptmann schwer verwundet. Aus sowjetischer Gefangenschaft wurde er im Juli 1945 „körperlich zerrüttet“ entlassen.[2] In Niedersachsen traf er seine aus Königsberg geflohene Familie.

Conzes Universitäten nach Kriegsende waren Göttingen, Münster und seit 1957 Heidelberg, wo er 1969/70 auch Rektor war.

Conze war ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und korrespondierendes Mitglied der Bayerischen sowie der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften. Von 1972 bis 1976 war er Vorsitzender des Verbands deutscher Historiker.

Tätigkeiten

Als junger Historiker arbeitete Werner Conze seit 1934 auf den Feldern der Ostforschung und der völkisch-deutschnational geprägten Volks- und Kulturbodenforschung.

In der Nachkriegszeit verfolgte Conze das Ziel, in der Geschichtsschreibung den methodischen Schwerpunkt von der Politik- auf die Sozialgeschichte zu verlagern. Er vertrat die Auffassung, dass sich die historischen Prozesse seit der Industrialisierung nicht mehr allein als Ergebnis politischer Entscheidungen verstehen lassen, sondern nur aus einer umfassenden Betrachtung aller gesellschaftlichen Faktoren und ihrer Wechselwirkungen. Hierzu zählen neben dem politischen auch das Wirtschaftssystem, Bevölkerungsentwicklung, Einkommensverteilung und anderes mehr. Conze fand für diesen Ansatz ein großes Echo unter den jüngeren Historikern der 1950er und 1960er Jahre und bildete die wohl einflussreichste historische Schule der Nachkriegszeit. Er dachte und handelte stets interdisziplinär und wirkte durch zahlreiche internationale Initiativen – insbesondere in Richtung Frankreich, Japan, und Sowjetunion – der Provinzialität der deutschen Geschichtswissenschaft entgegen.

Conzes größte wissenschaftliche Leistung sind die Geschichtlichen Grundbegriffe, das von ihm gemeinsam mit Reinhart Koselleck und Otto Brunner herausgegebene achtbändige Lexikon der politisch-sozialen Sprache in Deutschland. In seinen letzten Lebensjahren wandte er sich erneut, an die Anfänge in Königsberg anknüpfend, der Geschichte von Ostmitteleuropa zu. Er begründete die mehrbändige Reihe Geschichte der Deutschen im Osten Europas.

Debatte um Conzes Rolle im nationalsozialistischen Staat

Zehn Jahre nach seinem Tode wurde Conze – zusammen mit seinem Kollegen und Weggefährten Theodor Schieder, sowie mit Albert Brackmann, Otto Brunner, Hermann Aubin u. a. – Gegenstand einer öffentlichen Debatte, die auf dem deutschen Historikertag 1998 ihren Höhepunkt fand. Conze war Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 5.089.796). Ihm und seinen Kollegen wurde geistige Vorbereitung der NS-Bevölkerungspolitik in Osteuropa vorgehalten. Einzelne frühe Texte von Conze enthielten antisemitische Begriffe.

Neuere Untersuchungen, die sich intensiver und unvoreingenommener mit seinen frühen Publikationen – insbesondere der 1930er Jahre – beschäftigten, ergaben, dass er vor Kriegsausbruch durchaus systemnah bzw. systemstützend argumentiert hatte, beispielsweise ein „erbgesundes Bauerntum als Blutquell des deutschen Volkes“ empfahl und 1940 die „Entjudung der Städte und Marktflecken“ im besetzten Polen verlangt hatte.[3] Während seines sechsjährigen Kriegsdienstes publizierte Conze kaum. In seiner während einer Verwundungspause fertiggestellten Habilitationsschrift findet sich keine antisemitische Rhetorik.

Schriften

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Vgl. den Conze als „Gedenkartikel“ gewidmeten Aufsatz: Bernhard vom Brocke: „Von des attischen Reiches Herrlichkeit“ oder die „Modernisierung“ der Antike im Zeitalter des Nationalstaats. Mit einem Exkurs über die Zerschlagung der Wilamowitz-Schule durch den Nationalsozialismus. In: Historische Zeitschrift, Bd. 243, 1986, S. 101–136, hier S. 101.
  2. Rainer Blasius: Elchtest. Werner Conze und der Nationalsozialismus. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Mai 2010, Nr. 108, S. 10.
  3. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 96.
  4. Vgl. Christoph Nonn: Rezension zu: Dunkhase, Jan Eike: Werner Conze. Ein deutscher Historiker im 20. Jahrhundert. Göttingen 2010. In: H-Soz-u-Kult, 23. Juni 2010.
  5. Zugleich Rezension zu: Joachim Lerchenmüller (Hrsg.): Die Geschichtswissenschaft in den Planungen des Sicherheitsdienstes der SS. Der SD-Historiker Hermann Löffler und seine Denkschrift ,Entwicklung und Aufgaben der Geschichtswissenschaft in Deutschland‘. J.H.W. Dietz, Bonn 2001; sowie zu Thomas Etzemüller: Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945. Oldenbourg, München 2001.